Die Insel der Magier (11/18)

Posted on Mai 18, 2009

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Die Tür schloss sich in Teeses Rücken, so dass sie Icus‘ Antwort nicht hören konnte. Das Mädchen folgte Seth durch den Garten, der sich hinter dem Haus erstreckte und erst an einer niedrigen Mauer endete, die weit in die Tiefe hinunter reichte, bis zu einem schmalen Strand, der von Wellen umspielt wurde. Der Blick aus dem Garten über das Meer reichte bis zum Horizont. Hier an einem schönen Sommerabend zu sitzen und zuzusehen, wie die Sonne unterging, musste großartig sein.
Ohne es selbst zu merken, war Teese stehen geblieben und atmete die frische Meeresluft ein. Ein paar Möwen kreisten über den Wellen und eine leichte Brise wehte, die den warmen Vormittag angenehm erscheinen ließ.
Nachdem Teese eine Weile einfach nur an der Mauer gestanden und aufs Meer gesehen hatte, fiel ihr ein, dass sie eigentlich mit Seth wegen des Fohlens hier war. Sie sah sich hektisch um, konnte den Jungen aber nirgends sehen. Ein Stück zu ihrer Rechten war allerdings ein Schuppen angebaut, dessen Tür offen stand. Eine Handvoll Vögel, die Teese im ersten Moment für Hühner gehalten hatte, standen vor der Tür in einem Halbkreis und zogen sich in den Garten zurück, als Teese herüber kam.
Das Mädchen sah ihnen einen Moment irritiert nach, denn anstatt Hühnerköpfen mit Schnäbeln hatten sie eindeutig Köpfe wie Menschen, wenn auch viel kleiner. Die seltsamen Wesen verschwanden im Unterholz und Teese schielte in den Schuppen.
Durch die Tür konnte sie in einen langen Gang sehen, der sich weit nach hinten erstreckte und an dessen rechten Seite mehrere Boxen waren. An einer der hinteren kniete Seth im Gang und hielt eine Hand in einen der abgetrennten Ställe. Teese ging an zwei Schweinen vorbei und einer Box, in welcher ein Löwe und eine Ziege zusammen im Heu lagen.
Als Teese daran vorbei ging, hörte sie ein Zischen und sah, dass eine Schlange sich neben dem Löwen aufrichtete. Teese blinzelte, aber sie täuschte sich nicht. Die Schlange war der Schwanz des Löwen. Und als dieser interessiert zu ihr sah, erkannte sie, dass er nicht neben einer Ziege lag, sonder Löwenkopf und Ziegenkopf zu einem einzigen Wesen gehörte.
Teese stolperte gegen Seth, da sie den Blick nicht von dieser merkwürdigen Kreatur hatte lassen können. „Was ist das für ein Tier?“
Seth wedelte aufmunternd mit ein paar grünen Blättern vor der Nase eines kleinen, weißen Fohlens, das in der nächsten Box auf wackeligen Beinen stand. „Eine Chimäre“, sagte er. „Sie hat Probleme mit ihrem Feuer.“
Teese öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, war aber zu überrascht, um etwas Vernünftiges zu sagen und schloss ihn wieder. Seth wusste anscheinend recht gut Bescheid. Vielleicht war er mit diesen Tieren aufgewachsen. Für Teese allerdings waren sie eindeutig neu und unbekannt.
Nur das kleine Fohlen, das zögerlich näher kam und an einem der Blätter in Seths Hand zupfte, wirkte vertraut, auch wenn es kein Pferd war. Ein noch recht kleines, weißes Horn auf seiner Nase ließ Teese in dem jungen Pferd ein Einhornfohlen erkennen. Sein linkes Bein war mit einem Verband umwickelt und es stand recht wackelig auf seinen Beinen.
„Was hat es?“, wollte Teese wissen.
Das Einhorn zuckte erschrocken zurück und Seth warf dem Mädchen über seine Schulter einen bösen Blick zu. Teese legte ihre Hand auf den Mund. Sie hatte das kleine Einhorn nicht verschrecken wollen. Sie hatte gedacht, es wäre recht zahm, so wie es Seth die Kräuter aus der Hand fraß.
Teese machte ein paar behutsame Schritt zurück, bis sie mit dem Rücken die Wand berührte. Das kleine Einhornfohlen maß sie misstrauisch und kam erst langsam näher, als Seth aufmunternd und beruhigend mit ihm sprach.
Teese blickte verlegen zu Boden und ihr Blick streifte für einen Moment den einer Katze, welche links von ihr auf dem Boden saß und sich unbeteiligt gab. Teese sah lieber zweimal hin, doch schien diese Katze eine ganz normale Katze zu sein und kein Mischwesen aus Katze, Ziege und Schlange oder Katze und Huhn mit Menschenkopf. Anscheinend konnte man sich solcher Dinge hier allerdings nicht allzu sicher sein.
Die Katze sah zu Teese auf und sah sie kurz und offensichtlich belustigt aus gelben Augen an, um dann wie nebensächlich eine Pfote zu lecken und sich die Ohren zu putzen. Teese wagte kaum aufzusehen, um das kleine Einhorn nicht erneut zu stören. Doch als sich Seth erhob, schielte sie an ihm vorbei zu dem kleinen weißen Pferd, das gerade die letzten Reste der Kräuter kaute.

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