Entscheidung für die neue Welt (1/6)

Posted on Juli 25, 2011

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Prolog: Draußen war es noch dunkel als Maude erwachte. Im Haus war es still und das Knarzen des Bettes, als sich das Mädchen umdrehte, war das einzige Geräusch. Dennoch war sich Maude sicher, dass sie draußen etwas gehört hatte, etwas, das sie geweckt hatte. Der kleine graue Kater, der an ihrem Bettende zusammengerollt lag, musste davon ebenfalls geweckt worden sein. Er hatte den Kopf verschlafen gehoben und die Ohren in Richtung der Zimmertür gestellt.
Maude rutschte auf die Bettkante und rieb sich über ihre blonden kurzen Haare, die nach dem Schlafen wie wirre Igelstacheln aussahen. Das Mädchen fröstelte und sah zur Uhr. Es war kurz nach fünf Uhr. Durch das Fenster fiel die Dunkelheit der Nacht. Der Mond war hinter einer dichten Wolkendecke verborgen. Der Schnee im Garten hinter dem Haus glänzte matt.
Das Zuschlagen einer Wagentür von der Vorderseite des Hauses ließ Maude zusammenzucken. Sie hatte sich also nicht geirrt.
Maude streifte sich ihre bunten Wollsocken über und schlich zur Tür. Mit angehaltenem Atem blieb sie einen Moment auf der Schwelle zwischen ihrem Zimmer und dem Flur stehen. Von unten schien Licht die Treppe hinauf in den ersten Stock. Maude konnte leise Stimmen hören, vermutlich von draußen.
Das blonde Mädchen bewegte sich lautlos wie ein Schatten durch den kalten Flur. Sie war schon äußerst geschickt und gelenkig gewesen, bevor sie nach Weltenei gekommen war, aber das Training mit dem Schwert und dem Kampfstab hatten ihre Körperbeherrschung noch einmal verbessert.
Maude huschte zur Tür, welche zum Schlafzimmer ihrer Eltern führte. Von dort konnte man direkt hinunter in den Hof sehen. Da die Tür offen stand, ging Maude davon aus, dass ihr Vater unten sein musste.
Ihr Herz verkrampfte sich bei dem Gedanken, dass er fortfahren würde, ohne ihr etwas zu sagen. Insgeheim fürchtete sie sich davor, dass er zu einer anderen Frau fahren würde. Einer, die Maudes Mutter eines Tages ersetzen könnte.
Es hatte schon immer Gerede hinter vorgehaltener Hand gegeben. Doch Maudes Mutter hatte ihr immer gesagt, dass sie nicht auf das Geschwätz der Leute hören sollte und Maude sicher sein könne, dass Papa Mama lieben würde und sie immer zusammen bleiben würden. Maude wusste, dass sie sich in letzterem allerdings getäuscht hatte.
Die Schlafzimmertür war nur angelehnt und Maude schlüpfte in den Raum. Das Bett ihres Vaters war leer. Die Decke lag genauso zerwühlt darin wie das zerknautschte Kopfkissen. Seine Hälfte des Ehebettes war ein Abbild des Chaos einer unruhigen Nacht.
Die Betthälfte von Maudes Mutter hingegen war penibel ordentlich. Die Bettgarnitur war glatt gestrichen ohne jegliche Falte. Die Decke lag zusammengeschlagen auf dem Bett. Das Kopfkissen war sorgfältig aufgeschüttelt worden. So als würde das Bett nur darauf warten, dass ihre Mutter sich zum Schlafen legen würde. Doch das würde sie nicht tun. Nie mehr.
Mit einem Kloß im Hals schlich Maude auf Zehenspitzen durch den dunklen Raum, am Bett vorbei zum Fenster. Sie erinnerte sich daran, wie Dekan Ezzo sie zu sich gerufen hatte und ihr gesagt hatte, dass sie für einige Tage nach Hause fahren würde. In ein Zuhause, an das sich Maude zu diesem Zeitpunkt nicht erinnert hatte.
Erst als sie wieder in der alten Welt angekommen war, war ihre Erinnerung an sie zurück gekommen und erst dann hatte man ihr gesagt, was geschehen war: Ihre Mutter war gestorben. Es hatte einen Verkehrsunfall gegeben. Sie war vom Einkaufen gekommen und hatte die kurvige Strecke durch den Wald ins Dorf genommen. Sie war sehr zügig gefahren und in der Mitte der Fahrbahn, wie es jeder hier machte. Auch derjenige, der ihr an jenem Tag entgegen gekommen war.
Maude hatte das Auto ihrer Mutter gesehen, als sie zu Hause angekommen war. Es hatte bei der Werkstatt zwei Straßen von Maudes Elternhaus entfernt gestanden. Maude hätte es ohne das Nummernschild, das noch an ihm hing, nicht erkannt. Es war ein einzige Haufen Schrott. Das Dach fehlte. Das Auto war mit einer Drahtschere aufgeschnitten worden, obwohl klar gewesen sein musste, dass sich die Retter vor Ort alle Zeit der Welt mit ihrer Arbeit lassen konnten. Maudes Vater hatte ihr gesagt, ihre Mutter sei sofort tot gewesen. Und Maude hatte ihm die Worte geglaubt und als sie das Autowrack gesehen hatte, auch verstanden.
Das blonde Mädchen huschte zum Fenster und lehnte sich auf die Fensterbank, um besser in den nächtlichen Hof sehen zu können. Seit sie das zerfetzte Auto gesehen hatte, in dem ihre Mutter gestorben war, verspürte sie Panik alleine beim Gedanken, Auto fahren zu müssen. Die Fahrt zum Flughafen am Tag nach der Beerdigung war für eine einzige Tortur gewesen. Ihr war schlecht gewesen, ihr Herz hatte gerast, ihre Hände waren feucht gewesen und sie hatte zu schnell geatmet. Und jedes Mal, wenn ihnen ein Auto auf der Straße entgegen gekommen war…
Maude atmete tief durch und sah in den Hof. Dort stand ein dunkler Renault. Es war nicht das neue Auto, das ihr Vater nach dem Unfall gekauft hatte. Es war ein Auto, das Maude nicht kannte. Und Maudes Vater stand an der Fahrerseite und umarmte eine Frau.
Maude verspürte einen Stich in ihrem Herz, der sich jedoch schlagartig in pure Erleichterung auflöste, als ihr Vater sich aus der Umarmung löste und Maude in der Lampe am Hauseingang das Gesicht der Frau erkennen konnte. Es war Tante Anouk. Die Schwester ihres Vaters.
Anouk ging zum Kofferraum und Maudes Vater half ihr, zwei Koffer zum Haus zu tragen. Außerdem konnte Maude ein Päckchen sehen, quadratisch und groß. Es war in Geschenkpapier gewickelt, das von einer großen hellen Schleife zusammengehalten wurde. Maude wusste, was darin war. Es musste der Globus sein, den sie sich zu Weihnachten gewünscht hatte.
Tante Anouk holte ein Dreirad aus dem Kofferraum, das in eine Decke eingeschlagen war. Maudes Vater räumte es besonders eilig ins Haus. Maude ging davon aus, dass das Erics Weihnachtsgeschenk war. Ihr kleiner Cousin hatte sich sehnlich ein Dreirad gewünscht. Und die Tatsache, dass sein Geschenk ebenso ins Haus getragen wurde, wie die zwei Koffer, bedeutete wohl, dass Eric sein Geschenk bei Maude auspacken würde und Tante Anouk und er somit über Weihnachten hier bleiben würden.
Maude kaute auf der Unterlippe und sah nach draußen. Tante Anouk hob den schlafenden Eric aus dem Auto und ging zum Haus. Maude fühlte erneut ein Stechen in der Brust. Sie wusste, dass sie so etwas nicht denken sollte, aber sie beneidete Eric um die einfache Tatsache, eine ihn liebende Mutter zu haben, während sie selbst den Rest ihres Lebens ohne eine Mutter verbringen musste. Die Leere in ihr schmerzte unglaublich.
Maude blinzelte die aufsteigenden Tränen weg und zog sich aus dem Schlafzimmer zurück. Sie hatte das Gefühl, dass der Tod ihre Mutter nicht schon Monate zurücklag, sondern erst vor wenigen Tagen geschehen war.
Als sie nach der Beerdigung nach Weltenei zurückgekehrt war, hatte der Unterdrückungszauber wieder gewirkt. Sie hatte sich nur vage an ihre Eltern erinnern können, dafür waren ihre Erinnerungen an Weltenei zurück gekommen.
Inzwischen wusste Maude, dass es die Überlegung gegeben hatte, ihr ihre Erinnerung direkt nach der Rückkehr nach Weltenei zurück zu geben. Doch Dekan Ezzo hatte sich dagegen entschieden, da Maude in diesem Fall niemals ein Talent gefunden hätte. Er hatte beschlossen, dass Maude aber sofort mit ihrem Leben in der alten Welt konfrontiert werden sollte, sobald sich ihr Talent gezeigt hatte.
So lange hatte sich Maude nicht erinnern können. Dinge waren ihr bekannt vorgekommen. Erinnerungen waren manchmal aufgetaucht, hatten sich aber nicht fassen lassen. Nur selten hatte sie sich wirklich an etwas erinnern können. Das meiste davon hatte mit Teese zu tun.
Als sie Teese mit ihrem Drachen Nanu gesehen hatte, hatte sie sich an das Mädchen in der alten Welt erinnert, die sich ihr als Sophie vorgestellt hatte und die ihr am Flughafen ihr Lieblingsbuch gezeigt hatte. Ein Buch über Dinosaurier.
Rehan, der Pförtner von Weltenei, hatte mit ihr darüber gesprochen, nachdem Maude ihre Erinnerungen vollständig zurückerhalten waren. Rehan hatte vermutet, dass es in Fällen wie Maudes zu einer Kollision von Erinnerungen kam.
Maude war nach Weltenei gekommen und hatte die alte Welt vergessen. Sie hatte auf Weltenei gelebt und hatte Freunde gefunden. Dann war sie zurück in die alte Welt gegangen und hatte die neue Welt vergessen. Und wenige Tage später war sie nach der Beerdigung ihrer Mutter aus der neuen Welt zurück nach Weltenei gekommen und hatte prompt die alte Welt wieder vergessen. Dafür erinnerte sie sich an die ersten Tage auf Weltenei, wusste, dass sie fort gewesen und zurückgekommen war, wenn auch nicht wieso oder woher.
Unterdrückte Erinnerungen und erinnerte Erinnerungen wiedersprachen sich. Und jedes Mal, wenn Maude jemanden sah, den sie in der alten Welt gesehen hatte und in der neuen Welt nun wiedersah, flammte eine Erinnerung auf. Teese war davon besonders stark betroffen, weil sie diejenige gewesen war, die Maude bereits in der alten Welt getroffen hatte.
Da waren jene Erinnerungen an Sophie während ihrer Begegnung in der Wartehalle am Flughafen und im Bus sowie jenen an ein Mädchen Namens Sophie auf einem französischen Internat, an das sich Maude bei der Rückkehr in der alten Welt erinnert hatte. Und dann war da Teese in der neuen Welt, die Sophie war und doch nicht war.
Die verschiedenen Erinnerungen, wenn sie auch zum Teil unterdrückt waren, rieben sich aneinander. Und jedes Mal wenn Maude Teese angesehen und mit ihr gesprochen hatte, war ein kleiner Teil der Erinnerung zurückgekehrt. So lange, bis Maude gezeigt hatte, dass sie Elementmagierin war.
Magister Pim war zu ihr gekommen und hatte sie zu Rehan ins Pförtnerhaus gebracht. Er hatte sie in die Truhe sehen lassen und war bei ihr gewesen, als sie sich erinnert hatte. Er hatte sich schon lange vorher entschieden, ihr Tutor zu werden.
Maude ließ die Schlafzimmertür angelehnt, als sie durch den Flur im oberen Stockwerk zu ihrem Zimmer zurück schlich. Sie musste sich beeilen, als Tante Anouk den schlafenden Eric die Treppe hinauf trug. Mit angehaltenem Atem blieb Maude in ihrem Zimmer stehen. Die Tür war nur angelehnt, so dass sie sehen konnte, wie Anouk ihren kleinen Sohn zum Gästezimmer trug.
Maude war sich sicher, dass ihr Vater seine Schwester und den kleinen Eric gebeten hatte, über Weihnachten bei ihnen zu sein, um Maude auf andere Gedanken zu bringen, während dieser traurigen Weihnachtstage. Doch Maude konnte sich nicht darüber freuen. Ein Teil von ihr wünschte sich, sie wäre auf Weltenei geblieben.
Sie wusste, dass Magister Tyra Weihnachten auf Weltenei feiern würde. Und Seth wäre ebenfalls da, so dass sie nicht alleine unter Magiern gewesen wäre. Magister Pim hatte nichts gesagt, aber Maude wusste, dass er außer seinem Bruder keine Familie mehr in der alten Welt hatte. Somit war er sicher auch auf dem Inselberg geblieben.
Unvermittelt sehnte sich Maude nach ihrem Tutor. Nach dem Unterricht in Waffenführung. Nach der neuen Welt, in der sie zwar um den Tod ihrer Mutter wusste, in der er aber weit entfernt war. Wie in einem anderen Leben.

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