Unerwartete Begegnungen (1/18)

Natürlich hatte es zu regnen begonnen. Elgin grinste und schüttelte sich den Regen von seiner Jacke, als er das moderne Glasgebäude betrat, in welchem die Zweigstelle von Weltenei in der alten Welt ihren Sitz hatte. Im Grunde hatte Elgin nichts gegen Regen, aber er verdarb einem ein wenig den Spaß bei einem Ausflug durch die Stadt.
Mit schnellen Schritten nahm Elgin die Treppe in der Mitte des gläsernen Gebäudes hinauf in den vierten Stock und überquerte eine schmale Metallbrücke, welche die einzelnen Büros der verschiedenen Unternehmen und Institutionen verband, welche im Halbkreis um den überdachten Innenraum gebaut waren. Der Stil gefiel dem Magister. Moderne Architektur war auf ihre Art sehr beeindruckend und völlig anders als die historische Bauweise von Weltenei.
Elgin betrat durch die hohe Glastür den Empfangsbereich mit der Portiersloge. Der Pförtner sah ihn kurz zögern an und nickte dann, als er ihn erkannte. Elgin lächelte und wollte die Treppe hinauf gehen, als er das Mädchen bemerkte, das auf einem der weißen Ledersessel saß, die um einen Glastisch mit Broschüren gruppiert waren.
Der Magister strich sich die nassen halblangen Haare aus dem Gesicht und kam langsam zur Sitzgruppe herüber. „Hallo – Sophie, nicht wahr?“
Das Mädchen war gerade einmal elf Jahre alt, schlank und hochgewachsen. Elgin entschied, dass sie einmal hübsch sein würde, würde sie in das entsprechende Alter kommen. Ihre schwarzen Haare waren zu einem kecken Pferdeschwanz gebunden und Sommersprossen tanzten fröhlich auf ihren Wangen und um ihre Nase. Das Mädchen sah zu Elgin auf.
„Ja“, sagte sie dann.
„Ich bin Doktor Benedicto Tirado Garcia.“ Seltsam wie ungewohnt der eigene Name in seinen Ohren klang. Elgin grinste insgeheim darüber. Er war wohl inzwischen auch mehr in Weltenei zu Hause als in der alten Welt – so wie eigentlich fast alle von ihnen.
Sophie nickte und Elgin wurde bewusst, dass sie ihn natürlich noch von der Prüfung an ihrer Schule kannte.
„Was machst Du hier?“, wollte er wissen und lehnte sich im Stehen auf die Rückenlehne eines der teuren Sessel. „Wo sind Deine Eltern?“
„Sie reden mit Herrn Hoffmann und dem anderen Lehrer“, sagte Sophie.
„Immer noch?“, wollte Elgin wissen. „Deine Eltern wollen Dich nicht zu uns schicken, was?“ Er grinste. Es war das erste Mal, dass er als Quäsitor von Weltenei in der alten Welt war. Aber Pim hatte ihn vorgewarnt, dass sich viele Eltern nicht sehr begeistert davon zeigten, dass ihre Kinder auf eine Eliteschule geschickt werden sollten, die zum Teil weit von ihrem zu Hause entfernt war und keine Besuche am Wochenende erlaubte.
„Nein“, sagte das Mädchen. „Sie finden die Schule wunderbar.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber ich will nicht dorthin gehen.“
„Oh-ha.“ Elgin kratzte sich am Kopf. „Wieso das denn?“ Damit hatte er nicht gerechnet.
„Ich möchte im nächsten Schuljahr auf das Gymnasium bei uns gehen“, erklärte Sophie. „Mit meinen Freundinnen.“
Elgin dachte daran zurück, wie er das Angebot von Weltenei bekommen hatte. Damals war es auch Pim gewesen, der seiner Mutter erzählt hatte, dass ihr Sohn die Möglichkeit hatte, auf ein Eliteinternat zu gehen. Magister Tyra hatte ihn begleitet.
Elgin hatte sofort gehen wollen. Seine Mutter war alles andere als begeistert gewesen. Elgins Vater war ein hochrangiger Militär gewesen. Seine Orden hingen im Wohnzimmer über seinem Arbeitstisch, auf dem seine Mutter seit seinem Tod nicht einmal einen Bleistift verschoben hatte. Elgin hätte auf eine Militärakademie gehen sollen. Aber er hatte nicht die geringste Begeisterung dafür gezeigt. Vielleicht war das der Grund, warum seine Mutter ihn schließlich nach Weltenei gelassen hatte. Vielleicht hatte sie erkannt, dass er nie so sein könnte, wie sein Vater.
Elgin blinzelte, als ihm bewusst wurde, dass Sophie ihn fragend ansah. Er lachte leicht beschämt, dass er sie auf seine Reaktion auf ihre Worte warten ließ, während er seinen eigenen Gedanken nachhing.
„Du würdest etwas verpassen, wenn Du nicht kommst“, sagte Elgin schließlich. Er überlegte, wie er sie überzeugen konnte. Er machte das zum ersten Mal. Aber es war wohl seine Aufgabe. Pim kam für so etwas kaum in Frage. Pim konnte mit Kindern in etwa so gut umgehen wie Magister Felyth mit Pflanzen. Er schmunzelte bei dem Gedanken an die vertrockneten Kräuter auf der Fensterbank der Schreibwerkstatt.
„Wie wäre es mit einem Kakao, während wir auf Deine Eltern und die beiden Hoffmänner warten?“, wollte Elgin leichthin wissen.
Sophie nickte, vermutlich mehr aus Höflichkeit, als dass sie wirklich einen Kakao haben wollte. Elgin warf seine nasse Jacke über die Lehne des Sessels und passierte die Portierloge in die Küche hinüber. Er winkte ab, als der Pförtner anbot, den Kakao für ihn zu machen. Manchmal schadete es nichts, sich der Technik der alten Welt zu bedienen. Man vergaß so schnell, wie die Dinge hier funktionierten.
Elgin erhitzte etwas Milch und verrührte Zucker und Kakao in zwei Tassen. Dann goss er die heiße Milch in die Tassen und ging mit ihnen zurück in den Empfangsbereich. Sophie rutschte auf dem Sessel nach vorne, als Elgin ihr den Kakao reichte.
Für einen Augenblick vergaß Elgin, was Pim ihm eingebläut hatte, als sie den ersten Kandidaten gefunden hatten. Für einen Augenblick war er einfach nicht aufmerksam gewesen. Als er Sophie die Tasse reichte, berührten sich ihre Fingerspitzen.
Der Schlag, der Elgin traf, war vergleichbar mit dem Einschlag eines Blitzes. Die Magie des Mädchens, die Elgin als Aura um sie herum bereits hatte fühlen können, entlud sich in einem gewaltigen Magieschlag, der den Magister nach hinten schleuderte. Ein leuchtendes Schwarz und grelles Violett nahmen Elgin die Sicht und er ging bewusstlos zu Boden.
Was danach folgte, bekam er folglich nicht mehr mit. Das nächste, was Elgin bewusst wieder wahrnahm, war, dass er benommen in Pims Armen erwachte, der ihn auf dem Boden leicht aufgerichtet hatte. Einen Augenblick glaubte Elgin tatsächlich Besorgnis in den Augen des blonden Magisters zu lesen. Dann zog Pim die Augenbrauen finster zusammen und schüttelte unwillig den Kopf. „Dummkopf“, sagte er zu Elgin.

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