Ein neuer Anfang (5/22)

Posted on Oktober 3, 2011

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„Hey, wir sind gleich da, oder? Da ist die Insel.“
Sum hatte vom Kartenspiel aufgesehen und aus dem Busfenster geschaut. Sie hatten vor einer Weile die Autobahn verlassen und waren eine breite Küstenstraße entlang gefahren. Das Meer war dunkelgrau und wirkte an diesem eisigen Januar-Nachmittag stürmisch. Der Himmel war mit Wolken dicht behangen und die Sicht reichte nicht sehr weit. Dennoch hatte die Insel in einiger Entfernung entdeckt.
„Ja, ich sehe sie auch“, entfuhr es Teese und sie war unvermittelt aufgeregt.
Der Inselberg zeichnete sich durch den Dunst des Nachmittags wie ein graues Aquarell-Gemälde ab. Auf ihm thronte das Kloster, das in der alten Welt an derselben Stelle errichtet worden war wie Weltenei in der neuen Welt. Wobei es natürlich streng genommen nicht dieselbe Stelle war. Es war so etwas wie dieselbe Stelle an einem anderen Ort. So seltsam das auch klingen mochte.
„In zehn Minuten sind wir da“, schätzte Gry.
Zelet packte die Karten zusammen. Hibbelig zog sich Teese ihre Winterjacke wieder an. Rinnir starrte aus dem Fenster als würde er den Inselberg das erste Mal in seinem Leben sehen. Er wirkte auf Teese nachdenklich. Ob er seine Entscheidung bereute?
Der Bus verließ die breite Straße und fuhr auf eine schmälere. Er passierte ein kleines Dorf und hielt schließlich auf dem großen betonierten Parkplatz vor dem aufgeschütteten Wall, der die Insel mit dem Festland verband. Dieser Weg führte aber nur zum Inselberg in der alten Welt.
Zum Inselberg in der neuen Welt gelangte man lediglich mit einem Boot. Irgendwo zwischen dem Ufer und der Insel wechselte man von der alten in die neue Welt. Wie genau dies funktionierte, wusste Teese noch nicht. Sie wusste nur, dass man dafür wissen musste, dass es die andere Seite gab.
Teese kletterte im Nieselregen aus dem Bus und hielt nach den Ruderbooten Ausschau. Sie lagen jenseits der Straße an einer kleinen Anlegestelle. Ein gutes Dutzend Ruderer stand auf der Mole und unterhielt sich, während die Schüler ihr Gepäck aus dem Bus holten.
Die Koffer und Taschen wurden als erstes übergesetzt. Teese konnte sich nicht erinnern, wie das Gepäck beim letzten Mal nach Weltenei gekommen war. Man hatte ihnen gesagt, dass sie sich nicht um ihre Sachen kümmern müssten. Und als sie auf Weltenei angekommen waren, hatten ihre Sachen bereits im Pförtnerhaus in den Truhen gelegen und waren in erlaubte und nicht zugelassene Dinge sortiert gewesen.
Ob es dieses Mal auch so sein würde? Wenn, dann sortierte Rehan, der Pförtner, die Dinge sehr schnell, denn mehr als vielleicht eine halbe Stunde hatte er kaum Vorsprung. Die Ruderer kamen zügig zurück und die Schüler nahmen in den Booten Platz.
Gry hatte Sum am Ärmel gezogen und war mit ihr in eines der Boote geklettert. Teese überlegte nicht lange, sondern setzte sich zu Rinnir. Der Ruderer, der sie übersetzte, war eine wortkarge junge Frau in der weißen Robe der Bediensteten. Sie wirkte ziemlich nervös und Teese fragte sich, ob sie vielleicht neu zu den Ruderern gekommen war.
Sie hatte keine Ahnung, wie man ein Weltenei-Ruderer wurde. Sie wusste nur, dass wohl wenigstens ein Elternteil der Ruderer ein Magier sein musste. Liina hatte bei der letzten Überfahrt danach gefragt und erfahren, dass nur Magier-Nachwuchs erster Generation über die nötige Gabe verfügte, um zuverlässig zwischen den Welten zu wechseln. Normalen Menschen war dies nicht möglich. Es konnte zwar passieren, dass sich jemand in die neue Welt verirrte, aber dies geschah nur zufällig. Bewusst konnte kein Nichtmagier nach Weltenei gelangen. Für Magier schien es allerdings kein Problem zu sein.
„Warum nehmen wir nicht die Straße?“, wollte Rinnir wissen, nachdem sie knapp ein Drittel des Weges zurückgelegt hatten. Der Damm mit der Straße war zu ihrer Rechten noch gut zu erkennen.
„Naja, die Straße würde ja mitten im Meer enden“, überlegte Teese laut.
„Hm.“ Rinnir wirkte nachdenklich.
Teese seufzte. Am Bahnhof hatte Rinnir recht lebhaft gewirkt, doch während der Busfahrt war er ziemlich still geworden. Jetzt sah er verkniffen, wie es seine Art war, nach vorne zum Inselberg. Auch Teese wandte ihren Blick dorthin, um den Wechsel zwischen den Welten nicht zu verpassen. Sie hatte das Schauspiel inzwischen mehrmals erlebt, aber es hatte nichts an seiner Faszination verloren.
Zuerst sah man durch den Nieselregen nur den Inselberg in der alten Welt, sah die kleinen Häuser, die sich an den Berg schmiegten, die großen Mauern, hinter welchen sich wohl eine Straße nach oben zog, und die steinernen Gebäude des Klosters, allen voran jenes, auf dessen Dach sich in luftiger Höhe ein goldener Engel dem Himmel entgegen streckte.
Ihm galt Teeses ganze Aufmerksamkeit, als sich die Konturen der Insel in der alten Welt mit jener in der neuen Welt zu vermischen begannen, als habe man eine bemalte Folie über ein Foto geschoben. Beide Inseln waren zu sehen, eine die transparent wurde und verschwand, eine die sich immer deutlicher abzeichnete und schließlich alleine übrig blieb.
Gleich war beiden Inseln ihr grober Aufbau mit den Häusern und steinernen Gebäuden, die weit oben auf der Insel standen. In ihren Fenstern spiegelte sich die Sonne als der Nieselriegen verschwand und in der alten Welt zurückblieb. Auch die Dächer der Gebäude strahlten im Sonnenschein und erinnerten Teese an ein Kristallschloss aus einem Märchen.
Der Magieturm zeichnete sich in einem wolkenlosen Himmel ab, auf seiner Spitze der goldene Engel. Ro hatte Teese erzählt, er sei dem namenlosen Dekan nachempfunden worden, trage seine Gesichtszüge. In seinem Hochmut, so hatte er Teese gesagt, habe er sich selbst als Engel abgebildet. Da war Teese noch nicht bewusst gewesen, dass Ro von sich selbst gesprochen hatte, dass er dieser Dekan gewesen war, derjenige, den die Magier aus ihrer Geschichte verbannt hatten und dessen Name ausgelöscht worden war für das, was er getan hatte.

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