Ein neuer Anfang (13/22)

Posted on Oktober 31, 2011

0


Teese setzte die Flöte an die Lippen, hielt alle Löcher zu und blies erst vorsichtig, dann etwas stärker, bis sie der Flöte tatsächlich einen Ton entlockte. Er war recht tief und Teese brauchte etwas, bis sie den Ton ohne Schwankungen hervor brachte. Es schien gar nicht so schwer zu sein. Die Flöte ähnelte wirklich einer ganz normalen Blockflöte.
Teese holte einmal tief Luft und spielte dann die Tonleiter nach oben, indem sie die Finger von den Löchern nahm, einen nach dem anderen. Allerdings klangen die Töne nicht im geringsten so, wie Teese es erwartet hätte. Eine Tonleiter, wie sie sie kannte, war es jedenfalls nicht. Die Töne klangen irgendwie merkwürdig und je höher sie wurden, desto schwerer war es, sie zu treffen.
Nachdem Teese der Flöte ein paar schiefe Töne entlockt hatte, hielt sich Fenn demonstrativ die Ohren zu. „Das entspannt aber kein bisschen“, beschwerte er sich.
„Gib‘ sie mir mal.“
Rinnir kam energisch auf Teese zu und streckte ihr auffordernd die Hand entgegen. Das Mädchen setzte die Flöte ab und gab sie mit einem Achselzucken an den Jungen weiter.
„Das kann nicht so schwer sein“, sagte er, wohl mehr zu sich als zu Teese.
Wie Teese begann auch Rinnir erst mit allen Fingern auf den Löchern mit der Suche nach der richtigen Menge Atemluft, um der Flöte einen stabilen und anständigen Ton zu entlocken. Er spielte ein paar Töne, ohne dass ein schiefer dabei gewesen war. Dann probierte er ein paar Tonfolgen aus, die für Teese überraschend beschwingt klangen. Sie konnte nicht genau sagen wann Rinnir von da in eine zusammenhängende Melodie überging, aber unvermittelt erklang aus der Flöte ein Lied.
Es klang fröhlich und anmutig zugleich. Die Töne waren so schnell und die Läufe so verspielt, dass Teese dasselbe Lied kaum ohne viel Übung fehlerfrei hätte spielen können. Rinnir musste schon lange Blockflöte spielen, dass er so schön konnte.
„Oh. Schaut! Da!“ Fenn sprang aufgeregt auf und ab.
Und genau das war es auch, was Nanu tat. Der Boden bebte unter den Erschütterungen des nicht mehr ganz so kleinen Drachens. Die Flügel waren weit ausgebreitet und gaben ein tiefes Summen von sich.
„Es funktioniert“, rief Teese begeistert aus.
‚Flieg, Nanu‘, rief Seth dem Drachen in Gedanken zu. Auch er klang aufgeregt.
‚Los, kleiner Drache‘, mischte sie Flaumschnabels Stimme nicht weniger aufgeregt hinzu.
Teese fühlte sich wie elektrisiert. Sie mochte fliegen nicht. Aber Nanu war ein Drache. Sie besaß Flügel. Fliegen würde für sie sein wie für einen Menschen zu laufen.
‚Ja, Nanu, Du schaffst es‘, feuerte sie ihren Drachen begeistert an.
Hatte sie eben noch Zweifel an Nanus Flugfähigkeiten gehabt, waren sie vollkommen ins Nichts verpufft. Rinnirs Flötenmelodie war mitreißend. Teese spürte ein Kribbeln am ganzen Körper, als Rinnirs Melodie sich zu neuen Höhen aufschwang.
Nanus Flügel vibrierten summend. Sie schlugen so schnell, dass man die oberen weißen Schmetterlingsflügel und die unteren netzartigen dunklen Flügel nicht mehr auseinander halten konnte. Die Flügel verschmolzen zu einem grauen Vibrieren. Das Summen der Flügel mischte sich in die Melodie der Flöte. Nanu sprang nach vorne und flog behäbig wie ein schräg startender Hubschrauber über die Mauer des Gartens und in den blauen Himmel über dem winterlichen Meer vor Weltenei.
„Juchhu“, jauchzte Fenn. „Ist das großartig. Schaut nur, wie sie fliegt.“
Seth war zur Brüstung gestürzt und sah Nanu hinterher. Teese rannte zu ihm und sah wie ihr Drache sich langsam und anscheinend mühelos in den Himmel erhob. Der Vergleich mit einer Libelle war recht treffend gewesen. Die Flügelpaare summten surrend, während Nanu flog. Der Drache drehte nach links ab und wurde schneller.
Nanu flog eine Schleife und sauste so tief über den Garten und die Kinder, dass Teese glaubte, sie bräuchte nur den Arm in die Luft zu strecken, um den Drachen berühren zu können. Eine gewaltige Windböe fegte Nanu hinterher über den Garten und zerzauste Teeses Haare.
Die Hintertür wurde aufgerissen und Magister Nabi kam in den Garten gestürzt. Hinter ihr eilte Magister Algea ins Freie. Beide Frauen wirkten überrascht.
„Sie fliegt. Sie fliegt.“
Seths Stimme überschlug sich fast, so aufgeregt war er. Teese hatte ihn noch nie so ausgelassen erlebt. Nichts hatte ihn im letzten Jahr so sehr aus der Reserve gelockt wie Nanus erster Flug. So waren sie wohl, die Tiermagier.
„Ja, tatsächlich.“ Magister Nabi blieb mitten im Garten stehen und schirmte ihre Augen mit den Händen gegen die Sonne ab, als sie in den Himmel blickte.
„Wer von Euch hat gespielt?“ Magister Algea sah von Teese zu Fenn und erst dann zu Rinnir.
Ohne dass Teese es bemerkt hätte, hatte er sein Flötenspiel beendet. Die Töne waren irgendwie mit den Geräuschen um sie herum verschmolzen und dann erstorben. Teese rieb sich ihre Hände. Sie bitzelten leicht, denn sie wusste, was dieses Gefühl in ihren Fingern bedeutete.
„Rinnir?“ Magister Algea sah den Jungen an. „Du hast gespielt?“
Rinnir nickte. Die Flöte in seinen Händen legte diesen Schluss nahe, aber Magister Algea wirkte dennoch ungläubig. „Aber man hat mir gesagt, Du hättest kein Talent gefunden. Du wärst ein Alleskönner-Magier.“
„Ja, dafür war es wirklich eine Menge Magie“, stimmte Magister Nabi zu. Sie senkte den Blick vom Himmel, über welchen Nanu aus ihrem Blickfeld flog und eine Runde um die Insel drehte.
Rinnir zuckte mit den Schultern, aber seine Wangen leuchteten rot und seine Augen strahlten. Auch ihn hatte Teese zuvor noch nie so gesehen. Das neue Schuljahr hielt eine Menge Überraschungen bereit, noch bevor sie überhaupt irgendwelchen Unterricht hatten.
„Was für ein Jammer.“ Magister Algea schüttelte den Kopf. „Sicher wäre dies ein sehr starkes Talent gewesen.“
Teeses Hochgefühl über Nanus Flug mischte sich mit ein wenig Wehmut. Sie wusste inzwischen, dass es viele Alleskönner-Magier auf Weltenei gab, viele Magier, die ihr Talent nie gefunden hatten. Es gab Magier, die der Meinung waren, Alleskönner besäßen überhaupt kein Talent. Aber wenigstens in Rinnirs Fall schien dies nicht zuzutreffen. Er hatte seines nur nicht rechtzeitig gefunden.
Teese stimmte dies traurig und machte sie gleichzeitig ein wenig verlegen. Denn sie hatte das Glück gehabt, ihr Talent gerade im rechten Moment noch gefunden zu haben – bevor sie in ihre Truhe gesehen hatte. Rinnir hatte zu diesem Zeitpunkt noch kein Talent gefunden. Sie hatten beide dasselbe getan, aber mit ganz unterschiedlichen Folgen. Teese war Sympathiemagierin, Rinnir war Alleskönner-Magier.
Sehr betrübt wirkte er darüber allerdings nicht. Er war bereits nicht sonderlich unglücklich gewesen, als er erfahren hatte, dass er sich selbst um sein Talent gebracht hatte und in dieser Beziehung hatte er sich anscheinend nicht geändert.
„Du solltest ihn unterrichten, Algea“, sagte Magister Nabi.
„Nun, vielleicht.“ Magister Algea wirkte zögerlich. „Aber Du bist seine Tutorin.“
„Nicht wirklich.“ Magister Nabi machte eine wegwischende Handbewegung. „Willst Du ihn unterrichten?“ Sie wartete die Antwort nicht ab. Vermutlich war sie offenkundig. „Dann ist er jetzt Dein Schüler.“
Sie traf diese Entscheidung mit einer Leichtigkeit, die in Teese ein komisches Gefühl hinterließ. So als wäre es keine große Sache. Als wäre die Frage ob man Tutor für einen Student war oder nicht, nicht gewichtiger als die Frage ob man seine Pommes mit Ketchup essen wollte oder mit Majo.
Magister Nabi schien der ganzen Sache jedenfalls nicht viel beizumessen. „Da möchte ich sehen, dass Ezzo etwas dagegen einzuwänden hat“, setzte sie nach einer kurzen Pause noch hinzu.
Sie klang so bestimmt, dass sich Teese bildlich vorstellen konnte, wie der Dekan sich bei Magister Nabi über ihre Entscheidung beschwerte und sie ihn nebensächlich und fast ein wenig gelangweilt abbügelte. Ezzo mochte Dekan sein, aber sie war… nun, Magister Nabi, eben.
Sie zog nicht einmal in Betracht, dass ihre Entscheidung nicht seine sein könnte, dass er etwas dagegen haben könnte. Oder wenn, dass es keine Rolle spielen würde. Manchmal wirkte sie auf Teese so bestimmt, dass man den Eindruck gewinnen konnte, sie würde auf Weltenei alle Entscheidungen treffen.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements