Die Insel der Magier (10/18)

Posted on Mai 15, 2009

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Teese zögerte einen Moment, ging dann aber zur Tür, um sie zu öffnen. Ein Junge, gut einen Kopf größer als sie und mit umgehängter orangefarbener Schärpe, stand vor der Tür. Seine rotblonden Haare wetteiferten mit der Farbe der Schärpe. Ein wenig überrascht, machte er einen halben Schritt zurück. „Oh. Hi. Ich wollte…Ist die Nabi da?“
„Wer?“ Teese sah den Jungen verständnislos an. Er war sicherlich zwei oder drei Jahre älter als sie und wirkte kräftig, beinahe massig. Teese entschied, dass es keine gute Idee wäre, sich mit jemandem wie ihm zu prügeln.
Allerdings sah er nicht aus, als würde er auf Ärger aus sein. Vielmehr grinste er belustigt über Teeses Worte, so dass es dem Mädchen verlegen die Röte in die Wangen trieb.
„Die Magister?“, wollte sie schließlich wissen. Die Namen der anderen kannte sie immerhin, Liina, Fenn, Seth und Rinnir. Nabi musste der Name der Magister sein. Und tatsächlich nickte der Junge auch, ohne dass das Grinsen von seinem Gesicht verschwand.
„Das ist typisch Magister Nabi“, sagte er dann. „Vollkommen verplant, die Gute. Aber da ist sie schon, oder?“
„Ja. Aber sie kümmert sich um das Fohlen“, wiederholte Teese, was die Magister ihnen gegenüber selbst gesagt hatte.
„Hm, das wird wohl nicht allzu lange dauern. Ich warte so lange.“ Er sah Teese erwartungsvoll an. „Lässt Du mich rein, oder soll ich hier draußen stehen bleiben.“
Teese beeilte sich, einen Schritt zurück zu machen und den Jungen herein zu lassen. Es war ihr peinlich, dass er angenommen hatte, sie würde ihm die Tür vor der Nase zuschlagen.
„Ich bin übrigens Icus“, sagte er, während er zum Tisch ging und sich auf einen der Stühle niederließ.
„Teese.“
Icus pfiff durch die Zähne. „Ach, schau einer an. Du bist das also.“ Das Grinsen, das kurzfristig von seinem Gesicht verschwunden war, tauchte wieder auf. „Du bist schon das Gesprächsthema der ganzen Schule. Zielstrebig mit Timar angelegt, nicht wahr? Der war so sauer, dass er auf dem Weg zum Magieturm jeden angekeift hat, der ihn auch nur annähernd komisch angesehen hat.“
Icus stützte die Ellenbogen auf den Tisch und musterte Teese. Das Mädchen schob ihre Hände in die Taschen der Robe und zuckte mit den Schultern.
„Du weißt nicht, wer er ist, oder?“
Teese schüttelte den Kopf.
„Er ist ein Idiot.“ Liina kam die Treppe hinunter. „Das ist uns auf alle Fälle schon mal klar.“
Icus lachte. „Ja, das stimmt wohl.“ Ein spöttisches Lächeln lag auf seinen Lippen. „Hast Du ihm das so ins Gesicht gesagt?“
„Ja, weil es stimmt.“
„Er ist der Sohn des Dekans“, erwiderte Icus. „Nicht, dass mich das beeindrucken würde, aber er hält sich für das Tollste, was Weltenei je hervorgebracht hat, als ob der Sohn eines Magiers etwas Besseres wäre als der Rest von uns. Dabei ist es im Grunde doch genau umgekehrt und nur weil er…“
Icus verstummte, als die Hintertür geöffnet wurde und die Magister herein kam. Der Junge kam so schnell auf die Beine, dass der Stuhl, auf dem er bis eben gesessen hatte, fast umgekippt wäre. „Guten Tag, Magister Nabi.“
Die dunkelhäutige Frau mit den feuerroten Haaren sah den Jungen einen Augenblick ratlos an. „Iktus, nicht wahr?“
„Icus“, korrigierte der Junge sie. „Mein Tutor schickt mich mit ein paar Kräutern, die Sie haben wollten?“
„Kräuter?“
„Koboldhut.“
„Ach…nun, damit hättest Du Dich nicht ein wenig beeilen können, oder?“ Magister Nabi durchquerte den Raum und blieb vor dem Jungen stehen. „Das hätte ich gebraucht, bevor ich das Fohlen gefüttert habe. Ob es das danach frisst…“ Sie machte eine wegwerfende Geste. „Egal. Gib den Koboldhut Seth.“
Icus sah ratlos zu Teese, während die Magister ihn stehen ließ und zum Ofen ging. Aus einem Regal an der Wand nahm sie sechs Gläser und füllte Wasser hinein.
Icus‘ Blick glitt weiter zu Liina, welche mit dem Daumen in Richtung Hintertür zeigte, wo Seth der Magister gefolgt war. In der schwarzen Robe mit den verknoteten Bändern wirkte er erschreckend dürr und die zerzausten Haare standen ein wenig ab, als wäre er durch einen Herbststurm gewandert. „Das ist Seth.“
Icus griff in seine Robe und holte ein eingeschlagenes Tuch heraus. „Hier, bitte.“
Seth nahm das Tuch und warf einen Blick hinein. Allerdings schien er genauso wenig zu wissen, was er damit sollte, wie Teese.
„Versuche, ob Du es dem Fohlen füttern kannst“, kam allerdings gleich die Anweisung der Magister. „Teese, Du gehst mit ihm und gehst ihm ein wenig zur Hand.“
„Okay.“
Teese hatte zwar keine Ahnung, wie sie Seth dabei helfen konnte, einem Fohlen ein paar Kräuter zu füttern, aber sie war neugierig auf das kleine Pferd und den Garten hinter dem Haus.
„Und Du, Icus“, fuhr Magister Nabi fort, als Teese mit Seth bereits den Raum halb verlassen hatte. „Kannst jetzt gerne wieder gehen. Wir sind keine Zoologische Abteilung und meine Kinder sind keine Attraktion, die es zu begaffen gilt.“

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