Entscheidung für die neue Welt (2/6)

Posted on August 1, 2011

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Weißfleckfederkielflaumschnabel hockte neben Nanu auf dem Boden und hatte die Beine angewinkelt. Der Drache nahm inzwischen fast die gesamte Länge der Wand ein und wenn er sich durch die Hintertür quetschte, stand jedes Mal zu befürchten, dass der Türrahmen zersplittern würde.
Das Formori-Mädchen hatte Nabi gefragt, ob man die Tür nicht mit einem Objektzauber dehnbar machen könne. Immerhin gab es auf Weltenei solche Magie und einer der Magier würde mühelos die Tür für Nanu flexibel gestalten können. Doch die dunkelhäutige Magister hatte Flaumschnabel erklärt, dass Nanu früher oder später lernen müsse, dass sie im Garten zu leben hätte und Menschen im Haus. Wozu also unnötigen Aufwand betreiben?
Flaumschnabel war in diesem Moment ganz froh, dass selbst Tiermagiern Grenzen gesetzt waren, was das Wahrnehmen von Gedanken anderer anging. Sie hatte sich gefragt, ob sie dann in ein oder zwei Jahren auch im Garten leben musste. Sie war kein Mensch und sie würde wesentlich größer sein als jeder von ihnen.
In den letzten Tagen war sie bereits ein gutes Stück gewachsen und hatte inzwischen Seth, den Kleinsten aus Magister Nabis Gruppe, eingeholt. Bis die Ferien der anderen zu Ende sein würden, würde Flaumschnabel sicherlich bereits größer sein als Teese.
Sie hatte ihren nächsten Wachstumsschub bereits seit einer Weile erwartet und somit kam es für sie nicht ganz so überraschend. Auch Magister Nabi hatte wohl gewusst, was sie erwarten würde, als sie das Formori-Mädchen in ihr Haus aufgenommen hatte und für seine Sicherheit gebürgt hatte.
Nur Seth hatte ihr Wachstum mit gerunzelter Stirn zur Kenntnis genommen. Flaumschnabel konnte spüren, dass es ihm nicht gefiel, dass sie schneller wuchs als er. Irgendwie fühlte er sich dadurch … in seiner Ehre gekränkt. Dem Formori-Mädchen wollte kein besseres Wort einfallen.
Sie hoffte sehr, dass sich dieses Gefühl bei ihm bald wieder legen würde, denn sie mochte Seth wirklich sehr. Er war so angenehm offen, fast wie ein Formori.
Inzwischen lebte Flaumschnabel seit mehreren Wochen bei den Magiern und hatte eine Menge interessanter Dinge über diese Wesen gelernt und über ihre eigene Spezies. Erst wenn man einmal zu anderen Kreaturen Kontakt hatte, die sich von einem selbst unterschieden, bemerkte man Dinge, die eigentlich bisher ganz selbstverständlich gewesen waren.
Formori waren von Geburt an daran gewöhnt, ihre Gedanken in Bildern auszudrücken, so wie es bei den magisch begabten Tieren der Fall war. Ein Formori-Kind lernte durch das Hören der Gedanken anderer im Laufe der Zeit auch in Gedankenworten zu kommunizieren. Ein gesunder Formori kombinierte beides ganz von alleine und konnte beides eigentlich nicht mehr trennen.
Erst als Flaumschnabel Teese das erste Mal berührt hatte, war ihr klar geworden, dass Magier in dieser Beziehung anders waren. Sie beherrschten nur die Gedankenworte, welche bei ihnen Gedankenrede hießen. Gedankenbilder konnten sie wohl aufnehmen, aber sie dachten nicht in ihnen. So wie Drachen keine Gedankenworte nutzen konnten, konnten Magier sich nicht in Gedankenbildern ausdrücken. Die einzige Ausnahme waren die Tiermagier. Magier wie Seth und Nabi.
Aber das machte sie noch lange nicht zu vollwertigen Formori. Denn wie die anderen Magier, waren auch Tiermagier in der Lage, ihre Gedanken und Bilder von den anderen abzuschotten. Waren nicht nur in der Lage dazu, sondern sahen dies sogar als Normalzustand an.
Flaumschnabel hatte dies bei ihrem ersten Kontakt mit Teese überrascht zur Kenntnis genommen. Bevor die angehende Magierkönigin – und das war sie in Flaumschnabels Verständnis – gelernt hatte, Gedankenworte zu äußern und zu verstehen, war sie absolut isoliert gewesen.
Flaumschnabel hatte nur mit ihr sprechen können, indem sie direkten Kontakt hergestellt und sie berührt hatte. Es schien ihr als wären Magier von Natur aus verschlossen und würden wie die Unmagischen laut geäußerte Worte bevorzugen. Fast hatte Flaumschnabel den Eindruck, sie würden alle etwas verbergen wollen. Sie glaubte, dass die meisten Magier Angst davon hatten, beständig mit allen anderen im Austausch zu stehen, beständig die anderen in Gedanken um sich zu haben.
Für diese Erkenntnis hatte Flaumschnabel etwas Zeit benötigt. Ihr machte nämlich eher das Gegenteil Angst, die Vorstellung die anderen nicht mehr zu hören. Sie wäre vor Einsamkeit und Sorge um ihre Lieben gestorben, hätte sie ihre Familie und den Stamm nicht die ganze Zeit um sich gehabt, als Nabi sie mit auf den Magieberg genommen hatte. Sie könnte ohne diese Verbindung nicht leben. Wie hielten das Magier nur aus? Und warum schotteten sie sich freiwillig ab?
Flaumschnabel sah zu Nabi, die am Tisch in der Mitte des Raumes saß und mit einem Schreibstift irgendetwas in den fremden Zeichen der Menschen auf ein Blatt Papier schrieb. Die Magister war eine Tiermagierin und Flaumschnabel hatte sie am Anfang genauso angenehm offen empfunden wie Seth. Allerdings täuschte der Eindruck.
Nabi war beständig offen in Gedankenworten und Gedankenbildern. Sie sprach mit Seth und ihr und kommunizierte mit Nanu in Bildern. Flaumschnabel konnte sie fast genauso beständig spüren wie Seth, ihre Eltern, ihren Lehrer und den Rest des Stammes. Aber wenn sie genau auf sie hörte, spürte sie eine unsichtbare Grenze.
Nabis Magie war mit etwas zerteilt, das an eine Glaswand denken ließ. Auf den ersten Blick dachte man, diese Wand wäre überhaupt nicht da, weil man durch sie hindurch sehen konnte. Aber wenn man durch sie hindurch gehen wollte, knallte man mit dem Schnabel direkt dagegen.
Dabei war auf der anderen Seite auch nur Magie. Flaumschnabel konnte im Grunde keinen Unterschied sehen oder spüren. Aber sie konnte auch nicht die Gedanken und Worte aus diesem Bereich wahrnehmen. So wie eine Glaswand die Geräusche auf der anderen Seite abschirmte, hielt die Mauer in Magister Nabis Magie alle Ausprägungen der Magie auf der anderen Seite der Mauer.
Pinselohrhängewangeschwarzpunkt hatte dies voll Neugier zur Kenntnis genommen. Flaumschnabel war bewusst, dass er zu gerne gewusst hätte, was Nabi verbarg und warum.
Der Druide nahm überhaupt alles, was Flaumschnabel sah und hörte, mit größter Aufmerksamkeit zur Kenntnis. Das Formori-Mädchen war sich nicht sicher, ob den Magiern dies bewusst war. Sicherlich müssten sie wissen, dass ein Formori sein Wissen vollständig mit anderen teilte, ob er wollte oder nicht. Vielleicht hörten die anderen nicht immer zu, aber sie könnten es. Und bei einer Garantiegeisel sollte man doch gerade erwarten, dass der Feind durch sie versuchen würde, mehr Informationen zu erhalten.
Und Feinde, das waren die Formori und die Magier doch wohl. Diese Schlacht vor Schastel Awrosch war nicht ihre erste Begegnung gewesen. Sogar vor den Zeiten des Dekans, dessen Namen die Magier ausgelöscht hatten, hatten Magier und Formori bereits gegeneinander gekämpft. Nicht ständig, aber immer wieder einmal. Magier waren einfach so furchtbar rücksichtslos. Sie schienen zu glauben, dass diese Welt alleine für sie erschaffen worden sei. Als hätten sie irgendein Recht über alles zu bestimmen.
Flaumschnabel wusste, dass Pinselohrhängewangeschwarzpunkt sich immer schon gefragt hatte, warum dem so war. Er war der Meinung, dass man Magier erst dann erfolgreich bekämpfen und zurück zur alten Freiheit gelangen konnte, wenn man wusste, was sie dachten und warum sie so dachten. Wenn man sie besser verstehen konnte.
Kein Wunder also, dass der Druide von sich aus vorgeschlagen hatte, Garantiegeiseln zu stellen. Und er war es auch gewesen, der Flaumschnabel dafür ausgewählt hatte. Das Formori-Mädchen wusste, dass die anderen ihn für verrückt erklärt hatten. Jeder hatte sehen können, dass sie im Sterben lag, nachdem eine Magie-Entladung direkt neben ihr in den Kreis eingeschlagen war – ein Irrläufer, ein Querschläger vom eigentlichen Kampfplatz.
Keiner der anderen hätte gedacht, dass die Magier zustimmen würden, Flaumschnabel als Garantiegeisel zu akzeptieren. Sie würde den nächsten Sonnenaufgang nicht erleben. Höchstens wenn ein Magier Heilmagie wirken würde, hätte sie eine Überlebenschance. Aber Heilmagie zu wirken, hätte eine direkte Berührung bedeutet und dies wiederum wäre einem vollständigen Kontakt gleich gekommen.
Darauf hatte Pinselohrhängewangeschwarzpunkt sicherlich spekuliert. Aber Nabi hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie hatte seine Auswahl akzeptiert und für die Magier das Bündnis besiegelt. Sie hatte Flaumschnabel mitgenommen und sie von einem Kind heilen lassen. Einem Magier, der selbst überhaupt keine Ahnung von den Motiven der Magier hatte. Pinselohrhängewangeschwarzpunkt war außer sich gewesen. So hatte er sich das nicht vorgestellt.
‚Das ist die fertige Liste, Seth‘, drangen Nabis Gedankenworte zu Flaumschnabel hinüber.
Das Formori-Mädchen sah zu, wie die dunkelhäutige Frau dem kleinen Jungen den beschriebenen Zettel über den Tisch hinweg reichte. Ihre Gedankenworte stammten aus einem solch offenen Geist. Ebenso wie Seths Antwort. Wieso hielt sie einen Teil so fest verschlossen?
Nicht nur Pinselohrhängewangeschwarzpunkt fragte sich inzwischen, was dort verborgen lag. Auch Flaumschnabel interessierte dies nun. Zäune, Mauern und verschlossene Türen erweckten immer den Wunsch zu sehen, was sich dahinter befand.
‚Was für eine Liste?‘, erkundigte sich Seth, noch bevor er den Zettel genommen hatte.
‚Nach was sieht es für Dich aus?‘
Der Junge warf einen Blick auf die Zeichen, die Flaumschnabel nicht selbst lesen konnte, die sich aber in Seths Geist zu Bildern formten, die sie verstehen konnte: Geflügelschenkel, Speck und irgendwelche Gemüse, sowie Dinge bei welchen Seth nicht selbst so ganz klar zu sein schien, was sich hinter den geschriebenen Zeichen verbarg.
‚Dinge zum Essen‘, entschied er schließlich.
‚Eine Einkaufsliste‘, sagte Nabi.
Seth zögerte. ‚Ich soll das besorgen?‘
‚Ja.‘
Ein Bild füllte den Raum. Eine Stadt mit Hafen und vielen Häusern. Es war die Stadt auf der anderen Seite des Meeres.
‚Ja, in Thorhafen‘, bestätigte Magister Nabi.
Flaumschnabel klimperte mit den Augenlidern. ‚Darf ich mit?‘, wollte sie wissen, noch bevor Pinselohrhängewangeschwarzpunkt ihr in Erinnerung rief, dass sie möglichst viel über die Magier und ihre Welt in Erfahrung bringen sollte, solange sie bei ihnen weilte.
‚Nein.‘
Ob Magister Nabi wusste, warum sie mitkommen wollte? Manchmal hatte Flaumschnabel den Eindruck sie wäre sehr gerissen und sehr klug. Dann wieder wirkte sie vollkommen zerstreut und planlos. Ob das etwas mit der Glaswand in ihrer Magie zu tun hatte?
‚Du bleibst hier und hilfst mir, den Raum zu schmücken.‘
Sowohl Flaumschnabel als auch Seth sahen die Magister einfach nur verständnislos an. Weder Gedankenworte noch Gedankenbilder waren in diesem Moment nötig, um ihre Ratlosigkeit auszudrücken.
‚Wie schmücken?‘, wollte Flaumschnabel schließlich wissen.
‚Weihnachtlich.‘
Der Begriff sagte Flaumschnabel etwas. Teese hatte bei dem vielen Schnee am Tag ihrer Prüfung den Inselberg sehr ‚weihnachtlich‘ gefunden. Aber genau hatte Flaumschnabel trotz des direkten Körperkontakts (sie hatten sich an den Händen gehalten) nicht verstanden, was dieses Gefühl ‚weihnachtlich‘ umfasste.
Sie lauschte auf Seths Assoziationen. Er war überrascht. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Magister Nabi Weihnachten feiern würde.
Flaumschnabel sah in seinen Gedanken den Inselberg: Kerzen in den Fenstern der Häuser, Strohsterne und bunte, glänzende Ketten, welche an ihnen hingen. Sterne, die über Haustüren erstrahlten und Ketten aus Lichtern, welche die Straße überspannten.
‚Ja, genau so‘, bestätigte Nabi. ‚Und Kekse backen wir natürlich auch.‘
‚Kekse?‘, brachte Seth irritiert hervor. Er hatte anscheinend nicht damit gerechnet, dass Nabi an diesem ‚Weihnachten‘ Anteil nehmen würde.
‚Sag nur, dass Ihr in der alten Welt Weihnachten nicht mehr feiert?‘, erkundigte sich die Magister erstaunt. Erstaunt, aber nicht fassungslos. Anscheinend hätte es sie nicht gewundert.
‚Ich … weiß nicht‘, gab Seth etwas kleinlaut als Antwort. ‚Weihnachten ist ein religiöses Fest und der Kommunismus sagt …‘
Flaumschnabel sah ein Gedankenbild, wie er sich von Teese verabschiedet hatte und sie ihm Frohe Weihnachten gewünscht hatte. Aber Weihnachten war für Seth etwas, das er nur aus der Erzählung seiner Großmutter kannte. Als er noch sehr klein gewesen war. Es hatte etwas mit einem großen Essen mit 12 verschiedenen Gerichten zu tun, mit Geschenken für die Kinder am Weihnachtsmorgen und einem Weihnachtsbaum.
‚Baum?‘, wollte Magister Nabi skeptisch wissen.
Anscheinend hatte nicht nur Flaumschnabel Seths Gedanken verfolgt. Unterhaltungen mit den beiden Tiermagiern erinnerten Flaumschnabel so oft an die Gespräche zu Hause mit ihren Freunden.
‚Ein Baum im Zimmer?‘, griff Nabi Seths Gedankenbild auf. ‚Was sind denn das für neumodische Unsitten?‘
Seths Enttäuschung war klar zu spüren. Das mit dem Baum hätte ihm gefallen, ebenso wie das Essen und auch die Geschenke. Kurz blitzten Dinge auf, die er sich zu Weihnachten hätte wünschen können. Kaum etwas davon kannte Flaumschnabel.
‚Keine Geschenke‘, entschied Magister Nabi streng. ‚Das haben wir hier nie gemacht und machen wir auch nicht. Aber wenn Du unbedingt einen Baum haben willst … Sicher kannst Du in Thorhafen eine kleine Eiche bekommen.‘
In Seths Gedanken erschien eine kleine Eiche, die mit Kerzen bestückt war und mit Kugeln behängt. Die Vorstellung hatte in Seths Augen etwas Komisches. Der Baum wandelte sich in eine Tanne und Flaumschnabel verstand, dass es in seiner Vorstellung so gehörte. Ein Weihnachtsbaum war ein Nadelbaum.
‚Gib mir die Liste‘, forderte Nabi, ohne auf Seths Überlegungen zur Art des Baumes einzugehen.
Er reichte ihr den Zettel zurück.
‚Für 12 Gerichte brauchen wir mehr Zutaten‘, fuhr sie fort. ‚Kenne ich überhaupt zwölf Weihnachtsgerichte?‘ Sie gab sich gleich darauf selbst die Antwort. ‚Nein, eher nicht. Ich werde Mintal fragen müssen. Sicher hat sie alte Kochbücher oder weiß, was man früher in Deutschland an Weihnachten gekocht hat.‘
‚Wieso in Deutschland?‘, hakte Seth überrascht nach. Er kam aus einem Land das Russland hieß. Nabi kam aus einem Land das Alabama hieß. Er verstand nicht, warum sie an Weihnachten Gerichte aus Deutschland kochen sollten.
‚Weil er das am liebsten mag‘, sagte Nabi und stand auf, wohl um nach oben zum Hospital zu gehen und Magister Mintal, die Heilerin, nach entsprechenden Rezepten zu fragen.
Flaumschnabel konnte kurz ein Gedankenbild aufschnappen. Ein kleiner Junge mit dunklen Haaren, der ein wenig an Seth erinnerte. Klein und schmächtig. Er trug eine Magierrobe mit einer gelben Schärpe. Er saß an einem Tisch, vor sich einen Teller mit Knödeln und einem Stück Fleisch. In der Hand hielt er Messer und Gabel. Er kaute hochkonzentriert und sah sehr glücklich aus.
‚Kommt er zum Essen?‘, wollte Flaumschnabel neugierig wissen. Sie kannte den Jungen nicht. Aber sie kannte auch nicht alle Schüler auf Weltenei.
‚Natürlich kommt er zum Essen.‘ Magister Nabi war bereits auf dem Weg zur Tür. ‚So wie in jedem Jahr.‘

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