Ein neuer Anfang (4/22)

Posted on September 30, 2011

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„Seltsam“, murmelte Sum. Dann sah sie Teese an. „Naja. Und? Freust Du Dich, dass er wieder kommt?“
Unvermittelt konnte Teese ein breites Grinsen nicht unterdrücken. „Ja. Und wie.“
Teese wunderte sich darüber ein klein wenig, wenn sie ehrlich sein wollte. Nicht, dass sie Rinnir nicht gemocht hätte – aber dennoch. Er war zwar einer ihrer ersten Freunde auf Weltenei gewesen, aber ihr Verhältnis hatte sich recht abgekühlt im Verlauf des Halbjahres. Und als sie sich auf dem Parkplatz zu Beginn der Ferien alle von ihm verabschiedet hatten, hatte Teese es als recht förmlich empfunden.
Dennoch freute sie sich, dass er wiederkam. Vielleicht das lag daran, dass Rinnir sich darüber zu freuen. Teese hatte es immer irgendwie bedrückt, dass er sich den Winter über abgesondert hatte, den anderen fast schon misstraut hatte und alles Magische mit gerümpfter Nase betrachtet hatte. Sie hatte sich so sehr die ersten Tage herbeigewünscht, in welchen sie alle – Rinnir, Liina, Fenn, Seth und sie selbst – Freunde gewesen waren, Kinder, die alle bei der selben Magister lebten und zusammen ihre Freizeit verbrachten.
Jetzt hatte sich dieser Wunsch auf recht unerwartete Weise erfüllt und Teese konnte es gar nicht erwarten, Rinnir wieder zu sehen. Sie sah an Sum vorbei aus dem Fenster des Busses und hielt Ausschau nach dem Jungen.
Sie wusste, dass zwar auch in Nantes und Quimper Schüler abgeholt werden würden, aber ihr Vater hatte gesagt, dass sie über Rennes fahren würde, weil sie aus einem europäischen Land und dieses Mal mit dem Zug anreiste. Wenn Rinnir nicht mit dem Flugzeug kam, würde er sicher auch hier in Rennes in den Bus einsteigen. Immerhin kam er aus Groß-Britannien und das gehörte doch zu Europa, auch wenn es eine Insel war.
„Da ist er“, brachte Teese aufgeregt hervor, als ein Junge von mittelgroßer Statur und mit dunkelblonden kurzen Haaren seinen Koffer in Richtung des Busses schleppte.
Teese sprang auf und drängelte sich durch den Gang. Sum sauste ihr hinterher. Teese fiel um ein Haar die Stufen an der Tür des Busses herunter, so eilig hatte sie es.
Im ersten Moment hatte sie ihn überhaupt nicht wiedererkannt. Rinnirs kinnlange dunkelblonde Haare waren kurz geschnitten und zu einem ordentlichen Seitenscheitel gekämmt. Und anstatt Jeans und knallbuntem Anorak wie bei der Heimreise trug Rinnir eine adrette Cordhose und ein hellblaues Hemd, das unter der leicht geöffneten dunklen Winterjacke zu sehen war. Ein grünblau geringelter Wollschal war um seinen Hals geschlungen und seine Enden über der Brust ordentlich übereinander gelegt.
„Daniel“, rief Teese und rettete sich mit einem Sprung die letzte Stufe hinunter aus dem Bus.
Rinnir hielt kurz inne und sah zu Teese hinüber. Dann winkte er mit einem zaghaften Grinsen.
„Sophie, warte.“ Sum hechtete Teese hinterher.
Die Mädchen rannten die paar Schritte, die sie von Rinnir trennten und kamen vor ihm zum Stehen. Der Junge hatte seinen Koffer abgestellt und sah ihnen entgegen.
„Hallo Sophie“, begrüßte er Teese, als sie ihn erreicht hatte. Er sah Sum etwas unschlüssig an. Vermutlich war er sich nicht sicher, wie er auf die unerwartet stürmische Begrüßung der Mädchen zu reagieren hatte. „Hallo … Maude.“
„Hi Daniel“, erwiderte Sum.
„Toll, dass Du doch wiedergekommen bist“, brach es aus Teese hervor. „Ich hätte nicht gedacht, dass Du es Dir anders überlegen würdest.“
„Naja“, sagte Rinnir etwas verlegen. „Der denkende Mensch ändert seine Meinung nun einmal. Ich habe nachgedacht und mich halt entschieden, die Nachprüfung abzulegen und da ich sie wohl bestanden habe…“
Teese lachte. Sie waren wieder unter Nichtmagiern und Rinnirs Worte wandelten sich unvermittelt in vollkommen unmagische Sachverhalte. „Bringen wir Deinen Koffer weg und gehen rein“, schlug sie vor.
„Gute Idee.“ Rinnir griff sich seinen Koffer und schleppte ihn zum Bus.
Die beiden Mädchen folgten ihm stehenden Fußes. Magister Jerv sah ihnen etwas irritiert entgegen und blickte dann auf ihre Liste.
„Du heißt Daniel, oder?“, wollte sie wissen.
Rinnir nickte zögerlich. „Ja.“
Magister Jerv schüttelte den Kopf und strich energisch etwas durch. „Keine Ahnung, wer das getippt hat“, murmelte sie. Dann schmunzelte sie unvermittelt. „Auf alle Fälle schön, dass Du wieder da bist. Wir haben auch nur noch auf Dich gewartet. Rein mit dem Koffer.“
Rinnir gab dem Busfahrer seinen Koffer, der das Gepäckstück verlud und dann die Seitenklappen des Gepäckfachs mit einem lauten Knall zuschlug.
„Einsteigen, die Herrschaften“, rief Magister Jerv über den Vorplatz. Ein paar ältere Schüler hatten hinten am Bus gestanden und – wie Teese jetzt erst sehen konnte – geraucht. Sie verzog angeekelt die Nase und folgte Sum und Rinnir in den Bus.
Die Mädchen setzten sich wieder auf ihre Plätze und Rinnir in die Reihe dahinter. Magister Jerv zählte noch einmal alle durch. Dann fuhr der Bus los.
Teese kniete auf ihrem Sitz, um nach hinten gewandt mit Rinnir reden zu können, während sie durch Rennes fuhren. Sie platzte vor Neugier, warum Rinnir es sich anders überlegt hatte und nach Weltenei zurückkommen würde.
Doch Rinnir wich ihren Fragen aus und Teese konnte auch nicht nach seinem Seelentier fragen oder überhaupt über Magie sprechen. Wie sie bereits draußen vermutet hatte, war der Busfahrer kein Magier und in seiner Gegenwart waren Gespräche über Weltenei nur als Gespräche über ein französisches Elite-Internat möglich.
Schließlich gab Teese es auf und unterhielt sich mit Sum über ihre neuen Dinosaurierbücher. Sum interessierte sich ebenfalls für Dinosaurier und hatte ein „Was ist Was“-Buch zu Weihnachten bekommen, das sich mit Fossilien beschäftigte. Die Mädchen blätterten eine Weile zusammen darin herum, bis sich Zelet zu ihnen gesellte und wissen wollte, ob sie nicht mit ihm und Gry eine Runde Tarock spielen wollten.
Teese hatte ihre Freunde in Magister Nabis Haus bereits mit den bunt bemalten Karten spielen sehen, kannte aber die Regeln nicht. Sie und Rinnir sahen daher nur zu, während Sum mit Gry und Zelet spielte.
Dabei lernte Teese nicht nur die Grundregeln des Tarock-Spiels, sondern erfuhr auch dass Zelet, den sie im letzten Halbjahr für einen kleinen Inder gehalten hatte, aus London kam und somit Engländer war. Er und Rinnir glichen ab, wieweit sie voneinander entfernt wohnten und stellten fest, dass es nur wenige Autostunden waren.
Gry, die Alleskönner-Magierin aus Teeses Arbeitsgruppe bei Selm, war Italienerin und erzählte von dem Landhaus ihrer Eltern bei Florenz. Dort züchtete ihre Familie eine besondere Pferderasse, die inzwischen fast ausgestorben war. Gry war davon selbst überaus fasziniert und redete ohne Punkt und Komma von den Besonderheiten der Pferderasse und den Eigenarten der verschiedenen Tiere, von Dingen, die ihr während des Ausreitens passiert waren und andere Reiteranekdoten, die Teese aber nur mäßig interessierten.
Teese fand Pferde sehr schöne Tiere, aber bevor sie auf Weltenei auf einem der Flügelpferde geritten – oder genauer gesagt geflogen – war, hatte sie noch nie auf dem Rücken eines Pferdes gesessen. Und die Flüge auf den fliegenden Pferden hatten bei ihr nicht wirklich Begeisterung fürs Reiten geweckt.
Vielleicht war es ein nettes Hobby, wenn man nur anderthalb Meter über dem Boden auf einem Pferd saß. Wenn es in schwindelerregenden Höhen flog, sah das für Teese ganz anders aus. Sie hatte keine Höhenangst, aber es war kein angenehmes Gefühl, so weit oben in der Luft zu sein und das auf dem Rücken eines Tieres, das so seine Launen haben konnte. Sie befürchtete, dass sie weder mit Flügel- noch mit sonstigen Pferden jemals wirklich warm werden würde. Und Grys Ausführungen würden daran nichts ändern, egal wie begeistert sie klang.

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