Ein neuer Anfang (8/22)

Posted on Oktober 14, 2011

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Flaumschnabel gab ein trällerndes Geräusch von sich, ihre Art eines Lachens, denn menschliche Laute konnte das Formori-Mädchen nur in Gedankenrede äußern. Seth nickte Teese zur Begrüßung zu und sparte sich ebenfalls weitere Worte. Vermutlich kannte er Fenn gut genug, um zu wissen, dass seine Worte ohnehin im Wortschwall des kleinen Afrikaners untergegangen wären.
„Wir warten schon eine halbe Ewigkeit.“ Fenn knuffte Teese in die Seite und strahlte in einer Mischung aus Ausgelassenheit und Aufregung.
„Wir?“ Teese dachte an Flecks Worte. „Wo ist Liina?“
„Sie macht etwas zu Essen“, gab Fenn bereitwillig Auskunft. „Sie ist sofort an den Herd gestürmt, gleich nachdem sie ihren Drachen begrüßt hat. Ich glaube, sie hat den Herd mindestens so vermisst wie uns.“
Teese lachte. Das war sicherlich übertrieben, aber Liina kochte wirklich gerne und ein Herd war für sie wohl so etwas wie ein Fernseher oder eine Comicsammlung für andere Kinder ihres Alters.
„Und Du wirst nicht glauben, wer ihr in der Küche hilft“, sprudelte es aus Fenn weiter heraus. „Yophus. Sie wird bei uns einziehen. Ist das nicht unglaublich? Du hättest Seth entsetztes Gesicht sehen sollen, als Magister Nabi es uns gesagt hat. Und Liinas erst, als sie erfahren hat, dass sie in Zukunft…“
Rinnir war auf die Mole getreten und sah sich etwas verloren um. Sein Blick blieb an den zwei Jungen und dem Formori-Mädchen hängen, die ihn im Gegenzug überrascht ansahen.
„Oh“, unterbrach Fenn sich selbst. „Rinnir?“
„Ja.“ Rinnir musterte Fenn prüfend.
„Das ist…“, begann der dunkelhäutige Junge.
„…unerwartet“, beendete Seth den Satz, indem er Fenns Sprachlosigkeit nutzte.
‚Warum ist er wieder da, Teese?‘, erkundigte sich Flaumschnabel in Gedankenrede.
‚Ich weiß nicht‘, gab Teese zu und sah in die orangefarbenen Eulenaugen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass Flaumschnabel Rinnirs Anwesenheit irritierte. ‚Ich habe ihn gefragt, aber er ist immer ausgewichen. Er meinte nur, er habe seine Meinung eben geändert.‘
‚Was meinst Du, Seth?‘, wandte sich Flaumschnabel an den schmächtigen Jungen neben ihr.
‚Ich weiß nicht‘, erwiderte er dasselbe, was Teese eben auch gesagt hatte. Auch er wirkte in erster Linie verwirrt. Fast konnte man meinen dass Rinnirs Auftauchen Seth und Flaumschnabel irgendwie störte.
‚Er fühlt sich komisch an, oder?‘, bohrte Flaumschnabel weiter.
‚Ja‘, gab Seth zu.
Teese machte große Augen. ‚Wie, komisch?‘
‚So wie der Unterschied zwischen einem Kind, wie es früher war und wie es ist, nachdem es kämpfen musste‘, versuchte Flaumschnabel zu erklären.
Ein seltsamer Vergleich. Teese musste an das denken, was sie in den Erinnerungsschiffen des namenlosen Dekans gesehen hatte. In Roaths Erinnerungen an die Schlacht vor Schastel Awrosch hatte sie Formori kämpfen sehen. Es waren allerdings alle Erwachsene gewesen. Kinder kämpften nicht in Schlachten.
In Teeses Gedanken schlich sich das Bild von Flaumschnabel auf Magister Nabis Arm. Ein schwerverletztes Formori-Kind in einem blutbefleckten weißen Kleid. Wieder hatte es eine Schlacht vor Schastel Awrosch gegeben. Aber Flaumschnabel hatte doch wohl kaum dort gekämpft, oder?
‚Auf alle Fälle fühlt er sich anders an‘, durchschnitten Seths Worte Teeses Gedanken. Als sich ihre Blicke trafen, wurde ihr bewusst, dass er ihre Gedanken zu einem Teil hatte verfolgen können. Aber weder er noch Flaumschnabel gingen darauf weiter ein.
‚Es ist Rinnir und doch ist er anders‘, fasste Flaumschnabel zusammen.
‚Ihr meint, es ist etwas Schlimmes bei ihm zu Hause passiert?‘, wollte Teese wissen.
Wenn es so war, war es sicherlich nichts gewesen, worüber Rinnir mit ihnen sprechen wollte. Dinge die besonders schlimm und schrecklich waren, darüber sprach man nicht gerne. So viel wusste Teese auch ohne, dass ihr jemals in ihrem Leben etwas Derartiges zugestoßen war. Wenn man nicht darüber sprach, konnte man so tun, als sei es nie passiert.
‚Deswegen hat er mir nur so ausweichend auf meine Fragen geantwortet.‘ Teese fröstelte und sie presste ihre Nase tiefer in Flecks weiches Fell.
‚Wir sollten ihn nicht weiter danach fragen‘, sagte Seth.
Teeses Blick streifte erneut seinen. Seths Augen waren graublau und im Moment völlig ausdruckslos. Teese wurde bewusst, dass er eine Menge schlimmer und schrecklicher Dinge in seinem Leben erlebt hatte und wusste, wovon er gerade sprach.
‚Ich werde ihn nicht weiter fragen‘, stimmte Teese zu. Sie nahm sich vor, noch netter zu Rinnir zu sein, als sie ohnehin vorgehabt hatte. Und anscheinend war sie nicht die einzige, mit diesem Vorsatz.

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