Ein neuer Anfang (6/22)

Posted on Oktober 7, 2011

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Teese hatte ihren Blick fest auf den Engel gerichtet. Sie fragte sich, wie sich dieser Engel von dem anderen in der alten Welt unterschied. Sie hatte jenen auf dem Inselberg in Frankreich nie genau genug sehen können, aber sie glaubte, dass er nur einen Arm gehoben hielt, während dieser hier zwei in den Himmel streckte. In jeder Hand hielt er ein Schwert. Roaths Waffen, wie Teese wusste. Ein Schwert mit dem Namen Magie, eines mit dem Namen Macht.
„Wunderschön.“
Rinnirs Stimme ließ Teese den Blick von dem Engel abwänden. Der Junge sah mit verträumten Blick Weltenei entgegen. Seine in Rennes noch so glatt gekämmten Haare waren inzwischen vom Wind leicht zerzaust. Seine Wangen glänzten rot vor Aufregung oder aufgrund des schneidenden Winds.
„Das hat Liina beim letzten Mal auch gesagt“, meinte Teese. „Weltenei sieht aus wie eine Burg aus einer Sage oder eher wie aus einem Märchen. Ein Zauberschloss.“
Rinnir musterte Teese prüfend. „Liina…“ Er zuckte mit den Schultern, eine Geste, die Teese nicht zu deuten vermochte.
„Sie wird genauso überrascht sein, dass Du wieder nach Weltenei kommst, wie ich es war, als Du mir geschrieben hast.“ Teese versuchte es mit einem Grinsen. „Und Fenn und Seth werden es sicher auch nicht glauben.“
Die Magiernamen kamen Teese völlig problemlos über die Lippen. Jetzt waren sie eindeutig unter sich. Kein Nichtmagier war in der Nähe. Teese unternahm einen neuen Versuch.
„Wir waren uns so sicher, dass Du nicht wiederkommen würdest. Du warst so … entschlossen.“
Rinnir verzichtete erneut auf eine erklärende Antwort. Er zuckte nur mit den Schultern, was etwas unbeholfen wirkte. Anscheinend wollte er sich nicht genauer erklären. Vielleicht war es ihm auch irgendwie peinlich, dass er sich jetzt doch für Weltenei entscheiden hatte, wo er doch im letzten Schuljahr so demonstrativ darauf hingewiesen hatten, dass er bestimmt nicht wieder zurückkehren würde.
„Freust Du Dich auch so auf Dein Seelentier?“, bemühte sich Teese, die Unterhaltung im Gang zu halten.
„Hm.“ Rinnir wandte den Blick wieder der Insel zu.
Sein Verhalten bestätigte Teeses Vermutung, dass er zu seinem Seelentier keine sonderlich enge Verbindung hatte, auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, wie dies sein konnte.
„Ich vermisse Fleck furchtbar“, gestand Teese dem Jungen. Doch er ging nicht weiter darauf ein.
Teese sah ebenfalls zur Insel. Sie hatten die neue Welt inzwischen erreicht. Teese hatte sich so sehr auf den Wechsel konzentriert, dass sie um ein Haar vergessen hatte, was das Beste daran war, zurückzukehren.
‚Fleck?‘, wollte sie besorgt und aufgeregt zugleich wissen.
‚Teese!‘
Die Stimme ihres Kaninchens hallte überlaut durch Teeses Gedanken, als habe es die Worte direkt in ihr Ohr gebrüllt. Es war seltsam die eigene Stimme in Flecks Tonfall zu hören, so als höre sie gleichzeitig sich selbst und doch jemand anderen.
‚Ich bin wieder da‘, verkündete sie überflüssiger Weise.
‚Ja‘, erwiderte Fleck amüsiert. ‚Aber ihr seid spät dran. Wir warten schon eine halbe Ewigkeit.‘
‚Wir?‘
‚Seth und Flaumschnabel‘, lachte Fleck. ‚Hast Du sie schon vergessen?‘ Es war natürlich eine scherzhafte rhetorische Frage. ‚Liina und Fenn sind auch bereits da. Und‘, Fleck schien zu zögern, ‚Yophus.‘
‚Yophus?‘ Teese war ein wenig irritiert. ‚Was heißt schon da? Meinst Du … bei uns?‘
Die kleine Araberin wohnte bei Magister Tyra. Weder mit Liina noch Fenn war sie zudem befreundet und Seth … nun, Teese wusste es natürlich nicht genau, aber sie konnte sich gut vorstellen, dass Seth sich von Yophus so weit fernhalten würde wie möglich.
Yophus war zwar nicht direkt dafür verantwortlich gewesen, dass Seth um ein Haar im Schwimmbecken ertrunken war, aber sie war dabei gewesen und sie vergötterte Timar, der derjenige gewesen war, der den Vorfall geplant hatte.
‚Ja, Seth ist gar nicht davon begeistert, dass sie bei uns eingezogen ist‘, erklärte Fleck, dem Teeses Gedanken nicht entgangen waren.
Teese schnappte entsetzt nach Luft. ‚Yophus ist … bei uns eingezogen?‘ Wie war das möglich?
‚Die Schüler werden jedes Jahr neu verteilt, wenn zu viele nicht nach Weltenei zurückkommen‘, offenbarte das Seelentier Teese. ‚Und nachdem bei uns ein Platz frei wird, weil Rinnir nicht zurückkommt…‘
‚Aber er kommt zurück‘, entfuhr es Teese, die Gedankenrede des Kaninchens heftig unterbrechend. ‚Er sitzt bei mir im Boot.‘
‚Oh.‘ Das eine Wort spiegelte so deutlich Flecks Überraschung wider, dass Teese leise lachen musste.

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