Ein neuer Anfang (10/22)

Posted on Oktober 21, 2011

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Die Kinder folgten Magister Algea ins Pförtnerhaus, wo Rinnir und Teese ihre Sachen holten. Dieses Mal wusste Teese – anders als beim letzten Mal – noch genau, was sie eingepackt hatte.
Eine kurze Durchsicht ihrer erlaubten Sachen verriet ihr, dass sich erneut weder ihr Walkman, noch die Kassetten oder ihr Radiowecker unter ihnen befanden. Dafür aber dieses Mal die Dinosaurierbücher, ihr Stoffhase Hoppi und ein gerahmtes Familienfoto, das ihr Vater an Weihnachten aufgenommen hatte.
Im allgemeinen Gedränge aus Studenten unterschiedlichen Alters und ihren Seelentieren liefen Teese und die anderen dem Verlauf der Straße folgend durch den ersten Torbogen und vorbei an Lorphitals Gasthaus.
Je näher sie Magister Nabis Haus kamen, desto ungeduldiger wurde Teese. Ihre Freunde und ihr Seelentier waren nicht die einzigen, die sie seit Beginn der Ferien nicht gesehen hatte. Auch ihren Drachen hatte sie für drei Wochen auf Weltenei zurückgelassen. Seth hatte sich um Nanu gekümmert und zählte Teese auf dem Weg die Straße hinauf auf, was er alles gemacht hatte.
Ein Drache musste immerhin nicht nur gefüttert werden, sondern benötigte auch eine gewisse Pflege. Seine Schuppen mussten gefettet werden und er brauchte Bewegung. Zudem wollte er gekrault und beschäftigt werden.
„Sie war allerdings etwas schwierig die letzten Tage“, erklärte Seth Teese.
„Warum das?“ Teese verstand nicht ganz, worauf Seth hinaus wollte.
„Ich glaube, es war unangenehm für sie“, druckste Seth herum.
„Was?“ Teese hatte keine Ahnung, was der Junge ihr sagen wollte.
„Nun, sie hat sich“, er sah hilfesuchend zu Fenn, „ein wenig verändert.“
„Ja, so kann man es auch sagen“, grinste Fenn.
Teese sah die beiden Jungen einen Augenblick verständnislos an. Doch dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Magister Nabi hatte es ihr doch am Anfang der Ferien selbst gesagt. Nanu würde nach ihrer Rückkehr lernen müssen zu fliegen. Und das hieß somit wirklich, dass…
„Sie hat Flügel bekommen?“ Teeses Stimme überschlug sich vor Aufregung. „Sie hat wirklich Flügel bekommen?“
Fenn lachte, während Seth überrascht blinzelte. „Du… hast das gewusst?“
„Magister Nabi meinte…“, begann Teese. Doch dann kam ihr ein anderer, viel wichtigerer Gedanke. „Ist Nanu schon geflogen?“
Seth schüttelte den Kopf. „Sie hat sich nicht getraut. Und Magister Nabi meinte, dann wäre es besser, auf Dich zu warten. Auf ihre Mutter würde ein Drache immer hören.“
„Na, hoffen wir es.“ Teese war sich da nicht sehr sicher. Sie selbst flog nicht allzu gerne. Wie sollte sie es da Nanu beibringen? Egal ob der kleine Drache sie für seine Mutter hielt oder nicht.
„Sobald sie es kann, will ich eine Runde auf ihr drehen.“ Fenn war der Optimismus in Person. „Auf einem echten Drachen zu fliegen, muss der Wahnsinn sein.“
Ein Lächeln schlich sich auf Teeses Lippen. Fenn war ganz begeistert von Drachen und hatte natürlich auch sein Seelentier zu einem Drachen geformt. Teese legte den Kopf in den Nacken und versuchte, seinen Drachen am Himmel auszumachen. Wyverya, der schwarze Schlangendrachen mit acht klauenbewehrten Beinen. Er war auch nicht schwer zu entdecken, trotz der vielen Drachen in der Luft, denn er war von beachtlicher Länge.
Neben Fenns Seelentier nahm sich Liinas Drache fast zierlich aus. Er war in einem satten Sonnengold gefärbt mit spiegelnden Schuppen und kleinen roten Flügeln. Sein Körperbau wirkte wie eine Mischung aus Schlange und Raubkatze und sein Kopf ähnelte dem eines Löwen mit einer Schnauze, die an ein Krokodil erinnerte, sowie einer gewaltigen Mähne. Eine ganze Reihe roter Bänder war in sie eingeflochten.
Liina hatte viel Magie in ihren Drachen gesteckt. Es war ein absolut perfektes Exemplar. Wer es sah, wusste sofort, dass Liina eine begabte Magierin war, ohne Frage die beste und klügste in ihrem Jahrgang.
Teese folgte Magister Algea und Rinnir ins Haus und fand ihre beste Freundin vor dem Herd kniend. Liina trug bereits ihre Magierrobe und hatte die Haare zu zwei pechschwarzen langen Zöpfen geflochten. Ihr konzentrierter Blick galt dem geschlossenen Ofen, einem massiven gusseisernen Stück, das im Augenblick allerdings alles andere als massiv oder gusseisern wirkte.
Vielmehr war der gesamte Ofen durchsichtig. Jedes einzelne seiner Bauteile sah aus wie Glas oder Plexiglas. Die im Inneren lodernde Flamme war dunkelrot und hielt sich weit unten am Boden des Ofens. Darüber hatte jemand ein Backblech geschoben, auf welchem Teese mehrere Teigschnecken sehen konnte.
„Hm, das riecht aber gut“, kommentierte Fenn wohlwollend.
„Zimtschnecken“, verkündete Liina.
„Schwedischer Art“, setzte Yophus hinzu.
Die kleine Araberin stand rechts neben Liina und war leicht nach vorne gebeugt, um wie die pummelige Chinesin die Backwaren im Ofen zu betrachten. Auch sie trug bereits ihre Magierrobe mit der weißen Kandidatenschärpe. Ihre Haare waren wie Liinas zu zwei Zöpfen geflochten, was einen merkwürdigen Partnerlook abgab.
Um Yophus‘ Hals ringelte sich wie eine lebende Kette ihr Seelentier, eine rote Schlange mit goldenen Ringen um ihren glänzenden Körper. Sie hatte ihren vorderen Teil vor Yophus Brust um den Schwanz geschlungen und den Kopf nach vorne gestreckt, so dass es wirkte als würde auch das Seelentier neugierig in den Ofen blicken.
„Das Gebäck nennt sich Kamelböller“, ergänzte Magister Nabi vom Tisch aus. Sie saß dort, der Tür den Rücken zugekehrt, vor sich eine Tasse mit dampfenden Inhalt.
„Kanelboller“, korrigierte sie Magister Algea. „Kanel heißt Zimt. Mit Kamelen hat das nichts zu tun.“
Fenn prustete im selben Moment los wie Teese. Vor ihrem inneren Auge zeichnete sich ein Kamel ab, das mit dem Schwanz an einer Silvesterrakete angebunden war und in den Himmel geschossen wurde, wo es in einen bunten Lichterregen explodierte.

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