Entscheidung für die neue Welt (3/6)

Posted on August 8, 2011

0


Seth stapfte durch den Schnee, der den Garten bedeckte und so hoch lag, dass er ihm bis zu den Waden reichte. Ein paar Winterstiefel wären heute wirklich angemessen gewesen oder ein paar lange Hosen unter der Robe. Beides gab es durchaus auf Weltenei, aber Seth hatte heute früh seine normale schwarze Robe angezogen und die Halbschuhe, die er am ersten Tag auf Weltenei bekommen hatte. Er mochte diese Kleidung und sie hielt warm, egal welche Minusgrade draußen herrschten, jedenfalls so lange einem kein Schnee zwischen die Kleidung und die Haut geriet.
Die Kälte des Schnees stach in den Knöcheln und streckte seine eisigen Hände in Richtung der Knie. Seth grummelte etwas Missmutiges in die Stille der Nacht und beeilte sich ins Haus zu kommen. Als es heute am späten Nachmittag aufgehört hatte zu schneien, hätte er einen Weg zum Stall freiräumen sollen. Aber da hatte er keine Zeit gehabt. Magister Nabi hatte ihn mit ihren Weihnachtsvorbereitungen derart in Beschlag gelegt, dass er sogar um ein Haar vergessen hätte, Nanu zu füttern.
Und das alles wegen des Weihnachtsessens und den dafür nötigen Dekorationen des Zimmers. Als er vom Einkaufen in Thorhafen zurückgekommen war, war das Zimmer zwar bereits aufgeräumt, geputzt und Strohsterne hingen von der Decke. Aber das Essen musste noch vorbereitet werden und die Hälfte der Kekse war noch nicht im Ofen gewesen.
Außerdem hatte sich Seth noch um seinen Weihnachtsbaum kümmern müssen. Er hatte darauf verzichtet, Magister Nabi zu erklären, dass ein Weihnachtsbaum eine Tanne zu sein hatte oder ein anderer Nadelbaum. Er hatte im Wald hinter Thorhafen eine kleine Eiche ausgegraben und hatte Icus gefragt, ob er aus ihr nicht eine Tanne machen könne. Immerhin war der rothaarige Junge ein Pflanzenmagier.
Seth stapfte durch den Schnee zur Hintertür des Hauses und stampfte auf, um den Schnee von seinen Beinen zu lösen. Dann zögerte er nicht länger und ließ die kalte und unfreundliche Winternacht hinter sich.
Die zu einer Tanne verwandelte Eiche stand an der linken Wand neben Nanus Schlafplatz und war mit 12 Kerzen versehen worden, die Magister Nabi fröhlich vor sich hin summend gerade entzündete. Anscheinend hatte sie doch noch Gefallen an dem Baum im Zimmer gefunden. Weißfleckfederkielflaumschnabel saß am Tisch und sah mit großen Augen zu, wie die einzelnen Kerzen angezündet wurden. Der Schein der Kerzenflammen spiegelte sich in ihren großen Eulenaugen.
‚Die Schafe möchten morgen frisches Einstreu haben‘, verkündete Seth, nachdem er die Tür geschlossen hatte. ‚Und dem Flügelpferd geht es ein wenig besser. Aber es macht sich große Sorgen um sein Fohlen.‘
‚Dann streust Du morgen früh die Schafe neu ein und holst das Fohlen von Tyra zu uns herunter.‘ Magister Nabi streckte sich auf die Zehenspitzen um an einen der höheren Äste zu kommen. Icus hatte darauf bestanden, die Eichentanne auch etwas wachsen zu lassen, weil sie in seinen Augen für einen Weihnachtsbaum zu klein gewesen war.
‚Ist die Stute denn nicht ansteckend?‘, wollte Seth wissen, während er unschlüssig zum Tisch ging. Es war alles bereits gedeckt für das Essen, das Magister Nabi die letzten Stunden mit Flaumschnabel zubereitet hatte. Vier Gestecke waren aufgedeckt, für die Magister, für Flaumschnabel, für Seth und für den ominösen Besuch, den sie erwarteten.
‚Doch, die Stute ist ansteckend.‘ Magister Nabi stieß einen unterdrückten Fluch aus, als sie sich an dem heißen Wachs einer der Kerzen verbrannte. Sie schüttelte ihre Hand und begutachtete sie kurz kritisch, bevor sie sich wieder den Kerzen zuwandte. ‚Deswegen haben wir das Fohlen bei Tyra gelassen. Aber wenn sie sich Sorgen macht, hilft das nicht dem Genesungsprozess.‘
Flaumschnabel schlenkerte mit den Beinen und sah zu Seth. ‚Wenn Du das Fohlen mit Antiseptikum einreibst, hilft das vielleicht.‘
‚Gute Idee.‘ Magister Nabi trat einen Schritt zurück und betrachtete den Weihnachtsbaum, dessen einziger Schmuck die brennenden Kerzen waren. ‚Du kannst morgen gleich bei Magister Narenda vorbei schauen. Sicher hat er davon etwas.‘
Seth nickte gedankenverloren. Magister Narenda war einer der Pflanzenmagier und Icus‘ Tutor. Seth kannte ihn vom Sehen. Er vertrieb sich oft seine Zeit bei den Pflanzenmagiern, wenn Fenn dort etwas für Magister Mintal besorgte. Und das war oft genug der Fall. Seth fragte sich, ob die Magister Fenn nicht mit einem Laufburschen verwechselte. Oder sollte das zu ihrer Art der Ausbildung gehören?
Sicher musste ein Heiler viel über Pflanzen wissen und sicher lernte Fenn viel bei den Pflanzenmagiern. Aber hätte Magister Mintal ihm das nicht auch selbst beibringen können? Immerhin war früh klar gewesen, dass sie seine Tutorin werden würde.
‚Bist Du so nett und lässt Ro herein?‘ Magister Nabi war hinüber zum Herd gegangen und hob nacheinander die Deckel von den verschiedenen Töpfen, um ihren Inhalt kritisch zu prüfen.
Seth blieb vor dem Tisch stehen und sah zur Tür. Es hatte nicht geklopft. Da war er sich ganz sicher. Aber er verzichtete darauf, nachzufragen, wieso Magister Nabi der Ansicht war, der Magier mit der weißen Kandidatenschärpe würde zu ihnen kommen.
Der Gedanke, dass der kleine Junge aus Nabis Gedankenbild Ro sein könnte, huschte kurz durch Seths Kopf. War das möglich? Hatte er das Bild falsch verstanden? War es eine Erinnerung an früher gewesen? Und wenn dem so war… war dann das vierte Gedeck auf dem Tisch für Ro. Würde er mit ihnen… Weihnachten feiern? Der Gedanke gefiel Seth überhaupt nicht.
‚Du magst Ro nicht?‘ Magister Nabi rührte in einem der Töpfe eine Suppe um.
Seth zuckte mit den Schultern und ging zur Tür. ‚Er ist nicht nett.‘
‚Woher willst Du das wissen? Du kennst ihn doch überhaupt nicht.‘
‚Er ist unfreundlich zu uns‘, hielt Seth dagegen.
‚Und er hat einen sehr verschlossenen Geist‘, fügte Flaumschnabel nebensächlich hinzu. ‚Ich mag ihn auch nicht. Außerdem macht er Teese Angst.‘
‚Unfug‘, sagte Magister Nabi energisch.
Seth öffnete die Tür und fand sich Ro gegenüber, der vor der Tür zum Stehen gekommen war. Er hatte ein Brot unter den Arm geklemmt und einen Topf in den Händen. Seth starrte ihn fassungslos an. Er hatte sich nicht geirrt.
‚Glaubst Du, ein Brot ist wirklich genug?‘, fragte Magister Nabi, ohne sich zur Tür umzudrehen.
„Bisher hat ein Brot Dir immer genügt.“ Ro sprach die Worte laut aus, aber Seth wurde dadurch noch deutlicher bewusst, dass er Magister Nabis in Gedanken geäußerte Worte verstanden hatte. Ob er selbst nicht in Gedanken sprechen konnte oder wollte, darüber war sich Seth nicht im Klaren.
‚Bisher hatten wir auch nicht zwei zusätzliche hungrige Mitesser‘, sagte die Magister.
Ro sah missmutig auf Seth herab und ging dann an ihm vorbei zum Tisch, wo er den Topf geräuschvoll abstellte und das Brot danebenlegte. Sein widerwilliger Blick streifte auch Flaumschnabel. Das Formori-Mädchen gab einen gurrenden Laut von sich, von dem Seth wusste, dass es so etwas ähnliches war, wie das Herausstrecken der Zunge bei ihnen.
‚Weißfleckfederkielflaumschnabel.‘ Magister Nabis gedankliche Stimme hatte einen mahnenden Unterton. ‚Das ist kein Benehmen einem Gast gegenüber, junge Dame.‘
Flaumschnabel gurrte erneut leise und ließ den Ton dann verebben. Sie war augenscheinlich nicht begeistert von der Idee, mit Ro zu Abend zu essen und Seth war es auch nicht.
‚Warum isst er bei uns?‘, wollte das Formori-Mädchen wissen.
‚Weil Weihnachten ist‘, sagte Magister Nabi als sei es eine Erklärung.
Seth sah von Flaumschnabel zu Ro, der sich ohne weitere Worte an den Tisch gesetzt hatte. Er wirkte merkwürdiger Weise genauso wenig begeistert von den Aussichten auf ein gemeinsames Abendessen wie die beiden Kinder.
Seth verstand nicht, warum Magister Nabi ihn überhaupt eingeladen hatte. Denn das hatte sie doch wohl getan. Und anscheinend nicht zum ersten Mal. Anscheinend war das gemeinsame Essen an Weihnachten eine Art Ritual. Jedenfalls hatte Ro so geklungen als würde er jedes Jahr kommen und jedes Mal Brot mitbringen.
Dabei wusste Seth ganz genau, dass Magister Nabi Ro nicht traute. Da konnte sie sagen, was sie wollte. Er konnte es spüren, wenn ihre Gedanken bei ihm waren und das war oft der Fall. Seth hatte das Gefühl, dass überhaupt ein Stück von ihr beständig in seiner Nähe war, auch wenn er es nicht genauer bestimmen konnte. Er wusste aber, dass das die Ursache dafür war, dass die anderen Schüler sie oft als verplant empfanden.
Er hatte geglaubt, dass Magister Nabi den merkwürdigen Mann mit der weißen Schärpe überwachen würde. Aber obwohl sie Seths Gedanken sicherlich lesen konnte, hatte Magister Nabi es nie für nötig empfunden, es ihm weiter zu erklären.
Unwohl in seiner Haut kam Seth zurück zum Tisch und setzte sich. Magister Nabi kam ebenfalls an den Tisch und sah in den Topf, den Ro gebracht hatte.
‚Ist das das Gänsefleisch?‘, wollte sie wissen.
„Ja.“ Ro sah ebenfalls zum Topf.
‚Schön‘, sagte Magister Nabi.
Flaumschnabel schielte ebenfalls zum Topf. ‚Was ist die grüne Matsche?‘, wollte sie skeptisch wissen, als sie sah, worauf das Gänsefleisch gebettet war.
„Grünkohl“, sagte Ro.
In diesem Moment wurde Seth bewusst, dass Ro ihre Gedanken ebenso hören konnte wie die von Magister Nabi. Und zum ersten Mal seit seinem Streit mit der Magister, zum ersten Mal seit er um ein Haar im Schwimmbecken ertrunken war, verschloss er seinen Geist mit solcher Vehemenz, dass Flaumschnabel empört die Augen zusammenkniff und Nanu missmutig schnaubte.
„Tschuldigung“, murmelte Seth zu dem Formori-Mädchen und dem Drachen zugleich, der zwischen Weihnachtsbaum und Zimmerecke lag und bis zu diesem Moment gedöst hatte.
„Grünkohl ist sehr nahrhaft und äußerst lecker“, sagte Magister Nabi fröhlich, indem sie die angespannte Situation beharrlich ignorierte. „Wir beginnen aber mit der Zwiebelsuppe. Ich hoffe, Ihr habt alle Hunger. Flaumschnabel und ich haben elf Gänge gekocht, damit es mit dem Gänsefleisch genau 12 sind.“
Die dunkelhäutige Magierin trug Ros Topf zum Herd und füllte den Inhalt eines anderen in eine Suppenterrine. „Bei Seth zu Hause gehören zum Weihnachtsessen zwölf Gänge“, erklärte sie, während sie hantierte. „Wusstest Du das, Ro?“
„Nein“, sagte Ro eisig.
„Sie haben auch etwas, das sich Weihnachtsbaum nennt“, fuhr Magister Nabi ungeachtet seiner Einsilbigkeit fort. „Ah, aber das kennst Du schon“, bemerkte sie ohne dass er etwas entsprechendes gesagt hätte. „Interessant.“ Die Suppe wurde auf den Tisch gestellt. „Ich wusste nicht, dass es das bei Euch auch gab. Davon hast Du nie etwas erzählt…“
Ro sah zu, wie Magister Nabi ihm als erstem Suppe auffüllte. „Es war damals eine recht neumodische Erscheinung“, sagte er und fügte hinzu. „Weda wollte immer, dass wir in der Halle des Lichts einen aufstellen.“
„Ach, jetzt, da Du es sagst…“ Magister Nabi nickte und füllte Seth Suppe auf den Teller. „Der kleine Sympathiemagier. Ich erinnere mich. Weißt Du eigentlich, was aus dem geworden ist?“
„Ein berühmter Schriftsteller“, sagte Ro. „In der alten Welt.“
„Ja, das passt zu ihm.“ Magister Nabi lächelte in Erinnerungen versunken. „Wie es ihm wohl geht?“
Ro hüstelte demonstrativ in seine Suppe. „Er ist seit über zweihundert Jahren tot. Mindestens. Eher bereits 250 Jahren.“
„Die Zeit verrennt.“ Magister Nabi seufzte, wirkte auf Seth aber nicht wirklich betrübt. „Nun denn. Lasst es Euch schmecken. Und: Frohe Weihnachten.“
„Frohe Weihnachten“, nuschelte Seth bedrückt und schielte zu Flaumschnabel, die schwieg – soweit Seth dies mit seinem verschlossenen Geist ausmachen konnte.
„Frohe Weihnachten“, erwiderte Ro.
In Seths Ohren klangen seine Worte in keiner Weise dem Ausspruch entsprechend froh. Der kleine Junge griff nach seinem Löffel und entschied, sich auf das Wesentliche an diesem Abend zu konzentrieren. Das Essen. Und Ro würde er einfach ignorieren.

Advertisements