Die Insel der Magier (7/18)

Posted on Mai 7, 2009

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Der Magister ging den Kindern voran aus dem Haus des Pförtners und zurück auf die Straße. Teese konnte die Spitze eines roten Drachenschwanzes sehen, die ein Stück weiter oben um eine Kurve des Kopfsteinpflasters verschwand.
Die Gruppe folgte dem Drachen durch ein gemauertes Portal, das den Eingang zu dem Bereich der Wohnhäuser darstellte. Die Straße war erstaunlich breit und gut gepflastert. In einigen Abständen waren eine handvoll breiter Stufen angelegt, so dass sie Straße mit einer sanften Steigung spiralförmig auf den Inselberg hinauf führte, sicherlich bis ganz hinauf zu dem Turm mit dem goldenen Engel auf seiner Spitze, den Teese von ihrem Ruderboot aus bereits bewundert hatte.
Die ersten Häuser hinter dem Portal waren Gasthäuser, eine Post und steinerne Gebäude ohne Fenster, die Teese für Lager hielt. Dahinter begannen die Wohnhäuser, schmale Steinbauten mit hölzernen Fensterläden und hellblauen Türen. Die meisten der Häuser waren sehr schmal und recht hoch.
Nachdem sie einige dieser Häuser passiert hatten, blieb Magister Elgin stehen und las sechs Namen vor. Er ließ die Kinder vortreten und erklärte ihnen, dass sie hier während des Schuljahres wohnen würden. „In Magister Tyras Haus.“ Er klopfte an der Tür.
„Sie wird so etwas wie Eure Mutter sein, bis Ihr alt genug seid, um ein Zimmer im Magieturm zu bekommen. Wenn Ihr Fragen habt, wendet Euch immer vertrauensvoll an sie, geht ihr aber nicht auf die Nerven. Manche Magister haben nämlich immer viel zu tun und brauchen viel Ruhe für ihre Studien.“ Der schlaksige junge Mann schmunzelte, während sich die Tür öffnete und eine Frau mit kurzen, braunen Haaren heraustrat.
„Ach, schon da?“, wollte sie zur Begrüßung wissen und strahlte fröhlich in die Runde.
Teese bedauerte, dass ihr Name nicht aufgerufen worden war, denn die Frau wirkte auf sie sehr nett, wie sie die sechs Kinder in Empfang nahm.
Beim nächsten Haus war sie allerdings recht froh, dass sie nicht hier wohnen sollte, denn der Mann, welcher die Tür öffnete, wirkte alles andere als erfreut über die Kinder, die bei ihm einziehen sollten.
Liina griff nach Teeses Hand. „Wenn man mich bei so einem einquartiert, schreie ich ganz laut“, flüsterte sie ihr ins Ohr.
Teese nickte grimmig. Ob man wohl noch umziehen konnte, wenn man mit dem Magister, bei dem man wohnen sollte, nicht klar kam?
„Und wenn wir nicht in ein Haus kommen, schreie ich auf“, fügte Liina ernst hinzu.
Teese drückte ihre Hand und entschied, dass sie sich das auch überlegen sollte. Sie kannte Liina erst seit der Überfahrt in den Booten, aber sie war fröhlich, nett und Teese mochte sie irgendwie. Mit jemandem wie Liina zusammen zu wohnen versprach lustig zu werden.
Und tatsächlich hatten die Mädchen Glück, denn ihre Namen wurden beide beim dritten Haus aufgerufen. Ebenso die von Seth und Fenn, was Teese auch irgendwie freute. Außerdem wurde noch ein blasser Junge mit kinnlangen dunkelblonden Haaren aufgerufen, den Teese bisher nicht wirklich zur Kenntnis genommen hatte. Sein Name war Rinnir und er trat schweigend und mit leicht verkniffenem Gesicht zu den anderen.
Liina beugte sich zu Teese, während Magister Elgin an der Tür des Hauses klopfte. „Wir sind nur fünf“, flüsterte sie.
„Stimmt.“ Teese zog die Nase kraus. Die übrigen Gruppen waren beide sechs Kinder gewesen. „Meinst Du der eine, der fehlt, hätte bei uns wohnen sollen?“
„Ich frage mich, wer das wohl war und warum er nicht gekommen ist.“
Teese zuckte mit den Schultern. „Vielleicht kommt er später nach?“
„Vielleicht.“ Liina wirkte nicht überzeugt.
Teese wandte den Blick nach vorne, als die Tür geöffnet wurde und eine Frau in einer dunklen Robe und mit umgehängter blauen Schärpe die Tür öffnete. Ihre Haut war dunkel und schimmerte ein wenig golden. Ihre Augen waren dunkelbraun und ihre Haare feuerrot, so dass Fenn überrascht nach Luft schnappte.
Teese sah die Frau mit offenem Mund an. Sie trug mehrere goldene Ohrringe in ihrem linken Ohrläppchen und sah unglaublich schön aus.
„Wow“, murmelte Liina, die ebenfalls nicht anders konnte, als die Magister anzustarren.
„Aha“, sagte die Frau und sah auf die fünf Kinder herunter. „Ihr seid das also.“ Sie blickte kurz zu Elgin. „Einer fehlt.“
Der Magister machte eine entschuldigende Geste. „Ich weiß.“
Sie maß ihn einen Moment prüfend und zuckte dann mit den Schultern. „Nun, dann hat einer von Euch Jungs ein Zimmer für sich“, entschied sie. „Also rein mit Euch. Ich war eben dabei, das Fohlen zu füttern und das mag es gar nicht, wenn es warten muss.“

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