Die Insel der Magier (15/18)

Posted on Juni 1, 2009

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Im Inneren der Großen Halle war es taghell als würde es das Dach über ihren Köpfen und die fensterlosen Mauern zu ihren Seiten nicht geben. Zahlreiche massive Säulen stützten die Decke aus schlichtem goldgelben Stein. Einzelne Quader waren aufeinander gesetzt, um die Wände zu bilden. Nirgends waren Verzierungen zu sehen, keine verschnörkelten Kapitelen an den Säulen, kein kostbarer Wandbehang. Alles war einfach behauener Stein und doch wirkte der Raum nicht schlicht.
Der goldgelbe Stein leuchtete wie sanftes, morgendliches Sonnenlicht, das in ein Zimmer fiel. Nicht grell, sondern golden leuchteten Wände, Decke und jede einzelne Säule den Raum aus. Es schien, als wäre der Stein selbst eine Kerzenflamme und jede Säule eine entzündete Laterne.
An der gegenüberliegenden Wand waren zwei weitere goldene Türen, zu welchen einige Stufen hinauf führten. Die Türen waren verschlossen und zeigten in ihnen eingraviert den goldenen Engel, den Teese auf der Spitze des Turmes bereits gesehen hatte.
Er stand auf den Zehenspitzen und reckte sich in die Höhe. Die Flügel waren weit ausgebreitet und die Hände in den Himmel gehoben. Teese versuchte auszumachen, was es war, das er in die Höhe hielt, musste aber auch dieses Mal passen. Zudem verstellte ihr ein Mann die Sicht auf den Engel.
Er stand auf der obersten Stufe und blickte über die sich neugierig umschauenden Kinder in der Halle ein Stück unter ihm. Teese war sich unvermittelt sicher, dass dieser Mann der Dekan sein musste, von welchem Icus gesprochen hatte. Der fahlblonde, arrogante Junge, der Seth und Fenn im Pförtnerhaus beleidigt hatte, Timar, war der Sohn des Dekans und der Mann auf den Stufen sah ihm unglaublich ähnlich, wenngleich er viel älter war und auf Teese beeindruckend wirkte.
Ähnlich wie bei seinem Sohn waren die gelbweißen Haare, die offen über seine Schultern fielen. Das Gesicht wirkte kantig und zeigte einen selbstsicheren Ausdruck. Die braunen Augen streiften kurz Teeses Blick, wirkten aber nicht kühl oder abweisend, sondern eher interessiert und abschätzend.
Gekleidet war der Dekan in eine schwarze Robe, wie jeder sie hier trug. Doch war seine am Oberkörper mit mehr Bändern verknotet und umschloss den Körper eng, so dass sich der athletisch Körperbau mit den kräftigen Armen deutlich abzeichneten. An den Hüften fiel die Robe gerade geschnitten bis zum Boden und ließ den Dekan wie einen Block von einem Mann wirken.
Teese hätte es nicht gewundert, wenn er ein berühmter Schwertkämpfer wäre. Er sah aus wie ein Sagenheld oder ein König, auf alle Fälle nicht wie ein Gelehrter. Und die violette Schärpe, die er umgehängt trug, könnte auch der Tragegurt eines Köchers für einen Bogenschützen sein und nicht das Zeichen seines Ranges, als welche Teese die Bänder ansah. Die violette musste wohl dem Dekan vorbehalten sein, denn er war der erste, den Teese zu Gesicht bekam, der eine Schärpe mit dieser Farbe trug.
Der Mann auf der Treppe hob die Arme und erbat sich Ruhe von den aufgeregt tuschelnden Kindern. Seine Stimme klang fest und hatte den Tonfall eines Mannes, der gewohnt war, dass seinen Worten Folge geleistet wurde.
„Willkommen auf Weltenei“, fuhr er fort, als Ruhe eingekehrt war und schenkte den versammelten neuen Schülern ein freundliches Lächeln. „Willkommen an der Quelle der Welten, der Heimat von Magie und Weisheit. Ich begrüße Euch als neue Studenten an diesem Ort. Ich bin Dekan Ezzo, der Hüter von Weltenei und der Bewahrer der Quelle der Welten.“
Eine kurze Pause folgte seinen Worte als wolle er ihnen mehr Gewicht verschaffen und sie in der lichtdurchfluteten Halle nachklingen lassen.
„Es ist mir vorbehalten, jeden einzelnen von Euch als Kandidaten zu begrüßen und Euch die Schärpe Eures neuen Ranges zu überreichen.“ Der Dekan machte einen Schritt zur Seite und sah über seine Schulter. „Elgin, wenn Sie so freundlich wären…“
Ein Flügel der goldenen Engelstür öffnete sich und erlaubte einen kurzen Blick in den Raum hinter der Großen Halle, welcher nicht weniger groß war. Teese konnte riesige Fenster sehen, die bis zur Decke reichten und eine Reihe Tische, an welchen mehrere ältere Schüler saßen und über Bücher und Schreibarbeit vertieft waren. Einige sahen interessiert auf, als sich die Tür öffnete, während sich andere nicht weiter von dem beeindruckt zeigten, was in der Halle vor sich ging.
Magister Elgin trat durch die Tür und in die Große Halle neben den Dekan. Um seinen linken Arm hatte er mehrere weiße Schärpen gehängt, die er dem Dekan reichte. „Wen ich aufrufe, der möge nach vorne kommen“, sagte er an die Kinder gewandt und entrollte ein Stück Pergament, welches mit einem violetten Band zusammengehalten war.
„Devin“, las Magister Elgin den ersten Namen vor und ein kleiner Junge, den Teese für einen Eskimo hielt, trat nach vorne, um als erster von dem Dekan seine weiße Schärpe umgehängt zu bekommen. Dekan Ezzo schüttelte Devin die Hand und damit war der Junge wieder entlassen. Magister Elgin las den nächsten Namen.

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