Die Insel der Magier (9/18)

Posted on Mai 11, 2009

3


„Puh, wie man das wohl anziehen soll?“, lenkte Liina die Aufmerksamkeit des Mädchens wieder auf sich. Die pummelige Chinesin hatte ihre Robe aufgefaltet und sah sich mit einer Reihe von Bändern konfrontiert, welche von dem Kleidungsstück herab hingen.
„Ich weiß nicht“, gestand Teese. „Aber Magister Elgin hatte seine Robe irgendwie vorne verknotet.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht wie eine Schürze?“, schlug sie vor. „Zieh das erst mal über und dann schaue ich, ob ich es hinbekomme, wie es bei dem Magister ausgesehen hat.“
Liina grinste und streifte ihre Kleidung ab, um in die Robe zu schlüpfen. Teese setzte sich auf ihr Bett und musterte die verschiedenen Bänder nachdenklich. Sie war sich sicher, dass sie vor dem heutigen Tag niemanden getroffen hatte, der ein solch merkwürdiges Kleidungsstück getragen hatte.
Allerdings gab es dabei ein kleines Problem, denn Teese fiel es schwer, sich zu erinnern, was die Leute um sie herum statt dessen getragen hatten, Leute wie ihre Eltern. Die Erinnerung an sie war ohnehin als Ganzes verschwommen und recht vage, als würden die Gedanken in Watte gepackt sein.
„Und?“, wollte Liina wissen.
Teese seufzte und ergriff zwei der Bänder. „Halte mal still“, forderte sie ihre neue Freundin auf.
Langsam fuhr Teeses Hand um Liinas Taille, kreuzte zwei der Bänder und verknotete sie. Dann griff sie zwei weitere und band sie genau umgekehrt, so dass Liina ein wenig aussah wie ein hübsch verpacktes Geschenk aus dunklem Papier mit Geschenkband umwickelt, wenn auch ohne Schleife.
„Ich glaube“, sagte Teese zögernd, „so ist es richtig.“
Liina bewegtes sich probehalber ein wenig und nickte dann mit einem Strahlen. „Ja, ich glaube auch. Jedenfalls hält es.“ Sie drehte sich einmal im Kreis, so dass die offenen Enden der Bänder flatterten. „Jetzt Du. Uhm, und dann schaue ich mir mal das Badezimmer an, bevor wir Tee trinken.“
Teese streifte kommentarlos ihr Shirt über den Kopf und zog die Hose aus. Ihre Kleidung wirkte auf sie genauso seltsam und ungewohnt wie die Robe, die sie nun überzog. Liina brauchte zwei Anläufe, bis sie die Bänder richtig und fest genug um Teeses Hüfte gebunden hatte.
Teese machte ein paar Schritte. Irgendwie fühlte sie sich steif in dieser gebundenen Robe. Alles war recht eng und sicher nicht dafür gemacht, mit dieser Kleidung draußen herumzutoben. Andererseits waren sie hier auch an einer Schule und dieser Effekt vermutlich gewünscht.
Die beiden Mädchen verließen das Zimmer und Liina verschwand im Bad, welches sich hinter dem Zimmer der beiden befand. Teese ging die Treppe hinunter und sah sich im Esszimmer um. Außer ihr war noch niemand hier. Die Jungs packten sicher noch aus und die Magister war wohl noch mit diesem Fohlen beschäftigt, von dem sie gesprochen hatte.
Teese trat an den kleinen Herd. Er wirkte seltsam altmodisch und war mehr ein Ofen mit einer gußeisernen Platte, auf welche man wohl einen oder zwei Töpfe stellen konnte. Probeweise streckte Teese ihre Hände dagegen aus, obwohl kaum zu erwarten stand, dass der Herd mitten im Hochsommer grundlos beheizt war. Und das war auch nicht der Fall. Dennoch zog Teese eilig ihre Hände zurück, als habe sie sich verbrannt: Der Ofen war eiskalt und schien den ganzen Raum zu kühlen.
Das Mädchen hielt kurz inne und griff dann nach dem Schürhaken. Vorsichtig hob sie damit die kreisrunde Platte hoch, welche den Ofen nach oben verschloss und warf einen Blick in den Kessel, in welchem im Winter wohl ein Feuer brennen musste. Teese konnte auch jetzt eine Flamme im Inneren erkennen, die allerdings fahlblau leuchtete und in der Mitte des Kessels loderte, ganz ohne Holz oder irgendeinen anderen Brennstoff.
Ein Klopfen an der Tür, ließ Teese zusammenzucken und beinahe wäre ihr die Ofenplatte heruntergefallen. Sie atmete einmal kurz durch und schob die Platte wieder auf den Ofen, um die blaue Flamme im Kessel wieder zu verschließen. Schnell legte sie den Schürhaken zurück, während es erneut klopfte.

<< erster Teil | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements