Oktober 30, 2009
Natürlich hatte es zu regnen begonnen. Elgin grinste und schüttelte sich den Regen von seiner Jacke, als er das moderne Glasgebäude betrat, in welchem die Zweigstelle von Weltenei in der alten Welt ihren Sitz hatte. Im Grunde hatte Elgin nichts gegen Regen, aber er verdarb einem ein wenig den Spaß bei einem Ausflug durch die Stadt.
Mit schnellen Schritten nahm Elgin die Treppe in der Mitte des gläsernen Gebäudes hinauf in den vierten Stock und überquerte eine schmale Metallbrücke, welche die einzelnen Büros der verschiedenen Unternehmen und Institutionen verband, welche im Halbkreis um den überdachten Innenraum gebaut waren. Der Stil gefiel dem Magister. Moderne Architektur war auf ihre Art sehr beeindruckend und völlig anders als die historische Bauweise von Weltenei.
Elgin betrat durch die hohe Glastür den Empfangsbereich mit der Portiersloge. Der Pförtner sah ihn kurz zögern an und nickte dann, als er ihn erkannte. Elgin lächelte und wollte die Treppe hinauf gehen, als er das Mädchen bemerkte, das auf einem der weißen Ledersessel saß, die um einen Glastisch mit Broschüren gruppiert waren.
Der Magister strich sich die nassen halblangen Haare aus dem Gesicht und kam langsam zur Sitzgruppe herüber. „Hallo – Sophie, nicht wahr?“
Das Mädchen war gerade einmal elf Jahre alt, schlank und hochgewachsen. Elgin entschied, dass sie einmal hübsch sein würde, würde sie in das entsprechende Alter kommen. Ihre schwarzen Haare waren zu einem kecken Pferdeschwanz gebunden und Sommersprossen tanzten fröhlich auf ihren Wangen und um ihre Nase. Das Mädchen sah zu Elgin auf.
„Ja“, sagte sie dann.
„Ich bin Doktor Benedicto Tirado Garcia.“ Seltsam wie ungewohnt der eigene Name in seinen Ohren klang. Elgin grinste insgeheim darüber. Er war wohl inzwischen auch mehr in Weltenei zu Hause als in der alten Welt – so wie eigentlich fast alle von ihnen.
Sophie nickte und Elgin wurde bewusst, dass sie ihn natürlich noch von der Prüfung an ihrer Schule kannte.
„Was machst Du hier?“, wollte er wissen und lehnte sich im Stehen auf die Rückenlehne eines der teuren Sessel. „Wo sind Deine Eltern?“
„Sie reden mit Herrn Hoffmann und dem anderen Lehrer“, sagte Sophie.
„Immer noch?“, wollte Elgin wissen. „Deine Eltern wollen Dich nicht zu uns schicken, was?“ Er grinste. Es war das erste Mal, dass er als Quäsitor von Weltenei in der alten Welt war. Aber Pim hatte ihn vorgewarnt, dass sich viele Eltern nicht sehr begeistert davon zeigten, dass ihre Kinder auf eine Eliteschule geschickt werden sollten, die zum Teil weit von ihrem zu Hause entfernt war und keine Besuche am Wochenende erlaubte.
„Nein“, sagte das Mädchen. „Sie finden die Schule wunderbar.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber ich will nicht dorthin gehen.“
„Oh-ha.“ Elgin kratzte sich am Kopf. „Wieso das denn?“ Damit hatte er nicht gerechnet.
„Ich möchte im nächsten Schuljahr auf das Gymnasium bei uns gehen“, erklärte Sophie. „Mit meinen Freundinnen.“
Elgin dachte daran zurück, wie er das Angebot von Weltenei bekommen hatte. Damals war es auch Pim gewesen, der seiner Mutter erzählt hatte, dass ihr Sohn die Möglichkeit hatte, auf ein Eliteinternat zu gehen. Magister Tyra hatte ihn begleitet.
Elgin hatte sofort gehen wollen. Seine Mutter war alles andere als begeistert gewesen. Elgins Vater war ein hochrangiger Militär gewesen. Seine Orden hingen im Wohnzimmer über seinem Arbeitstisch, auf dem seine Mutter seit seinem Tod nicht einmal einen Bleistift verschoben hatte. Elgin hätte auf eine Militärakademie gehen sollen. Aber er hatte nicht die geringste Begeisterung dafür gezeigt. Vielleicht war das der Grund, warum seine Mutter ihn schließlich nach Weltenei gelassen hatte. Vielleicht hatte sie erkannt, dass er nie so sein könnte, wie sein Vater.
Elgin blinzelte, als ihm bewusst wurde, dass Sophie ihn fragend ansah. Er lachte leicht beschämt, dass er sie auf seine Reaktion auf ihre Worte warten ließ, während er seinen eigenen Gedanken nachhing.
„Du würdest etwas verpassen, wenn Du nicht kommst“, sagte Elgin schließlich. Er überlegte, wie er sie überzeugen konnte. Er machte das zum ersten Mal. Aber es war wohl seine Aufgabe. Pim kam für so etwas kaum in Frage. Pim konnte mit Kindern in etwa so gut umgehen wie Magister Felyth mit Pflanzen. Er schmunzelte bei dem Gedanken an die vertrockneten Kräuter auf der Fensterbank der Schreibwerkstatt.
„Wie wäre es mit einem Kakao, während wir auf Deine Eltern und die beiden Hoffmänner warten?“, wollte Elgin leichthin wissen.
Sophie nickte, vermutlich mehr aus Höflichkeit, als dass sie wirklich einen Kakao haben wollte. Elgin warf seine nasse Jacke über die Lehne des Sessels und passierte die Portierloge in die Küche hinüber. Er winkte ab, als der Pförtner anbot, den Kakao für ihn zu machen. Manchmal schadete es nichts, sich der Technik der alten Welt zu bedienen. Man vergaß so schnell, wie die Dinge hier funktionierten.
Elgin erhitzte etwas Milch und verrührte Zucker und Kakao in zwei Tassen. Dann goss er die heiße Milch in die Tassen und ging mit ihnen zurück in den Empfangsbereich. Sophie rutschte auf dem Sessel nach vorne, als Elgin ihr den Kakao reichte.
Für einen Augenblick vergaß Elgin, was Pim ihm eingebläut hatte, als sie den ersten Kandidaten gefunden hatten. Für einen Augenblick war er einfach nicht aufmerksam gewesen. Als er Sophie die Tasse reichte, berührten sich ihre Fingerspitzen.
Der Schlag, der Elgin traf, war vergleichbar mit dem Einschlag eines Blitzes. Die Magie des Mädchens, die Elgin als Aura um sie herum bereits hatte fühlen können, entlud sich in einem gewaltigen Magieschlag, der den Magister nach hinten schleuderte. Ein leuchtendes Schwarz und grelles Violett nahmen Elgin die Sicht und er ging bewusstlos zu Boden.
Was danach folgte, bekam er folglich nicht mehr mit. Das nächste, was Elgin bewusst wieder wahrnahm, war, dass er benommen in Pims Armen erwachte, der ihn auf dem Boden leicht aufgerichtet hatte. Einen Augenblick glaubte Elgin tatsächlich Besorgnis in den Augen des blonden Magisters zu lesen. Dann zog Pim die Augenbrauen finster zusammen und schüttelte unwillig den Kopf. „Dummkopf“, sagte er zu Elgin.
***
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Kapitel 4: Unerwartete Begegnungen | Mit Tag(s) versehen: 4. kapitel, begegnungen, fantasy, fantasyroman, h3nri3tt4, henrietta panneke, kapitel, roman, unerwartete, viertes, weltenei |
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Oktober 26, 2009
Während der Heiler mit Fenn verschwand, schlüpfte Teese in ihre Schuhe, die neben dem Tisch standen. Sie hatte sie ausgezogen, als sie in das Becken gewatete war, um Seth heraus zu ziehen. Vermutlich hatte Fenn sie mitgenommen.
Etwas wackelig auf ihren Beinen verließ das Mädchen das Hospital und ging durch den Kräutergarten zu dem steinernen Gebäude, das die Übungshalle für das Waffentraining beheimatete und einen Durchgang zum Kreuzgang besaß. Von dort konnte man wiederum direkt in die Taberna Akademika, die riesige Halle, welche Aufenthaltsraum und Speisesaal war.
Als Teese zur Seitentür herein kam, waren die meisten Tische schon gut belegt. Teller und Schalen klapperten fröhlich in die Unterhaltung der Schüler und es roch verheißungsvoll nach der Gemüsesuppe, welche an den Abenden stets als eine der Vorspeisen gereicht wurde.
Teese musste nicht lange suchen, um Liina und Rinnir in der Menge der Schüler zu entdecken. Liina hatte augenscheinlich nach ihr Ausschau gehalten und winkte wild, kaum dass Teese den Raum betreten hatte. Teese widerstand dem Drang, eilig zu ihr zu laufen, sondern ging mit langsamen und bedächtigen Schritten zum Tisch, an dem ihre Freunde saßen. Der Schmerz nach ihrem Sturz war zwar verschwunden, aber die Verbände an den Knien und dem Fuß erinnerten sie daran, dass sie es nicht übertreiben sollte. Magie schien bei der Heilung auch ihre Grenzen zu haben.
„Wie geht es Seth?“, waren Liinas erste Worte, als Teese den Tisch erreicht hatte.
„Wo ist Fenn?“, waren Rinnirs.
Teese setzte sich und streckte ihre bandagierten Knie unter dem Tisch lang aus. „Fenn kommt sicher gleich nach. Die Heiler wollten, dass er ihnen etwas zeigt.“ Sie grinste fröhlich in die Runde. „Er kann Heilmagie wirken“, verkündete sie den anderen beiden. „Als wir Seth aus dem Becken gezogen haben, hat er ihn…Nun, ich weiß nicht genau, was er gemacht hat, aber ich glaube, er hat ihn wiederbelebt oder etwas in der Art.“ Sie war nicht einmal dazu gekommen, Fenn zu fragen, welche Magie er eingesetzt hatte und wie.
„Und Seth?“, hakte Rinnir nach.
„Er muss eine Woche im Hospital bleiben“, sagte Teese und füllte von der Gemüsesuppe in den tiefen Teller, der an ihrem Platz stand. Während sie aßen, berichtete das Mädchen den anderen beiden alles, was passiert war, und was sie vom Gespräch der Erwachsenen aufgeschnappt hatte.
„Dann gibt es diesen Vergessenszauber wirklich?“ Liina wirkte fast ein wenig ungläubig. „Und ich dachte, dass Ihr beide einfach ein wenig paranoid seid.“
Rinnirs Gesicht war eine starre Maske. „Unterdrückungszauber“, wiederholte er das Wort, das Teese verwendet hatte. „Und Rehan kann diese Art von Zauber wirken.“
„Es wird sein Talent sein“, spekulierte Teese.
„Ob er Seths Erinnerungen an den Unfall“ – er betonte das letzte Wort vielsagend – „im Schwimmbecken ebenfalls unterdrücken kann? Das dürfte dem Dekan nur Recht sein.“
„Sie haben nur davon gesprochen, dass sie die dazugehörige“ – Teese dachte nach, wie Rehan es formuliert hatte – „Gefühlsebene entfernen wollen.“
„Und sie meinen es dabei doch nur gut“, warf Liina ein. „Ich würde mich an so etwas auch nicht gerne erinnern wollen.“ Sie schauderte in Gedanken.
„Magister Mintal hat gesagt, dass sie Seth zu dem Unfall befragen wollen“, sagte Teese langsam. „Und Seth hat bereits gesagt, dass Timar es gewesen ist.“ Sie zögerte. „Aber Rehan hat auch gesagt, dass in seinem Kopf viele Dinge durcheinander geraten sind.“
„Sie werden ihm nicht glauben“, nickte Rinnir.
Teese fühlte sich niedergeschlagen. Rehan schien jedenfalls überzeugt, dass Seths Worte mehr auf Einbildung beruhten, denn auf Tatsachen. Sie sah entschlossen auf. „Aber vielleicht glauben sie mir“, fuhr sie fort. „Fenn und ich haben die Wellen im Becken gesehen. Die waren dort sicher nicht durch Zufall. Und ich habe Timar auf der Mauer gesehen.“
Liina sah sie fragend an. „Und?“
Teese wirkte energisch. „Ich werde zu Dekan Ezzo gehen.“
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Oktober 23, 2009
„Das hat der Dekan zu entscheiden“, sagte Magister Mintal. „Ezzo sollte außerdem davon unterrichtet werden, dass der Junge mehrmals Timars Namen genannt hat, während er bei Bewusstsein war. Für mich klang das verdächtig nach einem ‚Timar war es‘, was er da vorhin gesagt hat.“
Man hörte ein Räuspern und schließlich sprach Rehan erneut. „Sein Geist ist recht verwirrt durch die verschiedenen Einflüsse, welchen er die letzten Tagen ausgesetzt war und dem Beinahetod vorhin. Ich bezweifele, dass er eine genaue Aussage machen kann. Das meiste, was ich in ihm vorgefunden habe, war panische Todesangst.“
Einen Augenblick war es still. Dann fuhr der Pförtner fort, „Ich werde mit Ezzo auch darüber reden müssen, ob wir aus den Erinnerungen der letzten Stunde nicht die Gefühlsebene entfernen sollten, wenn wir wollen, dass der Junge seine Schwimmausbildung abschließt.“
Keiner der Erwachsenen auf der anderen Seite des Sichtschirms schien sich zu den Worten äußern zu wollen. Schließlich übernahm Magister Mintal wieder das Kommando in ihren Räumen.
„Dann solltest Du mit Ezzo darüber sprechen“, sagte sie. „Da der Junge jetzt schläft, kannst Du ohnehin nichts anderes tun und stehst uns hier nur im Weg herum. Genauso wie Du, Pim. Der Arm ist gerichtet und wenn Du Dich von Ro morgen nicht wieder zerlegen lässt, kannst Du Dich gerne einmal ein paar Tage von hier fernhalten.“
Pim schnaubte verächtlich. „Kaum anzunehmen, dass ich freiwillig zu Dir kommen würde.“
Teese konnte ihn sehen, als er aus dem vom Wandschirm verstellten Bereich des Raumes zur Tür ging. Rehan folgte ihm. Dem kahlköpfigen Pförtner sah Teese mit gemischten Gefühlen nach. Er machte eigentlich einen netten Eindruck, aber wenn das Mädchen es richtig verstanden hatte, war er derjenige, welcher den Unterdrückungszauber auf sie alle gewirkt hatte. Und der Gedanke machte ihr ein wenig Angst. Konnte er wirklich in den Kopf eines jeden von ihnen schauen und Erinnerungen einfach so löschen?
„So, da bin ich wieder.“
Teese erschrak sich unglaublich, als der junge Heiler an den Tisch trat. Er musste durch eine andere Tür hereingekommen sein, als die, durch welche Magister Pim und Rehan gerade verschwunden waren. Er legte ein geknotetes Stoffbündel neben Teese auf den Tisch und faltete es auf. Mehrere Kräuter kamen zum Vorschein, ein heller Verband und zwei kleine, tönerne Töpfe. Einen davon öffnete der Mann und eine gelartige Paste kam zum Vorschein.
„Den Verband lässt Du über Nacht auf den Wunden“, sagte der junge Mann, „und nimmst ihn erst morgen ab. Die Knie sind dann verschorft und werden in den nächsten Tagen ganz normal verheilen. Den Knöchel lässt Du den Rest der Woche verbunden und kommst dann wieder her.“ Er legte einige der Kräuter auf Teeses linkes Knie und begann, den ersten Verband zu wickeln. „Du hast keinen Schwimmkurs, oder?“
Teese schüttelte den Kopf.
„Dann ist das also kein Problem“, sagte der junge Mann und wickelte einen Verband um Teeses rechtes Bein. Danach verband er noch ihren umgeknickten Knöchel und wischte sich die Hände an einem Tuch ab. „So, das war es erst einmal. Dann kannst Du Deine Schuhe anziehen und zum Abendessen gehen. Und Du“ – er wandte sich an Fenn – „darfst erst noch mit mir mitkommen, und uns zeigen, wie Du Deinem Freund mit Heilmagie geholfen hast.“
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Oktober 19, 2009
Der kahle Pförtner seufzte und trug Teese zu dem freien Tisch. Wo er sie absetzte. „Magister Mintal ist eine sehr fähige Heilerin“, raunte er ihr zu. „Aber sie ist nicht gerade sehr einfühlsam. Lasst Euch davon aber nur nicht abschrecken.“
Er versah Fenn mit einem nachdrücklichen Kopfnicken und verschwand dann hinter dem Sichtschirm um an den Tisch mit Seth zu treten.
Fenn rutschte neben Teese auf den Tisch. „Vielleicht sollte ich mir das mit dem Heiler noch mal überlegen“, grinste er.
Teese kicherte trotz der Schmerzen in ihren Beinen. „Sicher will sie nur dafür sorgen, dass die Leute schneller gesund werden und freiwillig wieder gehen.“ Fenn lachte leise.
„So, wer von Euch beiden ist denn krank?“, erkundigte sich eine erstaunlich fröhliche Stimme unerwartet und der junge Mann mit der grünen Schärpe trat am Sichtschirm vorbei. Er trug seine dunklen Haare zu einem mindestens genauso langen Zopf geflochten wie Magister Mintal und seine Haut war bronzefarben mit einem rötlichen Einschlag.
Teese entschied, dass er wirklich ein Indianer war, der erste echte, den sie in ihrem Leben zu Gesicht bekam – vermutlich, denn im Grunde konnte sie sich nur an wenig aus ihrem Leben erinnern, bevor sie nach Weltenei gekommen war.
„Ich bin umgeknickt und habe mir die Knie aufgeschlagen“, erklärte das Mädchen und zog ihre Robe bis zu den Oberschenkeln hoch, um die aufgeschürften Knie zu zeigen.
„Ah, das sollten wir schnell wieder hinbekommen“, meinte der junge Mann zuversichtlich. Er untersuchte Teese kurz und legte ihr dann die Hand auf die Brust. Fenn sah interessiert zu. Langsam wich der Schmerz aus Teese und nur die aufgeschürften Knie verrieten, dass die Verletzung noch vorhanden war.
„Ich mache Dir einen Heilverband“, sagte der junge Mann. „Ich muss dazu allerdings frische Kräuter von unten holen. Das dauert einen Augenblick.“ Er zwinkerte. „Also nicht weglaufen, Ihr beide.“
„Schon klar“, kam es fast gleichzeitig aus Teeses und Fenns Mund.
Der Heiler verließ das Dachgeschoss durch die große Tür an der hinteren Wand des Raumes und ging eine Außentreppe hinunter. Teese und Fenn saßen auf dem Tisch und waren einen Augenblick beide still. Hinter der Stellwand hörte man Magister Mintals Stimme, während sie Seth untersuchte.
Teese und Fenn wechselten einen kurzen Blick. Teese legte einen Zeigefinger an die Lippen und hielt ihren Atem an, um den Worten zu lauschen. Fenns Miene verriet ebenfalls höchste Konzentration.
„…und natürlich ist keinem der Quaesitoren aufgefallen, dass der Junge von solchen Substanzen abhängig ist“, ereiferte sich Magister Mintals Stimme.
„Ich bin nicht dafür zuständig, vorher den Gesundheitszustand der neuen Kandidaten zu überprüfen.“ Das war Magister Pims Stimme hinter dem Wandschirm. Er klang gereizt. „Elgin und ich haben den Jungen lediglich auf magisches Potential untersucht.“
„Unfug.“ Magister Mintal fuhr dem Lehrer für Waffenführung in die Parade. „So wie das Kind von seinem Gesamtzustand aussieht, hat er kaum in geregelten Umständen gelebt. Wenigstens das muss einem von Euch aufgefallen sein. So ausgemergelte Gestalten habe ich das letzte Mal während der Bauernkriege gesehen.“
„Ich habe in der Akte vermerkt, dass der Knirps auf der Straße gelebt hat.“ Magister Pim klang ungehalten. „Ich bin kein Sozialarbeiter. Dass er irgendwelche Drogen konsumiert hat, hätte in seinem neuen Haus auffallen müssen. Dafür hatte ich zu wenig Kontakt mit dem Jungen. Wenn nicht einmal sein Magister etwas bemerkt hat und das, obwohl sie wie er ein Tiermagier ist und direkt in seine Gedanken…“
„Ich überwache meine Kinder nicht, Pim.“ Magister Nabi klang ungewohnt kühl. Die Stimmung auf der anderen Seite der Stellwand war offenkundig recht aufgeheizt – ein Grund wohl, warum Teese und Fenn nun problemlos hören konnten, was gesprochen wurde.
„Mama?“
Die Erwachsenen verstummten schlagartig, als Seth sich zu Wort meldete. Seine Stimme klang schlaftrunken und jämmerlich, wie die eines noch sehr kleinen Kindes.
„Scht, schon gut, mein Kleiner.“ Magister Nabis Stimme war so beruhigend und leise, dass Teese die Worte mehr erahnen konnte, als dass sie sie wirklich hörte.
Einen Moment war es still. Teese wagte kaum zu atmen. Sie war sicher, dass auf der anderen Seite des Wandschirms irgendetwas gemacht wurde, das keine Worte benötigte. Dann erklang wieder Magister Mintas Stimme, dieses Mal wesentlich ruhiger.
„Er wird jetzt ein paar Stunden schlafen“, sagte die Heilerin. „Aber er wird mindestens eine Woche hier bleiben müssen, damit wir die Schäden an den inneren Organen wieder beheben können und den Körper gesunden lassen, dass er keine Entzugserscheinungen hat, wenn er wieder in den Unterricht geht.“
„Was ist mit dem Unterdrückungszauber?“ Es war Rehan, der Pförtner, welcher sich danach erkundigte. Teese wunderte sich ein wenig, warum er überhaupt hinzugezogen worden war. „Er scheint beschädigt worden zu sein. Vielleicht wäre es besser, ihn vollkommen zu entfernen. Ich denke, er hat bei ihm so oder so seine Aufgabe erfüllt.“
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Oktober 16, 2009
An der Mauer und vor dem Hospital hatten sich mehrere Schüler und Erwachsene versammelt, die in kleinen Gruppen zusammen standen und sich aufgeregt unterhielten. Eilig wichen sie zurück, um Rehan Platz zu machen, als dieser mit Teese auf dem Arm das Hospital betrat.
Teese war hier bereits an ihrem ersten Tag auf Weltenei gewesen, als Magister Elgin ihnen die wichtigsten Gebäude auf dem Inselberg gezeigt hatte. Das Hospital war ein langgezogener Steinbau, in welchem mehrere Betten untergebracht waren. Im oberen Stockwerk gab es einen Behandlungsraum, welcher ein Dach aus Glas besaß, der Teese an ein riesiges Gewächshaus erinnerte.
Als Rehan sie nun dort hinauf brachte, schien die Sonne des späten Nachmittags durch die Scheiben und leuchtete den ganzen Raum in einem hellen Gold aus. Dennoch waren bereits Lampen angezündet worden, um Magister Mintal und ihren Studenten genügend Licht für ihre Arbeit zu geben.
In der Mitte des Raumes standen zwei tischähnliche Gebilde, welche durch eine dünne Stellwand aus Papier abgetrennt waren. An der Wand fanden sich Regale mit Flaschen, kleinen Holzdöschen und anderen Gefäßen. Auf einem schmalen Arbeitstisch lagen silbern glänzende Instrumente, welche Teese erschauern ließen. Das meiste waren kleine, dünne Messer und spitze Metallstifte mit verschiedenen Aufsätzen. Eine Reihe Scheren lag sauber geordnet auf einem weißen Tuch.
„Was ist mit ihr?“, erkundigte sich eine hochgewachsene und hagere Frau mit skeptisch zusammengekniffenen Augen bei Rehan. Sie trug die blaue Schärpe eines Magisters und hatte ihre langen schwarzen Haare zu einem Zopf zusammengebunden.
„Sie hat sich die Knie aufgeschlagen“, erklärte Rehan.
„Und er da?“ Die Frau machte eine vage Kopfbewegung zu Fenn. „Wenn er nichts besseres zu tun hat, als dumm aus der Wäsche zu schauen, kann er draußen warten.“
„Er hat dem anderen Jungen mit Heilmagie geholfen“, sagte Rehan geduldig und offensichtlich unbeeindruckt von der spröden Art der Frau.
Mit dem ‚anderen Jungen‘ meinte der Pförtner ganz offenkundig Seth, der auf dem einen der beiden Tische lag und gegen die Decke sah. Magister Nabi stand neben ihm und hielt seine Hand. Ein junger Mann, den Teese für einen Indianer in einer schwarze Roben und grünen Schärpe hielt, untersuchte Seth.
Die Magister zog ihre Nase kraus und musterte Fenn von oben nach unten. „Gut, dann kann er bei dem Mädchen warten“, entschied sie. „Setz‘ sie auf den freien Tisch und mach Dich dann bei dem kleinen Russen nützlich. In seinem Kopf sind ein paar Dinge durcheinander gekommen. Ein interessanter Studienfall für den Einfluss von Unterdrückungszaubern in Kombination mit Nahtodeserfahrungen.“
„Er wird aber wieder gesund werden, oder?“, wollte Teese besorgt wissen. Was war ein Unterdrückungszauber? Sollte sie damit diesen Vergessenszauber meinen, von welchem Rinnir und sie annahmen, dass er der Grund war, warum sich niemand an seine Familie und das bisherige Leben vor Weltenei erinnern konnte? Hatte Seth deswegen nach seiner Mutter gefragt, kaum nachdem er wieder bei Bewusstsein gewesen war?
„Alle meine Patienten, die gesund werden wollen, werden das auch wieder, dummes Kind“, sagte die Magister und schüttelte den Kopf über so viel Unverständnis. „Und jetzt haltet uns nicht weiter von der Arbeit ab. Rehan, bitte.“
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Oktober 12, 2009
Oben an der Brüstung der hohen Festungsmauer, weit über Teeses Kopf, drängten sich Menschen und zeigten aufgeregt gestikulierend nach unten. Timar konnte das Mädchen unter ihnen nicht mehr ausmachen, dafür Rinnir und Liina.
Über die steile Treppe rannten mehrere Erwachsene herunter. Zuvorderst lief mit wehender Robe und offenen roten Haaren Magister Nabi.
Vom Pförtnerhaus her, hatte nun auch Rehan, die drei Schüler erreicht und ging neben Fenn in die Knie. Der dunkelhäutige Junge hatte noch immer seine Hand auf Seths Brust gedrückt.
„Lass ihn los, Junge“, sagte Rehan und griff nach Fenns Hand. „Das ist mehr als genug.“ Er zog Fenns Hand von Seths Brust und drehte den schmächtigen Jungen zur Seite. Seths linker Arm rutschte zur Seite und Teese stellte überrascht fest, dass er kurz zuckte und sich auf dem Boden abstützte. Dann hustete Seth, während Rehan ihn festhielt.
„Das hast Du gut gemacht“, erklärte Rehan über Seths Kopf hinweg zu Fenn, der verdutzt auf seine eigenen Hände starrte. „Du wirst sicher einmal ein großartiger Heiler.“
Fenn sah überrascht zu Teese und Teese grinste voller Erleichterung. Seth setzte sich zitternd auf und fuhr sich mit der Hand über den Mund. Er sah blass aus und seine Augen hatten einen verträumt wirkenden Blick. Aber er war offensichtlich am Leben.
„Was ist passiert?“ Magister Nabi rauschte neben Rehan herunter auf die Knie. Die roten Haare rutschten ihr durch ihr plötzliches Abbremsen ins Gesicht, so dass sie sie ärgerlich mit der Hand nach hinten wischte. „Wie geht es ihm? Ist er in Ordnung?“
Seth sah verwirrt zu der Magister auf. „Mama?“ Seine Stimme klang seltsam weinerlich.
Teeses Augen weiteten sich überrascht. Unmöglich, dass Seth seine Worte ernst meinen konnte. Magister Nabi war dunkelhäutig, vermutlich eine Afrikanerin, und Seth war noch weitaus blasser als Teese. Wusste er nicht, wo er war? Er sah nicht so aus als würde er verstehen, was gerade um ihn herum vor sich ging.
„Keine Angst, Kleiner.“ Magister Nabi lächelte sanft. „Jetzt ist alles gut.“ Sie schob ihre linke Hand unter Seths Rücken und die rechte unter seine Knie. Dann hob sie den Jungen hoch als würde er nicht mehr wiegen als ihre schwarzweiße Katze. Mit Seth auf ihren Armen eilte die Magister zurück zu der Treppe.
Teese wrang sich das Wasser aus den Haaren und wollte ihr folgen. Doch kaum hatte sie den ersten Schritt gemacht, durchzuckte sie ein heftiger Schmerz. Ihr Fuß tat höllisch weh und die Knie brannten wie Feuer.
Teese beugte sich vor und lupfte ihre Robe. Die Knie waren blutig aufgeschürft. Sie hatte ihrem Sturz auf dem felsigen Boden bis jetzt nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt, aber das schon leicht verkrustete Blut an ihren Knien war nicht zu übersehen. Vermutlich hatte sie sich beim Sturz auch die Robe zerrissen. Allerdings war davon nichts mehr zu sehen. Schade eigentlich, dass sich nur Kleidungsstücke wieder selbst reparieren konnten und die menschliche Haut nicht.
„Na, Dich bringen wir dann besser auch mal ins Hospital“, stellte Rehan fest und trat zu Teese, um sie hochzuheben, wie Magister Nabi es eben mit Seth gemacht hatte.
„Und Du, junger Heiler, kommst am besten auch gleich mit“, sagte der Pförtner zu Fenn. „Magister Mintal wird sicher gerne hören, dass wir in diesem Jahr wieder einen Schüler mit heilmagischen Talenten unter uns haben.“
Zum ersten Mal, seit sich Fenn und Teese auf die Suche nach Seth gemacht hatten, grinste der Junge wieder so breit und fröhlich, wie es seine Art war. Teese schloss die Augen und versuchte die Schmerzen in ihrem Fuß und in den Knien zu ignorieren, während Rehan sie die steile Treppe hinauf trug.
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Oktober 9, 2009
Das Becken war ebenerdig aus dem Fels gehauen, so dass man von ihm aus der Entfernung normaler Weise nicht viel sehen konnte. Doch jetzt schwappten hohe Wellen im Becken als würde es über einen eigenen Wellengang verfügen. Allerdings liefen diese Wellen nicht zu einer Seite hin aus, sondern schienen alle zur Mitte hin zu laufen. Dort lösten sie sich einfach auf und neue folgten. Die Wellen spülten dabei alles vom Beckenrand in die Mitte.
Der Schrei einer Möwe ließ Teese ihren Blick heben. Der Vogel, der ihr das Haarband entrissen hatte, kreiste über dem Becken. Teeses Augen weiteten sich überrascht, als ihr Blick von einem fahlblonden Haarschopf abgelenkt wurde, der sich rechts von der Möwe über die hohe Mauer beugte, die Weltenei umgab.
Dort oben auf der massiven, hohen Mauer, direkt hinter dem Hospital, lehnte sich Timar über die Brüstung und sah hinunter zu dem Schwimmbecken.
„Seeeeth.“
Fenns Ruf ließ nicht nur Teese zusammenzucken, auch Timar schrak zusammen und wich zurück. Der weißblonde Haarschopf verschwand hinter der hohen Mauer und als Teese zum Schwimmbecken sah, waren die Wellen in sich zusammengefallen. Die Wasseroberfläche lag glatt da und in der Mitte des Beckens trieb ein lebloser Körper mit dem Gesicht nach unten im Wasser.
„Seth“, keuchte Teese und stürzte zum Becken.
Sie streifte eilig ihre Schuhe ab und watete ins Wasser. Fenn war bereits voraus geeilt. Allerdings konnte er nicht allzu gut schwimmen, so dass Teese ihn im Wasser schnell eingeholt hatte.
Sie griff nach dem treibenden Körper, der ihrem Freund gehörte, und drehte ihn um. Seth hatte die Augen geschlossen und sein Gesicht war rot mit blassen Flecken um die Augen. Ein ungesunder tiefvioletter Farbton zog sich über die Wangen, wie Teese es noch nie gesehen hatte.
Rückwärts schwimmend zog sie den kleinen Jungen mit sich. Fenn schwamm ebenfalls zurück zum flach auslaufenden Rand des Beckens, als er sah, dass Teese alleine sicherlich schneller sein würde, als mit seiner Hilfe. Dort, wo das Wasser nur bis zur Brust reichte, griff Fenn nach Seths Arm und die beiden Kinder zogen den schmächtigen Jungen aus dem Wasser.
Seths Körper war leblos und wirkte seltsam unecht. ‚Wie eine Puppe‘, kam es Teese in den Sinn. Ein Knoten bildete sich in ihrem Hals.
Fenn ging neben Seth in die Hocke und beugte sich über seinen Freund. „Seth?“ Seine Hand fuhr unsicher über Seths Wange und den Hals hinunter. Dann verharrte sie auf seiner Brust. „Seth.“ Die Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Teese verharrte wie erstarrt neben den beiden Jungen. Sie wusste nicht, ob Fenn wusste, was er gerade tat, aber wenn nicht, wollte sie ihn auf keinen Fall auch nur durch den geringsten Mucks aus ihrem Mund oder die leiseste Bewegung von sich stören. Auch wenn sie es nicht fühlen konnte, war sie sicher, dass Fenn Magie verwendete.
Seine Hand lag mit weit gespreizten Fingern auf Seths Brust und Teese konnte sehen, wie sich der Brustkorb hob und senkte. Die weißen Flecken verschwanden von Seths Gesicht und die violetten Wangen färbten sich in einem schwachen rosa. Hinter den geschlossenen Lidern bewegten sich die Augen.
Und dann bäumte sich Seth so abrupt auf, dass Teese einen mädchenhaft spitzen Schrei hervorbrachte, welcher dem Ruf der Möwe über ihr ähnelte. Etwas fiel vor ihr zu Boden. Es war ihr Haarband. Teese blickte in den Himmel und sah die Möwe davonfliegen.
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Verfasst von h3nri3tt4
Oktober 5, 2009
Die Straße den Inselberg hinunter war recht leer. Es war später Nachmittag und die meisten Schüler waren in der Bibliothek. Außerdem war es drückend warm im Freien und die Sonne brannte vom Himmel. Teese bezweifelte allerdings, dass das Wetter noch lange so schön bleiben würde. Es ging inzwischen schon mit schnellen Schritten auf den Herbst zu und morgens war es bereits recht kühl.
„Also hier ist er nirgends“, stellte Fenn fest, als sie das Ende von Weltenei erreicht hatten. Vor ihnen lag das Meer, das im Sonnenlicht glitzerte, und dahinter das Festland mit seinen Wäldern. Am gegenüberliegenden Ufer konnte man mehrere kleine Häuser erkennen und eine Straße, am Meer entlang.
Teese wandte den Blick zu ihrer Rechten. „Was ist mit dem Schwimmbecken?“, wollte sie wissen. Das Mädchen blickte den schmalen Pfad entlang, welcher rechts von ihnen ein Stück um die Insel führte. Am Ende verbreiterte sich der schmale Saum aus Felsen zu einer Art Bucht aus Stein, in welcher eine rechteckige Vertiefung herausgearbeitet worden war, welche als Schwimmbecken diente.
Ein Stück weiter führte eine steile Treppe hinauf bis zum Hospital mit seinem kleinen Kräutergarten. Der Aufstieg war mühsam, würde sie aber schnell zum Magieturm bringen, wo sie ihre Suche fortsetzen sollten. Vermutlich hatte Rinnir diesen Weg für sie im Sinn gehabt, als er die zwei Gruppen eingeteilt hatte.
„Das Schwimmtraining ist erst morgen wieder“, wandte Fenn ein. „Und Magister Jerv hat uns ausdrücklich verboten, alleine schwimmen zu gehen.“ Eine Sorgenfalte zeigte sich auf der Stirn des dunkelhäutigen Jungen. „Nicht, dass Seth solche Dinge in letzter Zeit stören würden…“
Mehrere Möwen flogen kreischend über ihre Köpfe hinweg und Teese sah in den Himmel. Eine der Möwen drehte im Flug bei und kam auf Fenn und sie zugeflogen. Das Tier erinnerte sie daran, wie Magister Nabi Seth am Tag der Einstufungsprüfungen eine Möwe mit einer Botschaft geschickt hatte.
Während die Möwe mit hektischen Flügelschlägen vor Fenn und Teese in der Luft stehen blieb und wild schrie, überkam das Mädchen eine Ahnung, dass auch diese Möwe eine Nachricht zu überbringen hatte. Allerdings waren weder sie noch Fenn Tiermagier und daher hatte Teese keinerlei Ahnung, was ihr das aufgeregte Tier sagen sollte oder wollte.
„Tut mir leid, aber ich habe keine Ahnung, was Du willst“, sagte Teese hilflos und sah zu Fenn in der Hoffnung auf Unterstützung.
Das wilde Schlagen von Flügeln direkt vor Teeses Gesicht, entlockte dem Mädchen einen erschrockenen Schrei. Die Möwe landete auf ihrem Kopf und pickte an ihrem Haarband. Das Band löste sich und die Möwe flog mit ihrer Beute davon.
„Au.“ Teese schlug beide Hände gegen ihren Kopf. Außer dem Band hatte dieses Manöver sie einige Haare gekostet.
„Ich“, begann Fenn zögerlich, „glaube…“ Er sah der Möwe nach, welche in Richtung der Treppe zum Hospital flog. „Ich glaube, sie will, dass wir ihr folgen.“
Teese senkte ihre Hände. Ein Stück von ihr entfernt, flatterte ihr Haarband im Schnabel einer Möwe am Ufer von Weltenei entlang.
Fenn und Teese sahen sich einen Augenblick an und jeder konnte in den Augen des anderen aufsteigende Besorgnis erkennen. Ohne ein weiteres Wort rannten die beiden Kinder der Möwe hinterher. Der felsige Boden war holprig und löchrig und Teese kam mehr als nur einmal ins Straucheln.
Sie umrundeten die Insel, während die Möwe immer ein Stück vor ihnen in Sichtweite blieb. Teese sah zu dem Vogel hinauf und stolperte in eine kleine Vertiefung vor ihren Füßen. Ihr rechter Fuß knickte um und das Mädchen ging mit einem Schmerzenslaut zu Boden.
Sie fing ihren Sturz mit den Armen ab und als sie sich halb sitzend aufrichtete, sah sie über ihre Schulter hinweg, dass ihnen in einiger Entfernung jemand folgte, der es ebenso eilig zu haben schien wie sie. Teese konnte sein Gesicht zwar nicht erkennen, aber der Mann war kahlköpfig und das Mädchen vermutete, dass es der Pförtner sein musste, Rehan.
„Teese! Teese!“
Fenns panische Rufe ließen das Mädchen sich eilig aufrappeln. Fenn hatte nun ein Stück Vorsprung und er gestikulierte wild in Richtung des Schwimmbeckens. Teese rannte so schnell sie konnte in seine Richtung. Jeder Schritt schmerzte höllisch, aber Fenns panische Stimme ließ sie nicht an ihren umgeknickten Fuß denken.
Sie brauchte nur wenige Schritte, um das Becken genauso sehen zu können wie Fenn. Und was sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
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Kapitel 3: Familienbande | Mit Tag(s) versehen: weltenei, fantasyroman, fantasy, roman, henrietta panneke, h3nri3tt4, kapitel, 3. kapitel, drittes, familienbande |
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Verfasst von h3nri3tt4
Oktober 2, 2009
Teese strich ungläubig über ihre schwarze Robe, dort wo Liina das Glas ausgekippt hatte. Sie fühlte sich ein wenig feucht an, doch das war nichts in Anbetracht der Menge Saft, die im Glas gewesen war. Das Mädchen strich erneut über die Robe und dieses Mal war der Stoff trocken.
„Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Dinge mit Objektmagie zu versehen“, fuhr Liina fort. „Man kann Dingen nicht nur die Eigenschaft geben, sich selbst sauber zu halten. Der Ofen unten zum Beispiel brennt ganz von alleine und wenn kein Topf darauf steht, dann ist es abhängig von der Raumtemperatur, ob er mit einer roten Flamme brennt oder mit einer eisigen blauen, die das Zimmer kühlen kann.“
Die kleine Chinesin seufzte. „Objektmagie ist eine tolle Sache. Allerdings ist keiner aus meinem Kurs ein Objektmagier.“
Teese strich noch einmal über ihre eindeutig trockene und saubere Robe. Kein Wunder, dass man ihnen nur eine Schulrobe gegeben hatte. Mehr war auch überhaupt nicht nötig, wenn sich Kleidung selbst sauber hielt. Vielleicht hielt sie sich auch selbst heil. Dann musste man sich keine Gedanken um Löcher oder Risse im Stoff machen.
„Objektmagier“, wiederholte sie beeindruckt. Sie fand Liinas Schriftmagie schon faszinierend und Seths Tiermagie war ganz unglaublich. Aber Objektmagie konnte das Leben wirklich einfach machen. Vermutlich konnte sie sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen vorstellen, was alles möglich war.
„Hey, Ihr.“ Die Tür wurde aufgerissen und Fenn kam hereingestürmt. „Habt Ihr Seth gesehen?“
„Hallo? Kannst Du bitte das nächste Mal anklopfen?“, entfuhr es Liina als Antwort.
Teese kicherte. Gut, dass sie noch nicht begonnen hatte, sich umzuziehen. Die Vorstellung, dass sie nackt im Raum stehen würde, wenn Fenn so hereinplatzte war ihr ein wenig unangenehm.
„Ja, ja, nächstes Mal“, wischte er ihren Einwand zur Seite. „Also? Habt Ihr ihn gesehen?“
„Nein.“ Teese schüttelte den Kopf. „Hier ist er jedenfalls nicht. Ist er nicht in seinem Zimmer?“
„Genau, ich dachte, er hat Zimmerarrest“, stellte Liina fest. „Magister Nabi klang nicht so, als würde er in nächster Zeit irgendwohin dürfen.“
„Magister Nabi hat mir gesagt, dass er bis morgen früh nicht aus dem Haus darf“, erklärte Fenn mit eindeutiger Ungeduld. „Aber er ist nicht in seinem Zimmer. Und er ist auch nicht im Bad oder bei Rinnir im Zimmer oder im Garten oder unten.“
Teese band ihre noch nassen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. „Wir müssen ihn suchen“, entschied sie. „Wenn Magister Nabi wiederkommt und er ist nicht in seinem Zimmer…“ Sie wollte gar nicht darüber nachdenken.
Rinnir erschien neben Fenn an der Tür. „Dann schlage ich vor, dass Liina und ich den Inselberg hinauf alles absuchen, vor allem die Stallungen und die Taberna und Fenn und Teese den unteren Teil der Insel und den Magieturm. Wenn wir fertig sind, treffen wir uns in der Taberna.“
„Okay“, nickte Fenn. Rinnirs Vorschlag klang in seinen Ohren sehr vernünftig, so wie alle von Rinnirs Vorschläge.
„Gute Idee“, entschied Liina und stand auf.
„Ich ziehe mich noch schnell an“, sagte Teese, während die drei anderen den Raum verließen. Sie beeilte sich, in die Robe zu schlüpfen und die Bänder um ihre Hüfte zu verknoten, um dem Gewand den nötigen Halt zu geben. In die Schuhe schlüpfte sie nur ohne sie ordentlich zuzubinden und sprang die Treppe hinunter.
Fenn lief unruhig im Erdgeschosse umher und ging zielstrebig zur Tür, als Teese die Treppe herunterkam. Die beiden Kandidaten verließen das Haus und schlugen den Weg zum Pförtnerhaus und zur Mole hinunter ein.
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