Ein neuer Anfang (15/22)

Posted on November 7, 2011

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Mit einem leisen Seufzen verdrängte Teese diesen Gedanken auf später und verließ ihr Zimmer. Bevor sie sich ihrem Kakao und der Zimtschnecke widmete, wollte sie noch schnell auf die Toilette. Rinnir dürfte inzwischen das Bad freigemacht haben. So lange dauerte es immerhin nicht, eine Robe überzuziehen. Doch als Teese die Türklinke niederdrückte, war die Tür von innen verschlossen.
„Rinnir?“
Einen Moment Schweigen, dann ein durch die Tür gedämpft herausklingendes, „Ja.“
„Alles in Ordnung?“
„Ja. Ja, alles in Ordnung“, drangen die Worte in so schneller Folge nach außen, dass Teese bezweifelte, dass wirklich alles in Ordnung war.
Soweit kannte sie Rinnir nach einem halben Jahr. Wenn er keinen Verdacht erregen wollte, wiegelte er besonders schnell ab. Hoffentlich hatte er nicht schon wieder irgendetwas Verbotenes im Sinn. Teese machte sich doch ein wenig Sorgen.
Die Klospülung ertönte und gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Rinnir kam heraus, bekleidet mit seiner Robe. Die Bänder wirkten akkurat verknotet und die weiße Schärpe verlief ordentlich über seinen Oberkörper wie es sich gehörte. Seine bisherige Kleidung trug Rinnir sorgsam gefaltet und zu einem Stapel zusammengelegt im Arm.
„Tut mir leid. Ich habe etwas getrödelt“, entschuldigte er sich.
„Schon okay.“
Teese betrat das Badezimmer und schloss die Tür hinter sich. Auf dem Gang hallten Rinnirs Schritte zur Treppe.
Teese ging zur Toilette, klappte den Deckel auf und hielt in der Bewegung inne. Rinnir hatte zwar gespült, aber im Abfluss steckte ein weißer Klumpen Papier. Kein Klopapier wohlgemerkt, sondern normales Papier. Für Teese sah es aus wie eine zerknäulte Seite aus einem Notizblock, die eng beschrieben war.
Einen Moment zögerte Teese. Die Vorstellung, in den Abfluss einer Toilette zu greifen, um etwas heraus zu holen, war eklig. Die Vorstellung heimlich etwas lesen zu wollen, was Rinnir im Klo herunter zu spülen versucht hatte, war nicht nett.
Aber zum einen war das Wasser, das in einer gespülten und sauber aussehenden Toilette stand wohl doch nur ganz normales Wasser und zum anderen … wenn Rinnir etwas Verbotenes plante, musste Teese wissen, was es war. Was, wenn er sich wieder ins Unglück stürzen würde, wie mit dem Blick in seine Truhe?
Teese schob ihren Robenärmel so weit nach oben wie möglich und griff beherzt nach dem Papier. Es fühlte sich weich und nass an, fast ein wenig wie Pappmasche. Teese ließ den Papierklumpen auf den Boden fallen und fingerte die zerknüllte Seite vorsichtig auf.
Es war tatsächlich eine Seite aus einem Notizblock. Die Linien waren noch gut zu erkennen. Die Schrift darauf war allerdings bereits ins Unleserliche verschwommen. Der obere Teil der Seite war völlig verwaschen. Nur am unteren Ende, dort wo das Papier nach innen geknüllt gewesen war, wurde es besser.
Nach und nach wurden die Zeilen klarer und die letzten konnte Teese dann tatsächlich lesen:

…werden unsere Eltern sich schon damit abfinden müssen. Hättest Du dieses Jahr nicht unbedingt auf das Internat gehen wollen, hätten sie sich schon dieses Jahr damit abgefunden. Nach den Sommerferien werden wir somit definitiv zusammen zur Schule gehen.

So lange wünsche ich Dir viel Spaß in Frankreich, Bruderherz. Schreib mir, sobald Du kannst, was es Neues gibt. Pass aber auf, dass Du nicht auffliegst. Sonst wird es riesigen Ärger geben.

Bis dann,
Gabriel

Teese sah nachdenklich auf das feuchte Papier auf dem Boden. Das war dann wohl ein Brief von Rinnirs Bruder Gabriel. Sie hatte gewusst, dass er einen Bruder hatte, hatte ihn kurz im Auto seiner Eltern sitzen sehen, als Rinnir vor den Weihnachtsferien abgeholt worden war. Aber seinen Namen hatte sie bisher nicht gewusst.
Sie erinnerte sich aber daran, dass Rinnir ihr erzählt hatte, dass er und sein Bruder auf dieselbe Schule gehen wollten, ihre Eltern sie aber getrennt hatten. Rinnir, der in der alten Welt Daniel hieß, war auf das französische Internat geschickt worden, das Weltenei war. Gabriel ging auf eine andere Schule. Wohin genau, das wusste Teese nicht. Sie wusste nicht einmal, ob er älter oder jünger war als Rinnir.
Die Handschrift erlaubte auf diese Frage wenig Aufschluss. Sie wirkte ein wenig krakelig, was aber vielleicht daran lag, dass der Brief eine Weile im Wasser gelegen hatte. Ansonsten ähnelte die Schrift Rinnirs Handschrift, indem die Buchstaben mal in diese und mal in jene Richtung geneigt waren. So hatte Rinnir auch geschrieben, bevor er bei Magister Felyth Schönschrift gelernt hatte.
Gedankenverloren kaute Teese auf der Unterlippe. Der letzte Absatz des Briefes bereitete ihr leichte Bauchschmerzen. Offenkundig führte Rinnir schon wieder etwas im Schilde, etwas, wovon sein Bruder wohl wusste. Warum sonst hätte er schreiben sollen, dass er aufpassen solle, nicht aufzufliegen.
Teese seufzte. Sie sollte mit Liina darüber reden. Mit Rinnir darüber zu sprechen, war wohl aussichtslos. Aber im Blick behalten sollte sie ihn auf alle Fälle. Sie wollte nicht, dass ihm etwas zustoßen würde. Wenn sie nur wüsste, was sonst noch in diesem Brief gestanden hatte. Vielleicht würde es mehr darüber verraten, was Rinnir plante. Sicher würde es auch erklären, warum er zurückgekommen war.
Vielleicht konnte man mit Magie die Worte wieder sichtbar machen. Liina würde sicher wissen, wie. Sie war immerhin Schriftmagierin und hatte es sogar geschafft, Roaths Namen, den Namen des eigentlich Namenlosen Dekans wieder sichtbar zu machen. Und was war ein abgewaschenes Stück Papier gegen ein mit Magie belegtes metallenes Namensschild?
Teese überlegte kurz und griff dann nach dem Handtuch, das neben dem Waschbecken hing. Mit den Händen schöpfte sie ein wenig Wasser neben den aufgeweichten Brief und legte dann das Handtuch darauf, so dass dieses das Wasser aufsog und den Boden trocknete.
Dabei konzentrierte sie sich auf das feuchte Papier neben sich und gab von ihrer Magie in das Handtuch. Sympathiemagie, Teeses Talent, funktionierte nach einem Prinzip, das sich Similia similibus curantur nannte. Das war Latein und bedeutete, dass Teese mit ihrer Magie etwas ähnliches mit einer Sache machen musste, um dasselbe mit einer anderen zu bewirken.
In diesem Fall befreite sie mit dem Handtuch den Boden von Wasser und durch ihre Magie sog sie im gleichen Moment das Wasser aus dem Blatt Papier. Als es blitzschnell trocknete, wellte es sich und wurde spröde. Besorgt sah sich Teese die Schrift an, aber sie war noch gut zu erkennen. Vorsichtig faltete sie das wellige Papier zusammen und verstaute es in ihrer Robentasche. Dann wusch sie sich erst einmal gründlich die Hände.

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