Die Insel der Magier (12/18)

Posted on Mai 22, 2009

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Seth schob die Hände in die Taschen seiner Robe und schlenderte ohne viel Eile zur Tür. Teese beeilte sich, ihm zu folgen und die Katze schloss sich ihr an.
„Du kennst Dich toll aus mit“ – Teese zögerte – „Tieren.“ Sie warf im Vorbeigehen einen kurzen Blick auf die Chimäre. Ob jeder Magister sich solche Tiere hielt?
„Nein, nicht sehr“, murmelte Seth.
„Aber Du weißt, wie man ein Einhornfohlen füttert und was eine Chimäre ist“, widersprach Teese energisch.
„Die Magister hat mir vorhin ein wenig über Chimären erzählt“, antwortete Seth. „Und das war das erste Einhorn, das ich je gesehen habe – denke ich.“ Er sah über seine Schulter zu Teese und seine Augen glänzten begeistert. „Aber ich mag es sehr. Tiere sind viel leichter zu verstehen als Menschen.“
„Uhm, wenn Du meinst“, brachte Teese hervor.
„In Tiere kann man ganz einfach hineinhören“, sagte Seth. Sein Blick glitt kurz zu den Schweinen in der ersten Box. „Menschen sind irgendwie…verschlossen.“
Teese war sich nicht sicher, ob sie Seth richtig verstand. „Aber Menschen können sprechen und Dir sagen, was sie fühlen und wie es ihnen geht.“
Seth schnaubte fast ein wenig angewidert. „Aber meist lügen sie und zeigen nicht, was sie wirklich denken. Tiere lügen nie. Und wenn man in sie hineinhört, merkt man auch, wenn etwas nicht in Ordnung ist.“
Der Junge verließ den Stall und Teese folgte ihm ins Freie. Die Katze tappte den Kindern hinterher, ohne sich sonderlich zu beeilen. Sie folgte den beiden auch ins Haus, wo sie sich ein Stück hinter der Tür auf den Boden setzte und sich wieder zu putzen begann.
Teese ging zum Tisch, an dem Liina ihr einen Platz neben sich freigehalten hatte. Fenn und Rinnir waren ebenfalls herunter gekommen und saßen neben der Magister, jeder mit einem Glas Eistee vor sich.
„Ich dachte mir schon, dass es genau die richtige Aufgabe für Dich ist“, begrüßte die dunkelhäutige Frau mit den roten Haaren Teese und Seth zurück. Wobei ihre Worte wohl in erster Linie dem Jungen galten, den sie mit einem warmen Lächeln ansah.
Teese setzte sich neben Liina und nippte schweigend an dem eisgekühlten Tee, der süß und nach Zitrone zugleich schmeckte. Sie beneidete Seth ein wenig für sein offensichtliches Gespür für Tiere. Sie hätte auch gerne ein Einhorn gefüttert.
„Dann trinkt mal Euren Tee“, fuhr Magister Nabi fort und ruht Euch noch ein wenig aus. „Wie ich den Dekan kenne, wird man Euch den Rest des Tages bis zum Abendessen einmal quer durch Weltenei scheuchen. Vielleicht machen sie heute sogar schon die ersten Vorprüfungen. Ezzo ist besessen von einer straffen Wissensvermittlung. Einfach keine Geduld mit der Jugend, der Mann.“
„Vorprüfung?“, wollte Fenn wissen und er wirkte genauso unglücklich wie Seth, der neben ihm Platz genommen hatte.
„Nun, als erstes werden sie Euch wohl die Schärpen geben“, überging die Magister die Frage. „Weiß für die Kandidaten. Die schnellen Lerner unter Euch könnten sie schon im nächsten Schuljahr gegen die Roten tauschen. Aber man sollte sich nicht unnötig unter Druck setzen. Das sage ich immer wieder.“
Teese sah fragen zu Liina, doch die zuckte nur mit den Schultern, grinste dann und die beiden Mädchen kicherten. Magister Nabi zog irritiert eine Augenbraue hoch. „Habe ich etwas Komisches gesagt?“
„Nein, nein, nicht wirklich“, prustete Liina.
Teese war irgendwie erleichtert, dass sie wohl nicht die einzige war, für die alles das neu war. Natürlich war sie hier, um auf die Schule zu gehen. Ihre Eltern hatten sie auf dieses Internat geschickt, aber von weißen Schärpen, Kandidaten und Vorprüfungen hatte sie nicht die geringste Ahnung, genauso wenig wie von Chimären und Einhörnern.
Ihr Blick glitt zu Seth, der nervös mit seinem Teeglas spielte. „Magister, diese Vorprüfungen“, griff er dann zaghaft Fenns Frage auf. „Was für Prüfungen sind das?“
„Sind sie schwer?“, fiel Fenn in seine Worte ein.
„Was passiert, wenn man sie nicht besteht?“, wollte Liina neugierig wissen. Darüber, dass ihr genau das passieren konnte, schien sie nicht besorgt zu sein.
Teese hingegen war sich nicht so sicher, ob sie irgendwelche Vorprüfungen bestehen würde. Sie war an ihrer alten Schule immer recht gut gewesen, auch wenn sie sich nur vage an Zeugnisse oder ihre Noten erinnern konnte. Aber wenn hier magische Dinge abgefragt wurden, würde sie sicherlich eine glatte Sechs bekommen.
Sie sah zu Rinnir, der neben Seth saß und schweigend die Unterhaltung verfolgte. Das Glas des Jungen war noch randvoll und er sah eher finster drein. Als er Teeses Blick bemerkte sah er sie kurz an und dann eilig zu der Katze, als würde er ihr dabei zusehen, wie sie sich putzte.
„Ach, über die Vorprüfungen macht Euch mal keine Gedanken“, wiegelte die Magister ab und machte eine wegwischende Handbewegung. „Viele hervorragende Magier sind im ersten Jahr durch eine ganze Menge von ihnen gefallen. Man muss nicht alles im Leben schon können, wenn man nach Weltenei kommt. Wichtig ist, was Ihr von heute an lernen werdet.“
Sie trank ihr Glas leer und erhob sich. „Stellt die Gläser zurück ins Regal, wenn Ihr fertig seid“, sagte sie. „Und seht zu, dass Ihr heute Abend nicht lange herumtrödelt sondern nach dem Essen zügig nach Hause kommt.“
Damit verließ sie das Zimmer durch die Hintertür in den Garten. Die Katze zögerte einen Moment und folgte ihr dann. Die fünf Kinder sahen der Magister und ihrem Haustier ein wenig ratlos nach.

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