Ein neuer Anfang (16/22)

Posted on November 11, 2011

0


Keine fünf Minuten später saß Teese mit den anderen am Tisch im Erdgeschoss und aß ihren Kanelboller, ohne dass einer von ihnen ahnen konnte, was sie gerade getan hatte. Am liebsten hätte Teese sofort Liina von ihrer Entdeckung erzählt, aber das war natürlich nicht möglich.
Statt dessen hörte sie zu, was Magister Algea ihnen zu erzählen hatte, die inzwischen die Studenten neu verteilt hatte, damit Rinnir Zimmer und Bett bekam. Wie Liina erwartet hatte, gab es für sie in Magister Nabis Haus keine Änderungen vom ursprünglichen Plan. Teese behielt ihr Zimmer mit Flaumschnabel, Liina wohnte mit Yophus zusammen und Fenn und Seth teilten sich das Jungenzimmer.
Rinnir würde in Zukunft bei Magister Algea wohnen und sich ein Zimmer mit Glom teilen, der bisher bei Magister Tyra in einem Zimmer mit Zelet, dem indischen Jungen aus England, gewohnt hatte. Magister Tyras Schüler waren alle auf neue Häuser verteilt worden, wie Teese erfuhr.
Neben Glom war auch Devin, der kleine Eskimo, zu Magister Algea gezogen und teilte sich jetzt ein Zimmer mit Ceal, einem weiteren Jungen aus Teeses Jahrgang. Yophus wohnte jetzt bei Magister Nabi und Sum mit Kerpha bei Magister Narenda, deren Namen Teese nichts sagte. Maties, die vorher mit Kerpha bei Magister Tyra gewohnt hatte, war nicht nach Weltenei zurück gekommen.
Teese rauchte schon bei diesen wenigen Neueinteilungen der Kopf. Ehrlich gesagt hatte sie im letzten Halbjahr schon nicht von allen Mitschülern gewusst, bei welchen Magistern sie gewohnt hatten. Jetzt war sie völlig durcheinander. Dabei war dies nur ein kleiner Teil des neuen Belegungsplans.
Jedes Jahr kamen Schüler nicht nach Weltenei zurück und gleichzeitig musste auch Platz geschafft werden, dass sechs neue Schüler im Sommer zusammen in ein Haus einziehen konnten. Daher wurden Studenten, in deren Haus einige Mitschüler in der alten Welt geblieben waren, neu verteilt und mit anderen Jahrgangskameraden zusammen gesteckt.
Teese wurde klar, dass das bedeutete, dass ihre gemeinsame Zeit mit Liina, Fenn und Seth nicht ewig währen würde. Magister Algea betonte zwar, dass man natürlich versuchte, die Schüler so selten wie möglich umziehen zu lassen, dass es aber unvermeidbar sein würde, Schüler im Laufe ihrer Zeit auf Weltenei wenigstens einmal neu aufzuteilen.
Teese wollte nicht daran denken, eines Tages – vielleicht schon im nächsten Jahr – von den anderen getrennt zu werden und vielleicht bei jemandem wie Magister Felyth zu wohnen. Die Vorstellung gefiel ihr überhaupt nicht.
In gedrückter Stimmung ging sie mit Rinnir in den Garten, um nach Nanu Ausschau zu halten, während Magister Algea zu den Stallungen ging, um sich eines der fliegenden Pferde zu holen. Fleck hoppelte den beiden Kindern hinterher und sprang fröhlich durch das feuchte Gras.
Zu Teeses Erleichterung war Nanu von ihrem ersten Rundflug bereits zurück und hatte sich zum Dösen hingelegt. Sie hob aber erwartungsvoll den Kopf, als Teese und Rinnir zu ihr kamen.
„Und, wie hat es Dir gefallen, Nanu?“, wollte Teese wissen, obwohl sie von dem Drachen keine Antwort bekommen würde. Nanus Gedanken waren ihr verschlossen. Sie wusste nicht, ob das immer so bleiben würde und nur Tiermagier wie Magister Nabi und Seth Nanu verstehen konnten, oder ob sie es noch lernen würde. Immerhin war Nanu nicht die einzige, deren Gedanken sie nicht wahrnehmen konnte.
Nach ihrer Abschlussprüfung hatte sie sofort mit Seth und Flaumschnabel in Gedankenrede kommunizieren können, aber nicht mit Fenn oder Rinnir. Nicht einmal Liina hatte sie hören können. Dabei war Liina ihre beste Freundin.
„Scheint ganz nett gewesen zu sein“, meinte Rinnir. Inzwischen hatte er sich wohl an Nanus neue Größe gewöhnt und kam ohne Scheu näher.
„Denk dran, nicht anfassen“, mahnte Teese.
„Oh. Ja, klar.“ Rinnir grinste verlegen. Er überlegte kurz. „Und wie wollen wir auf ihm fliegen?“
„Ihr“, korrigierte Teese.
„Was?“
„Nanu ist ein Mädchen, Rinnir“, erinnerte sie den Jungen und verdrehte leicht die Augen. Die meisten neigten dazu, Nanu mit ‚er‘ zu bezeichnen, weil sie eben ein Drache war und Drachen nun einmal männlich von ihrem Wortgeschlecht – der Drache.
„Weiß ich doch“, erwiderte Rinnir leicht genervt. „Also? Wie wollen wir mit ihr fliegen, wenn wir sie nicht anfassen können? Ich würde mich gerne irgendwo festhalten, wenn wir da oben unterwegs sind.“
Daran hatte Teese noch gar nicht gedacht. Aber natürlich hatte Rinnir Recht. Beim Sitzen auf Nanus Rücken würde der Stoff der Roben und Hosen sie schützen, aber sie würden sich sicher festhalten müssen.
„Warte mal kurz.“
Teese verschwand im Haus und kam wenig später mit zwei paar weißen Handschuhen zurück. Wenn sie Nanu versorgte, trug sie eigentlich immer ein paar dieser Handschuhe, um Unfälle durch Berührung zu vermeiden.
„Hier, das dürfte gehen.“
Rinnir streifte sich die Handschuhe über und nickte. Dann atmete er einmal tief durch. „Wollen wir dann?“
Teese nickte. „Okay.“
Sie sah zu ihrem Seelentier, das am Schuppen entlang hoppelte. ‚Kommst Du mit, Fleck?‘
‚Wenn Du so fragst: Nein, lieber nicht.‘
Die Antwort überraschte Teese. ‚Wieso nicht?‘
‚Das Reservat ist der Ort, an welchen Seelentiere gebracht werden, deren Magier nicht in die neue Welt zurückkehren‘, erklärte das Kaninchen. ‚Ich möchte nicht dorthin. Nicht einmal, wenn ich weiß, dass Du mich wieder mit zurück nimmst.‘
Teese nickte verstehend. ‚Keine Sorge, Fleck. Ich werde Dich niemals dorthin bringen.‘
‚Ja, ich weiß.‘
Teese ging zu Nanu und beugte sich zu ihrem Drachen vor. Ganz wohl fühlte sie sich immer noch nicht, aber nachdem sie Nanu erklärt hatte, was sie vor hatten, kletterte sie als erste auf den Rücken des Drachens und kam direkt hinter Nanus Nackenschild zum Sitzen. Eigentlich saß es sich hier ganz gut.
Im Gegensatz zu einem fliegenden Pferd hatte man durch den Nackenschild etwas vor sich, woran man sich festhalten konnte. Der Schild reichte Teese beim Sitzen bis zur Brust, während ihre Beine rechts und links an Nanus Hals herunterhingen.
Rinnir wartete, bis Teese saß und rutschte dann hinter sie, so dass Teese von vorne und hinten förmlich eingeklemmt war. Herunterfallen konnte sie so wohl kaum.
„Geht es so?“, erkundigte sich Rinnir. „Nicht, dass ich Dich erdrücke.“
„Nein, geht schon.“
Mit Rinnir im Kreuz war es zwar nicht mehr so angenehm wie eben noch, aber das erschien Teese im Moment zweitranging. Jetzt ging es erst einmal darum, Nanu in die Luft zu bekommen.
Allerdings hätte sich Teese darüber keine Sorgen machen müssen. Jetzt, da Nanu wusste, wie man flog, hatte sie keinerlei Berührungsängste. Schwungvoll stieß sich der Drache ab und flog mit surrenden Flügeln langsam in den Himmel.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements