Entscheidung für die neue Welt (6/6)

Posted on August 29, 2011

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Epilog: Draußen war es dunkel als Keelut erwachte. Er brauchte einen Augenblick, bis ihm bewusst wurde, wo er war und dass die Dunkelheit ihm nicht verriet, wie spät es war. Auf Weltenei war der Tag immer klar geteilt in dunkle Nächte und helle Tage, selbst jetzt im Dezember. Hier hingegen würde die Sonne erst Ende Januar wieder aufgehen und selbst dann würde sie nur für wenige Stunden einen Tag hervorbringen, der diesen Namen auch verdiente.
Keelut lauschte auf die Stille im Haus und versuchte auszumachen, was ihn geweckt hatte. Er hatte den Wecker auf sechs Uhr morgens gestellt, um nicht zu spät zum Flugzeug zu kommen. Aber geklingelt hatte der Wecker noch nicht. Das Haus war still, nur draußen fegte der Wind um die dunkelgrünen Wände des kleinen Gebäudes, das seiner Familie zugeteilt worden war und das Keelut als sein zu Hause bezeichnete.
Der Junge schlug die Decke zurück und setzte sich auf. Nicht einmal die Hunde waren zu hören. Ob sein Vater sie mitgenommen hatte? Er hatte früh aus dem Haus gehen wollen. Warum, das hatte er Keelut nicht gesagt und der Junge hatte auch nicht gefragt.
Sie hatten gestern eine seltsame Unterhaltung geführt. Vielleicht hatten sie sich gestritten. Keelut war sich da nicht ganz sicher. Aber er hatte lieber darauf verzichtet, irgendwelche Fragen nach den Angelegenheiten seines Vaters zu stellen. Sein Vater hatte nie gezögert, einen seiner Söhne zu schlagen, wenn sie sich gestritten hatten.
Körperliche Gewalt war hier nichts ungewöhnliches. Väter schlugen ihre Kinder. Ehemänner schlugen ihre Frauen. Sie konnten im Grunde froh sein, wenn sie sie nur schlugen. In jedem Haus gab es mehrere Schusswaffen, denn jeder Jäger besaß mindestens ein Gewehr. Es war ein Überbleibsel aus der Zeit, als die Jagd noch zum Alltag gehört hatte. Heute war die Jagd auf fast alle Tiere inzwischen verboten war.
Die Robbenjagd war bereits lange verboten worden bevor Keelut geboren worden war und er kannte die Jagd auf die Robben daher nur noch aus Erzählungen der Älteren. Dennoch besaß auch er ein Gewehr und konnte damit schießen. Nur weil etwas verboten war, hieß das nicht, dass man mit der Tradition derart brechen musste, dass man einem Sohn keine Waffe überließ, wenn er alt genug war. So sahen es hier alle. Keelut fand allerdings, dass das ein ziemlich erbärmlicher Überrest einer Tradition war.
Überhaupt war das mit der Tradition seines Volkes so eine Sache. Sie war einem schleichenden Verfall ausgesetzt. Jedes Jahr ging ein wenig mehr von ihr verloren. Einfach so. Ohne dass jemand sagen konnte, warum. Und diejenigen von ihnen, die sich noch an die alten Traditionen erinnerten, das Handwerk beherrschten, die Geschichten erzählen konnten – sie wurden jedes Jahr ebenfalls weniger. Alt wurde hier ohnehin niemand und viele starben lange vor ihrer Zeit.
Keelut schaltete das Licht an und das Zimmer erwachte flackernd zum Leben. Der matte Schein der kahl in ihrer Fassung hängenden Glühbirne beleuchtete ein Wohnzimmer mit einer großen Couch auf welcher Keelut geschlafen hatte, einem Tisch, vielen Kisten und Truhen und einem Fernseher. Er war der ganze Stolz von Keeluts großem Bruder gewesen. Ein eigener Fernseher. Er hatte ihn aus einer der Großstädte mitgebracht, in welchen er so oft gewesen war und von welchen er stets erzählt hatte, gleichzeitig voller Begeisterung, Neid und einer gewissen Traurigkeit.
Manchmal stellte sich Keelut vor, dass sein Bruder dorthin gefahren war und einfach nie zu ihnen zurückkommen wollte, in diese Siedlung aus Blechbarraken und kleinen Holzhäusern auf einer Insel umgeben von Gletschern und Eis, das selbst im Sommer in Form von Eisbergen auf dem Meer vorbeizogen. Vielleicht hatte er in der Stadt einen gutbezahlten Job gefunden, hatte geheiratet und wohnte in einem schicken Appartement mit einem noch größeren Fernseher als diesem hier, an einem Ort an dem tagsüber die Sonne schien und es nur in der Nacht dunkel war.
Aber Keelut wusste, dass diese Vorstellung nur eine Illusion war. Das Kajak hatte gefehlt an dem Tag an dem sein Bruder verschwunden war und es war viel wahrscheinlicher, dass er weit hinaus gepaddelt war. So weit, dass er nicht zurückkommen konnte. Die Alten hatten gesagt, dass das keine Art für einen Mann war aus dem Leben zu scheiden und schon gar keine für einen Jäger. Aber Keelut wusste, dass sein ältester Bruder ohnehin kein Jäger gewesen war und was das Mannsein anging, nun, zu Frauen hatte er sich jedenfalls nie hingezogen gefühlt.
Anders als Keeluts anderer Bruder, dessen Foto an der Wand neben dem Fernseher hing. Sein Vater hatte es hängen lassen, nachdem sich der Junge erschossen hatte. Mit siebzehn. Warum, wusste keiner. Aber im Grunde spielte das hier keine Rolle. Jedes Jahr nahmen sich so viele Menschen hier das Leben, dass niemand mehr nach dem Grund fragte. Vielleicht lag es einfach an den ewig dunklen Wintern. Vielleicht lag es daran, dass sie gezwungen waren, ein Leben zu leben, das nicht das Ihre war. Vielleicht weil sie nichts Sinnvolles mehr zu tun hatten, nachdem ihnen alles verboten worden war, was einmal ihr Lebensinhalt gewesen war. Nicht einmal die Wale durften sie noch jagen.
Keelut verstand durchaus, warum sie dies nicht mehr durften. Wale waren wie die Drachen in der neuen Welt. Wenige. Aber andererseits fragte er sich, ob es nicht möglich gewesen wäre, ihnen wenigstens ein wenig ihrer Tradition zu lassen. Ab und an ein Wal, das wäre doch sicher noch möglich gewesen, oder? Wenn es so wenige von ihnen gab, dass man nicht einmal einen einzigen im Jahr jagen und erlegen durfte, dann war es doch ohnehin für die Wale zu spät, oder?
Keelut streckte die Hand aus und fuhr behutsam über das Foto seines Bruders. Neben ihm hing das Bild seiner Mutter. Keelut konnte sich nur noch verschwommen an sie erinnern. Aber er erinnerte sich daran, dass sie von früher erzählt hatte. Ständig. Ein Heute schien es für sie nicht gegeben zu haben. Sie hatte Keelut von der Waljagd erzählt und nicht sein Vater. Von den Geistern und Dämonen ihrer Welt hatte sie ihm erzählt. Von Keelut, dem riesigen Hund, nach dem sie ihn benannt hatte und der ebenfalls ein Dämon war.
Keelut musterte das Bild seiner Mutter die selbst auf dem Foto traurig und niedergeschlagen wirkte. Ob sie jemals gelächelt hatte? Keelut konnte sich nicht daran erinnern.
Seine Mutter war an einer Krankheit gestorben. Keeluts Schwester hatte ihm später einmal erzählt, dass sie Krebs gehabt hätte. Das käme vom vielen Rauchen, hatte sie gesagt.
Alle hier rauchten. Viele fingen damit schon in Keeluts Alter an. Auch die Mädchen. Auch Keeluts Schwester rauchte. Der Arzt hatte gesagt, das sei der Grund, warum ihre beiden Babys noch in ihrem Bauch gestorben waren. Bevor sie geboren werden konnten. Aber Keelut war nicht sicher, ob er das glauben sollte. Sein Vater sagte, es läge daran, dass sie zu viel Alkohol trinken würde. Es war kein Vorwurf gewesen, sondern nur eine Feststellung. Sein Vater rauchte ebenfalls und er trank auch. Wer hier tat das nicht?
Keelut blickte melancholisch auf das Bild seiner Schwester. Wie es ihr wohl ging? Ihr Mann hatte einen Job in einer der Minen angenommen und sie waren dort in ein Arbeiterlager gezogen. Von dem, was Keelut gehört hatte, war es dort noch deprimierender als hier. Aber immerhin war es dort im Winter nicht so lange dunkel.
Keelut seufzte still. Neben seiner Schwester hing ein Foto von ihm an der Wand. Sie hatten es aufgenommen, bevor er nach Weltenei gegangen war. Ein kleiner Junge mit großen dunklen Augen und dem Topfschnitt eines Kindes. Die Frisur ließ sein Gesicht noch rundlicher wirken als es in Wirklichkeit war. Ein typischer kleiner Junge aus der Gegend. Ein Inuit oder ein Eskimo. Je nachdem. Keelut fand die Bezeichnung Inuit schöner als Eskimo. Inuit, das bedeutete Mensch.
Sein Vater hingegen bevorzugte das Wort Eskimo. Seiner Meinung nach war der Begriff Inuit, wenn die Bleichen ihn benutzten, ihr Versuch sie nicht als eine Art Indianer zu bezeichnen, sondern in ihren Worten möglichst korrekt und höflich zu sein. Doch so lange sie nicht höflich und korrekt genug waren, ihnen ihre Kultur und ihre Traditionen zu lassen, würde er darauf pfeifen und lieber ein Eskimo sein.
Keelut kaute nachdenklich auf seiner Oberlippe. Sein Vater. Ein Foto von ihm hing unter den übrigen Familienfotos. Es war kein Profilfoto, sondern eine ganz normale Aufnahme. Keelut hatte sie an seinem ersten Ferientag mit der Kamera seines ältesten Bruders gemacht, die er genauso wie den Fernseher zurückgelassen hatte.
Das Foto zeigte den Vater vor seinem Schneemobil. Zwei der Hunde sprangen um ihn herum, in der Hoffnung, dass sie auf die Jagd gehen würden. Sein Vater hielt sein Gewehr in der linken Hand, fast zu locker und lässig für einen Jäger. Keelut beugte sich weiter vor, um das kleine Bild genauer betrachten zu können. Auch sein Vater lächelte nicht.
Keelut fragte sich, wann er dieses Foto an die Wand gehängt hatte. Anders als die übrigen Fotos war es nur mit einer roten Reißzwecke befestigt. Und die Tage hatte es dort noch nicht gehangen.
Eigentlich sollte es dort auch nicht hängen. Fotos wurden nur an diese Wand gehängt, wenn Familienmitglieder das Haus verließen. Weil sie weggingen oder weil sie gestorben waren, was oft für die Zurückgebliebenen auf dasselbe hinauslief. Sein Vater allerdings war…
Keelut richtete sich auf und sah zur Tür. Das Gewehr seines Vaters war nicht an seinem Platz. Die Hunde waren zu ruhig. Und das Schneemobil? Keelut ging zur Tür und öffnete sie. Eiskalter Wind schlug ihm entgegen. Es war sicherlich unter dreißig Grad Minus und es war noch immer stockdunkel.
Keelut schaltete das Außenlicht an. Der Vorplatz des Hauses lag verlassen da. Der Junge spähte in die Nacht. Vereinzelt brannten an den übrigen Häusern die Außenlichter. Außer dem Wind war nichts zu hören.
Die seltsame Unterhaltung vom Abend kam Keelut wieder ins Gedächtnis. Sie hatten von Keeluts Zukunft gesprochen. Von dem berühmten französischen Internat, auf das er gehen durfte, seit einer der Wissenschaftler, die im Sommer hier gewesen waren, ihn dorthin eingeladen hatte. Der ihm vor seinem Vater eine große Zukunft als Wissenschaftler und Forscher ausgemalt hatte.
Sein Vater war nur zu froh gewesen, dass Keelut gegangen war. Er hielt nichts von Wissenschaftlern und Forschern und nichts davon, in ihren Kreisen berühmt zu werden. Aber er hatte bereits zwei Söhne an die Dunkelheit und die Traurigkeit dieses Ortes verloren und er hatte nur noch den einen.
Sicher konnte er sich nicht vorstellen, wie es in Frankreich war und schon gar nicht wie es in Weltenei war und dass sein Sohn sicherlich nie ein Wissenschaftler sondern ein Magier werden würde. Aber er wusste, dass Keelut dort Tage voller Licht und Wärme haben würde. Vielleicht durfte man dort sogar jagen. Vielleicht keine Robben, aber vielleicht Karibus oder was es in diesem Land geben würde. Und er würde dort vielleicht glücklich werden.
Alles, was Keelut ihm über Weltenei erzählt hatte, musste nach dem Schlaraffenland geklungen haben. Warme Sommer voller Licht. Ein Meer mit vielen Fischen, das so warm war, dass man darin schwimmen konnte. Pferde auf welchen Keelut geritten war. Unterricht im Schießen. Freunde, die mit ihm die Schule besuchten. Ein Haus aus Stein, in dem er sein Zimmer nur mit einem anderen Jungen teilen musste und in dem er ein eigenes Bett hatte und einen eigenen Schreibtisch…
Keelut hatte es erzählt, weil er hoffte, seinen Vater würde es glücklich machen und froh. Auch wenn er die ganze Wahrheit nicht aussprechen konnte. Nichts von Drachen erzählen und fliegenden Pferden, von Magie und Talenten. Nicht einmal von seinem Seelentier, dem geflügelten weißen Bärendrachen.
Aber anscheinend hatte es ihn nicht gefreut. Denn alles, was sein Vater ihm gestern Abend gesagt hatte, war, dass Keelut in den nächsten Ferien nicht zurückkommen solle. Er solle auf dieser Schule bleiben so lange er könne und dann einen gutbezahlten Job annehmen. Keelut hatte im ersten Moment gedacht, sein Vater hätte sich verletzt gefühlt und gedacht, Keelut würde diese neue Welt seinem zu Hause vorziehen und vor allem seinem Vater, dem einzigen Menschen, den er hier noch hatte.
Doch als Keelut gesagt hatte, dass er in den Ferien wiederkommen wolle, seinen Vater besuchen und sicher immer wieder zurückkommen würde, da war sein Vater wütend geworden. Er hatte ihm befohlen, von hier wegzubleiben. Und er hatte ihm gesagt, dass er bald verstehen würde, dass es nichts gab, was ihn hier halten würde.
Keelut sah die Straße entlang, vorbei an der kleinen Kirche mit seinem roten Holzdach und hinauf zu dem Gletscher an dessen Ausläufern das Kreuz aufragte, das den Friedhof der Siedlung markierte. Er begann zu verstehen, was es war, das ihn geweckt hatte.
Einen Augenblick noch hoffte er, dass er sich geirrt hatte, als er das Schneemobil näherkommen hörte. Doch als es näher kam, wusste er, dass es nicht das seines Vaters war, sondern das eines der Nachbarn.
Keelut stand an der Tür im eisigen Wind und wartete, bis der Mann das Schneemobil abgestellt hatte und zu Keelut kam. Der Mann trug dicke Kleidung und einen modernen Anorak in knalligem Rot.
„Keelut Silatuyok“, begrüßte er den Jungen und sah auf ihn herab ohne jegliche Gefühlsregung. „Dein Vater hat uns verlassen.“
Keelut nickte verstehend. „Und die Hunde?“
„Die Hunde hat er mitgenommen.“
Keelut nickte erneut. Nichts davon erfüllte ihn mit Traurigkeit. Es war seltsam. Sein Vater hatte vollkommen Recht gehabt. Er verstand nun, dass es nichts mehr gab, was ihn hier hielt. Ein einziger Augenblick hatte das Band gekappt, das ihn mit allem hier verbunden hatte und machte seine Familie mit einem Schlag zu nicht mehr als Fotos an einer Wand.

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