Entscheidung für die neue Welt (4/6)

Posted on August 15, 2011

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Die Kinder wurden um kurz nach elf ins Bett geschickt. Um diese Zeit war Ro in den letzten Jahren schon lange wieder zu Hause gewesen. Aber zwölf Gerichte zu essen, dauerte seine Zeit. Ro war versucht, Nabi zu unterstellen, dass sie diesen merkwürdigen Brauch nicht nur aufgegriffen hatte, um dem Jungen damit eine Freude zu bereiten. Ein Teil von ihm, ein eitler Teil, wollte glauben, dass sie die Mühe elf Gerichte vorzubereiten (das zwölfte hatte er mitgebracht) nur auf sich genommen hatte, um ihn lange bei sich zu halten.
Der vernünftige Teil von ihm verwarf diese These aber unbarmherzig. Zum einen hätte sie ihn jeden Tag sehen können, hätte sie dies gewollt. Zum anderen empfand sie sicherlich nichts mehr für ihn. Dafür hatte er doch wohl gesorgt, indem er sich ihr gegenüber verhielt wie ein…
‚Halt die Klappe‘, befahl Ro seinem Seelentier, das im Garten auf der Scheune saß und in den Raum sehen konnte.
‚Ich habe überhaupt nichts gesagt‘, klang es in der Stimme Dekanin Winnas unglücklich und ein wenig jämmerlich. So wie sie früher als Mädchen geklungen hatte, wenn sie etwas nicht verstanden hatte, was er ihr erklärt hatte. Also praktisch immer.
Ro verzichtete auf eine Antwort und nahm einen weiteren Schluck Rotwein. Es konnte ihm im Grunde auch egal sein, was Nabi für ihn empfand oder nicht empfand. Er wusste, was er für sie empfand. Er hatte diese Frau geliebt, als sie noch keine Frau gewesen war sondern ein kleines Mädchen und er nicht mehr als ein kleiner Junge, der nicht einmal gewusst hatte, was für ein Gefühl er für sie empfunden hatte.
Aber das war lange her. Alles, was jetzt noch für ihn zählte war, dass sie ihn verraten hatte. Im entscheidenden Moment hatte sie ihn im Stich gelassen. In dem Moment, in dem er auf ihre Liebe gebaut hatte. Er war sich so sicher gewesen, wenn sie die Wahl hätte zwischen seinem Überleben und dem Winnas, dass sie ihn wählen würde, ihm seine Kraft leihen und ihn so mächtig machen, wie nur ein Engel es werden konnte.
Aber sie hatte sich für Winna entschieden. Und das hieß, dass sie seinen Tod beschlossen hatte. Ohne ihre Rückendeckung war er der Übermacht der Magister zum Opfer gefallen und es war klar gewesen, was ihr Urteil über ihn sein würde: die Vernichtung seines Seelentiers und damit sein Tod. Dafür hasste er sie.
Sie hatte nicht einmal etwas unternommen, um ihn aus seiner Gefangenschaft zu befreien oder ihm während der Vollstreckung des Urteils die Flucht zu ermöglichen. Tat man so etwas nicht, wenn man jemanden liebte?
Aber Nein. Sie hatte nur zugesehen. Schlimmer noch. Sie war die erste gewesen, die zugeschlagen hatte und mit der Vernichtung seines Seelentiers begonnen hatte.
Dekanin Winna war es gewesen, dieses gutmütige aber abgrundtief dumme Mädchen, das ihm in ihrer Naivität sein Leben bewahrt hatte. Lieber wäre er gestorben. Aber wem machte er etwas vor. Er war selbst nicht stark genug gewesen, im entscheidenden Moment.
‚Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung‘, zitierte Nabis Stimme in seinem Kopf.
Ro wurde sichtlich blass und verschüttete um ein Haar etwas von dem Rotwein in seinem Glas. Wie immer, wenn sich dieser Teil seines Seelentiers zu Wort meldete, geriet er unweigerlich in Panik. Dabei wusste er, dass er seinen Geist so fest verschlossen hatte, dass Nabi nicht einmal mit Gewalt in ihn eindringen könnte.
Nabis Stimme, die in seinem Kopf auf seine Gedanken einging, war stets ihr Teil seines Seelentiers. Ein isolierter Teil. Ein Abbild ihrer Selbst zu einem bestimmten Zeitpunkt. Eine Art Gemälde, nicht die lebende Person.
‚Ich habe nicht gesagt, dass Du keine Schuld daran trägst‘, übermittelte er nichts desto weniger Agleister.
Daraufhin schwieg das Seelentier. Ro nahm einen Schluck von seinem Wein und starrte finster gegen Nabis Rücken. Fröhlich plaudernd räumte sie das schmutzige Geschirr ab.
Wie sie es schaffte, an diesen Tagen so zu tun als wäre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen. Genauso wie sie sich nach der Vernichtung seines Seelentiers um ihn gekümmert hatte. So als wäre nie etwas anderes ihre Absicht gewesen, als ihn zu lieben, zu beschützen und sich um ihn zu sorgen.
Es war so verlogen. Glaubte sie, sie könne dadurch ihren Verrat wieder gutmachen? Meinte sie, indem sie ihm ein solch verkrüppeltes Seelentier gab, würde er ihr dankbar sein?
Nein. Sie hatte die Strahlende vernichtet. Sein Seelentier. Den glänzenden Drachen in einem irisierenden Schwarz. Das Wundervollste, was Roath geschaffen hatte. Der Sitz seiner Magie von der bis auf den einen magischen Akt, den Winna in seiner Aura-Kugel gelassen hatte, nichts übriggeblieben war.
Es war als würde man aus einem Menschen einen Teil seiner Seele schneiden und sich dann darüber wundern, dass er einen nicht mehr mochte. Dabei war das Herausschneiden im Nachhinein noch nicht einmal das Schlimmste gewesen. Nabi und Winna hatten an die Stelle seiner Magie etwas anderes gesetzt. Sie beide waren so dumm gewesen zu glauben, dass es nur eine Lücke zu füllen gäbe. Eine Lücke, welche man einfach nur mit Magie auffüllen musste, egal mit welcher.
Aber so einfach war es nicht. Das Herz eines Seelentiers war die Aura-Kugel eines Magiers. Und die Aura-Kugel enthielt die eigene Magie. Später füllte sich das Seelentier von alleine mit Magie, fremder Magie, die man herausnehmen und wieder nachlaufen lassen konnte. Aber das Herz blieb davon unberührt.
Die Magie in der Aura-Kugel war die Seele des Seelentiers und somit ein Teil der Seele des Magiers. Man konnte nicht einfach etwas anderes hinein füllen. Wenn man das tat, erhielt man etwas wie Agleister. Drei verschiedene Teile in einer Seele, die sich gegenseitig bei jeder Gelegenheit auf die Füße traten. Sie waren kein Teil von ihm.
Sie steckten zwar in ihm, schmerzten aber wie ein ständiger Stachel im eigenen Fleisch und Ro konnte ihn nicht herausziehen. Er konnte es nicht, weil er wusste, dass er damit das Seelentier vernichten würde und somit sich selbst. Und er wusste, dass selbst wenn er dies wollte – wenn er den Tod vorziehen würde -, es dennoch nicht könnte, weil er den Schmerz kannte, der damit verbunden war.
‚Wir haben es nur gut gemeint‘, wagte Agleister mit Winnas Stimme einen zaghaften Einwand.
‚Dummes Gör‘, fauchte Ro stumm.
‚Erzähl‘ uns was Neues‘, mischte sich Roaths Stimme ein.
‚Das ist nicht nett‘, nuschelte Winna.
‚Hört auf zu streiten‘, befahl Nabis Stimme.
„Haltet die Klappe!“
Ro realisierte erst, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte, als Nabi sich umdrehte und ihren Redeschwall unterbrach. Ihr rügender Blick war das, was das Fass zum Überlaufen brachte.
„Haltet alle einfach die Klappe!“
Der einziger Gegenstand, der sich in seiner Reichweite befand, war das Rotweinglas und das flog schwungvoll geworfen gegen das Fenster zum Garten. Mit einem Klirren zersprang das Glas und der Rotwein, der sich aufgrund der magischen Eigenschaften des Glases bis zuletzt in ihm hatte halten können, ergoss sich zusammen mit den Splittern über Nanu, die mit einem drachenuntypischen Jaulen auffuhr.
Agleister lachte. Der Roath-Teil. Er lachte schallend und er lachte Ro aus für dieses alberne Verhalten. Ein Glas an ein Fenster werfen. Wie absolut kindisch.
Ro schob den Stuhl zurück und kauerte sich zusammen, die Fäuste gegen die Stirn gepresst. Er würde verrückt werden. Nach weit über hundert Jahren mit diesen drei Stimmen in seinem Kopf und in seiner Seele, war die Schmerzgrenze einfach überschritten.
Nabi ging hinüber zum Fenster. Ro sah nicht auf, konnte aber ihre Schritte hören. Sie sprach in Gedankenrede beruhigend mit Nanu, wobei sie ihren Geist so weit offen hielt, dass er es problemlos hören konnte. Hauptsache, der Drache wurde getröstet nach diesem Schrecken. Tiermagier.
Behutsam hob Magister Nabi das Rotweinglas auf, das sich selbst wieder aus seinen Scherben zusammengesetzt hatte und brachte es zurück zum Tisch. Sie stellte es vor Ro, der noch immer zusammengekauert dasaß und füllte es erneut. Sie tat einfach so als wäre nichts vorgefallen. Wieder einmal.
„Ich kann es jetzt nicht mehr ändern“, sagte sie, verkorkte die Flasche und stellte sie neben das Glas.
Ro richtete sich auf und schob den Stuhl zurück an den Tisch. Warum ließ er das alles mit sich machen? Sie hatte keinerlei Macht über ihn, oder? Warum kam er überhaupt jedes Jahr wieder zu dieser Theateraufführung einer längst vergangenen Welt?
„Was soll dann diese Farce?“, wollte er wissen. Wenigstens hatte sein unerwarteter Ausbruch Agleister zum Schweigen gebracht. Das Roath-Gelächter war verstummt und alle drei Teile seines Seelentiers schienen sich einig zu sein, dass es nicht in ihrem Interesse war, ihren Magier weiter zu reizen. Wer wusste schon, ob er sich sonst nicht doch einfach von einer Klippe stürzen würde?
„Was für eine Farce?“
Ro fragte sich manchmal, ob sie inzwischen wirklich so zerstreut und naiv war, wie sie sich gab. Die Nabi, mit der er aufgewachsen war, war klug gewesen. Intelligent, fröhlich und sogar ein ganz klein wenig gerissen. Mehr wie die kleine Chinesin, die jetzt bei ihr wohnte. Ina? Mina? Etwas in der Art.
„Wenn Du glaubst, dass Du jetzt nichts mehr ändern kannst, warum dann jedes Jahr wieder dieses unsinnige Weihnachten?“, konkretisierte er.
„Es ist doch nett, zusammen Weihnachten zu feiern“, sagte sie.
Ro lachte heiser. „Nein, ist es nicht. Und es wird es nie sein.“
Wenn er sie durch eine solche Feststellung verletzten könnte, würde er es tun. Aber was wusste er schon, was sie dachte? Er konnte zwar ihre Worte in Gedankenrede hören, aber sie waren sich dennoch gegenseitig verschlossen. Er würde sie sicherlich nie wieder in seinen Geist lassen und schon gar nicht, nur weil er neugierig war, was sie über ihn dachte.
„Das ist bedauerlich“, sagte Nabi schlicht. „Warum kommst Du dann jedes Jahr?“
„Um Dir zu zeigen, dass ich es auch nicht mehr ändern kann.“ Ro griff schließlich doch wieder zu dem Rotweinglas. Das Spiel konnte man auch zu zweit spielen. Erstaunlich, wie viel man sagen konnte, indem man es eigentlich nicht sagte.
Ro wusste, warum Nabi ihn jedes Jahr wieder einlud. Sie wartete darauf, dass er ihr irgendeinen Fehler eingestand. Als würde dadurch auf einmal alles anders werden. Er hatte schon einmal mit dem Gedanken gespielt, ihr einfach diesen Fehler einzugestehen, nur um ihre Reaktion zu sehen. Das Problem war, dass er nicht wusste, was sie als seinen Fehler ansah.
Dass er Magie gehortet hatte, mehr als einem einfachen Menschen von Gott gegeben war? Dass er dafür Riesen getötet hatte, Formori und irgendwelches niedere Getier? Dass er sich geweigert hatte, Winna seinen Platz einnehmen zu lassen, obwohl jeder hatte sehen können, wer von ihnen beiden der bessere Magier gewesen war? Dass er versucht hatte, sie zu töten, um sein Ziel zu erreichen?
Oder doch eher, dass er sich, geblendet von seiner eigenen Macht, schon fast selbst als einen Gott angesehen hatte? Versucht hatte, die Welten wieder zu vereinen? Und damit alles in Frage zu stellen, was Dekan Zeni für richtig erachtet hatte, wahr und unabdingbar nötig? Dekan Zeni, der legendäre Magier, den die Nichtmagier als Heiligen verehrten und die Magier als den größten aller Dekane ansahen.
„Das ist Unfug.“
Ro benötigte einen Moment, um sich ihre Konversation ins Gedächtnis zu rufen, so lange hatte sie mit ihrer Antwort gezögert.
„Natürlich kannst Du noch alles ändern“, fuhr die dunkelhäutige Magierin fort. Sie nahm Ro gegenüber Platz und nippte an ihrem Wein. Es war noch immer ihr erstes Glas. Sie trank den Rotwein nur aus Gründen der Tradition, konnte ansonsten aber nichts mit Alkohol anfangen. Vertrug ihn vielleicht auch nicht in solchen Mengen wie er.
„Das habe ich auch Teese erklärt und sie hat es problemlos verstanden“, sprach Nabi weiter, während Ro erstarrte.
„Du hast ihr was erklärt?“ Hatte er sie richtig verstanden? Sie hatte mit dem Mädchen über ihn gesprochen? Unerklärlicher Weise stieg bei dem Gedanken Panik in ihm auf.
‚Wie unangenehm.‘ Agleister konnte der Versuchung nicht widerstehen. Der Roath-Teil, natürlich. ‚Jetzt denkt das Mädchen wohlmöglich schlecht von Dir.‘
‚Ich warne Dich‘, signalisierte Ro dem Seelentier eine letzte Warnung.
Er wusste, wie sehr sich der Roath-Teil über ihn in dieser Beziehung amüsierte. Teese. Die zukünftige Dekanin. Ein liebes Mädchen wie Winna. Seine Furcht, dass noch einmal eine solche Frau Dekanin werden würde. Eine gutmütige aber vollkommen unfähige Dekanin.
Aber gleichzeitig war ihm bewusst, dass sie als Dekanin auch über sein Schicksal entscheiden würde. Sie könnte ihn wegschicken. Oder noch schlimmer, ihn dazu zwingen, Weltenei nicht mehr zu verlassen.
Aber das war nicht der Grund, warum ihn der Gedanke entsetzte, dass Nabi mit ihr über ihn gesprochen hatte. Ein Teil von ihm sah dieses Mädchen und sah gleichzeitig ein anderes Mädchen in ihr, dem sie unglaublich ähnlich sah. Ein Mädchen aus der alten Welt und aus der alten Zeit. Ein Mädchen, das er einmal fast ebenso geliebt hatte, wie Nabi und welches er aufgegeben hatte für Weltenei und für Nabi. Hätte er dies nur nicht getan.
Sie hatte ihm einen Sohn zur Welt gebracht. Er hatte ihn zwar nie gesehen, aber er wusste es. Sie hatte ihm gesagt, dass sie schwanger sei. Zu spät. Hätte sie es ihm nur ein paar Tage früher offenbart, wäre seine Entscheidung noch nicht gefallen gewesen. Aber es war zu spät gewesen.
Er hatte Dekanin Irmfed um die violette Schärpe herausgefordert und war Dekan geworden. Er konnte keine Frau aus der alten Welt heiraten und mit ihr ein Kind großziehen. Das hatte sie mit Entsetzen begriffen, als er ihr gesagt hatte, dass er zum Abt berufen worden war. Ein hoher Geistlicher.
Sie hatte ihm dennoch ein halbes Jahr später geschrieben, dass sie einen Sohn zur Welt gebracht hatte. So als ob das seine Entscheidung noch einmal ändern würde. Aber das war nicht möglich gewesen. Er hatte nur Geld schicken können, Geld für seinen ihm unbekannten Sohn.
Er wusste nicht einmal, was aus ihm geworden war. Ob er geheiratet hatte und Kinder bekommen hatte? Vermutlich. Das war der normale Weg eines Menschen in der alten Welt in der alten Zeit. Und wenn diese Kinder selbst Kinder bekommen hatten und Kinder und Kindeskinder… War es möglich, dass dieses Mädchen… ?
‚Ist es nicht närrisch, dass es einen Unterschied für Dich machen würde?‘, mischte sich Agleister wieder in Ros Gedanken ein. ‚Hat es Dich je interessiert, was Dein Sohn über Dich gedacht hat? Warum soll es Dich dann interessieren was irgendeine Urenkelin von Dir hält? Und wenn es Dich schon interessiert, warum bist Du dann nicht konsequent und verhältst Dich ihr gegenüber einfach nett?‘
‚Halt Dich da raus‘, fauchte Ro in Gedanken. Was für eine dumme Frage. Wie sollte man zu jemandem nett sein, wenn man ein Leben führte wie er? Mit diesem Chaos in seinem Kopf und diesem halben Leben.
‚Jeder kann nett sein, wenn er es nur versucht.‘
Winnas Weisheiten hatten Ro gerade noch gefehlt.
‚Aber sie hat Recht‘, mischte sich zu allem Überfluss Magister Nabis Stimme aus seinem Seelentier ein. ‚Es wäre auf alle Fälle schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung.‘
Ro ballte die linke Hand zur Faust und umfasste sein Rotweinglas fester. Die Wut war ihm sicherlich ins Gesicht geschrieben. Doch es war ihm egal. Sollte Nabi denken, sie galt ihren Worten.
‚Ich will aber nicht in Deine Richtung gehen.‘

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