Ein neuer Anfang (2/22)

Posted on September 23, 2011

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Sophies Herz schlug schneller, als sie den Bus entdeckte, der vor dem Bahnhof von Rennes parkte. Es war ein blauer Reisebus, hinter dessen Frontscheibe ein Pappschild steckte, welches das Emblem eines französischen Elite-Internats trug, der Schule, die Weltenei in der alten Welt zu sein vorgab.
In Großbuchstaben stand darunter zu lesen, dass es sich um einen Schulbus zu eben jenem Internat handele. Eine Horde Kinder und Jugendlicher, welche in kleinen Gruppen vor dem Bus stand und in seinem Inneren saß, unterstrichen die Aussage des Schildes.
Ein Mann mit einer Zigarette im verkniffenen Mundwinkel hievte gerade den Koffer eines älteren Schülers in das Gepäckfach an der Seite des Busses. Sophie kannte weder den Mann, der wohl nur der Fahrer und somit kein Magier war, als den Schüler, dessen Koffer gerade eingeladen wurde. Allerdings wunderte sie dies wenig. Weltenei hatte viele Studenten unterschiedlichen Alters und sie kannte noch nicht einmal alle Schüler aus ihrem Jahrgang mit Namen.
Während Sophie ihren Koffer zum Bus trug, hielt sie nach bekannten Gesichtern Ausschau. Sie wusste, dass es mehrere Möglichkeiten gab, zum Inselberg zu gelangen und Schüler nicht nur in Rennes sondern auch in Nantes und Quimper abgeholt wurden und zwar zu unterschiedlichen Tageszeiten. Sie hatte keine Ahnung, ob Liina und Fenn mit ihrem Bus fahren würden, aber auf den ersten Blick konnte sie weder die kleine pummelige Chinesin noch den immer grinsenden Jungen aus Zaire entdecken.
Dafür konnte Sophie Magister Jerv ausmachen, welche in einem dicken violetten Anorak einen ungewohnten Anblick bot. Auf Weltenei trugen die Magister wie die übrigen Magier nur dünne schwarze Stoffroben, welche gegen Kälte und Hitze zugleich schützen. Hier in der alten Welt hingegen half solch magische Kleidung wenig und Sophie bekam die Lehrerin für Schwimmen in ungewohnter moderner Kleidung der alten Welt zu Gesicht.
Trotz ihres dicken Anoraks, eines grünen Schals und einer knallgelben Wollmütze sah die stämmige Magister durchgefroren aus. Ihre dunkle Haut wirkte ein wenig grau, als hätte die Kälte ihre Hautfarbe mit Raureif überzogen.
„Guten Tag, Sophie“, grüßte Magister Jerv, als das Mädchen mit seinem Koffer herangekommen war. Sie hatte ein Klemmbrett im Arm und hakte Sophies Namen auf einer Liste ab.
„Guten Tag, Madame Maggerleede“, erwiderte Sophie den Gruße und kniff die Lippen zusammen, um nicht lachen zu müssen.
Bis zu diesem Moment hatte sie keine Ahnung gehabt, wie Magister Jervs unmagischer Name lautete, der Name den ihr ihre Eltern nach ihrer Geburt in der alten Welt gegeben hatten. Bisher war die stämmige Frau mit den wulstigen Lippen, kräftigen Augenbrauen und dem dichten Kraushaar für Sophie immer Magister Jerv gewesen.
Doch hier in der alten Welt, vor den Ohren von Nichtmagiern, bogen sich Sophies Worte automatisch in ihr nichtmagisches Gegenstück um. Namen, selbst wenn man sie eigentlich nicht wusste, kamen von alleine aus dem Mund. Und wollte man von Magie sprechen, sprach man von anderen Dingen.
Sophie kannte dieses Phänomen nach drei Wochen Weihnachtsferien bereits zu genüge. Sie hatte ihren Eltern von ihren Freunden erzählt oder zu erzählen versucht. Doch anstatt zu erzählen, dass Liina eine Schriftmagierin war, Fenn von Magister Pim eine Belobigung für seine Leistung im Messerkampf bekommen hatte und Seth während der Ferien nach ihrem Drachen Nanu schauen würde, hatte Sophie erzählt, dass ihre Freundin Yuping großartige Gedichte schrieb, Nuru beim Sportfest eine Ehrenurkunde bekommen hätte und Stanislav sich um den zahmen Biber kümmerte, den Sophie bei einem Ausflug ans Festland verletzt gefunden und adoptiert hatte.
Somit wunderte Sophie es nur wenig, dass sie Magister Jerv als Madame Maggerleede ansprach, auch wenn der Name in ihren Ohren extrem komisch klang und sie sich fragte, woher die Magister wohl ursprünglich stammte. Sie war zwar dunkelhäutig, aber Sophie war sich sicher, dass sie keine Afrikanerin war.
„Sind schon andere von meinem Jahrgang da?“, erkundigte sich Sophie, während der Fahrer ihren Koffer einlud.
Magister Jerv sah kurz auf ihre Liste. „Ja, Maude ist bereits angekommen. Sie sitzt schon im Bus.“
Die Magister sah kurz prüfend zu Sophie, die verstehend nickte. Maude, das war Sum, ein blondes Mädchen aus Luxemburg, mit dem sie bereits bei der letzten Anreise zusammen im Bus gesessen hatte. Sum war eine Elementmagierin und Magister Pims Musterschülerin. Praktisch das genaue Gegenstück zu Sophie, welche ein hoffnungsloser Fall in Waffenführung war.
„Prima. Dann schaue ich, ob sie mir einen Platz freigehalten hat.“
„Bestimmt. Sie hat nämlich nach Dir gefragt.“
Sophie strahlte ehrlich erfreut. Sie mochte Sum und hatte es nicht glauben wollen, als sie im letzten Halbjahr erfahren hatte, dass das Mädchen mit ihrer Magie um ein Haar Seth im Schwimmbecken am Fuß der Insel hatte ertrinken lassen. Als Teese erfahren hatte, dass es ein Unfall gewesen war und Sum nicht bemerkt hatte, was geschehen war, war sie sehr erleichtert gewesen.
Sophie kletterte in den Bus und lief langsam durch den Mittelgang. Einige Schüler saßen dort bereits und plauderten lachend miteinander. Nach den Ferien gab es viel zu berichten und die Stimmung war erstaunlich ausgelassen dafür, dass sie eigentlich an eine Schule fuhren.
Allerdings hatte jeder von ihnen in der neuen Welt auch etwas zurückgelassen, zu dem zurückzukehren es sich nicht nur lohnte, sondern zu dem es jeden Magier richtiggehend zog: das eigenes Seelentier, die magische Hälfte eines jeden von ihnen. In Sophies Fall war es ein schwarz-weißes Kaninchen mit dem Namen Fleck.
Sophie hatte zwar ein paar Mal in ihren Träumen mit Fleck gesprochen. Aber dennoch vermisste sie die körperliche Nähe ihres Seelentieres nach den drei Wochen Ferien mit einem fast spürbaren Trennungsschmerz.

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