Ein neuer Anfang (18/22)

Posted on November 18, 2011

0


Magister Algea lenkte ihr Flügelpferd nach unten und Nanu flog ihr hinterher. Der Drache landete am Rand des Hafenbeckens, direkt vor dem Turm. Magister Algea war abgestiegen und kam ihnen entgegen.
„Der Drache soll hier warten“, sagte sie zu Teese.
„Alles klar.“
Während Rinnir abstieg, wiederholte Teese für Nanu zur Sicherheit, was die Magister gesagt hatte. Allerdings glaubte sie, dass der Drache auch so verstanden hätte. Sorgen, dass Nanu einfach ohne sie davonfliegen würde, machte sie sich keine.
Teese rutschte von Nanus Rücken und schloss zu Rinnir und Algea auf, die bereits zum Turm hinüber gingen. Vor der goldenen Tür blieben die Magister und die beiden Kinder stehen. Teese erinnerte diese Tür unvermittelt an jene in der Taberna Akademika. Dort war ein großer Engel auf der Tür dargestellt, der seine Flügel gespreizt hatte und seine Schwerter über den Kopf hielt – so wie jener auf der Spitze des Magieturms, jener, welchen Roath nach seinem Abbild gefertigt hatte.
Die Tür des Turms war ebenso vergoldet und zeigte ganz ähnliche Rankenmuster im Hintergrund. Auch auf dieser goldenen Tür war eine Person abgebildet. Allerdings war es ein einfacher Magier, der Teese vage bekannt vorkam. Er hatte vor seiner Brust einen Bogen spannte, dessen Pfeil leicht nach oben zeigte. Teese sah in die Richtung, in welche der Magier zielte und entdeckte einen Seilzug mit einer goldenen Quaste am Ende, der neben der Tür befestigt war.
Magister Algea zog an dem Seilzug und eine kleine Glocke ertönte. Ohne zu warten, dass ihnen jemand öffnete, schob Algea die beiden Flügel der Tür nach innen auf und trat ein. Rinnir und Teese folgten ihr eilig.
„Magister Meska?“
Algeas Stimme hallte im Inneren des Turms wieder. Das Gebäude erwies sich als hohl. Eine steinerne Treppe wand sich wie ein Wurm spiralförmig dem Verlauf der Außenwand folgend in die Höhe. Wenn es in diesem Turm Räume gab, dann nur ganz oben.
Teese legte den Kopf in den Nacken, als man Schritte hören konnte. Sie wusste unvermittelt, warum ihr das Bild auf der Tür bekannt vorgekommen war. Magister Meska. Diesen Namen kannte sie und sein Gesicht konnte sie sich in Erinnerung rufen. Er war Magister Nabis Tutor gewesen und gesehen hatte Teese ihn in Roaths Erinnerung an die Schlacht von Schastel Awrosch.
Doch der Mann, welcher die Treppe herunter kam, war nicht Magister Meska. Der Mann war sehr alt und besaß schlohweißes langes Haar, einen ebenso weißen Schnurbart und auffällig dichte grauweiße Augenbrauen, die skeptisch zusammengezogen waren, als der Mann die Treppe verließ und auf sie zukam.
„Magister…?“
„Algea“, beantwortete die junge Frau die indirekte Frage. „Ich bin Magister Algea. Ist Magister Meska nicht hier?“
Der alte Mann musterte die Magister prüfend und sah dann zu Rinnir und Teese. Seine Augen waren graublau und wirkten sehr streng.
„Nein, mein Vater ist im Reservat unterwegs“, sagte der Mann. „Man hat uns nicht informiert, dass jemand von Weltenei kommen würde. Normaler Weise werden wir informiert.“ Er wirkte deutlich misstrauisch.
„Wir wollen Student Rinnirs Seelentier abholen.“ Magister Algea machte auf Teese einen etwas überrumpelten Eindruck. Vielleicht hatte sie eine andere Begrüßung erwartet. Normaler Weise waren Nicht-Magier deutlich höflicher Magiern gegenüber.
Und ein Nicht-Magier musste dieser Mann sein, denn zum einen trug er keine schwarze Robe und zum anderen hatte er gesagt, er sei Magister Meskas Sohn. Und Kinder von Magiern waren in der Regel keine Magier. Ausnahmen mussten so unglaublich selten sein, dass Timar, Dekan Ezzos magisch begabter Sohn, als eine große Besonderheit galt.
„Was für ein Seelentier?“, wollte der alte Mann mit unwillig gerümpfter Nase wissen.
„Ein…“ Algea stockte. Sie hatte wohl nicht nachgefragt, was für ein Seelentier Rinnir besaß. Die Magister sah sich nach Rinnir um, der sich ein wenig von ihnen entfernt hatte und einen großen Plan betrachtete, welcher einen Großteil der Turmwand einnahm.
„Rinnir hat eine Schildkröte zum Seelentier“, half Teese aus.
„Schildkröte. Wie?“ Der Mann sah Teese einen Moment mit durchdringendem Blick an. Doch dann hellte sich seine Miene unvermittelt auf. „Schildkröte. Natürlich, die Schildkröte.“ Misstrauen und Skepsis verschwanden schlagartig von seinem Gesicht. „Mein Vater hat mir davon berichtet, dass heute Mittag eine Schildkröte erwacht wäre. Das muss sie sein. Ohne Frage.“
Auf einmal sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus. Er machte eine angedeutete Verbeugung zu Magister Algea. „Entschuldigt mein Zögern, ehrenwerte Magister. Aber zurzeit schleichen seltsame Gestalten in der Gegend umher und mein Vater befahl mir, Fremden gegenüber vorsichtig zu sein.“
„Nun, wir sind aber Magier“, wandte Magister Algea belustigt ein.
„Ah, entschuldigt“, wiederholte der Mann. „Aber eine schwarze Robe und eine blaue Schärpe… Jeder könnte im Grunde etwas derartiges tragen, um den Eindruck zu erwecken, ein Magier zu sein.“
Magister Algea musste lachen. „Niemand würde es wagen, so etwas zu tun.“
Der Mann machte eine entschuldigende Geste. „Die Schergen des Grafen von Argentanien, die würden es tun.“
Algeas Lachen verschwand von ihrem Gesicht. „Schergen des Grafen? Habt Ihr welche gesehen?“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, nicht gesehen. Aber man hört Gerüchte. Im Wald von Thorhafen sollen welche gesehen worden sein. Spitzel, sagt man. Niemand hier traut dem Grafen von Argentanien. Jeder weiß, dass er untergetaucht ist und nur auf eine günstige Gelegenheit wartet. Und seine Soldaten halten ihm ohne Frage weiterhin die Treue.“
Jetzt wirkte er unruhig. „Aber ich will Euch nicht mit unseren Problemen belästigen, ehrenwerte Magister“, wechselte er das Thema. „Wenn der ehrenwerte Student, dessen Namen mir leider entfallen ist, sein Seelentier holen möchte… Mein Vater ist im Reservat unterwegs, aber meine Enkelin kann Euch sicher zu ihm führen. Sie ist sonst recht unfähig und zu nichts zu gebrauchen“, fügte er offenherzig hinzu, „aber sie kennt das Reservat sehr gut. Wartet einen Moment, bitte.“
Er eilte davon und verließ den Turm durch die gegenüberliegende Tür. Teese konnte kurz einen Blick auf einen Garten erhaschen, der sich auf der anderen Seite befand. Dann schloss sich die Tür wieder.
„Das gefällt mir nicht“, sagte Magister Algea zu Teese. „Ich werde Dekan Ezzo davon berichten. Wartest Du bitte bei Rinnir?“
Teese nickte und ging langsam zu Rinnir hinüber. Wenn Algea mit dem Dekan sprechen würde, hieß das, dass sie in Gedankenrede kommunizieren würde und dabei nicht gestört werden wollte.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements