Die Insel der Magier (2/18)

Posted on Mai 2, 2009

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Es gibt Menschen, die sagen, dass es die Schönheit von Weltenei ist, welche diejenigen, welche die Festung zum ersten Mal vom Meer her sehen, alles vergessen lässt. Andere sagen, es wären die Unmengen an Magie, welche die Mauern der Inselburg gespeichert haben. Wieder andere spekulieren, dass es ein Zauber ist, der um die gesamte Insel verläuft und die Erinnerung an ihr Leben und ihre Herkunft aus den Köpfen all jener auslöscht, die noch nie die Quelle der Welt gesehen haben, kein Seelentier besitzen und von der Magie nicht mehr in sich tragen als einen noch nicht entzündeten Funken.
Teese hatte später oft versucht, sich an ihre erste Überfahrt in den kleinen Ruderbooten zu erinnern und den Zeitpunkt auszumachen, an welchem sich ihr Leben geändert und sie vergessen hatte. Sie war sich sicher, dass sie noch an ihre Eltern und ihre Schwester gedacht hatte, als sie mit den anderen Kindern in eines der Boote geklettert war. Da war sie noch ein ganz normales kleines Mädchen von gerade einmal neun Jahren gewesen, das nicht verstand, warum es auf ein Eliteinternat im Ausland gehen musste.
Dann hatten die Boote abgelegt und sie hatte nach vorne gesehen zu der Insel mit dem gewaltigen Turm, welcher in den Himmel ragte und dessen goldenes Dach mit einem Engel gekrönt war. Von den Booten aus war kaum genau auszumachen, was er in der Hand hielt und der Sonne entgegenstreckte, so dass nur noch seine Zehenspitzen das Dach berührten.
Teese hatte den Engel in seinem glänzenden Gold bewundert, welcher auf dem gewaltigen Turm ihrer neuen Schule thronte. Er schien über alles zu strahlen wie eine zweite Sonne und warf sein Licht auf die Mauern der umliegenden Gebäude aus ihrem grauem Stein.
Der Turm bildete die Spitze eines Burgbergs, an dessen Hang sich reihum kleinere Häuser schmiegte, die nach oben größer und prächtiger wurden. Den Turm selbst umgaben Gebäude, die kleine Türmchen trugen und Erker aufwiesen sowie große, hohe Fenster, deren Scheiben im Sonnenlicht schimmerten wie Silber.
„Das ist so schön“, sagte das kleine Mädchen, das neben Teese im Boot saß und wie sie nach vorne saß. „Wie aus einem Märchenbuch.“
Teese nickte eifrig. Die Gebäude auf der Insel vor ihr sahen wirklich aus wie ein Märchenschloss. Und aus einem Märchen mussten auch die Pferde stammen, die Teese nun in der Luft sehen konnte. Zwei schwarze Pferde mit weißen Flügeln flogen mit gleichmäßigen Flügelschlägen rechts vom Turm hinauf in den Himmel, drehten bei und flogen über die Köpfe der Kinder im Boot hinweg.
„Waaahnsinn.“
Das Mädchen neben Teese war aufgesprungen und streckte ihre Hand aus, als wolle sie die fliegenden Pferde berühren. Das Ruderboot schaukelte unvermittelt heftig.
Der Mann, welcher hinten im Boot saß und die Ruder führte, rümpfte verächtlich die Nase. „Setz Dich hin, Mädel. Hab‘ keine Lust, Dich hier aus dem Meer zu fischen und Ärger mit den Magistern zu bekommen.“
„Was sind das für Pferde?“, wollte Teese wissen, welche den geflügelten Rappen staunend nachsah. Auf ihnen hatten zwei Reiter in dunklen Umhängen gesessen als wären die Pferde nicht in den Lüften geflogen, sondern über einen Reitplatz getrabt.
„Flügelpferde“, knurrte der Mann am Ruder und zog die Riemen durch.
„Und was sind Flügelpferde?“, wollte Teese wissen. Sie war sich sicher, niemals derartige Tiere gesehen zu haben. Sie sah zu den übrigen Booten, in welchen andere Kinder in den Himmel zeigten und die Pferde am Himmel bewunderten. Doch die Ruderer in den restlichen Booten waren von den Tieren genauso wenig beeindruckt, wie der Mann in Teeses Boot.
„Pferde mit Flügeln“, sagte er nur und schwieg.
Das andere Mädchen setzte sich mit einem breiten Grinsen und wandte ihren Kopf zu Teese. „Pferde mit Flügeln“, wiederholte sie mit gespielt ernster Mine, den Mann nachäffend. Dann kicherte sie.
Teese grinste zurück. Das Mädchen war ein wenig kleiner als sie, recht rundlich und hatte ein fröhliches Gesicht. Ihre Haut war hell mit einem bronzefarbenen Einschlag und ihre Augen waren mandelförmig, wie bei Asiaten üblich. Ihre schwarzen Haare waren zu zwei Schnecken auf dem Kopf zusammengesteckt und mit blauen Seidenschleifen versehen. Teese entschied, dass das Mädchen sicherlich aus China stammen musste, auch wenn sie ihre Sprache sprach.
Teeses neugierig musternde Blicke waren dem anderen Mädchen nicht entgangen und es nestelte an einer ihrer Seidenschleifen. „Wie heißt Du?“, wollte sie von Teese wissen.
„Teese. Und Du?“
„Liina.“
Die beiden Mädchen grinsten sich in stummen Einvernehmen an und der Ruderer verdrehte gequält die Augen. Kinder waren schlimm genug, aber Mädchen kaum erträglich, vor allem Mädchen wie diese. Hätte er etwas zu sagen, würden sie auf dem Festland bleiben und sich im Haus und auf dem Feld nützlich machen, anstatt nach Weltenei berufen zu werden. Mädchen gehörten nicht an eine Schule, das war seine Ansicht, aber die Magier sahen das wohl anders.

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