Die Insel der Magier (3/18)

Posted on Mai 3, 2009

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„Guck mal, da ist ein Drache“, stieß Liina Teese mit dem Ellenbogen sacht in die Seite.
„Wo?“
Teese machte große Augen und wandte ihren Blick in die Richtung, in welche Liina sah und gleich darauf auch mit der Hand deutete. „Na, da.“
Die Ruderboote hielten auf eine Mole mit einer breiten Kaimauer zu, an deren Ende ein mächtiges, rotgeschupptes Wesen saß. Es war so groß, dass seine krallenbewehrten Füße Mühe hatten auf der für den Drachen schmalen Kaimauer das Gleichgewicht zu halten. Sein Körper war massig und der Kopf gewaltig.
„So riesig“, hauchte Liina neben Teese. Die Chinesin klatschte begeistert in die Hände. „Wenn der kein Glück bringt, weiß ich auch nicht.“
Teese sah das gewaltige Wesen mit staunender Ehrfurcht an. Der Drache war unglaublich groß. Sicherlich war er größer als eine Elefant. Wie riesig er war, konnte man an dem schlaksigen, jungen Mann sehen, der neben ihm stand, von dem Drachen anscheinend vollkommen unbeeindruckt.
Der junge Mann trug eine dunkle Robe und darüber eine schmale Schärpe in strahlendem Blau quer über den Oberkörper. Die Schärpe verrutschte leicht, als der Mann die Hand hob und dem vordersten Boot winkte, rechts von ihm anzulegen.
„Alles in Ordnung, Wiedeland?“, rief seine Stimme über das Wasser zu den Booten.
Der Ruderer in Teeses und Liinas Boot zog die Ruder ein und formte mit seinen Händen einen Trichter vor dem Mund. „Alles in Ordnung, Magister Elgin.“
Liina presste ihre Schulter gegen Teese, um an dem Mann am Ruder vorbei sehen zu können. „Ist das einer unserer Lehrer?“, wollte sie neugierig wissen.
„Er ist ein Magister.“ Wiedeland griff wieder nach den Rudern. Die Boote glitten über das Wasser zu der Kaimauer.
Der rote Drache reckte seinen langen Hals über die Boote und musterte neugierig die Kinder, die zum Teil recht ehrfurchtsvoll neben dem gewaltigen Tier die Insel betraten. Teese erhaschte kurz einen Blick aus orangefarbene Augen, die wie Flammen loderten.
„Wo der Feuer hinspuckt, brennt alles nieder“, kommentierte ein dunkelhäutiger Junge, der hinter Teese auf die Kaimauer kam.
„Bring ihn bloß nicht auf dumme Gedanken“, murmelte ein kleiner, schmächtiger Junge, der mit ihm in einem Boot gewesen war.
„Ha, hast Du etwa Angst, Seth?“, wollte der dunkelhäutige Junge herausfordernd wissen.
Seth zuckte mit seinen schmalen Schultern. „Und wenn?“
„Quatsch“, mischte sich Liina ein. „Drachen bringen Glück. Die brennen gar nichts nieder.“
„Denkst Du“, hielt der dunkelhäutige Junge dagegen.
Seth schwieg und huschte an Teese vorbei zu dem Magister mit seiner blauen Schärpe, der die Schüler zu sich gerufen hatte. Teese folgte dem schmächtigen Seth, während Liina mit dem dunkelhäutigen Jungen stritt, ob Drachen nun Glück brachten oder Seuchen und Zerstörung.
Teese hoffte, dass niemand auf dieser Insel Drachen halten würde, die Feuer spucken oder Menschen mit ihrem Atem vergiften konnten – und sie vielleicht anschließend noch verspeisten. Sie sah mehrmals über ihre Schulter zu dem Drachen, der am Ende der Kaimauer saß und den Kopf schief gehalten die Kinder betrachtete. Hungrig wirkte sein Blick jedoch kaum, eher neugierig.
„Willkommen.“
Teese wäre beinahe in Magister Elgin hinein gelaufen, weil sie zurück zu dem Drachen gesehen hatte und nicht nach vorne. Sie blieb eilig stehen. Die Kinder scharten sich um den Mann in der dunklen Robe.
„Willkommen auf Weltenei.“ Der schlaksige, junge Magister machte mit seinen Armen eine weit ausholende Bewegung. „Ich begrüße Euch alle als zukünftige Studenten. Ich bin Magister Elgin und als jüngster unter den Magistern ist es meine Aufgabe, Euch in den ersten Tagen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.“
Er überblickte die Schar der Kinder und schien sie stumm abzuzählen. Sein Blick glitt noch einmal zu den Booten und Teese bemerkte, dass Wiedeland, der Ruderer, in seine Richtung mit den Schultern zuckte. Fehlte jemand?
„Nun“, beeilte sich Magister Elgin fortzufahren, „als erstes werden wir zum Pförtner gehen, wo Ihr Eure Sachen in Empfang nehmen werdet. Für jeden von Euch gibt es Schulroben, so dass Ihr Kleidung, die Ihr eventuell mitgebracht habt, hier nicht braucht. Alle Dinge, die Ihr nicht benötigt, bleiben beim Pförtner hinterlegt, bis Ihr in den Ferien wieder nach Hause fahrt. Das gilt vor allem für Dinge, welche auf Weltenei verboten sind. Was erlaubt ist, bekommt Ihr gleich ausgehändigt und könnt es mit in Eure Häuser nehmen.“
Die Gruppe setzte sich in Bewegung noch während der schlaksige, junge Magister sprach. Liina beugte sich zu Teese. „Was für Sachen sind denn verboten?“, wollte sie wissen.
Teese zuckte mit den Schultern. Sie hatte keine Ahnung. Sie wusste im Moment nicht einmal genau, was sie eingepackt hatte. Sie würde einfach sehen, was man ihr geben würde und später nachdenken, ob etwas fehlte.

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