Ein neuer Anfang (14/22)

Posted on November 4, 2011

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„Und nachdem das geklärt ist“, fuhr Magister Nabi offensichtlich sehr zufrieden fort, „können wir jetzt die Kamelböller essen. Jedenfalls, nachdem die Kinder sich etwas Anständiges angezogen haben. Diese Knisterjacken sind unglaublich hässlich.“ Sie musterte Teeses Anorak. „Wie sich so etwas hat durchsetzen können, ist mir schleierhaft.“
„Sie halten warm“, wagte Teese einen Einwand.
„Papperlapapp. Zum Warmhalten gibt es Roben. Etwas besseres gibt es nicht.“
Magister Nabi verschwand im Haus und Flaumschnabel und Seth folgten ihr eilig. Die Erwähnung von Essen, das Liina zubereitet hatte, war sowohl für das Formori-Mädchen als auch für den schmächtigen Jungen ein Grund alles stehen und liegen zu lassen. Teese musste sich eingestehen, dass sie jetzt aber auch nichts gegen diese Karamellböller, oder wie immer sie hießen, einzuwänden hätte. Zusammen mit einem warmen Kakao…
„Na, dann solltet Ihr machen, was Eure Magister sagt“, fand Magister Algea schließlich wieder Worte, „und Euch umziehen. Für einen Kanelboller haben wir sicher noch Zeit, bevor wir Rinnirs Seelentier holen.“
Sie sah in die Richtung, in welcher Nanu hinter den Türmen von Weltenei verschwunden war. „Wenn der Drache bis dahin wieder zurück ist, könnt Ihr mit ihm fliegen“, sagte sie.
„Super“, entfuhr es Fenn. „Darf ich mitkommen? Ich will unbedingt auf Nanu fliegen. Drachen sind so cool.“
„Tut mir leid, Student Fenn“, bremste Magister Algea seinen Enthusiasmus. „Aber ins Reservat dürfen nur Magier, die dort ein Seelentier haben. Ich komme nur mit, weil Rinnir noch zu jung ist, alleine dorthin zu gehen und Teese…“
„Ja, schon klar“, brummte Fenn. „Weil sie die nächste Dekanin wird.“
„Genau.“
Teese sah besorgt zu Fenn, aber der Junge schien trotz des brummeligen Tonfalls nicht auf sie sauer zu sein. Er grinste bereits wieder.
„Du musst mir nachher genau erzählen, wie es sich mit Nanu fliegt“, raunte er ihr zu, als die Kinder zurück ins Haus gingen. „Und dann bekomme ich morgen eine extra lange Flugstunde einmal um Weltenei, okay?“
„Okay“, versprach Teese. Bei Fenns Begeisterung für Drachen musste er natürlich eine Runde auf Nanu drehen. Das verstand sich von selbst.
Doch erst einmal würde die Reihe an Teese sein und ein wenig mulmig war ihr schon bei dem Gedanken daran. Natürlich war sie begeistert gewesen, Nanu fliegen zu sehen. Aber sie selbst hatte nun einmal lieber beide Beine auf dem Boden. Allerdings stand wohl nur zur Auswahl mit Nanu zu diesem Reservat zu fliegen oder mit einem Flügelpferd. Und dann würde Teese ihren Drachen jeder Zeit vorziehen – auch ohne bisher mit ihm geflogen zu sein.
Das Mädchen klaubte im Esszimmer seine Sachen aus der Ecke, in welcher sie sie vorhin abgelegt hatte und ging mit Rinnir nach oben. Im Flur blieben die beiden stehen. Rinnir sah unschlüssig zu den Zimmertüren. Sein Zimmer war im letzten Halbjahr das letzte auf der rechten Seite gewesen, doch jetzt gehörte es Liina und Yophus.
„Du kannst Dich ja im Bad umziehen“, schlug Teese vor und machte eine vage Kopfbewegung zur Tür am Ende des Ganges. „Ich ziehe mich in meinem Zimmer um.“
„Gut.“ Rinnir nickte ohne lange zu zögern.
Er ging zielstrebig durch den Gang und Teese betrat ihr Zimmer. Flaumschnabel hatte bereits Liinas altes Bett in Beschlag genommen, wie unschwer an den zerknäulten Decken und zerknautschten Kopfkissen zu erkennen war, die wild im Bett verteilt waren. Anscheinend hielt die junge Formori nichts davon, ein Bett ordentlich zu machen, anders als Liina.
Auf dem Boden lagen zudem zwei verknitterte Hemdchen und ein dunkelbraunes Kleid. Ein aufgeschlagenes Buch lag ein Stück davor. Es zeigte eine Reihe von Bildern. Da Flaumschnabel nicht lesen konnte, hatte sie sich wohl nur die Zeichnungen in diesem Buch angesehen.
Liina wäre wohl entsetzt, wenn sie das sehen würde. Bücher gehörten ordentlich auf einen Tisch oder vielleicht noch mit ins Bett. Aber sie einfach so auf den Fußboden zu legen, das hätte der kleinen Schriftmagierin nicht gefallen.
Teese hob das Buch auf und legte es auf den rechten Schreibtisch, der bisher Liinas gewesen war. Dann klaubte sie auch die Kleidungsstücke vom Teppich. Sie hatten eine Teil der hübschen Stickereien verdeckt, welche den Teppich zum Blickfang des Raumes machten.
Bereits an ihrem ersten Tag auf Weltenei hatte Teese sich diese Bilder mit Staunen betrachtet. Inzwischen konnte sie die meisten der Fabelwesen, die in den Teppich gestickt waren, mit Namen benennen. Dazu gehörten nicht nur Drachen, Nixen oder Riesen. Auch Formori waren auf ihm abgebildet.
Teese stellte erst jetzt fest, dass es recht viele waren, vielleicht weil Formori so mannigfaltig waren, dass man mehrere von ihnen als Motiv wählen konnte, ohne sich zu wiederholen. Formori besaßen zwar alle einen menschlichen Körper, aber jeder von ihnen einen anderen Tierkopf.
Flaumschnabels Kopf war der einer Eule. Sie hatte Teese gegenüber davon gesprochen, dass die Eule ihr Totem war. Was das genau bedeutete, wusste Teese noch nicht, aber sie ging doch davon aus, dass Formori ihr Totem nicht wählten, sondern mit einem Tierkopf zu Welt kamen. Ob dieser allerdings beliebig war oder nach einem bestimmten Schema vererbt wurde, wusste sie nicht.
Außer Flaumschnabel hatte sie erst wenige Formori zu Gesicht bekommen. Sie erinnerte sich aber noch recht lebhaft an die Formori im Kuriositäten-Kabinett in Thorhafen. Es waren zwei Erwachsene gewesen und drei Kinder und jeder von ihnen hatte einen anderen Tierkopf besessen.
Die Erwachsenen hatte die Köpfe eines Hirsches mit riesigem Geweih und eines Steinbocks gehabt, die Kinder die eines Wildschweins, eines Fuchses und eines Bären. Sollten sie eine Familie gewesen sein, dann hatte sich das Totem der Eltern nicht auf die Kinder vererbt. Vielleicht war es aber auch keine Familie gewesen.
Teese wusste noch nicht einmal, wie diese Formori in das Kuriositäten-Kabinett gekommen waren. Aber sie befürchtete, dass es nicht freiwillig geschehen war und sie nicht dafür bezahlt wurden. So viel wusste sie über die neue Welt inzwischen. Sie war anders und zum Teil sehr wunderbar, aber besser war sie anscheinend nicht.
Teese schüttelte den Gedanken ab und ging zu ihrem Bett an der linken Wand. Sie räumte erst einmal ihre wenigen Habseligkeiten in den Nachtschrank und in das Regalbrett, das hinter ihrem Bett an der Wand befestigt war. Dann zog sie sich ihre Magierrobe über und streifte sich ihre weiße Schärpe um den Oberkörper.
Es war die Schärpe eines Kandidaten, auch wenn Teese inzwischen eine Studentin war. Die nächste Schärpe, jene in Gelb, musste sie sich erst durch eine Prüfung verdienen. Diese würde dann wohl in diesem Halbjahr stattfinden, sofern ihr Tutor sie dafür vorschlagen würde. Soviel hatten sie bei Magister Elgin bereits gelernt. Wann er sie wohl für diese Prüfung vorschlagen würde?
Teese hatte das Gefühl, während der Weihnachtsferien bereits wieder die Hälfte aller Dinge vergessen zu haben, die sie für die letzte Prüfung gelernt hatte. Vermutlich sollte sie sich wieder zügig an ihre Bücher setzen, wenn sie nicht als letzte für ihre Prüfung vorgeschlagen werden wollte.

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