Entscheidung für die neue Welt (5/6)

Posted on August 22, 2011

0


Ro ging kurz nach Mitternacht. Nabi schloss hinter ihm die Tür und blieb mit dem Rücken gegen sie gelehnt stehen. Sie sah in das schummrig beleuchtete Zimmer. Den Tisch mit der Kerze, der Flasche und den zwei leeren Rotweingläsern.
Sie war enttäuscht. So wie jedes Jahr. Sie wusste zwar, dass das Gefühl auch wieder vergehen würde und einem an Starrsinn heranreichendem Willen zum Durchhalten Platz machen würde. Aber jetzt war sie nichts desto trotz enttäuscht.
Sie hatte gehofft, dass Teese bereits genug bewirkt hatte. Aber anscheinend waren die wenigen Wochen, die sie in Ros Nähe verbracht hatte, nicht ausreichend gewesen. Vermutlich brauchte es mehr Nähe. Mehr dieser Vater-Tochter-Gespräche, in welchen Ro ihr etwas zeigen konnte und sich gleichzeitig davon überzeugen, dass dieses liebe und nicht allzu schnell begreifende Mädchen doch seine Intelligenz und seine Entschlossenheit besaß.
Das war der Schlüssel. Nabi war sich darin vollkommen sicher. Wenn er es verstehen würde und seinen Fehler einsehen, dann auf diesem Weg. Alles andere hatte sie schon lange vorher versucht.
‚Dann eben noch ein Jahr.‘
Nabis Seelentier, die schwarz-weiße Katze, die es sich auf Nanus Bauch gemütlich gemacht hatte, sprach die Worte mit einem gewissen Gleichmut. Was war ein Jahr mehr schon angesichts der vielen Jahre, die sie schon warteten?
Am Anfang hatte Nabi befürchtet, nicht so lange durchhalten zu können. Aber inzwischen hatte sie sich mit der Barriere in ihrem Inneren arrangiert. Dann übte sie eben außer Tiermagie keine Magie aus. Dann schottete sie eben weiterhin von allen anderen den Teil für ihn ab. Die Barriere hatte sich als stabil erwiesen und der zusätzliche Ballast war inzwischen ein Teil von ihr geworden, der ihr keine Probleme bereitete.
‚Ja, dann eben noch ein Jahr‘, stimmte sie La zu.
Das Seelentier streckte auf dem Drachen liegend seine Pfoten von sich und gähnte. ‚Spätestens wenn sie ihn im Frühjahr begleitet und sie alleine zusammen reisen, wird er es verstehen.‘
Nabi löste sich von der Tür in ihrem Rücken. Ihre Enttäuschung war bereits verflogen. La hatte Recht. Zusammen zu reisen, stärkte Bindungen und weckte Verständnis. Ob Ro sich bereits mit dem Gedanken an diese Reise trug? Sie konnte seinen Geist nicht einsehen oder seine Gedanken hören, aber ihr war nicht entgangen, dass er das Mädchen im Blick hatte seit sie auf Weltenei angekommen war – noch bevor Ezzo ihn damit beauftragt hatte, sie mit seinem Seelentier zu überwachen.
‚Ihr wird diese Zeit auch nicht schaden‘, stellte Nabi fest. Sie befeuchtete Daumen und Zeigefinger und löschte die Kerze. Dunkelheit flutete den Raum für einen Augenblick, bis sich ihre Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten.
Draußen lag der Schnee inzwischen kniehoch. Auf seiner glitzernden Oberfläche spielte das Mondlicht und erhellte den Raum in einem nächtlichen Silber. Nabi räumte die Gläser zurück ins Regal und stellte die Flasche neben die Spüle.
Eine Weile lauschte sie in die Stille der Nacht. Seth schlief und träumte von zu Hause. Nabi war im ersten Moment versucht seinen Traum in eine andere Richtung zu stupsen, aber der Traum schien ihn nicht zu beunruhigen. Er träumte von seiner Mutter in einer schönen Wohnung. Er saß mit ihr auf einem großen, plüschigen Sofa. Sein Seelentier lag vor seinen Füßen, das kleine weiße Einhorn. Die Tür in den Raum öffnete sich und Seths Vater kam herein. Seth konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber er wusste, es war sein Vater. Er trug eine braune Uniform und lachte.
„Tut mir leid, mein Kleiner“, murmelte Nabi. Dieser Traum würde nie in Erfüllung gehen. Dabei war es solch ein einfacher.
Nabi riss sich von dem schlafenden Jungen los und lauschte auf Weißfleckfederkielflaumschnabel. Auch das Formori-Mädchen schlief und träumte. Allerdings träumte sie nicht ihren eigenen Traum. Formori waren von Geburt an miteinander verbunden. Sie teilten ihre Träume und träumten von jenen, die wach waren, während sie schliefen.
Es war interessant, dass Pinselohrhängewangeschwarzpunkt dies nicht bedacht hatte, als er vorgeschlagen hatte, dass sie die Tochter des Stammeskönigs als Garantiegeisel mit nach Weltenei nehmen sollte. Er wollte die Welt der Magier ausspionieren und offenbarte dabei doch gleichzeitig so viel über seine eigene Welt.
Im Nachhinein erwies sich dies als überaus nützlich. Nabi jedenfalls würde sich dies zu Nutze machen. Weißfleckfederkielflaumschnabel mochte Teese und Teese mochte Weißfleckfederkielflaumschnabel. Das musste sich doch nutzen lassen.
Nabi überließ das Formori-Mädchen ihren fremden Träumen und ging zu Nanu. Vor dem Drachen ließ sie sich im Schneidersitz auf den Boden nieder. La richtete sich auf dem Bauch des Drachens auf, machte einen Buckel und gähnte erneut. Dann sprang die Katze von dem Drachen und begann, sich ein Stück von ihm entfernt zu putzen.
Nabi streckte ihre Hände gegen Nanu aus und berührte den Drachen an der Schnauze. Auch wenn Weißfleckfederkielflaumschnabel schlief, wollte sie kein Risiko eingehen. Es gab Dinge, welche die Formori wirklich nicht zu erfahren brauchten.
Der direkte Körperkontakt von Drache und Magierin sorgte für eine Verbindung, die kein anderer teilen konnte. Höchstens die kleine Yophus, die mit Nanu verbunden war.
Nabi schickte Nanu ein Gedankenbild. Das kleine Arabermädchen, das in einem Bett friedlich schlief.
Nanus Antwort bestand aus einem Blick auf Yophus, die in einem Fahrzeug saß, das Nabi als futuristisch erschien und das doch ein gängiges Verkehrsmittel in der alten Welt sein musste, der Anzahl ähnlicher Gefährte nach zu urteilen, die Nabi durch die Fenster dieser merkwürdigen Kutsche sehen konnte.
Pferde waren keine davor gespannt, dennoch bewegte sich das Gefährt sehr schnell über einen dunkelgrauen Weg, der unglaublich glatt aussah, ohne jegliche Steine oder Ritzen. Eine Stange mit blauen Schildern daran, sauste über den Wagen hinweg, oder der Wagen unter den Schildern hindurch.
Nanu konnte das Schild nicht lesen. Nabi konnte es daher ebenso nicht. Ihr Blick glitt zu dem Mann, der im vorderen Teil des Gefährts saß und an einem Rad drehte, während er mit Yophus sprach.
Das Mädchen trug dunkle Kleidung, die sich gegen die beigen Stoffe der Sitze im hinteren Teil des Gefährts abhob. Um ihren Oberkörper trug sie eine Art schwarze Schärpe, deren Ende mit dem Sitz verbunden war. Ihre Hände hatte sie in den Schoß gelegt, der lange schwarze Zopf hing ihr über die Schulter.
Wo auch immer sie sich befand, dort war gerade Tag, denn die Sonne schien vom strahlendblauen Himmel. Auch wenn auf Weltenei und im Frankreich der alten Welt jetzt Winter war, so musste dort Sommer sein. Nabi hatte keine Ahnung, woher Yophus stammte, aber es war nicht auf der Nordhalbkugel der Erde.
Nabi zog sich aus dem Bild zurück, das ihr Nanu zeigte. Yophus schlief nicht und das war das einzige, was Nabi hatte sehen wollen. Sie brauchte keine neugierigen Zuschauer, weder einen Formori noch eine kleine Studentin.
Nabi konzentrierte sich, und ließ Nanu in Gedankenbildern wissen, was der Drache in nächster Zeit wissen musste. Bis Teese mit Ro Weltenei verlassen würde, würde noch einige Zeit vergehen, aber ein Drache vergaß nie etwas. Wann sie Nanu über gewisse Dinge unterrichten würde, spielte somit keine Rolle.
Dass Teese mit Ro gehen würde, wenn er im Frühjahr aufbrechen würde, um nach Grippekranken zu suchen, davon war Nabi felsenfest überzeugt und das aus mehreren Gründen.
Sie kannte Ezzo nur zu gut. Er war ein schlechter Verlierer. Er hatte Ro als Tutor für Teese haben wollen. Doch der Magisterrat hatte sich entschieden dagegen ausgesprochen. Ezzo hatte sich dem beugen müssen. Aber das hieß nicht, dass er nicht weiterhin glaubt, Ro könne dem Mädchen ein besserer Tutor sein als Elgin. Er würde jede Gelegenheit nutzen, um Ro in die von ihm gewünschte Position zu bringen.
Er war es gewesen, der Magister Pim vorgeschlagen hatte, dass Teese bei Ro zusätzliche Trainingsstunden mit den Schwertern nehmen sollte. Er hatte Ro und sein Seelentier auf Teese angesetzt. Und er würde es sein, der Teese mit Ro nach Awrosch schicken würde.
Im Frühjahr würden Magister Elgin und Magister Pim wieder in die alte Welt aufbrechen. Sie und die anderen Quäsitoren würden nach neuen Kindern mit magischem Potenzial suchen. Der Unterricht in den verbleibenden Fächern, Waffenführung und Allgemeine Einführung in die Magie, würde so lange ausfallen. Und mit Magister Elgin würde auch Teeses Tutor nicht auf Weltenei sein. Sie würde hier somit nichts verpassen.
Und keiner der Magister würde etwas dagegen einwänden, wenn die angehende Dekanin die Welt der Nichtmagier kennenlernen würde. Selbst diejenigen unter ihnen, welche die Nichtmagier in eigener Überheblichkeit unterschätzten, würden nach den Angriffen auf Schastel Awrosch zugeben, dass eine Dekanin besser bei Zeiten mehr über diese andere Welt lernte.
Allerdings war eine Reise durch die Städte und Dörfer der Unmagischen auch nicht ungefährlich. Ro war ein herausragender Schwertkämpfer, doch ohne seine eigene Magie in seinem Seelentier und ohne seinen vollständigen Namen, wäre er nie in der Lage, starke Magie einzusetzen – selbst um Teese und sich zu schützen.
Ezzo würde vorschlagen, dass Teese Nanu mitnehmen solle. Immerhin war der Drache kurz davor flügge zu werden und würde, wenn er wollte, unbemerkt den beiden voranfliegen können. Würde Teese angegriffen werden, würde Nanu ihrer Mutter zur Hilfe eilen. Und einen Drachen zu töten, war zwar möglich, aber dafür musste man entsprechend ausgerüstet sein. Und außer den Drachenbekämpfern war dies niemand.
Dennoch bestand in Nabis Augen ein gewisses Restrisiko und das war groß genug, dass sie Nanu besser zeigen sollte, was Menschen anrichten konnten, wenn sie es darauf anlegten. Sie hatte schon vielen Drachen gezeigt, was Drachenbekämpfer waren und wie sie arbeiteten.
Sie hielt nichts von dem Gesetz, welches die Nichtmagier den Magiern unter Winna abgerungen hatten und das ihnen erlaubte, Drachen und andere magische Kreaturen zu ihrem eigenen Schutz in der Nähe menschlicher Siedlungen anzugreifen und notfalls zu töten.
Bis dahin waren magische Wesen unangreifbar gewesen. Alleine Magiern hatte es zugestanden, sie in Notwehr zu töten. Aber ansonsten galt der unbedingte Schutz magischer Lebewesen und ihres Lebensraumes. Alleine ein magisches Lebewesen aus seinem ihm zustehenden Lebensraum zu entfernen, stand unter Strafe. Ebenso, menschliche Siedlungen in deren Nähe neu zu errichten.
Doch all das half wenig. Denn die Drachen scherten sich nämlich nicht um irgendwelche unsichtbaren Grenzen. Ihr Lebensraum war die ganze Welt und wenn sie auf Menschen trafen, verhielten sie sich ihnen gegenüber nicht anders als gegenüber anderen Lebewesen, welche die passende Größe für Beutetiere besaßen.
Nabi strich Nanu über die Schnauze und schickte ihre Gedankenbilder: Teese und Ro, die Weltenei verließen. Städte der Menschen von Thorhafen über Schastel Awrosch bis Grantwall. Einsam wirkende Wälder, durch deren Dickicht sich eine Mischung aus steinerner Straße und matschiger Fußweg schlängelte. Vermummte Männer mit Messern, die Teese und Ro bedrängten. Nanu, wie sie Bäume abbrannte und die Männer zerriss…
Nabi konzentrierte sich erneut. Nein. So etwas sollte sie Nanu nicht zeigen. Sie korrigierte sich: Nanu, wie sie Bäume abbrannte und die Männer vertrieb. Teese, wie sie ihren Drachen lobte und streichelte.
Dann zeigte Nabi Nanu Drachenbekämpfer. Männer in metallisch glänzenden Rüstungen, welche dazu dienten, den Magieschlag eines Drachens zu erden. Bewaffnet waren sie mit langen Peitschen, einer Art Lanzen oder Jagdbögen. Das Gedankenbild zeigt die Drachenbekämpfer, wie sie Nanu bedrängten und ihr doch immer wieder auswichen, sie Feuer spucken ließen und mit ihrem Schwanz peitschen.
Und als Nanu ihre Magie weitestgehend verbraucht hatte, attackierten die Männer sie mit Schwertern, welche aus dem letzten Krieg um Schastel Awrosch übriggeblieben waren – Schwerter, gefertigt von Magiern, die selbst Drachenschuppen durchdringen konnten. Sie töteten Nanu und der Rest an Magie, den der kleine Drache in einem letzten Aufbäumen freigab, zischte wie grünes Feuer über ihre Rüstungen und züngelte in den Boden, um dort ohne Wirkung zu verpuffen.
Nanu heulte auf.
„Sch“, beruhigte Nabi sie.
Sie hielt den Kopf des Drachen fest in ihren Händen und schickte erneut ein Bild der Drachenbekämpfer. Nanu, die Teese mit ihrem Maul schnappte und auf ihren Rücken warf, Ro behutsam mit ihrem Maul packte und mit den beiden davonflog, die Drachenbekämpfer einfach ignorierend. Ein Stück weiter landete Nanu und bekam lobende Worte von Ro und eine zärtliche Umarmung von Teese.
Nabi zog ihre Hände zurück. Nanus Ohren zuckten und der Schwanz peitschte aufgeregt gegen die Wand, verfehlte den Weihnachtsbaum nur knapp und schlug ein Stück Putz aus der Wand.
„Sch“, wiederholte Nabi beruhigend.
Sie begann, den Drachen am Hals zu kraulen und hinter ihrem gewaltigen Nackenschild. Teese wäre überrascht gewesen, hätte sie gesehen, wie Magister Nabi ihren Drachen mit bloßen Händen berührte, ohne einen Magieschlag zu bekommen. Sie hätte vermutlich ihren Augen nicht getraut.
Teese wusste inzwischen, dass Drachen starkmagische Wesen waren und Magie in einem Gefälle floss – von einem Ort starker Magie zu einem Ort mit weniger Magie. Allerdings war Magister Nabi schon lange kein Ort mit wenig Magie mehr. Aber das sollte Teese vorerst besser nicht wissen. Und Ro besser auch nicht.

Advertisements