Unerwartete Begegnungen (10/18)

November 30, 2009

Die beiden Mädchen wollten gerade aufbrechen, als auf dem Platz vor ihnen ein Tumult ausbrach. Teese stand auf der Kiste auf, um die Menge vor ihr besser überblicken zu können. Mehrere Männer in roter Kleidung bahnten sich einen Weg durch die Menschen.
„Mein Fürst, so bleibt doch stehen“, schallte es über das Gedränge auf dem Jahrmarkt. „Nysrael, seid doch vernünftig.“
Ein Stück vor Teese und Marisan wich die Menge auseinander und ein Junge stürzte hervor. Er trug ein leuchtend blaues Gewand. Lange schwarze Haare fielen ihm ins Gesicht, als er sich hektisch umsah. Sein Blick blieb an Marisan und Teese hängen.
„He, Ihr zwei“, brachte er keuchend hervor. „Ich brauche ein Versteck. Schnell.“
Marisan öffnete den Mund, schloss ihn wieder und öffnete ihn erneut, als wäre sie ein Fisch. Ihr fehlten die Worte. Teese hingegen sah sich eilig um.
„Hier, hinter den Kisten“, wies sie den Jungen dann an. Er war deutlich älter als sie, vielleicht sogar älter als Marisan, hochgewachsen aber von schlanker Statur. Er schwang sich auf die Kiste, auf welcher Teese stand und glitt dahinter auf den Boden hinab.
„Fürst Nysrael. Haltet ein.“
Zwei der rotgekleideten Männer stürmten vor Teese und Marisan aus der Menge und sahen sich suchend um.
„Ihr, da. Ihr Mädchen“, rief der eine zu ihnen herüber. „Ein Junge in einer blauen Robe. Habt Ihr den gesehen?“
Marisan starrte die Männer mit offenem Mund an, so dass man sie für leicht schwachsinnig halten musste. Teese schaffte es, mit dem Kopf zu schütteln. Eigentlich wollte sie die Männer nicht anlügen. Aber sie hatte den Jungen nun versteckt und was für einen Sinn würde es dann machen, ihn im nächsten Atemzug zu verraten?
„Er kann nicht weit sein, Meleran“, entschied der Begleiter des Fragenden.
Der andere nickte langsam. „Du nach hier und ich nach da.“
Sie teilten sich auf und verschwanden in der Menge der Besucher des Jahrmarktes. Marisan klappte ihren Mund zu und rutschte auf der Kiste nach hinten, um zu dem Jungen zu sehen. „Fürst Nysrael?“ Sie maß ihn ein wenig ungläubig. „Du bist Graf Darions Sohn?“
Der Junge wischte seine losen schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht und hinter die Ohren. Sein Gesicht hatte einen bronzefarbenen Schimmer und seine braunen Augen unterstrichen das Grinsen auf seinem Gesicht mit einem belustigten Glänzen.
„Ich kann das schlecht leugnen, was?“, sagte er dann und sah zu den Mädchen auf den Kisten auf. „Meleran hat meinen Namen über den ganzen Markt geschrien. Soviel zu meinem spontanen Ausflug inkognito.“
„Du… Du bist“ – Marisan zögerte – „abgehauen?“
Der Junge richtete sich fast ein wenig stolz auf. „Stimmt. Und das ist gar nicht so einfach, wenn man ständig irgendwelche Wachen um sich herum hat und einen Vater, der einen praktisch an der Leine neben sich herführt.“
„Aber…wieso?“ Marisans Gesicht bildete ein mimisches Fragezeichen.
„Gerichtstage sind furchtbar langweilig“, sagte Nysrael. „Alle anderen dürfen sich währenddessen auf dem Jahrmarkt amüsieren, aber ich muss neben meinem Vater stehen, während sie Gericht halten. Kannst Du Dir vorstellen, wie langweilig das ist?“ Er holte weit mit den Armen aus. „Und wie ungerecht. Warum soll ich nicht auch einmal ein wenig Spaß haben? Allerdings kann ich das wohl jetzt vergessen.“
Marisan musterte den Jungen kritisch. „Nun, so wie Du jetzt bist, fällst Du auf alle Fälle zu sehr auf.“
„Ach?“ Nysrael legte die Stirn in Falten. „Warum?“
„Also als erstes einmal sind da Deine Haare“, erklärte Marisan mit etwas mehr Selbstvertrauen in der Stimme. „Du trägst sie offen wie jemand von Adel oder ein Magier. So etwas macht nur jemand, der nicht körperlich arbeiten muss. Jeder normale Mann hat entweder einen Zopf oder kurze Haare.“
Nysrael griff sich nachdenklich gegen die Haare. „Gut, das stimmt wohl. Dann sollte ich sie zusammenbinden. Und sonst?“
„Deine Kleidung“, fuhr Marisan bestimmt fort. „Blau ist schon teuer genug, aber der Stoff ist zudem bestickt. Du müsstest wenigstens ein Hemd darüber ziehen, damit es nicht gleich auffällt. Der Gewandsaum ist immerhin schon etwas dreckig und hat einen Riss. Das könnte man vielleicht als geschenktes, gebrauchtes Untergewand eines Adligen an seinen Diener durchgehen lassen.“
„Oh weia.“ Nysrael blickte an sich herunter und sah zerknirscht aus. „Meine Mutter wird mich steinigen.“ Er seufzte. „Und woher bekomme ich auf die Schnelle ein Hemd?“

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Unerwartete Begegnungen (9/18)

November 27, 2009

Teeses Lachen verblasste. „Und was ist der Unterschied zwischen diesem echten Drachen und den Drachen auf Weltenei?“ Sie musste unvermittelt an etwas denken, das Seth vor einiger Zeit ihr gegenüber bemerkt hatte. Er konnte alle Tiere fühlen und im Geist mit ihnen in Verbindung treten. Aber einige Tiere auf dem Inselberg waren für ihn nicht spürbar und dazu gehörten die Drachen.
Marisan biss in ihren Krapfen und schien sich Zeit zu lassen bei ihrer Antwort. „Unsere Drachen gehören jeweils einem Magier“, sagte sie dann.
„Und deswegen sind es keine echten Drachen?“, hakte Teese nach.
Marisan hatte die Stirn in Falten gelegt und schien angestrengt nachzudenken. „In gewisser Weise“, sagte sie dann und zuckte hilflos mit den Schultern.
Teese verzog ihren Mund zu einem unwilligen Strich und blickte auf den angebissenen Krapfen in ihrer Hand. „Ist das eines der Dinge, über welche man mit Kandidaten nicht sprechen darf?“, wollte sie dann wissen. „So wie unsere Familien oder warum mich alle immer so merkwürdig ansehen?“
Marisan holte hörbar Luft und sah Teese dann besorgt von der Seite an. „Manchmal ist es besser, wenn man bestimmte Dinge erst später erfährt“, sagte sie dann. „Es ist wirklich nur zu Eurem Besten.“
Teese brach ein Stück von ihrem Krapfen ab und stopfte es in den Mund. Sie kannte diese Formulierung und hasste sie. Sie mochte das Gefühl nicht, klein und unwissend zu sein, während alle anderen Bescheid wussten. Es war ein wenig wie die Sache mit dem Weihnachtsmann oder dem Osterhasen.
Alle Erwachsenen fanden es richtig, Kinder in dem Glauben daran zu lassen und erst wenn man älter wurde, erkannte man die Wahrheit. Alle älteren Kinder amüsierten sich über die jüngeren, die noch nicht Bescheid wussten. Teese mochte das Gefühl nicht, dass sich die anderen über sie lustig machten, weil sie mehr wussten.
Teese entschied, dass sie dieses Mal herausfinden würde, was die Wahrheit war, bevor man sie für alt genug ansah, um es ihr zu sagen. Was an der ganzen Geheimniskrämerei zu ‚ihrem Besten‘ sein sollte, war ihr schleierhaft. Wieso sollte es besser sein, etwas nicht zu wissen? Und später sollte es in Ordnung sein, genau das zu wissen?
„Ich mache das nicht, um Dich zu ärgern, Teese“, sagte Marisan und Bedauern zeigte sich auf ihrem Gesicht. „Wirklich. Ich finde Dich sehr nett, egal was Timarel sagt. Ich weiß nicht, was er gegen Dich hat und es tut mir leid, dass ich ihm am Anfang alles geglaubt habe, was er über Dich erzählt hat.“
Teese vertilgte die Reste ihres Krapfens und rutschte auf der Kiste ein Stück nach hinten, um die Beine im Schneidersitz ineinander zu schlagen. „Was hat Timarel denn über mich erzählt?“ Wollte sie es wirklich wissen?
Marisan ließ die Schultern hängen. „Er hat gesagt, dass er Dinge gesehen und gehört hat und er war so…bestimmt.“ Sie seufzte. „Aber mein Vater wollte davon nichts wissen und hat gesagt, dass er nicht möchte, dass wir Dich irgendwie anders behandeln, nur wegen etwas, das die Quelle uns offenbart hat und Dingen die Timarel nicht versteht.“
Marisan sah Teese von der Seite zaghaft an als fürchte sie das Mädchen verärgert zu haben. „Es tut mir leid, dass ich mich von ihm habe beeinflussen lassen. Ich fand Dich von Anfang an nett. Ich hatte nie eine Freundin auf Weltenei und ich würde gerne…Ich würde gerne Deine Freundin sein, wenn ich darf. Aber trotzdem kann ich nicht… Dir bestimmte Dinge sagen.“ Sie holte Luft und fügte eilig hinzu. „Noch nicht.“
Teese ließ sich die Dinge kurz durch den Kopf gehen lassen und entschied dann, dass es nicht gerecht war, Marisan böse zu sein. Ihr war verboten worden, über bestimmte Dinge zu reden und sie hielt sich daran. Teese musste sich eingestehen, dass sie das ältere Mädchen eigentlich auch mochte und ihren gemeinsamen Ausflug bis jetzt eigentlich genossen hatte.
„Ich finde Dich auch nett“, sagte sie schließlich. „Und ich glaube, Du bist schon meine Freundin.“ Teese kicherte. Das klang seltsam förmlich. Sie konnte sich nicht erinnern vorher schon einmal mit einer Freundin geklärt zu haben, dass sie befreundet waren. Freundinnen war man einfach. „Schauen wir uns jetzt das Kuriositäten-Kabinett an?“, wollte sie wissen.
Ein Strahlen breitete sich über Marisans Gesicht, das ihre Erleichterung über Teeses Worte offen zur Schau trug. „Ja, sehr gerne.“ Sie aß den Rest ihres Krapfens und packte die Honigkringel in ihre Umhängetasche.

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Unerwartete Begegnungen (8/18)

November 23, 2009

„Ich finde ihn irgendwie unheimlich“, sagte Marisan schließlich. Das ältere Mädchen entspannte sich sichtlich, als der Mann aus ihrem Blickfeld verschwunden war. „Er ist immer noch Kandidat“, fuhr sie auf Teeses fragenden Blick hinzu. „Dabei lebt er schon sehr lange auf Weltenei. Er war schon lange hier als ich ihn das erste Mal zu meinem Vater habe kommen sehen. Da war ich kaum älter als zwei oder drei Jahre und fand ihn da schon unheimlich.“
Die Mädchen passierten einen Stand mit einer Auswahl an bunten Stoffen, die in Bahnen auf einem Verkaufstisch ausgelegt waren. Marisan seufzte.
„Ich weiß, ich sollte nicht solche Dinge über ihn sagen und ihm dankbar sein“, erklärte sie schließlich. „Immerhin wäre Timarel ohne ihn heute nicht mehr am Leben.“
„Wie das?“ Teese fand Ro nicht wirklich unheimlich, entschied aber, dass irgendetwas mit diesem Mann nicht stimmte, genauso wie etwas mit Weltenei nicht stimmte. Sie sah Marisan neugierig von der Seite an.
„Vor zwei Jahren war Timarel sehr krank“, tat Marisan ihr den Gefallen weiter zu erzählen. „Er hatte die Frühjahrsgrippe. Magister Mintal hat alles versucht, was normaler Weise gegen die Grippe hilft, aber Timarel ging es jeden Tag schlechter. Dann kam Ro von seiner Reise zurück und hat Timarel geheilt. Nach wenigen Stunden schon war er wieder vollkommen gesund.“ Sie ließ ihren Blick ohne wirkliches Interesse über die Stände zu ihrer Linken gleiten.
„Was für eine Reise?“, hakte Teese nach.
„Oh, Ro verlässt jedes Frühjahr Weltenei für ein paar Wochen und reist durch das Land, um den einfachen Leuten als Arzt zu helfen.“ Marisan richtete mechanisch den Riemen ihrer Umhängetasche. „Die Frühjahrsgrippe wütet bei uns immer sehr schlimm, auch wenn wir auf Weltenei davon in der Regel verschont werden.“
„Er ist ein Arzt?“, entfuhr es Teese überrascht. Das hatte sie nicht erwartet.
„Ich“, Marisan zögerte, „weiß nicht. Nein, ich glaube eigentlich nicht. Er ist nur ein Kandidat und auch nie im Hospital bei Magister Mintal. Er hat nicht einmal einen Tutor, soviel ich weiß. Eigentlich dürfte er Weltenei ohne die Erlaubnis meines Vaters nicht einmal verlassen.“ Sie legte die Stirn in Falten. „Er ist wirklich recht seltsam.“
Marisan wandte den Blick zu Teese, die aufmerksam ihren Worten gelauscht hatte. „Lass uns auf die andere Seite gehen“, sagte sie dann. „Dort gibt es Stände mit Essen und ich wollte Timarel ein paar Honigkringel kaufen.“
Teese nickte in Gedanken und kämpfte sich mit Marisan auf die gegenüberliegende Seite des Marktes. Hier kauften sie für Timar die Honigkringel und für sich selbst Krapfen. Außerdem kaufte Teese von ihren Münzen eine Tüte Pfefferbonbons für Liina, Fenn und Rinnir sowie eine Zuckerstange für Seth, die sie ihm bei ihrem nächsten Besuch im Hospital mitbringen würde.
Dann setzten sich die Mädchen etwas abseits des Trubels auf ein paar Kisten, welche zwischen einem Bretzelbäcker und dem Bereich, in welchem verschiedene Tiere verkauft wurden, standen. Teese biss in ihren ersten Krapfen und sah über den Jahrmarkt mit seinem bunten Treiben. In der Mitte des Platzes gab es Gaukler und einen Bärenbändiger, der einen Bären an einer Kette im Kreis führte. Außerdem stand dort ein kleines Karussell, das Teese irgendwie an das kleine Drehkarussell auf dem Pausenhof ihrer alten Schule erinnerte.
Dahinter war eine größere Bude aufgestellt, welche mit knallbunten Bildern bemalt worden war. Sie zeigten einen Mann mit vier Armen und einem Kuhkopf sowie ein Wesen, das Teese als Zentauren identifizieren konnte. Ein bedrohlich wirkender Kopf in einem Einmachglas war auf die Vorderseite der Bude gemalt und in derselben Größe ein Zwerg mit einem rot-schwarzen Kostüm, der einen Schellenkranz schwang.
„Das ist das Kuriositäten-Kabinett“, sagte Marisan, die Teeses Blick gefolgt war. „Sie zeigen wundersame Wesen und seltsame Dinge. Dieses Mal sollen sie einen echten Drachen dabei haben.“
Teese musste lachen. „Aber Drachen haben wir auf Weltenei doch mehr als genug“, entfuhr es ihr belustigt. „Du kannst Dir dort so viele ansehen, wie Du willst.“
„Aber sie haben einen echten Drachen“, sagte Marisan die letzten zwei Worte betonend.

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Unerwartete Begegnungen (7/18)

November 20, 2009

„Wenn Du das Hemd überziehst“, erklärte Marisan auf Teeses ratlosen Blick, „sieht man von der Magierrobe praktisch nur noch den unteren Teil und der könnte ein einfacher schwarzer Rock sein.“
Teese nahm das weiße Hemd, während ihr dämmerte, was Marisan bewirken wollte. „Ich soll mich verkleiden?“
„Ich mache das immer, wenn ich alleine aufs Festland komme.“ Marisan nahm ein weiteres Hemd, dieses Mal in einem unscheinbaren Grauton, aus ihrer Umhängetasche und streifte es sich über.
„Aber wieso?“, wollte Teese wissen und zog ihr Hemd über den Kopf. „Sind die Menschen hier“ – Sie suchte nach den passenden Worten. – „unhöflich gegenüber Magiern? Mögen sie uns nicht?“
Erschrocken wedelte Marisan mit den Armen. „Nein. Nein. Ganz im Gegenteil. Sie sind sehr zuvorkommend und behandeln selbst Nur-Verwandte von Magiern zum Teil besser als Fürsten.“
„Dann verstehe ich nicht…“ Teese richtete den Kragen ihres weißen Hemdes. Durch die zwei Lagen Stoff würde ihr vermutlich schnell recht heiß werden an einem Sommertag wie diesem.
„Es ist so furchtbar anstrengend“, versuchte Marisan zu erklären. „Um einen herum weichen einem alle Leute aus, jeder grüßt und selbst die kleinen Kinder starren Dir nach.“
Teese begann zu verstehen. Sie hatte in den ersten Tagen auf Weltenei erlebt, wie es war, wenn jeder einen neugierig ansah als hätte man vier Arme oder eine Möwe auf dem Kopf.
„Wir werden mehr Spaß haben, wenn wir normale Menschen sind, Teese“, fügte Marisan ihren Worten hinzu.
Ein Grinsen stahl sich über Teeses Gesicht. „Teese?“, wollte sie dann wissen.
Marisan lachte erleichtert, dass das andere Mädchen ihren Punkt anscheinend verstand. „Vielleicht ist es tatsächlich besser, wenn ich Dich dann nicht bei einem Magiernamen nenne“, gab sie zu.
„Wie wäre es mit Teesemi oder Teeseba“, schlug Teese vor.
„Teesemi klingt nett“, kicherte Marisan.
Die beiden Mädchen traten aus dem Schatten der Holzkisten hervor und machten sich auf den Weg die Straße entlang, die von der Anlegestelle zum Marktplatz führte. Über eine Treppe ließen sie das Ufer hinter sich und fanden sich im Gedränge des Jahrmarktes wieder.
Weltenei war bereits kein allzu ruhiger und menschenleerer Ort, aber Thorhafen schien vor Menschen förmlich überzufließen. Alles drängte sich um die aufgebauten Stände auf dem Platz in Mitten der Häuser. Teese musste aufpassen, dass sie Marisan in der Menge nicht verlor, während sie staunend die Auslagen der Stände betrachtete.
Hier gab es jede Menge Dinge zu kaufen, vor allem Töpferwaren und Werkzeuge. Ein Stand verkaufte bunte Amulette aus Holz. Der Verkäufer pries lauthals die Wirkung seiner Schmuckstücke an. Es gab Amulette, die Glück brachten, einem Liebe bescheren konnten oder für mehr Erfolg bei Geldgeschäften sorgten. Teese überlegte, ob diese Anhänger magisch waren oder ob es sich bei dem Verkäufer nicht vielleicht eher um einen Scharlatan handelte.
Die Gesichter der Menschen, die sich um den Stand scharrten, zeigten allerdings vor allem Interesse, vielleicht auch Hoffnung. Jedenfalls schien keiner von ihnen zu bezweifeln, dass diese Amulette wirklich die erwünschte Wirkung haben würden – keiner, außer einem.
Teese schnappte überrascht nach Luft. Der Mann mit dem verächtlichen Gesichtsausdruck war ihr bekannt. Es war derselbe Magier, der gegen Magister Pim mit dem Schwert gekämpft hatte und dem Waffenlehrer so offensichtlich überlegen gewesen war, bis dieser Magie genutzt hatte. Ro, erinnerte sich Teese.
Er wäre dem Mädchen wohl kaum aufgefallen, hätte sie nicht genau nach den einzelnen Menschen am Stand gesehen. Ro war nicht besonders groß und er trug einfache braune Kleidung, eine dunkelbraune Hose und darüber ein fast knielanges hellbraunes Hemd, das um die Taille mit einem Gürtel zusammengehalten war.
„Marisan.“
Teese ergriff das ältere Mädchen am Arm und machte eine verstohlene Kopfbewegung in die Richtung des Mannes. Marisan sah einen Moment verständnislos auf den Mann in seiner braunen Kleidung. Dann blickte sie in sein Gesicht. Ro hatte streng wirkende Gesichtszüge und graue Augen, die missbilligend auf die Amulette des Standes sahen. Seine dunklen Haare waren zu einem einfachen, dünnen Zopf zurückgebunden.
„Das ist Ro“, stellte Marisan dann fest. „Was macht er denn hier? Und warum trägt er…“ Sie beendete den Satz nicht und wurde ein wenig rot.
„Meinst Du, er hat auch mehr Spaß auf dem Jahrmarkt, wenn er keine von unseren Roben trägt?“, wollte Teese wissen.
Marisan kniff ihre Lippen aufeinander, als wolle sie verhindern, dass sie gleich etwas falsches sagte. Ro rümpfte die Nase, als der Verkäufer hinter dem Stand ihm eines der Amulette entgegen hielt und seine Wirkung anpries. Er wandte sich ab und verschwand in der Menge, ohne Marisan und Teese gesehen zu haben.

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Unerwartete Begegnungen (6/18)

November 16, 2009

Teese steckte die Münzen in die Tasche ihrer schwarzen Robe und verließ das Büro des Dekans. Im Vorraum mit dem Wasserbecken saß Marisan auf einer der Bänke, welche an den Wänden standen. Sie hatte ihre braunen Haare zu einem einfachen Zopf zusammengebunden und eine Tasche aus hellbraunem Leder quer über den Körper gehängt.
Der Riemen, welcher von Marisans rechter Schulter zur linken Hüfte über den Oberkörper verlief, erinnerte Teese an eine der Schärpen, welche die Magier auf Weltenei trugen und die Marisan nicht besaß, da sie über kein magisches Talent verfügte.
Der Blick des älteren Mädchens blieb an den beiden Papieren hängen, die Teese im Dekanat bekommen hatte. Als sie den Pass entdeckte leuchtete ihr Gesicht freudig auf. „Wie schön. Dann gehen wir zusammen zum Markt.“
Teese nickte und kam zu ihr hinüber. „Ja, ich habe einen Passierschein und eine Beurlaubung. Gehen wir gleich los?“
„Ja, bevor es am Abend zu voll wird“, sagte Marisan. „Außerdem hat das Kuriositäten-Kabinett nur am Nachmittag geöffnet.“
„Das Kuriositäten-Kabinett“, wiederholte Teese. Sie wurde sich bewusst, dass sie nur eine vage Vorstellung davon hatte, was es auf einem Jahrmarkt zu sehen gab. Sie wusste nur, dass es Spaß machte, dort zu sein und dass es dort viele Leckereien gab. Wenn sie auf den Jahrmarkt gegangen war, hatte ihr Vater ihr immer cremiges Eis gekauft und Erdbeeren am Stiel mit Schokolade darüber.
Die Erinnerung daran war unvermittelt so lebendig, dass Teese den Lärm der Menschen um sie herum zu hören glaubte und sich an den Geruch von gebratener Wurst und Zuckerwatte erinnerte, der in der Luft hing.
Teese bemühte sich, den Gedanken dieses Mal nicht krampfhaft festhalten zu wollen, in der Hoffnung, dass er ihr vielleicht auf diese Weise nicht gleich wieder entgleiten würde. Aber als sie Marisan aus dem Haus und die Straße den Inselberg hinunter folgte, war die Erinnerung bereits verblasst.
Die beiden Mädchen verließen Weltenei durch das gemauerte Portal, hinter welchem sich nur noch das Haus des Pförtners befand. Der Weg führte noch ein Stück hinunter zum Ufer und teilte sich dort in einen Fußweg, welcher rechts um Weltenei herum führte und einen gepflasterten Weg, der links in einer breiten Kaimauer endete. Ein kleines Ruderboot schaukelte davor auf den Wellen und eine Frau in einer weißen Robe stand auf der Mauer mit verschränkten Armen.
„Mein Vater hat uns ein Boot kommen lassen“, sagte Marisan, während sie mit Teese die Mole entlang lief. „Ich fliege nicht gerne mit den Flügelpferden.“
Teese grinste verständnisvoll. „Ich auch nicht“, gab sie zu. Sie mochte die Pferde, die wunderschön aussahen mit ihren breiten Flügeln und ihren eleganten Körpern. Aber sie hatten nur zu oft ihren eigenen Kopf und wenn man mehrere Meter hoch in der Luft auf einem von ihnen flog, konnte man in einem solchen Fall nichts machen als sie gewähren lassen.
Teese kletterte hinter Marisan in das Boot. Die Frau, welche sie ans Festland rudern würde, löste die Vertäuung und legte sich in die Riemen. Teese schirmte mit den Händen die Sonne ab, während sie nach Weltenei zurück sah. Der Inselberg sah genauso faszinierend und wunderschön aus, wie bei ihrer ersten Überfahrt nach Weltenei.
Das goldene Dach des Magieturms mit dem Engel auf der Spitze glänzte im Sonnenschein. Ein paar Drachen drehten ihre Runde und eine Gruppe fliegender Pferde hielt auf die Plattform auf dem oberen Teil der Insel zu. Vermutlich war das einer der Kurse von Magister Tyra, schätzungsweise ‚Reiten II‘, den Liina und Rinnir besuchten.
Teese wandte den Blick und sah hinüber zum Festland. Das dunkle Grün der Bäume überzog die Hänge, welche zum Meer hin sanft ausliefen. Okergelber Sand bildete einen breiten Strand, der jetzt mit der Flut nur sehr schmal war, während er bei Ebbe weit auf Weltenei zureichte.
Ein Steg führte vom Land ins Wasser. Mehrere der kleinen Ruderboote waren dort festgemacht. Außerdem lagen ein paar Fischkutter und zwei größere Schiffe vertäut. Vermutlich hatten sie Waren in das kleine Dorf gebracht, dessen Häuser mit deutlichem Abstand zum Wasser gebaut waren und einen großen Platz in ihrer Mitte säumten.
Das Ruderboot legte an und Teese und Marisan mussten über ein paar Leiterstufen auf den Anleger hinauf klettern. Am Ende des Stegs, ergriff das ältere Mädchen Teese am Arm.
„Warte.“ Sie zog Teese mit sich hinter ein paar Holzkisten, welche aus einem der Schiffe ausgeladen worden sein mussten. „Ich möchte nicht… Also…“ Sie seufzte und öffnete die Umhängetasche. „Weißt Du, wenn man in Thorhafen ist, ist es netter, wenn nicht jeder gleich sieht, dass man aus Weltenei kommt.“
Teese runzelte verständnislos die Stirn, während Marisan ihr ein weißes Hemd entgegen hielt, das schlicht geschnitten war und lange Ärmel besaß, die mit roten Stickmustern verziert waren.

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Unerwartete Begegnungen (5/18)

November 13, 2009

„Wessen Du Timar beschuldigt hast, ist kein leichtes Vergehen“, sagte Dekan Ezzo schließlich, ohne sich vom Fenster abzuwenden. Von seinem Büro aus konnte man den halben Inselberg überblicken mit der Straße, welche an den Häusern vorbei hinunter zur Anlegestelle führte. Ein sonnengelber Drache mit langem Schwanz flog mit dem Schlag von vier Flügeln ähnlich einer riesigen Libelle vor dem Fenster vorbei.
„Wäre dies genauso geschehen, wie Du darlegst, handelt es sich um versuchten Mord und die Strafe dafür, einen anderen Magier zu töten oder das auch nur zu versuchen, ist grausam.“ Der Dekan wandte sich zu Teese um. Gegen das Licht des blauen Himmels hinter dem Fenster wirkte er auf Teese wie ein gewaltiges, steinernes Standbild. Dekan Ezzo war ein großer Mann, breitschultrig und muskulös. Er erweckte den Eindruck, ein guter Kämpfer zu sein und ein Mann, der mit allem fertig werden würde, der Drachen töten könnte oder sich ganzen Armeen in den Weg stellen.
Seine braunen Auge maßen das kleine Mädchen vor seinem Schreibtisch, ohne dass Teese in ihnen einen besonderen Ausdruck hätte erkennen können. Das kantige Gesicht des Dekans war in diesem Augenblick leer jeglicher Emotionen.
„Eine solche Anschuldigung wiegt daher schwer, zumal es im Grunde unmöglich ist, dass Timar der Verursacher dieser Wellen ist.“ Der Dekan schien Teese seine Worte mit Bedacht zu formulieren, als würde er versuchen, etwas zu umschreiben, was er nicht benennen durfte oder wollte. „Mein Sohn ist Seher. Die Prophetie ist sein Talent. Er kann Dinge vorhersehen, in die Zukunft sehen und bis zu einem gewissen Grad erkennen, was geschehen wird. Er kann nicht die Elemente befehligen mit seinem Talent. Und hätte er einen Elementzauber genutzt, hätte das an seiner magischen Kraft gezehrt und wäre uns nicht verborgen geblieben.“
Vermutlich sah man Teese an, dass sie den Worten des Dekans in diesem Augenblick nicht wirklich folgen konnte, denn Ezzo seufzte und entschied weiter auszuholen. „Die meisten Magier besitzen ein besonderes Talent, wie Du weißt“, erklärte er. „Was Du vermutlich noch nicht weißt, ist, dass dieses Talent bedeutet, dass ein Magier Magie dieser Art einsetzen kann ohne Anstrengung und ohne Grenzen. Wenn er hingegen eine andere Art von Magie wirkt, die nicht in den Bereich seines Talents fällt, dann kostet ihn das Kraft. Ein Becken mit Wasser über längere Zeit zu bewegen hätte Timar mehr Kraft gekostet, als er besitzt. Er ist noch ein Kind und seine Kräfte sind schnell erschöpft. Selbst mir hätte man die Erschöpfung angesehen, hätte ich etwas derartiges versucht. Es ist somit nicht möglich, dass er es gewesen ist.“
Teese schwieg betroffen. Das hatte sie nicht gewusst und es ließ alle ihre Anschuldigungen von einem Moment zum anderen in sich zusammen fallen. Sie schwieg und sah zu Ezzo, der ihr den Rücken zukehrte und hinaus über Weltenei sah.
„Allerdings“, setzte Dekan Ezzo schließlich hinzu, „glaube ich wie Du nicht, dass es Zufall war, dass Timar am Becken war und dass Kandidat Seth ihn gesehen hat. Ich kann ihn nicht davon freisprechen, dass er zugesehen hat – wer immer auch die Magie gewirkt hat.“
Ezzo drehte sich zu Teese um und das Mädchen erhaschte kurz einen leeren Blick aus graublauen Augen. „Ich weiß, dass Timar Probleme mit Dir und Deinen Freunden hat“, fuhr der Dekan fort und er verschränkte die Arme vor der Brust als wolle er einen Schutzwall vor sich errichten. „Und“ – Sein Blick wich Teeses aus und verharrte ein Stück über ihrem Kopf, als würde er die Wand hinter ihr betrachten. – „ich habe deshalb dafür Sorge getragen, dass er sich in Zukunft von Euch fernhalten wird.“ Teese musste an den Abdruck einer Hand auf Timars Wange denken.
„Dies ist alles, was ich in dieser Angelegenheit tun kann“, sagte der Dekan und schien seine Worte mit Bedacht zu wählen. „Dies und versuchen, herauszufinden, wer den Zauber gewirkt hat, der Seth beinahe sein junges Leben gekostet hat. Glaube mir, dass wir die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen. Uns allen liegt noch mehr vielleicht als Dir daran, den Schuldigen zu finden und ihn seiner verdienten Strafe zuzuführen. Wir werden nicht tolerieren, dass einer von uns einen von uns verletzt. Jeder, der nach seinem ersten Halbjahr hier nach Weltenei zurückgekehrt ist, hat geschworen, sich nicht gegen einen anderen Magier zu erheben. Zu stark sind unsere Kräfte, als dass wir so etwas zulassen könnten.“
Teese wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte das Gefühl gar nichts mehr zu wissen. Sie war sich so sicher gewesen.
Ezzo betrachtete ihr Schweigen jedoch anscheinend als Zustimmung und Verständnis, denn er wechselte nach einem Moment der beidseitigen Stille abrupt das Thema.
„Hat Marisan schon mit Dir über den Jahrmarkt gesprochen?“, wollte er wissen.
Teese begriff, dass das Thema ‚Timar‘ damit beendet war, ob es ihr gefiel oder nicht. „Ja, sie hat mich gefragt, ob ich mit ihr dorthin gehen möchte.“ Der Wechsel von etwas so ernstem wie einem versuchten Mord zu einem Ausflug zum Jahrmarkt kam ihr seltsam irreal vor.
„Und? Möchtest Du?“
Teese verlagerte unschlüssig ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Im Augenblick war sie verwirrt über das, was der Dekan ihr offenbart hatte, unzufrieden, dass sie nichts hatte erreichen können und besorgt darüber, dass niemand wusste, wer für den Angriff auf Seth wirklich verantwortlich gewesen war.
Allerdings wäre es nicht gerecht, deswegen nicht mit Marisan zum Jahrmarkt zu gehen. Es würde an der Sache nichts ändern ob sie mitging oder ablehnte. Und wenn sie darüber nachdachte, war sie neugierig aufs Festland zu fahren und diesen Jahrmarkt zu sehen.
„Ja, ich würde gerne hingehen“, antwortete sie schließlich. „Aber ich habe Waffenführung.“
„Vor Dir auf dem Tisch liegt eine schriftliche Beurlaubung“, sagte Dekan Ezzo und machte eine vage Handbewegung zu dem Tisch. „Gib sie in der nächsten Stunde Magister Pim. Außerdem brauchst Du einen Passierschein, um die Insel während des Schuljahrs verlassen zu dürfen. Er liegt darunter.“
Teese trat an den Tisch und zog ein gefaltetes Papier und einen länglichen Streifen mit zwei Stempeln darauf vom Tisch. Der Passierschein zeigte neben den zwei gestempelten Wappen nur ein mit Tinte geschriebenes Datum und die Unterschrift des Dekans. Unter den beiden Blättern lagen auf dem Tisch drei Münzen.
„Normaler Weise bekommen neue Kandidaten ihr Taschengeld erst im zweiten Halbjahr ausgehändigt“, sagte Dekan Ezzo, der Teeses Blick zu den Münzen auf dem Tisch bemerkt hatte. „Aber normaler Weise hat auch keiner der Kandidaten im ersten Halbjahr eine Gelegenheit, Geld auszugeben. Drei Goldflorin sollten genügen, damit Du etwas zu essen und vielleicht eine Kleinigkeit auf dem Markt kaufen kannst.“
Teese zögerte trotz der Worte einen Augenblick, bevor sie die Münzen, die wohl ihr gehörten, vom Tisch nahm. Die Münzen waren nicht allzu groß, aber sehr schwer. Sie waren aus Gold gefertigt und auf der oberen Seite war eine Blume abgebildet, mit drei Blütenblättern, die Teese an eine Tulpe erinnerte. Auf der rechten Hälfte der Münze konnte sie ‚Flor‘ entziffern, auf der linken ‚entia‘.
Teese hielt die Luft an, als sie die Münze umdrehte und einen Engel mit weit geöffneten Flügeln sah, der zwei Schwerter über dem Kopf gekreuzt hielt. Zu seiner Rechten stand ‚Sanctus‘ geschrieben, zu seiner Linken ‚Michael‘.
„Ich wünsche Euch viel Spaß in Thorhafen“, verabschiedete der Dekan Teese.

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Unerwartete Begegnungen (4/18)

November 9, 2009

„Gefallen Dir die Bilder?“, wollte Dekan Ezzo von seinem Schreibtisch aus wissen. Er hatte seine Ellenbogen auf den Tisch gestützt und die Handflächen gegeneinander gepresst. Sein Kinn ruhte auf den Spitzen der Finger, während er Teese mit einem amüsierten Blick betrachtete.
„Sie sind sehr schön“, erwiderte das Mädchen.
Der Dekan nickte. „Sie sind sehr alt.“
„Wer ist dieser Mann?“, wollte Teese wissen. Es war seltsam, dass er als einziger auf dem ganzen Wandgemälde nicht fertiggemalt worden war. Immerhin war er ein Dekan.
„Einer meiner Vorgänger.“ Ezzos Blick glitt ebenfalls zu dem Bild. „Sein Name ist aus unserer Geschichte verbannt worden. Vermutlich wirst Du im nächsten Halbjahr etwas über ihn in Magister Elgins Klasse erfahren.“
„Man weiß nicht mehr wie er hieß?“
„J-ein, über ihn wurde eine Damnatio Memoriae verhängt“, sagte der Dekan. „Das ist Latein und bedeutet so viel wie die ‚Verdammung seines Andenkens‘. Sein Name ist aus allen Schriften getilgt worden, sein Bildnis ist ausgelöscht worden und diejenigen, die seinen Namen noch kennen, dürfen ihn nicht aussprechen.“
Teese wandte sich von den Bildern ab und sah zu dem Dekan hinter seinem Schreibtisch. „Warum?“, fragte sie und kam sich im gleichen Moment dabei lächerlich vor. Wie ein kleines Kind, welches von nichts eine Ahnung hatte und Erwachsene mit dummen Fragen belästigte.
Doch der Dekan lächelte nur. „Er hat das Schlimmste getan, was ein Dekan tun kann“, sagte er. „Er hat seine Stellung dazu genutzt, mehr Macht zu erhalten als ihm zukam und er hat versucht, seine Nachfolgerin zu töten.“
Teese schluckte. Je länger sie in Weltenei war, desto mehr überkam sie das Gefühl, dass dies nicht unbedingt der sicherste Ort auf der Welt war. Das, was Seth zugestoßen war, untermauerte Teeses Befürchtung auf beängstigende Art.
„Aber Du bist kaum gekommen, um von mir alte Geschichten zu hören“, fuhr der Dekan fort und sah von dem Bild an der Wand zu Teese. „Was führt Dich heute zu mir?“
Teese wandte sich von den Wandgemälden ab und trat vor den Schreibtisch des Dekans. Offenkundig gab es auf dieser Seite des Tisches keinen Stuhl, so dass alle Besucher vor ihm stehen mussten. Sie schluckte und sammelte sich.
„Es geht um das, was Timar mit Seth gemacht hat.“
Teese bereute die Worte, kaum dass sie sie ausgesprochen hatte. Sie sah wie sich Dekan Ezzos Gesicht verfinsterte. Sie hatte die ganze Sache sehr direkt formuliert.
Der Dekan nahm sich einen Augenblick Zeit, bevor er auf Teeses Anklage einging. „Was hat er Deiner Meinung nach mit Kandidat Seth gemacht?“
Teese atmete tief durch. Jetzt gab es auch kein Zurück mehr. „Er hat Wellen in das Becken gezaubert, welche Seth daran gehindert haben, an Land zu schwimmen und Seth ist nicht sehr gut im Schwimmen.“ Ehrlich gesagt ging Teese davon aus, dass er es bei ihrer Ankunft auf Weltenei überhaupt nicht gekonnt hatte.
„Du hast – diese Wellen gesehen?“, hakte Dekan Ezzo nach.
„Ja und ich habe Timar oben an der Mauer stehen sehen“, fuhr Teese bestimmt fort. „Und als er verschwunden ist, sind die Wellen in sich zusammengefallen. Außerdem hat Seth gesagt, es wäre Timar gewesen und jeder weiß, dass er Seth nicht leiden kann. Schon am ersten Tag im Pförtnerhaus ist er über ihn hergezogen und er hat den anderen Kandidaten unschöne Dinge über Seth erzählt. Er hat ihnen gesagt, dass man ihn nur nach Weltenei geholt hätte, weil er den Magistern leid getan hätte.“
Die Worte flossen nur so aus Teeses Mund und sie endete erst, als ihr nichts mehr einfiel, was sie gegen Timar vorbringen konnte. Der Dekan erhob sich und trat ans Fenster, so dass er Teese den Rücken zuwandte. Seine langen weißblonden Haare fielen ihm fast bis zur Hüfte wie ein glänzender Seidenstoff. Teese überlegte, dass sie noch nie einen Mann mit solch langen Haaren gesehen hatte.
Das Mädchen kniff die Lippen aufeinander. Der Dekan schien nachzudenken und Teese wagte nicht, von sich aus die Stille zu brechen. Sie wartete, was er ihr sagen würde.

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Unerwartete Begegnungen (3/18)

November 6, 2009

Teese folgte Marisan in das Dekanat. Das ältere Mädchen öffnete die erste Tür zu ihrer Linken und Teese trat hinter ihr ein oder vielmehr aus dem Gebäude. Der Raum hinter der Tür besaß nur ein schmales Dach, welches sich an den Wänden entlang zog. Die Mitte der Decke war offen und gab den Blick in den blauen Sommerhimmel frei.
Darunter befand sich ein viereckiges, flaches Becken, in welchem kaum mehr als eine Hand Wasser stand und das kunstvoll gearbeitete Mosaik unter der Wasseroberfläche mit kleinen Wellen brach. Dennoch war das Motiv unverkennbar. Die kleinen Steinchen zeigten einen Engel in Oker- und Brauntönen auf grünen Hintergrund. Er hatte seine Flügel weit gespreizt und die Arme von sich gestreckt. In jeder Hand hielt er ein schmales Schwert, das linke leicht gesenkt, das rechte wie zum Schlag erhoben.
Seine Füße standen auf einer Kugel, welche die Erde darstellen musste. Teese tat sich allerdings schwer damit, die Umrisse der Kontinente, die sie aus dem Schulunterricht kannte, darauf zu erkennen, denn ein großer Drache schlängelte sich um die Erdkugel und verdeckte einen Teil davon.
Teese hätte sich das Mosaik gerne genauer angesehen, denn es zeigte wohl den Engel, dessen goldenes Standbild auf dem Magieturm in den Himmel ragte und der Teese faszinierte, seit sie Weltenei zum ersten Mal bei der Überfahrt zu der Inselburg gesehen hatte. Doch Marisan umrundete das Becken im Schutz des schmalen Daches, welches an den Wänden entlang verlief und von kleinen Säulen getragen wurde.
Die Tochter des Dekans klopfte an eine weiße Tür mit ornamentalen Schnitzereien. „Vater? Teese ist hier und möchte Dich sprechen.“
Teese schloss zu Marisan auf und straffte ihre Haltung. Auf einmal war sie furchtbar nervös. Die von ihr zurechtgelegten Worte und Argumente wirbelten in ihrem Kopf durcheinander. Was sollte sie sagen? Wie sollte sie beginnen?
Auf Marisans Klopfen wurde die Tür geöffnet und heraus trat Timar. Sein wütender Blick traf Teese unvorbereitet. Sein Gesicht war leicht gerötet und er hielt seine rechte Hand gegen sein Ohr. Ein wenig Blut sickerte zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch. Und als der Sohn des Dekans den Arm sinken ließ, konnte Teese sehen, dass in seinem rechten Ohrläppchen ein Ohrring in Form einer kleinen dünnen Goldscheibe steckte, in welche eine Perle kunstvoll eingearbeitet war.
Teese hatte das Schmuckstück noch nie an ihm gesehen, hatte ihn überhaupt noch nie einen Ohrring tragen sehen. Er musste erst frisch gestochen worden sein, was die Blutstropfen erklärte, welche Timar mit der Hand weggewischt hatte. Teese glaubte zudem, auf seiner linken Wange den Abdruck einer Hand erkennen zu können. Die einzelnen Finger zeichneten sich auf Timars Wange ab und ließen nur den Schluss zu, dass der Junge eine Ohrfeige bekommen haben musste.
Teese konnte keinen genauen Blick auf Timars Gesicht werfen, bevor sich der Junge von ihr abwandte und an ihr und seiner Schwester vorbei stürmte. Aber sie war sich sicher, dass es eine große Hand gewesen war, die eines Erwachsenen.
„Sie soll hereinkommen, Marisan“, erklang Dekan Ezzos feste Stimme aus dem Raum und Teese folgte eilig seinen Worten. In ihrem Rücken schloss Marisan die Tür und ließ Teese alleine mit ihrem Vater im Büro des Dekans.
Zögernd blieb Teese nach den ersten Schritten stehen und Staunen verdrängte ihre Unsicherheit und ihr Unbehagen vor dem nun folgenden Gespräch. Beeindruckt glitt Teeses Blick neugierig durch den Raum, während sie auf den schweren Schreibtisch zutrat, der vor der gegenüberliegenden Fensterfassade stand. Dahinter saß Dekan Ezzo in seiner schwarzen Robe, die sich nur durch einige zusätzliche Bänder um Brust und Taille von Teeses eigener Schulrobe unterschied.
Der Dekan schmunzelte unerwartet, während Teese nicht wusste, wohin in diesem Raum sie zuerst sehen sollte. Die Wände waren allesamt mit Bildern geschmückt, die in leuchtenden Farben ausgemalt waren. Personen, Flügelpferde und Drachen tummelten sich vor gemalten Bäumen, Felsen und dem Meer.
Auf der linken Wand konnte Teese im Hintergrund der Szenerie Weltenei sehen. Im Vordergrund stand ein Mann in einer schwarzen Robe mit der violetten Schärpe um die Brust, welche ihn als Dekan von Weltenei auswies.
Er war wie alles andere an der Wand kunstfertig gemalt worden. Nur sein Kopf war lediglich ein weißer Umriss gegen den graublauen Hintergrund des Meeres, als wäre das Bild an dieser Stelle nicht beendet worden. Unter seinen Füßen war ein Spruchband gemalt, das jedoch ebenfalls leer und weiß war.

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Unerwartete Begegnungen (2/18)

November 2, 2009

***

Der Vormittagsunterricht war schleichend vorüber gegangen und Teese hatte nur die Hälfte von dem mitbekommen, was Magister Elgin ihnen über Objektmagie erzählt hatte. Ihre Gedanken waren bei dem Gespräch gewesen, das sie heute Nachmittag mit Dekan Ezzo führen wollte.
Noch immer wusste sie nicht so Recht, wie sie es am besten in Worte fassen sollte, dass sie sicher war, dass sein eigener Sohn versucht hatte, einen ihrer Freunde umzubringen. Je öfter sie über die Geschehnisse gestern am Schwimmbecken nachdachte, desto unsicherer wurde sie zudem, ob sie wirklich überzeugende Argumente vorbringen konnte. Gut, sie hatte Timar gesehen, wie er über die Mauer hinunter gesehen hatte und die magischen Wellen im Becken waren sofort in sich zusammengefallen, als er sich zurückgezogen hatte.
Dennoch war dies kein wirklicher Beweis, dass Timar versucht hatte, mit diesen Wellen Seth in der Mitte des Beckens zu halten, bis er ertrinken musste. Aber zusammen mit Seths eigener Aussage, dass es Timar gewesen war, müsste es doch ausreichen. Außerdem hatte der fahlblonde Sohn des Dekans Seth bei ihrer ersten Begegnung bereits gehänselt und Seth hatte sich dadurch revanchiert, dass er eines der Flügelpferde im Tiefflug über Timar hatte landen lassen, so dass der Junge sich vor aller Augen zu Boden hatte werfen müssen.
Teese konnte natürlich nicht beweisen, mit welchem Hass Timar sie und ihre Freunde ansah, aber sie wusste, dass der Junge sie zu seinen Feinden erkoren hatte – warum auch immer. Sie hoffte inständig, dass sie ihm nicht über den Weg laufen würde, wenn sie jetzt gleich am Dekanat klopfen würde. Unglücklicher Weise war das Dekanat nämlich auch gleichzeitig das Wohnhaus des Dekans und seiner Familie und Timar lebte als sein Sohn natürlich auch in diesem Haus.
Teese überquerte mit klopfendem Herzen den großen Platz, welcher sich zwischen der Halle des Lichts, dem Vorraum zur Taberna Akademika, und dem Dekanat auf der anderen Seite erstreckte. Es war früher Nachmittag und flirrende Hitze lag in der Luft. Es war so heiß, dass kaum eine Möwe über Weltenei flog und auch keiner der Magier war mit einem der fliegenden Pferde unterwegs. Nur ein paar Drachen zogen unbeeindruckt von der prallen Sonne am blauen Himmel ihre Bahnen.
Teese ging die Treppen zum Dekanat hinauf, wappnete sich, gleich Timar gegenüber zu stehen und klopfte an.
Es dauerte nur einen Augenblick, dann wurde die Tür geöffnet und Marisan stand im Flur des Hauses. „Oh.“ Die Tochter des Dekans wirkte überrascht, doch gleich darauf strahlte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Teese, wie schön, dass Du kommst. Hat mein Vater schon mit Dir gesprochen?“
Das Lächeln, dass sich von alleine als Antwort von Marisans auf Teeses Gesicht übertragen hatte, erlosch bei der jungen Kandidatin in Ratlosigkeit. Der Dekan hatte sie sprechen wollen? „Nein, eigentlich nicht.“
„Aber Du bist doch hier, weil wir gleich hinüber ins Dorf fahren werden“, sagte sie und der Blick aus ihren braunen Augen war fragend. „Oder?“
„Ich“, begann Teese zögerlich. Sie hatte keine Ahnung, wovon das ältere Mädchen sprach.
„Oh.“ Marisan deutete Teeses Zögern richtig und lächelte erneut. „Den ersten Mittwoch im letzten Sommermonat ist immer Jahrmarkt in Thorhafen und mein Vater hat mir erlaubt, heute für ein paar Stunden dorthin zu gehen und jemanden mitzunehmen. Ich dachte, Du möchtest vielleicht mitkommen?“
„Ich?“ Teese war ehrlich erstaunt. Sie kannte Marisan eher flüchtig und hätte erwartet, dass diese sicher Freundinnen hatte, mit welchen sie auf einen Jahrmarkt gehen würde.
„Nicht?“ Marisan wirkte enttäuscht.
„Doch, doch“, beeilte sich Teese zu erwidern. „Ich würde unheimlich gerne mitkommen. Ich dachte nur nicht, dass Du mich fragen würdest aber“ – fiel es ihr im letzten Augenblick ein – „ich habe leider Nachmittagsunterricht. Waffenführung.“
„Mein Vater meinte, er würde Dich beurlauben und Dir einen Pass ausstellen.“ Marisan lächelte schon wieder freudig.
Teese war sich nicht sicher, ob sie das ältere Mädchen richtig verstand. „Einen Pass?“
„Ja, einen Passierschein, um während des Semesters Weltenei verlassen zu dürfen.“ Marisan machte einen Schritt zurück. „Komm am besten erst einmal rein und dann bringe ich Dich ins Büro, damit Du mit meinem Vater reden kannst.“

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Unerwartete Begegnungen (1/18)

Oktober 30, 2009

Natürlich hatte es zu regnen begonnen. Elgin grinste und schüttelte sich den Regen von seiner Jacke, als er das moderne Glasgebäude betrat, in welchem die Zweigstelle von Weltenei in der alten Welt ihren Sitz hatte. Im Grunde hatte Elgin nichts gegen Regen, aber er verdarb einem ein wenig den Spaß bei einem Ausflug durch die Stadt.
Mit schnellen Schritten nahm Elgin die Treppe in der Mitte des gläsernen Gebäudes hinauf in den vierten Stock und überquerte eine schmale Metallbrücke, welche die einzelnen Büros der verschiedenen Unternehmen und Institutionen verband, welche im Halbkreis um den überdachten Innenraum gebaut waren. Der Stil gefiel dem Magister. Moderne Architektur war auf ihre Art sehr beeindruckend und völlig anders als die historische Bauweise von Weltenei.
Elgin betrat durch die hohe Glastür den Empfangsbereich mit der Portiersloge. Der Pförtner sah ihn kurz zögern an und nickte dann, als er ihn erkannte. Elgin lächelte und wollte die Treppe hinauf gehen, als er das Mädchen bemerkte, das auf einem der weißen Ledersessel saß, die um einen Glastisch mit Broschüren gruppiert waren.
Der Magister strich sich die nassen halblangen Haare aus dem Gesicht und kam langsam zur Sitzgruppe herüber. „Hallo – Sophie, nicht wahr?“
Das Mädchen war gerade einmal elf Jahre alt, schlank und hochgewachsen. Elgin entschied, dass sie einmal hübsch sein würde, würde sie in das entsprechende Alter kommen. Ihre schwarzen Haare waren zu einem kecken Pferdeschwanz gebunden und Sommersprossen tanzten fröhlich auf ihren Wangen und um ihre Nase. Das Mädchen sah zu Elgin auf.
„Ja“, sagte sie dann.
„Ich bin Doktor Benedicto Tirado Garcia.“ Seltsam wie ungewohnt der eigene Name in seinen Ohren klang. Elgin grinste insgeheim darüber. Er war wohl inzwischen auch mehr in Weltenei zu Hause als in der alten Welt – so wie eigentlich fast alle von ihnen.
Sophie nickte und Elgin wurde bewusst, dass sie ihn natürlich noch von der Prüfung an ihrer Schule kannte.
„Was machst Du hier?“, wollte er wissen und lehnte sich im Stehen auf die Rückenlehne eines der teuren Sessel. „Wo sind Deine Eltern?“
„Sie reden mit Herrn Hoffmann und dem anderen Lehrer“, sagte Sophie.
„Immer noch?“, wollte Elgin wissen. „Deine Eltern wollen Dich nicht zu uns schicken, was?“ Er grinste. Es war das erste Mal, dass er als Quäsitor von Weltenei in der alten Welt war. Aber Pim hatte ihn vorgewarnt, dass sich viele Eltern nicht sehr begeistert davon zeigten, dass ihre Kinder auf eine Eliteschule geschickt werden sollten, die zum Teil weit von ihrem zu Hause entfernt war und keine Besuche am Wochenende erlaubte.
„Nein“, sagte das Mädchen. „Sie finden die Schule wunderbar.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber ich will nicht dorthin gehen.“
„Oh-ha.“ Elgin kratzte sich am Kopf. „Wieso das denn?“ Damit hatte er nicht gerechnet.
„Ich möchte im nächsten Schuljahr auf das Gymnasium bei uns gehen“, erklärte Sophie. „Mit meinen Freundinnen.“
Elgin dachte daran zurück, wie er das Angebot von Weltenei bekommen hatte. Damals war es auch Pim gewesen, der seiner Mutter erzählt hatte, dass ihr Sohn die Möglichkeit hatte, auf ein Eliteinternat zu gehen. Magister Tyra hatte ihn begleitet.
Elgin hatte sofort gehen wollen. Seine Mutter war alles andere als begeistert gewesen. Elgins Vater war ein hochrangiger Militär gewesen. Seine Orden hingen im Wohnzimmer über seinem Arbeitstisch, auf dem seine Mutter seit seinem Tod nicht einmal einen Bleistift verschoben hatte. Elgin hätte auf eine Militärakademie gehen sollen. Aber er hatte nicht die geringste Begeisterung dafür gezeigt. Vielleicht war das der Grund, warum seine Mutter ihn schließlich nach Weltenei gelassen hatte. Vielleicht hatte sie erkannt, dass er nie so sein könnte, wie sein Vater.
Elgin blinzelte, als ihm bewusst wurde, dass Sophie ihn fragend ansah. Er lachte leicht beschämt, dass er sie auf seine Reaktion auf ihre Worte warten ließ, während er seinen eigenen Gedanken nachhing.
„Du würdest etwas verpassen, wenn Du nicht kommst“, sagte Elgin schließlich. Er überlegte, wie er sie überzeugen konnte. Er machte das zum ersten Mal. Aber es war wohl seine Aufgabe. Pim kam für so etwas kaum in Frage. Pim konnte mit Kindern in etwa so gut umgehen wie Magister Felyth mit Pflanzen. Er schmunzelte bei dem Gedanken an die vertrockneten Kräuter auf der Fensterbank der Schreibwerkstatt.
„Wie wäre es mit einem Kakao, während wir auf Deine Eltern und die beiden Hoffmänner warten?“, wollte Elgin leichthin wissen.
Sophie nickte, vermutlich mehr aus Höflichkeit, als dass sie wirklich einen Kakao haben wollte. Elgin warf seine nasse Jacke über die Lehne des Sessels und passierte die Portierloge in die Küche hinüber. Er winkte ab, als der Pförtner anbot, den Kakao für ihn zu machen. Manchmal schadete es nichts, sich der Technik der alten Welt zu bedienen. Man vergaß so schnell, wie die Dinge hier funktionierten.
Elgin erhitzte etwas Milch und verrührte Zucker und Kakao in zwei Tassen. Dann goss er die heiße Milch in die Tassen und ging mit ihnen zurück in den Empfangsbereich. Sophie rutschte auf dem Sessel nach vorne, als Elgin ihr den Kakao reichte.
Für einen Augenblick vergaß Elgin, was Pim ihm eingebläut hatte, als sie den ersten Kandidaten gefunden hatten. Für einen Augenblick war er einfach nicht aufmerksam gewesen. Als er Sophie die Tasse reichte, berührten sich ihre Fingerspitzen.
Der Schlag, der Elgin traf, war vergleichbar mit dem Einschlag eines Blitzes. Die Magie des Mädchens, die Elgin als Aura um sie herum bereits hatte fühlen können, entlud sich in einem gewaltigen Magieschlag, der den Magister nach hinten schleuderte. Ein leuchtendes Schwarz und grelles Violett nahmen Elgin die Sicht und er ging bewusstlos zu Boden.
Was danach folgte, bekam er folglich nicht mehr mit. Das nächste, was Elgin bewusst wieder wahrnahm, war, dass er benommen in Pims Armen erwachte, der ihn auf dem Boden leicht aufgerichtet hatte. Einen Augenblick glaubte Elgin tatsächlich Besorgnis in den Augen des blonden Magisters zu lesen. Dann zog Pim die Augenbrauen finster zusammen und schüttelte unwillig den Kopf. „Dummkopf“, sagte er zu Elgin.

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