Die Insel der Magier (1/18 – Intro)

Posted on Mai 1, 2009

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[Hinweis: Hier findet Ihr die alten Blogbeiträge des ersten Kapitels von „Die Magie von Weltenei“, das wir aus nostalgischen Gründen behalten haben. Es handelt sich um eine unbearbeitete Version des Textes, der auch als Leseproben-Download kostenlos heruntergeladen werden kann. Den Download findet Ihr hier:]

Die Landschaft, die vor dem Zugfenster vorbeizog, würde ein Städter wohl als ländliche Idylle bezeichnet haben. Elgin wippte mit dem Fuß im Takt zur Musik aus seinem MP3-Player, während die Bäume vor der Scheibe vorbeihuschten. Sanft geschwungene Hügel mit Gras bedeckt und dem Braun gepflügter Äcker wurden von der Frühlingssonne in ein sanftes Licht getaucht.
Ein paar Schafe grasten auf einem Hügel, ein paar Autos fuhren auf einer einspurigen Landstraße, welche der Zug überquerte. Ein paar Kinder standen vor einem kleinen Einfamilienhaus und winkten, als der Zug vorbeiraste. Dahinter befand sich ein Schwimmbad mit einem hohen Sprungturm.
Elgin grinste sein Spiegelbild in der Fensterscheibe an. Es war lange her, dass er solche Dinge gesehen hatte. Es war lange her, dass er in der alten Welt gewesen war, Turnschuhe und Jeans getragen hatte und in einem Zug gefahren war. Es fühlte sich nostalgisch an und wie ein Ausflug in die Kindheit. Sogar seine Haare trug er wie früher. Sie waren kinnlang und schwarz und unterstrichen sein längliches Gesicht, das zu seiner schlaksigen, hochgewachsenen Gestalt passte.
„Mach dieses Krachteil aus und wisch Dir das dämliche Grinsen vom Gesicht“, drang Pims Stimme durch den Bass aus den Kopfhörern zu Elgin durch.
Der junge, etwas stämmige Mann mit den kurzen blonden Haaren bildete bereits auf den ersten Blick den perfekten Gegensatz zu seinem Gegenüber. Es war ihm anzusehen, dass er die Zugfahrt in keiner Weise genoss und sich sein Ärger mit jedem Wippen von Elgins Fuß vermehrte.
„Entspann Dich, Pim.“ Elgin nahm die Kopfhörer aus den Ohren, ohne den MP3-Player auszuschalten. „Wir sind hier praktisch im Urlaub. Keine Bücher, keine Studenten, keine Sprechstunde und keine Forschung. Was will man mehr?“
Pims blasse Wangen färbten sich rötlich vor Ärger. „Ich würde selbst den dümmsten Studenten dieser Reise vorziehen. Und wenn ich Laras zum 35ten Mal erklären muss…“
Elgin verdrehte die Augen. „Du solltest Dich freuen, mal wieder die Heimat zu besuchen.“
„Pah.“ Pim wandte seinen Blick zum Fenster.
Elgin sah zur anderen Seite und zu der älteren Dame, die mit den beiden Männern im Abteil saß. „Ich würde mich freuen, wenn ich einmal wieder nach Hause kommen könnte.“
Sie lächelte warm. „Wo sind Sie denn her?“
„Spanien“, antwortete er.
Pim kniff die Lippen unwillig zusammen. Elgin schüttelte über den anderen den Kopf. Er genoss es, wieder in der alten Welt zu sein, auch wenn er seinen Drachen in Weltenei hatte zurücklassen müssen. Ein Drache in einem Regionalexpress hätte sicherlich für einige Aufregung gesorgt. Wobei hier in Deutschland eher zu erwarten stand, dass Elgin mit einem Kontrolleur wegen eines Haustier-Fahrscheins hätte diskutieren müssen. Magie würde sich hier wohl der Bürokratie genauso beugen müssen wie alles andere.
„Ach, Spanien“, sagte die alte Dame neben Elgin, die sich einen Drachen wohl genauso wenig vorstellen konnte wie den Ort, an welchem Elgin ihn zurückgelassen hatte. „Mein Mann und ich waren früher oft im Urlaub in Spanien.“ Sie seufzte in Gedanken und musterte Elgin kurz. „Sind Sie hier im Urlaub? Sie sagten zu Ihrem Begleiter so etwas…“
Elgin schüttelte den Kopf. „Mein Kollege und ich sind Dozenten an einem Internationalen Eliteinternat in Frankreich. Wir haben einen Termin an einer Grundschüle, um mögliche Stipendiaten zu prüfen.“
„Oh.“ Die Frau wirkte beeindruckt.
Elgin musste unwillkürlich erneut schmunzeln. Vermutlich wäre sie noch mehr beeindruckt, hätte er ihr gesagt, dass diese Internationale Eliteschule in Wirklichkeit auf den Namen Weltenei hörte, eine magische Universität war und nicht in dieser Welt lag. Allerdings verhinderte genau dieselbe Magie, die sie dort erforschten und lehrten, dass Elgin in der alten Welt gegenüber einem Nicht-Eingeweihten davon sprechen konnte. Genauso wenig, wie er hätte sagen können, dass er und Pim keine Stipendiaten suchten, sondern angehende Magier für die andere Welt.

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