Ein neuer Anfang (17/22)

Posted on November 14, 2011

0


Teese und Rinnir hatten nur ein paar Minuten Zeit, sich an ihr neues fliegendes Reittier zu gewöhnen, dann hob Magister Algea von der Landefläche an den Stallungen ab und kam auf einem dunkelbraunen Flügelpferd zu ihnen geflogen.
„Wir fliegen erst zum Festland“, rief sie ihnen zu. „Und halten uns dann nach links. Fliegt voraus, damit ich Euch im Blick habe.“
„Ist gut“, rief Teese zurück.
Sie beugte ihren Kopf soweit es ging über Nanus Nackenschild. „Hast Du gehört, Nanu? Zum Ufer und dann links entlang.“ Sie streckte sicherheitshalber ihren Arm geradeaus über Nanus Schnauze.
Der Drache ließ die Flügel heftig vibrieren und sauste los. Vielleicht wollte Nanu Teese zeigen, wie schnell sie fliegen konnte, vielleicht war sie aber auch einfach nur übermütig. Jedenfalls waren sie wesentlich schneller als das fliegende Pferd und mussten erst einmal eine Runde drehen, bevor Magister Algea ebenfalls das Ufer von Thorhafen erreicht hatte.
Teese betrachtete währenddessen das Wuseln der Menschen in der kleinen Stadt unter ihnen. Sie war bereits einmal in Thorhafen gewesen und erkannte einige Häuser um den Marktplatz und die Lager am Hafen wieder. Doch die Stadt war weitaus größer. Halbkreisförmig reihten sich Fachwerkhäuser an Straßen und Gassen. Teese konnte von oben Brunnen und kleine Plätze ausmachen, Geschäftshäuser und am Rande der Stadt kleinere Häuschen mit Gärten.
Begrenzt wurde alles von einer massiven Stadtmauer, hinter welcher sich Ackerflächen erstreckten und ein Friedhof. Eine Straße führte schnurgerade zwischen ihnen hindurch und verschwand im Wald.
„Teese“, rief Magister Algea lachend, als sie die beiden Kinder und Nanu schließlich erreicht hatte. „Sag Deinem Drachen, er soll langsamer fliegen.“
Ihr Flügelpferd flog einen Bogen und folgte dann mit gewaltigen Flügelschlägen dem Verlauf der Küste. Teese musste Nanu nichts weiter sagen. Der Drache schloss sich dem Flügelpferd an und hielt sich ein wenig seitlich von ihm.
Teese war froh, dass ihr Drache so gehorsam war. Wenn Nanu sich wirklich in den Kopf setzen würde, schneller zu fliegen oder in eine andere Richtung, so würde sie nichts dagegen unternehmen können. Anders als beim Flug mit einem fliegenden Pferd konnte man Nanu keine Befehle geben, weder über seine Körperhaltung noch durch das Lenken mit Zügeln.
So zu fliegen hatte aber durchaus seine Vorteile, fand Teese. Während sie auf einem Flügelpferd beständig damit beschäftigt war, ihre Flugbahn zu korrigieren und auf alle möglichen Dinge achten musste, konnte sie auf Nanus Rücken einfach nur dasitzen und die Landschaft genießen.
Jetzt, sicher zwischen Nanus Nackenschild und Rinnir eingeklemmt, kam ihr das Fliegen gar nicht mehr so besorgniserregend vor. Auch hatte sie nicht das Gefühl, bedrohlich weit vom Boden entfernt zu sein. Zu fallen fürchtete sie sich bei Nanu zudem nicht im geringsten. Teese sah völlig entspannt nach unten.
Unter ihnen brandete das Meer gegen die Küstenlinie. Ein schmaler Streifen Geröll und Sand ging in dürftiges Gras über, das sehr schnell von dichtem Wald verschluckt wurde. An der Küste entlang lief ein Weg, den Teese erst bei genauem Hinsehen entdeckte. Es war nicht mehr als ein schmaler Fußweg, ein kleiner Trampelpfad.
Dafür waren allerdings eine Menge Leute auf ihm unterwegs. Immer wieder waren kleine Gruppen zu Fuß zu entdecken. Einmal sah Teese einen Handwagen, den zwei junge Leute zogen. Reiter gab es keine und Teese fiel ein, dass sie in einer von Roaths Erinnerungen gewusst hatte, dass es keine Pferde in der neuen Welt gab – außer jenen fliegenden.
Das hieß dann wohl, dass alle Waren, die nach Thorhafen kamen, entweder zu Fuß dorthin gebracht wurden oder mit den Schiffen, von welchen Teese während des Fluges zwei kleinere und ein etwas größeres zu Gesicht bekam.
Dabei handelte es sich um ein Fischerboot, das in die Mündung eines schmalen Kanals landeinwärts fuhr. Magister Algea folgte ihm, so dass auch Nanu landeinwärts drehte. Der Kanal verlief schnurgerade und weitete sich an seinem Ende zu einer Art See oder künstlichen Hafenbecken.
Schon von weitem konnte Teese einen Turm sehen, der an einer Mole in den Himmel hinauf ragte. Er kam ihr irgendwie bekannt vor, aber sie brauchte eine Weile, bis ihr klar wurde woher. In der alten Welt gab es einen berühmten Turm, der so ähnlich aussah. Er war berühmt, weil er recht schief stand – anders als dieser hier.
Der Turm war schneeweiß und bestand aus drei Teilen. Der untere Teil, der Sockel des Turms, war massiv mit einer goldschimmernden Tür zum Hafenbecken hin. Der mittlere Teil bestand aus mehreren Stockwerken mit Säulenreihen, die wie ein kreisrunder Balkon um das Gebäude liefen. Der obere Teil war etwas verjüngt und auf ihm thronte ein goldenes spitzes Runddach, welches der Turm in der alten Welt definitiv nicht besaß.
„Hey, der schiefe Turm von Pisa“, kommentierte Rinnir.
‚Nein, das ist der Turm des Reservats‘, drang die Stimme von Teeses Seelentier an ihr inneres Ohr.
‚Wir sind da?‘
‚Ihr seid da‘, bestätigte Fleck.
„Das ist das Reservat“, sagte Teese zu Rinnir.
„Okay. Und wo sind die Seelentiere?“, wollte der Junge wissen.
„Keine Ahnung.“
Eigentlich seltsam. Teese hatte erwartet, Drachen zu sehen oder Flügelpferde. Aber in der Luft waren sie die einzigen – von ein paar Möwen abgesehen, welche über den Himmel segelten und sie misstrauisch beäugten.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements