Ein neuer Anfang (7/22)

Posted on Oktober 10, 2011

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Rinnir sah sie skeptisch von der Seite an. „Ist alles in Ordnung mit Dir?“
„Ja. Alles in Ordnung“, beeilte sich Teese zu sagen. „Ich habe nur mit Fleck geredet.“
„Okay.“ Rinnir wandte den Blick wieder über seine Schulter und sah Weltenei entgegen.
Inzwischen waren sie so nahe, dass man nicht nur die Mole erkennen konnte, sondern auch die Menschen, die sich dort befanden. Teese konnte eine Menge Studenten in den schwarzen Magierroben auf der gemauerten Kaimauer erkennen. Schärpen in den verschiedensten Farben verrieten, dass sie in ihrer Ausbildung unterschiedlich weit waren. Die Schärpen bildeten die einzigen Farbtupfer an der dunklen Kleidung der jungen Magier. Vermutlich waren die Studenten hier, um ihre Freunde abzuholen, die mit Teese und Rinnir zur Insel kamen.
Eine Reihe Seelentiere bevölkerte ebenfalls die Mole, die meisten und die auffälligsten waren die Drachen. Von ihnen gab es kleine und große in mannigfacher Ausprägung, so wie ihre Magier sie geformt hatten. Teese fiel ein kleiner violettgeschuppter löwenähnlicher Drachen ins Auge und ein Stück weiter ein schillernd grüner Lindwurm, der einer Schlange glich.
Ein gewaltiger roter Drache überragte sie aber alle und seine Anwesenheit verriet Teese, dass sein Magier ebenfalls an der Mole sein musste – Magister Elgin. Teese konnte ihn im Durcheinander der wartenden Studenten nicht ausmachen, aber sie war sich dennoch sicher, dass er dort war.
„Oh-a!“, kommentierte Rinnir, als sich einige der Drachen in die Luft erhoben und den Booten entgegenflogen. Eine Reihe Flügelpferde mischte sich unter sie. Es waren die Seelentiere, die ihren Magiern entgegenkommen konnten, während alle anderen am Ufer warten mussten.
Teese war überrascht von dem Schauspiel. Sie hatte Fleck sehr vermisst, aber gleichzeitig hatte sie nicht gedacht, dass andere ihr Seelentier ebenso vermissten und ihr jeweiliges Seelentier im Gegenzug sie. Sie waren anscheinend alle gekommen, um ihren Magiern so weit entgegen zu eilen wie möglich. Keiner, der fliegen konnte, schien warten zu wollen, bis die Boote anlegten.
‚Hättest Du das gewusst, hätte ich dann Flügel bekommen?‘, erkundigte sich Fleck in Teeses Kopf neckend.
Teese musste bei den Worten lachen. ‚Ich wollte eigentlich ein normal aussehendes Tier als Flügeltier. Ein Kaninchen mit Flügeln, was bitte wäre das für ein Tier?‘
‚Ein Wolpertinger.‘
‚Ein was?‘ Teese glaubte, das Wort schon einmal gehört zu haben, konnte sich im Augenblick aber nicht erinnern wo oder in welchem Zusammenhang.
‚Ein Kaninchen mit Flügeln, einem kleinen Geweih auf dem Kopf und Entenfüßen.‘
‚So etwas gibt es?‘ Teese war überrascht.
‚Nein.‘ Fleck lachte. ‚Nicht alles, was in der alten Welt zu den fantastischen Tieren gezählt wird, gibt es auch wirklich. Manches denken sich die Menschen auch einfach nur aus.‘
‚Schade.‘ Teese versuchte sich diesen Wolpertinger vorzustellen und musste schmunzeln. Sicher sähe das sehr lustig aus.
Das Boot drehte bei und legte an der Mole an. Teese kletterte eilig auf die Kaimauer und sah sich um.
‚Hier drüben.‘
Fleck zwängte sich zwischen ein paar Hosenbeinen hindurch und hoppelte auf Teese zu. Das Mädchen eilte ihrem Seelentier entgegen und hob das schwarz-weiße Kaninchen auf den Arm. Sie streichelte das flauschige Fell und presste ihre Nase zwischen die hängenden Ohren. Ein unsichtbares Gewicht fiel in diesem Moment von ihr ab. Jetzt war sie wirklich in der neuen Welt angekommen und hatte alles um sich, was sie in der alten Welt vermisst hatte. Oder fast alles.
„Teese. Hey, Teese.“
Fenn drängelte sich mit ausgefahrenen Ellenbogen durch die Menge der Wartenden. In seinem Rücken hielt sich Seth dicht hinter ihm. Der schmächtige kleine Junge war nicht der Stärkste unter ihnen und wäre wohl selbst mit dem Einsatz von Ellenbogen nicht weit gekommen. Allerdings schien er ein Stück gewachsen zu sein, wenn auch nicht annähernd so viel wie das Mädchen, das sich als dritte aus der Menge herausschälte. Ihr machten die Umstehenden allerdings von alleine Platz.
Als Teese sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie sogar noch kleiner gewesen als Seth. Jetzt überragte sie ihn locker um zwei Köpfe und war damit sogar größer als Teese, die bisher von den Kindern das größte in Magister Nabis Haus gewesen war.
Doch das war nicht der Grund, warum die Magier auf der Mole ihr Platz machten. Flaumschnabel war eine Formori und ihr Eulenkopf mit den glitzernden Augen und dem spitzen Schnabel mochten auf jemanden, der das Mädchen nicht kannte, ein wenig bedrohlich und unberechenbar wirken.
„Hallo Fenn“, begrüßte Teese den dunkelhäutigen Jungen, der sie als erste erreichte. „Hallo Seth. Hi Flaumschnabel.“

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