Die beiden Mädchen wollten gerade aufbrechen, als auf dem Platz vor ihnen ein Tumult ausbrach. Teese stand auf der Kiste auf, um die Menge vor ihr besser überblicken zu können. Mehrere Männer in roter Kleidung bahnten sich einen Weg durch die Menschen.
„Mein Fürst, so bleibt doch stehen“, schallte es über das Gedränge auf dem Jahrmarkt. „Nysrael, seid doch vernünftig.“
Ein Stück vor Teese und Marisan wich die Menge auseinander und ein Junge stürzte hervor. Er trug ein leuchtend blaues Gewand. Lange schwarze Haare fielen ihm ins Gesicht, als er sich hektisch umsah. Sein Blick blieb an Marisan und Teese hängen.
„He, Ihr zwei“, brachte er keuchend hervor. „Ich brauche ein Versteck. Schnell.“
Marisan öffnete den Mund, schloss ihn wieder und öffnete ihn erneut, als wäre sie ein Fisch. Ihr fehlten die Worte. Teese hingegen sah sich eilig um.
„Hier, hinter den Kisten“, wies sie den Jungen dann an. Er war deutlich älter als sie, vielleicht sogar älter als Marisan, hochgewachsen aber von schlanker Statur. Er schwang sich auf die Kiste, auf welcher Teese stand und glitt dahinter auf den Boden hinab.
„Fürst Nysrael. Haltet ein.“
Zwei der rotgekleideten Männer stürmten vor Teese und Marisan aus der Menge und sahen sich suchend um.
„Ihr, da. Ihr Mädchen“, rief der eine zu ihnen herüber. „Ein Junge in einer blauen Robe. Habt Ihr den gesehen?“
Marisan starrte die Männer mit offenem Mund an, so dass man sie für leicht schwachsinnig halten musste. Teese schaffte es, mit dem Kopf zu schütteln. Eigentlich wollte sie die Männer nicht anlügen. Aber sie hatte den Jungen nun versteckt und was für einen Sinn würde es dann machen, ihn im nächsten Atemzug zu verraten?
„Er kann nicht weit sein, Meleran“, entschied der Begleiter des Fragenden.
Der andere nickte langsam. „Du nach hier und ich nach da.“
Sie teilten sich auf und verschwanden in der Menge der Besucher des Jahrmarktes. Marisan klappte ihren Mund zu und rutschte auf der Kiste nach hinten, um zu dem Jungen zu sehen. „Fürst Nysrael?“ Sie maß ihn ein wenig ungläubig. „Du bist Graf Darions Sohn?“
Der Junge wischte seine losen schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht und hinter die Ohren. Sein Gesicht hatte einen bronzefarbenen Schimmer und seine braunen Augen unterstrichen das Grinsen auf seinem Gesicht mit einem belustigten Glänzen.
„Ich kann das schlecht leugnen, was?“, sagte er dann und sah zu den Mädchen auf den Kisten auf. „Meleran hat meinen Namen über den ganzen Markt geschrien. Soviel zu meinem spontanen Ausflug inkognito.“
„Du… Du bist“ – Marisan zögerte – „abgehauen?“
Der Junge richtete sich fast ein wenig stolz auf. „Stimmt. Und das ist gar nicht so einfach, wenn man ständig irgendwelche Wachen um sich herum hat und einen Vater, der einen praktisch an der Leine neben sich herführt.“
„Aber…wieso?“ Marisans Gesicht bildete ein mimisches Fragezeichen.
„Gerichtstage sind furchtbar langweilig“, sagte Nysrael. „Alle anderen dürfen sich währenddessen auf dem Jahrmarkt amüsieren, aber ich muss neben meinem Vater stehen, während sie Gericht halten. Kannst Du Dir vorstellen, wie langweilig das ist?“ Er holte weit mit den Armen aus. „Und wie ungerecht. Warum soll ich nicht auch einmal ein wenig Spaß haben? Allerdings kann ich das wohl jetzt vergessen.“
Marisan musterte den Jungen kritisch. „Nun, so wie Du jetzt bist, fällst Du auf alle Fälle zu sehr auf.“
„Ach?“ Nysrael legte die Stirn in Falten. „Warum?“
„Also als erstes einmal sind da Deine Haare“, erklärte Marisan mit etwas mehr Selbstvertrauen in der Stimme. „Du trägst sie offen wie jemand von Adel oder ein Magier. So etwas macht nur jemand, der nicht körperlich arbeiten muss. Jeder normale Mann hat entweder einen Zopf oder kurze Haare.“
Nysrael griff sich nachdenklich gegen die Haare. „Gut, das stimmt wohl. Dann sollte ich sie zusammenbinden. Und sonst?“
„Deine Kleidung“, fuhr Marisan bestimmt fort. „Blau ist schon teuer genug, aber der Stoff ist zudem bestickt. Du müsstest wenigstens ein Hemd darüber ziehen, damit es nicht gleich auffällt. Der Gewandsaum ist immerhin schon etwas dreckig und hat einen Riss. Das könnte man vielleicht als geschenktes, gebrauchtes Untergewand eines Adligen an seinen Diener durchgehen lassen.“
„Oh weia.“ Nysrael blickte an sich herunter und sah zerknirscht aus. „Meine Mutter wird mich steinigen.“ Er seufzte. „Und woher bekomme ich auf die Schnelle ein Hemd?“
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