Ein neuer Anfang (12/22)

Posted on Oktober 28, 2011

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„Naja, ich werde dann mal nach Nanu sehen“, trat Teese ihren Rückzug an.
„Sie ist draußen im Garten“, sagte Yophus, als bräuchte Teese diesen Hinweis.
Dabei war es doch offenkundig, wo der Drache sein musste. Immerhin war Nanu nicht im Raum. Und da sie noch nicht geflogen war, musste sie somit im Garten sein. Wo sonst sollte sie sich denn aufhalten?
Doch Teese verkniff sich einen Kommentar. Sie ging zielstrebig zur Hintertür des Raumes und öffnete sie. Als sie den Garten betrat, huschte ihr Flaumschnabel hinterher und hielt die Tür auf. Seth und Fenn folgten ihr in stummen Einvernehmen. Vielleicht waren sie gespannt, was Teese zu Nanu sagen würde, hofften vielleicht sogar auf eine Flugvorführung. Oder sie hatten einfach nur keine Lust, die Unterhaltung zwischen den beiden Magistern zu verfolgen.
„Nanu, ich bin wieder da“, verkündete Teese.
Nanus langer blauer Drachenschwanz peitschte aufgeregt züngelnd durch die Luft und bevor sich Teese versah, wickelte er sich um das Mädchen, wie ein Seil. Vielleicht sah es für einen Außenstehenden auch ein wenig aus wie eine Schlagen, die das Mädchen zu erwürgen versuchte. Aber Nanu umschloss Teese zwar fest, aber gleichzeitig doch auch sehr behutsam.
„Huch“, entfuhr es Teese, der eine solche Begrüßung vollkommen neu war.
Nanu zog Teese mit dem Schwanz zu sich und blies einen Hauch warmer Atemluft mit einem fröhlich klingenden Quietschen über Teeses Gesicht. Nanus Schnauze berührte fast Teeses Nase und die unendlich schwarzen Augen blickten Teese direkt an.
Eilig wandte das Mädchen den Blick ab. Sie liebte ihren Drachen, aber sie verzichtete lieber auf einen zu realen Einblick in Nanus Seele. Erinnerungen und Gefühle sprangen durch den direkten Blick auf Magier über, wie Teese wusste. Und sie kannte das Gefühl, das damit einher ging. Es war etwas, auf das man, bei aller Liebe zu Nanu, besser verzichtete.
Statt dessen glitt Teeses Blick über den kragenförmigen Nacken ihres Drachens den kräftig geschuppten Körper entlang, der sie so sehr an einen der pflanzenfressenden Dinosaurier aus ihren Büchern erinnerte. Nanus Körper war massig mit vier stämmigen Beinen. Die Haut war gräulich mit einem Hauch von grün.
Aus ihrem Rücken wuchsen unübersehbar zwei Flügel heraus. Teese hatte mit ledernen Flughäuten gerechnet. Etwas wie bei einer Fledermaus oder den Flugsauriern aus ihren Büchern. Vielleicht noch Flügel wie Liina sie ihrem Seelentier-Drachen geformt hatte, aber nicht solch filigranen Flügel, die strahlend weiß waren und eine Reihe rosafarbener Augen besaßen, wie die Federn eines Pfaus.
Die Flügel sahen mehr aus wie die eines Schmetterlings. Schön, aber unerwartet und irgendwie nicht passend zu Nanus inzwischen recht gewaltigem Körper. Teese brachte eine ganze Weile keinen Ton heraus, während sie Nanus neue Flügel bestaunte. Mit Nanu würde man völlig anders fliegen als mit einem der Flügelpferde, welche vogelähnliche Schwingen besaßen.
Nanu würde flattern wie ein Falter, oder wie eine Libelle. Teese konnte unter den weißen Flügeln ein paar kleinere schwarze entdecken, die viel kürzer waren und löchrig aussahen.
Mit einem erneuten Schnauber warmer Luft ließ Nanu Teese endlich aus der Umarmung mit ihrem Schwanz frei. Das Mädchen holte erst einmal tief Luft.
„Du siehst toll aus, Nanu“, fand sie schließlich Worte.
Sie zog ihre Hand in ihren Anorak zurück und strich so geschützt ihrem Drachen über den Hals. Beim letzten Mal hatte sie dazu ein wenig in die Knie gehen müssen. Nun musste sie die Hand nach oben strecken. Nanu war sehr schnell gewachsen und Teese wusste immer noch nicht, wie groß ihr Drache genau werden würde.
Nanu gab ein zufrieden glucksendes Geräusch von sich, während Teese sie kraulte. Das Mädchen fuhr mit ihrem Arm über die weichen Schuppen an Nanus Kehle und dann den Körper entlang. Sie wünschte sich, die Flügel mit bloßen Fingern anfassen zu können, wusste aber, dass dies nicht in Frage kam. Sie wollte nicht mit Nanu verbunden werden. Sie hatte das vorher nicht gewollt und nun, da Yophus mit ihrem Drachen verbunden war, wollte sie es noch weniger.
„Was macht Ihr da?“
Die Tür in den Garten hatte sich geöffnet und Rinnir kam aus dem Haus. Er entdeckte Nanu und der Unterkiefer klappte ihm herunter. „Wah…“ Er machte einen halben Schritt zurück und starrte Nanu gebannt an.
„Ja, sie ist ganz schön gewachsen, nicht wahr“, kommentierte Fenn fröhlich.
„Schau Dir ihre Flügel an“, strahlte Teese.
Rinnir schluckte und fasste sich wieder. „Wow“, sagte er schließlich. „Ganz schön groß, wirklich. Und schöne Flügel.“
„Los Teese versuch mit ihr zu fliegen“, drängelte Fenn.
„Ich weiß nicht.“ Teese war nicht ganz geheuer zu Mute. „Wenn Nanu noch zu unsicher ist, dann…“
„Versuch es mit der Flöte“, mischte sich Seth ein. „Magister Algea hat sie für Dich mitgebracht.“
Seth zeigte zur Fensterbank neben der Tür. Dort lag fast ein wenig achtlos abgelegt eine Flöte. Sie sah recht unspektakulär aus, wie eine normale Blockflöte. Allerdings ging Teese davon aus, dass der Schein trog. Wenn Seth meinte, Teese solle sie benutzen, um Nanu beim Fliegen zu helfen, war es bestimmt ein magischer Gegenstand.
„Kannst Du Flöte spielen?“, wollte Fenn wissen.
„Ja, das habe ich in der Musikschule gelernt“, erwiderte Teese.
Sie war zwar nicht sonderlich musikalisch, aber ihre Eltern waren der Meinung gewesen, dass eine musikalische Grunderziehung zum Leben dazu gehörte, wie Schwimmunterricht und zu lernen Fahrrad zu fahren.
Teese nahm die Flöte in die Hand. Sie war warm, wohl aufgrund der Sonne, in welcher sie gelegen hatte, und überraschend schwer. Dabei sah sie aus als sei sie aus Holz gefertigt.
„Magister Algea hat gesagt, es sei ein magisches Instrument.“ Seths Blick ruhte auf der Flöte. „Ihre Töne sollen eine besondere Wirkung auf alle denkenden Lebewesen haben, sie zum Beispiel entspannen und beruhigen.“
„Magister Algea ist Musi…kamagier, oder so“, fügte Fenn hinzu. „Ihr Talent ist die Musik.“ Er grinste und überspielte damit sein Halbwissen aus dem letzten Schulhalbjahr. „Los, probier‘ es aus.“

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