Ein neuer Anfang (3/22)

Posted on September 26, 2011

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„Teese!“ Sum winkte fröhlich, als sie das Mädchen entdeckte. „Hier, ich habe Dir was frei gehalten.“
Teese lief eilig durch den Gang und quetschte sich an einem älteren Jungen vorbei, der im Gang stand und vor zwei Mädchen damit prahlte, dass er im Winter in den Blue Mountains Skifahren gewesen war.
„Hallo Sum“, grinste Teese und ließ sich auf den freigehaltenen Platz fallen.
Ein merkwürdig fröhliches Gefühl machte sich in ihr breit. Sum hatte ihren Magiernamen gerufen und sie hatte das blonde Mädchen mit der Igelfrisur im Gegenzug ebenfalls bei ihrem magischen Namen nennen können. Das hieß, sie waren hier unter sich. Kein Nichtmagier hörte ihnen zu und Teese fühlte sich unvermittelt unter Freunden.
Teese schälte sich aus ihrem Anorak, denn im Bus war es angenehm warm. „Wie waren Deine Ferien?“, wollte sie wissen.
„Gut“, erwiderte Sum etwas einsilbig. Sie zögerte kurz und fügte dann hinzu. „Ich habe Weihnachten zu Hause verbracht und nichts sonderlich Spektakuläres gemacht. Warst Du im Urlaub?“
„Ja, mit meinen Eltern und meiner Schwester“, begann Teese zu erzählen. „Wir waren Skifahren in den französischen Alpen. Weihnachten war ich aber auch zu Hause. Was hast Du geschenkt bekommen?“
„Einen Globus und ein paar Bücher. Und Du?“
„Einen neuen Walkman und auch Bücher. Dinosaurierbücher. Ich habe sie mitgenommen, um sie mit den Drachenbüchern bei uns zu vergleichen. Ich finde nämlich, Nanu sieht ein bisschen aus wie ein Diplodokus.“
Die Dinosaurierbücher unter dem Weihnachtsbaum hatten Teese ganz gewaltig gefreut, mehr noch als ihr neuer Walkman. Das hatte ihre Eltern sichtlich überrascht, denn einen neuen Walkman hatte sich Teese bereits seit zwei Weihnachten gewünscht.
Allerdings hatte sich Teeses Leben seitdem sehr verändert. Auf Weltenei waren elektronische Dinge für die Kandidaten in ihrem ersten Halbjahr als nicht zugelassen klassifiziert gewesen, ebenso wie persönliche Erinnerungsstücke an ihr altes Leben. Letzteres war zwar in diesem Halbjahr wieder erlaubt, aber Teese wusste nicht, ob das auch für technische Geräte galt. Sie hatte nie jemanden mit einem Walkman gesehen oder mit einer digitalen Armbanduhr, welche unter ihren Freunden zu Hause jetzt der letzte Schrei war.
Teese fragte sich, ob solche Dinge auf Weltenei einfach nur verboten waren, nicht funktionierten oder ob einfach niemand Bedarf dafür hatte. Sie hatte jedenfalls im letzten Halbjahr genug andere Beschäftigungsmöglichkeiten gehabt und glaubte, auch dieses Mal ohne einen Walkman auszukommen.
„Hast Du etwas von den anderen gehört?“, fuhr Teese fort und setzte sich seitlich, so dass sie zu Sum blickte und doch gleichzeitig an ihr vorbei aus dem Fenster sehen konnte. Über den Bahnhofsvorplatz eilten Menschen in dunkler Winterkleidung. Die meisten hatten es sehr eilig und sahen verbissen auf das schwarze Kopfsteinpflaster.
„Yophus hat mir eine Weihnachtskarte geschrieben“, sagte Sum. „Und Du? Hast Du Post von Liina oder Fenn bekommen? Seth ist auf Weltenei geblieben, oder?“
„Ja, ist er.“ Teese konnte die Neugier in Sums Worten heraushören. Aber sie fand es nicht richtig, von Seths Mutter zu erzählen und dem Leben, das er vor Weltenei gelebt hatte. Wenn Seth wollte, dass Sum es erfahren würde, würde er es ihr selbst erzählen können.
„Er passt auf Nanu auf“, setzte Teese daher nur hinzu. „Und von Liina und Fenn habe ich nichts gehört. Aber dafür von Rinnir.“
„Oh.“ Sum war ehrlich erstaunt.
„Er hat mir einen Brief geschrieben.“ Teese griff nach ihrer Jacke, die sie hinter sich gestopft hatte. Aus der linken Seitentasche zog sie einen gefalteten Briefumschlag hervor und reichte ihn Sum. „Lies selbst!“
Sum griff nach dem Umschlag, faltete ihn auf und fingerte die eine Seite beschriebenes Papier heraus, die in ihm steckte. Dem Papier war deutlich anzusehen, dass Teese das Blatt mehrfach aufgefaltet, gelesen und wieder weggesteckt hatte.
Neugierig begann Sum zu lesen. Teese sah ihr dabei zu, gespannt auf ihre Reaktion. Ihre eigene hatte sie noch sehr lebhaft in Erinnerung. Sie war mehr als erstaunt gewesen, als sie diese Zeilen zu Hause gelesen hatte:

Hallo Teese,

ich werde doch wieder nach Weltenei zurück kommen. Ich habe mich entschieden, ein paar Dinge anders zu machen. Ich würde mich freuen, wenn wir immer noch Freunde sein könnten. Ich könnte sicher ein wenig Hilfe gebrauchen. Ich habe mir im letzten Halbjahr nicht sehr viel Mühe gegeben, die magischen Grundlagen zu lernen und den Rest habe ich so gut wie vergessen. Ich hoffe, Du und Liina helft mir da ein wenig aus. Ich freue mich schon darauf, Euch alle wieder zu sehen.

Bis dann,
Rinnir

Sum starrte ungläubig auf die Zeilen. „Er … kommt doch wieder?“ Das Erstaunen in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
Teese nickte mit einem Grinsen. Sie war genauso überrascht gewesen wie Sum es nun war. Rinnir war so entschlossen gewesen, auf keinen Fall nach Weltenei zurück zu kehren. Was wohl der Grund für seine Entscheidung gewesen war? Teese hatte den Brief noch am Briefkasten zwei weitere Male gelesen, hatte aber keine Erklärung in Rinnirs Worten ausmachen können.
Sie hätte zu gerne gleich mit jemandem darüber geredet, aber zu Hause war das leider nicht möglich gewesen. Teeses Mutter hatte den Brief ebenfalls gelesen und für sie hatte dort gestanden, dass Daniel (dies war der Name auf dem Absender und in den Augen von Teeses Mutter auch der Name, mit dem der Brief unterschrieben gewesen war) eine Nachprüfung abgelegt hatte und nun doch zum nächsten Schuljahr zugelassen war.
„Das hätte ich nicht gedacht.“ Sum reichte Teese den Brief zurück. „Wieso er wohl seine Meinung geändert hat?“
Auch Sum erschien der plötzliche Sinneswandel Rinnirs also unerwartet.
Teese zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Er hatte so fest entschlossen gewirkt, dass er auf keinen Fall wiederkommen wollte.“
„Vielleicht vermisst er sein Seelentier“, spekulierte Sum.
„Ich weiß nicht“, meinte Teese. „Eigentlich hat sich Rinnir mit seiner Schildkröte nicht allzu viel Mühe gegeben. Ich hatte nicht den Eindruck, sie würden sich überhaupt irgendwie nahestehen.“

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