Ein neuer Anfang (1/22)

Posted on September 19, 2011

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Sophie hatte nie gewusst, wie schön ihre Heimat war. Hätte sie sich aussuchen können, wo sie leben würde, hätte sie sich gewünscht, am Meer zu wohnen. Ein Haus direkt hinter einem Deich auf dem Schafe grasten, ein langer weißer Sandstrand direkt dahinter. Ein Zimmer, in dem man in einer lauen Sommernacht das Rauschen des Meeres durch das offene Fenster hören konnte, während man im Bett lag und am einschlafen war. Eine ebene Landschaft zum Radfahren und Laufen ohne lästige Hügel und kleine Berge.
Sophie lebte allerdings in einer Gegend, die man gemeinhin als Mittelgebirge bezeichnete, in einer kleinen Stadt mit einer Grundschule, zwei Kirchen (einer katholischen und einer evangelischen), einem Rathaus und einem Kino. Die kleine Stadt lag in einem Tal und an dessen Hängen.
Sophie wohnte auf dem einen Hang, ihre Schule war auf der anderen Seite auf dem anderen, ebenso wie das Kino, das Schwimmbad und der Sportplatz. Egal, ob sie zur Schule ging, mit ihren Freunden zum Schwimmbad oder zum Training ihres Sportvereins, immer musste sie auf dem Weg erst nach unten ins Tal und dann nach oben zu ihrem Ziel. Und auf dem Heimweg war es genauso. Erst nach unten, dann nach oben. Vor allem im Sommer machte das einfach keinen Spaß.
Sie konnte nicht verstehen, was andere Menschen an dieser Landschaft fanden. Und was so bezaubernd sein sollte, an dem Wald, welcher die Stadt umschloss und direkt hinter Sophies Haus ansetzte. Ein Wald mit Wegen die ständig bergauf und bergab führten und welche die sonntäglichen Familienausflüge mit dem Rad oder zu Fuß mehr zu einer zusätzlichen Trainingsstunde machten, als zu einem lustigen Ausflug.
Doch nachdem Sophie nun ein halbes Jahr auf Weltenei verbracht hatte, begann sie ihre Heimat mit anderen Augen zu sehen. Weltenei war ein Inselberg, umgeben von einem oft stürmischen Meer. Auf der Insel gab es keine Bäume und es war windig. Das Meer isolierte Weltenei zudem vom Festland. Man konnte zwar weit über das Meer sehen und weit über Thorhafen am anderen Ufer, aber Sophie war nur einmal dort gewesen. Weltenei war ein abgeschotteter Ort, an dem man nirgendwo wirklich alleine war und nirgendwo die Weite der Natur um sich hatte, obwohl man sie doch beständig sehen konnte.
Wie anders war da der Wald hinter ihrem Haus. Unzählige Wege gab es dort, die Geräusche des Waldes und kaum Menschen. Man konnte eine Stunde durch den Wald laufen, ohne mehr zu sehen als zwei Rehe, einen Fuchs und ein paar Vögel. Man konnte diesen Weg wählen oder einen anderen und war doch alleine mit sich und seinen Gedanken. War es da wirklich so schlimm, dass die Wege bergauf und bergab führten? Sophie war doch eine gute Läuferin und eigentlich machten ihr die Hügel wenig aus.
Während der Tage zu Hause und den vielen Spaziergängen im Schnee und durch den verschneiten Wald, hatte Sophie zu verstehen begonnen, dass sie nur an einem anderen Ort hatte leben wollen, weil sie es sich interessanter vorgestellt hatte. Weil sie diese Bäume und diese Hügel seit ihrer Kindheit kannte und als unspektakulär, ja sogar lästig empfunden hatte.
Aber nachdem Sophie nun einmal längere Zeit fort gewesen war, begann sie zu verstehen, dass Orte ohne Berge und ohne Bäume nicht besser oder schöner waren, sondern nur anders. Das hier war ihre Heimat und es fühlte sich fast sehnsuchtsvoll an, wenn sie nun den Berg hinauf stapfte zum Haus ihrer Freundin oder mit ihrem Vater morgens im Wald eine Runde lief.
Auch das hatte Sophie so banal und alltäglich empfunden, dass sie es erst seit diesem Winter zu schätzen wusste. Sie war nur für wenige Tage zurück zu Hause und sie hatte entschieden, diese Zeit zu genießen. Nur allzu bald würden ihre Weihnachtsferien zu Ende sein und sie würde wieder zurück nach Weltenei fahren und in eine andere Welt.
Diese andere Welt war eine Welt voller Magie, in welcher Sophie Zauber anwenden konnte, Bewegungen die sie als magische Handlung tätigte auf andere übertrug. In der anderen Welt, der neuen Welt, konnte sie Dinge zum Schweben bringen, das Meer zurückweichen lassen und ihre Zimmerwand anmalen, indem sie nur mit einem Farbstift auf dem Bett liegend lässig durch die Luft fuhr.
Sophie mochte ihr magisches Talent und sie hatte sich bereits an ihrem ersten Tag auf Weltenei in den Inselberg verliebt. Sie könnte stundenlang zusehen, wie die Drachen über den Himmel zogen und die Flügelpferde zwischen ihnen hindurch segelten, Magier auf ihren Rücken tragend.
Dennoch war Weltenei für sie kein schönerer oder faszinierenderer Ort. Es war lediglich ein anderer. Und das hatte Sophie erst in ihren Weihnachtsferien verstanden und begonnen ihren Wald, ihr Haus, ihre kleine Stadt und ihren Alltag mit all ihren Freunden und Verwandten zu schätzen zu wissen.
Sie wusste, dass sie in dieser Welt nur noch ein paar Tage bleiben würde und dann für das zweite Halbjahr nach Weltenei zurückkehren, zum Inselberg der Magier, auf welchem sie nun Studentin war. Deshalb genoss sie jeden Tag zu Hause mit ihrer Familie und war begeistert über jede Minute, die sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester verbringen konnte, selbst wenn es bedeutete das Wohnzimmer zu saugen, bei der Wäsche zu helfen oder Schnee zu schippen.
Allerdings konnte sich Sophie dennoch gleichzeitig nicht den Gedanken verkneifen, wie angenehm Schneeschippen mit ihren Fähigkeiten aus der neuen Welt sein würde. Sie könnte gemütlich an der Gartentür stehen und mit der Schaufel leichte Luft schippen, während der Schnee wie durch Zauberhand zur Seite befördert würde. Doch genau das konnte Sophie leider nicht tun. Ihre magischen Fähigkeiten existierten in dieser Welt nicht, genauso wenig wie Magie selbst.
Sophie streckte sich und lehnte die Schaufel an den gusseisernen Gartenzaum. Ein Stück neben ihr schob ihr Vater kraftvoll die Stellfläche für ihr Auto frei. Sophie sah ihm kurz zu und streifte dann ihre Handschuhe ab. Suchend durchforstete sie die Tasche ihres Anoraks und angelte den Briefkastenschlüssel hervor.
Sophie hatte nicht mitbekommen, wann die Post heute früh gekommen war, aber alle Pfosten des Zauns trugen kleine weiße Schneehäubchen während der Briefkasten schneefrei war und mehrere deutlich sichtbare Fußstapften im Neuschnee zu ihm führten. Jemand musste also Post eingeworfen haben.
Sophie schloss den Briefkasten auf und mehrere Prospekte fielen ihr entgegen. Ein schlichter weißer Brief segelte in den Schnee, bevor Sophie nach ihm greifen konnte. Eilig bückte sie sich und fischte ihn aus dem feuchten Schnee.
Der Brief war an sie adressiert. Sophie blickte einen Augenblick ungläubig auf den Absender. Der Brief kam aus Groß-Britannien. Rinnir hatte ihn geschickt. Sophie hatte es auf einmal sehr eilig, den Umschlag aufzureißen und noch im verschneiten Garten in der Kälte dieses Januar-Tages zu lesen, was er ihr schrieb.

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