Ein neuer Anfang (11/22)

Posted on Oktober 24, 2011

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„Ja, Zimt ist eindeutig zu riechen.“ Magister Nabi nickte über ihre Schulter Magister Algea zu und entdeckte dann die Neuankömmlinge.
„Guten Tag, Magister Nabi“, grüßte Teese unter ihrem Blick, doch die Magister hatte bereits Rinnir neben Algea ausgemacht und sah den Jungen ungläubig an.
Zum ersten Mal, seit Teese sie kannte, konnte sie wirkliche Fassungslosigkeit in ihren schwarzbraunen Augen sehen. „Rinnir?“
Die Tiermagierin erhob sich und kam auf den Jungen zu. Lose Strähnen ihres feuerroten Haares umspielten wie glühende Funken ihr Gesicht. Ihr Unglaube wandelte sich in deutliche Skepsis. Teese vermutete, dass sie wie Seth und Flaumschnabel die innere Veränderung in Rinnir wahrnahm, die ihr selbst verborgen blieb. Formori und Tiermagier besaßen Fähigkeiten, die sich Teese als Sympathiemagierin nicht erschlossen.
„Guten Tag, Magister Nabi“, erwiderte Rinnir steif.
Magister Nabi musterte ihn eingehend von allen Seiten und griff ihm dann ungeniert gegen das Kinn, um seinen Kopf zur Seite zu biegen, so wie eine Mutter, die ein Kind auf mögliche verdächtige Schokoladenflecken im Gesicht musterte.
„Ich habe doch gesagt, dass er letzte Woche wieder angemeldet wurde“, sagte Magister Algea mit einem Hauch von Genugtuung.
„Nein.“ Magister Nabi schüttelte den Kopf und ließ Rinnir dann los. „So etwas…“ Sie rieb sich mit dem Zeigefinger an der Nase. „Das hatte ich mir anders vorgestellt.“
Rinnir schwieg.
Teese huschte zu Liina und Yophus, um zuerst endlich ihre Freundin und dann deutlich weniger enthusiastisch die kleine Araberin zu begrüßen. Während Magister Nabi mit Algea darüber diskutierte, was nun zu tun war, klinkte sich Teese aus der Unterhaltung der beiden Frauen aus. Es gab wichtigere Dinge.
„Habt Ihr schon ausgepackt?“, wollte Teese wissen. Den Beutel mit ihren Sachen hatte sie beim Eintreten neben die Tür gestellt.
„Ja“, nickte Liina. „Du hast gehört, dass Yophus bei uns einzieht?“
Teese nickte. „Ja, das habe ich gehört.“
Sie sah zu Yophus, doch die hatte augenscheinlich nur einen Blick für die Zimtschnecken im Ofen.
„Magister Nabi hat Yophus und mir Rinnirs altes Zimmer zugewiesen“, fuhr Liina fort.
„Was?“ Teeses Herz machte einen erschrockenen Sprung. „Wir sollen nicht mehr zusammen wohnen?“
Liina nickte. „Eulenkopf soll sich mit Dir unser altes Zimmer teilen“, erklärte sie.
„Ah“, war alles, was Teese hervor brachte. Damit hatte sie nicht gerechnet.
Flaumschnabel – Liina verharrte anscheinend weiterhin auf dem Namen Eulenkopf, den sie dem Formori-Mädchen am ersten Tag verpasst hatte – hatte bisher bei Magister Nabi im Zimmer geschlafen. Vielleicht hielt die Magister das Mädchen jetzt aber für zu alt oder zu groß, um wie ein kleines Mädchen bei einer Erwachsenen im Raum zu schlafen.
„Aber“, fand Teese schließlich weitere Worte. „Das war doch nur die Planung für den Fall, dass Rinnir nicht wiederkommen würde, oder?“
„Ich glaube nicht, dass es noch einmal geändert wird“, hielt Liina dagegen. Die Stirn der kleinen Chinesin legte sich in Falten. „Wenn Rinnir wieder sein Zimmer bekommt und ich bei Dir einziehe, wo soll dann Eulenkopf schlafen?“
Teese presste die Lippen aufeinander. Das war natürlich ein schlagkräftiges Argument. Das Formori-Mädchen konnte sich schlecht mit dem Jungen ein Zimmer teilen.
Im Grunde hatte Teese auch kein Problem damit, sich mit Flaumschnabel ein Zimmer zu teilen. Sie mochte die Formori. Sie beide kamen gut miteinander klar, seit Teese die Gedankenrede beherrschte. Natürlich hätte sie lieber mit Liina ein Zimmer geteilt, aber was sie an der Neuaufteilung am meisten störte, war die Tatsache, dass Yophus bei ihnen einziehen sollte.
Yophus hatte Teese im Grunde nie etwas getan. Aber Teese mochte das Mädchen nicht allzu sehr. Sie war ihr zu sehr in Timars Angelegenheiten verwickelt und hatte ihn beinahe schon angehimmelt. Außerdem fand Teese Yophus ziemlich arrogant. Sie schien sich für etwas Besseres zu halten als alle anderen. Davon abgesehen hatte sie sich bei der Schwimmprüfung über Seth lustig gemacht und Teese fühlte sich dadurch irgendwie persönlich getroffen.
Wieso war Magister Nabi der Meinung, Yophus müsse unbedingt bei ihnen wohnen, wo sie doch keiner von ihnen wirklich mochte? War es wegen der Ausgleichsleistung, zu welcher Yophus ihr gegenüber am Ende des Jahres verurteilt worden war, weil sie eines der Erinnerungsschiffe aus ihrem Zimmer gestohlen hatte? Sollte Yophus dadurch eine Gelegenheit bekommen, sich bei Teese zu revanchieren und ihr einen guten Dienst erweisen?
Oder hatte es doch andere Gründe? Yophus war mit Nanu verbunden. Das Mädchen hatte einen Magieschlag bekommen, als es den Drachen mit bloßen Händen berührt hatte, etwas, das man besser nicht tun sollte, wie sie eigentlich alle bei Magister Elgin gehört hatten. Allerdings hatte Yophus entweder nicht wirklich zugehört oder sie war das Risiko bewusst eingegangen, um Timar zu helfen, über welchen Nanu hergefallen war.
Teese seufzte stumm und zuckte resignierend mit den Schultern. Vermutlich war es nur logisch, dass Yophus hier einzog, wenn Teese selbst schon gleich zwei gute Gründe dafür einfielen. Dennoch gefiel es ihr nicht. Hoffentlich fanden Magister Algea und Magister Nabi eine andere Lösung.
„Es tut mir leid, wenn ich Euch Umstände mache“, meldete sich Yophus unerwartet zu Wort.
Teese wusste nicht so recht, was sie darauf sagen sollte. Sie fand, dass ‚Umstände‘ die Sache nicht wirklich traf.
„Wir werden uns schon damit arrangieren“, sagte sie schließlich nach einer deutlich zu langen Pause.
Irgendwie hatte ihr Yophus‘ Anwesenheit ein wenig den Tag verdorben. Ihr Wiedersehen mit Liina hatte sie sich anders vorgestellt. Sie hatte nicht einmal mehr Lust hier bei den beiden Mädchen zu stehen.

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