Unerwartete Begegnungen (2/18)

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Der Vormittagsunterricht war schleichend vorüber gegangen und Teese hatte nur die Hälfte von dem mitbekommen, was Magister Elgin ihnen über Objektmagie erzählt hatte. Ihre Gedanken waren bei dem Gespräch gewesen, das sie heute Nachmittag mit Dekan Ezzo führen wollte.
Noch immer wusste sie nicht so Recht, wie sie es am besten in Worte fassen sollte, dass sie sicher war, dass sein eigener Sohn versucht hatte, einen ihrer Freunde umzubringen. Je öfter sie über die Geschehnisse gestern am Schwimmbecken nachdachte, desto unsicherer wurde sie zudem, ob sie wirklich überzeugende Argumente vorbringen konnte. Gut, sie hatte Timar gesehen, wie er über die Mauer hinunter gesehen hatte und die magischen Wellen im Becken waren sofort in sich zusammengefallen, als er sich zurückgezogen hatte.
Dennoch war dies kein wirklicher Beweis, dass Timar versucht hatte, mit diesen Wellen Seth in der Mitte des Beckens zu halten, bis er ertrinken musste. Aber zusammen mit Seths eigener Aussage, dass es Timar gewesen war, müsste es doch ausreichen. Außerdem hatte der fahlblonde Sohn des Dekans Seth bei ihrer ersten Begegnung bereits gehänselt und Seth hatte sich dadurch revanchiert, dass er eines der Flügelpferde im Tiefflug über Timar hatte landen lassen, so dass der Junge sich vor aller Augen zu Boden hatte werfen müssen.
Teese konnte natürlich nicht beweisen, mit welchem Hass Timar sie und ihre Freunde ansah, aber sie wusste, dass der Junge sie zu seinen Feinden erkoren hatte – warum auch immer. Sie hoffte inständig, dass sie ihm nicht über den Weg laufen würde, wenn sie jetzt gleich am Dekanat klopfen würde. Unglücklicher Weise war das Dekanat nämlich auch gleichzeitig das Wohnhaus des Dekans und seiner Familie und Timar lebte als sein Sohn natürlich auch in diesem Haus.
Teese überquerte mit klopfendem Herzen den großen Platz, welcher sich zwischen der Halle des Lichts, dem Vorraum zur Taberna Akademika, und dem Dekanat auf der anderen Seite erstreckte. Es war früher Nachmittag und flirrende Hitze lag in der Luft. Es war so heiß, dass kaum eine Möwe über Weltenei flog und auch keiner der Magier war mit einem der fliegenden Pferde unterwegs. Nur ein paar Drachen zogen unbeeindruckt von der prallen Sonne am blauen Himmel ihre Bahnen.
Teese ging die Treppen zum Dekanat hinauf, wappnete sich, gleich Timar gegenüber zu stehen und klopfte an.
Es dauerte nur einen Augenblick, dann wurde die Tür geöffnet und Marisan stand im Flur des Hauses. „Oh.“ Die Tochter des Dekans wirkte überrascht, doch gleich darauf strahlte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Teese, wie schön, dass Du kommst. Hat mein Vater schon mit Dir gesprochen?“
Das Lächeln, dass sich von alleine als Antwort von Marisans auf Teeses Gesicht übertragen hatte, erlosch bei der jungen Kandidatin in Ratlosigkeit. Der Dekan hatte sie sprechen wollen? „Nein, eigentlich nicht.“
„Aber Du bist doch hier, weil wir gleich hinüber ins Dorf fahren werden“, sagte sie und der Blick aus ihren braunen Augen war fragend. „Oder?“
„Ich“, begann Teese zögerlich. Sie hatte keine Ahnung, wovon das ältere Mädchen sprach.
„Oh.“ Marisan deutete Teeses Zögern richtig und lächelte erneut. „Den ersten Mittwoch im letzten Sommermonat ist immer Jahrmarkt in Thorhafen und mein Vater hat mir erlaubt, heute für ein paar Stunden dorthin zu gehen und jemanden mitzunehmen. Ich dachte, Du möchtest vielleicht mitkommen?“
„Ich?“ Teese war ehrlich erstaunt. Sie kannte Marisan eher flüchtig und hätte erwartet, dass diese sicher Freundinnen hatte, mit welchen sie auf einen Jahrmarkt gehen würde.
„Nicht?“ Marisan wirkte enttäuscht.
„Doch, doch“, beeilte sich Teese zu erwidern. „Ich würde unheimlich gerne mitkommen. Ich dachte nur nicht, dass Du mich fragen würdest aber“ – fiel es ihr im letzten Augenblick ein – „ich habe leider Nachmittagsunterricht. Waffenführung.“
„Mein Vater meinte, er würde Dich beurlauben und Dir einen Pass ausstellen.“ Marisan lächelte schon wieder freudig.
Teese war sich nicht sicher, ob sie das ältere Mädchen richtig verstand. „Einen Pass?“
„Ja, einen Passierschein, um während des Semesters Weltenei verlassen zu dürfen.“ Marisan machte einen Schritt zurück. „Komm am besten erst einmal rein und dann bringe ich Dich ins Büro, damit Du mit meinem Vater reden kannst.“

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