August 31, 2009
Teese nickte und erhob sich. Eine der Harpyen schielte unter den Büschen hervor, was die Aufregung im Garten zu bedeuten hatte. Schirniel hibbelte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Seine halblangen, dunkelblonden Haare hingen ihm in das verschwitzte Gesicht.
„Alles klar, einen Topf“, sagte Teese und öffnete die Tür ins Haus. Der kleine Schirniel folgte ihr wie ein Schatten, während das Mädchen an das Regal mit dem Geschirr ging und einen silbernen Kochtopf mit flachem Deckel nahm.
Sie wandte sich zu dem Jungen um, der ein gutes Stück kleiner war als sie. „Und wohin?“
Er eilte zur Tür. „Komm mit.“
Die beiden Kinder verließen das Haus und schlugen den Weg die Straße hinauf ein. Erst gingen sie nur zügig, doch dann fiel Schirniel in einen leichten Trab und als sie die Stallungen der Flügelpferde erreicht hatten, rannten beide bereits.
Teese war sich nicht sicher, was die Aufregung zu bedeuten hatte und hatte nicht die geringste Ahnung, um was es sich bei diesem Basiliken handeln sollte, außer dass es wohl ein Tier sein musste, wenn auch vermutlich kein allzu großes, wenn es in den Topf sollte – so jedenfalls hatte das Mädchen Magister Nabis wie üblich eher kryptische Anweisung verstanden.
„Hier. Das ist unser Haus“, keuchte Schirniel und sprang ein paar Stufen zu einer kunstvoll mit Schnitzereien verzierten Tür im oberen Stock eines der Gebäude hinauf.
Teese folgte ihm überrascht. Sie hatten inzwischen den Vorplatz erreicht, an welchen die Große Halle heranreichte. Ein Stück weiter führte die Straße unter einem Torbogen hindurch zum Magieturm. So weit oben auf Weltenei gab es eigentlich keine Wohnhäuser mehr und die Tür gehörte zum Dekanat, der Domäne von Dekan Ezzo.
Verwundert, aber auch ein wenig neugierig, folgte Teese dem kleinen Jungen in eine Eingangshalle mit einer breiten Treppe, die in das Dachgeschoss des Hauses führen musste. Schirniel rannte zielstrebig an der Treppe vorbei. „Marisan, Marisan, ich habe Hilfe geholt“, rief er außer Atem.
Ein Mädchen mit langen braunen Haaren und in einer schwarzen Robe, ebenfalls ohne eine Schärpe, die ihren Rang unter den Magiern hätte verraten können, kam aus dem letzten Raum auf der linken Seite des Eingangsbereichs. Sie war nicht nur größer als Teese, sondern auch eindeutig ein paar Jahre älter, vielleicht so alt wie Icus und Amin.
Ihr Blick war besorgt und ihr Gesicht um die Nase herum sehr blass. Sie hatte ihre Hände vor den Körper gepresst und entspannte sich sichtlich, als sie Teeses Schärpe sah und den Topf in ihren Händen. „Was für ein Glück“, entfuhr es dem Mädchen. „Schirniel, warte im großen Zimmer. Da ist es sicher. Ich zeige ihr wo es ist.“
Teese spürte eine gewisse Nervosität in sich aufsteigen. Magister Nabi hatte nicht so geklungen, als wäre es gefährlich, einen Basilisken abzuholen. Allerdings war die Besorgnis der beiden Kinder ansteckend und Teese wusste um Magister Nabis Fähigkeit, Dinge als selbstverständlich zu erachten und nicht weiter darauf einzugehen.
„Er ist aber doch nicht gefährlich, der Basilisk?“, wollte Teese zögernd wissen, während sie dem Mädchen durch die Hintertür in einen Garten folgte, welcher dem hinter ihrem eigenen Haus ähnelte. Ein großer Baum stand in der Mitte und ein Stall war rechts gegen die Rückseite eines weiteren Gebäudes gebaut worden.
„Für Euch Magier natürlich nicht“, sagte Marisan und verlangsamte ihre Schritte. „Aber Schirniel und ich sind nun einmal keine Magier oder Schirniel jedenfalls noch nicht. Ein Basilisk könnte uns mit einem einzigen Blick töten und zu Stein werden lassen und sein Atem ist giftig.“
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August 27, 2009
Die ersten Tage in Weltenei vergingen wie im Flug. Nachdem Teese und ihre Freunde erst einmal regelmäßigen Unterricht hatten, dauerte es nicht lange und eine gewisse Routine stellte sich ein.
Der Vormittag gehörte stets den theoretischen Fächern, vor allem den Schreib- und Mathematikkursen sowie der Allgemeinen Einführung in die Magie. Letzteres Fach hatten die Kandidaten fast jeden Tag und Magister Elgin versuchte ihnen in den jeweiligen Stunden, Einblicke in die verschiedenen Arten der Magie zu geben, stets mit praktischen Übungen und immer mit einer gewaltigen Menge an Büchern, die sie die Woche über zu lesen hatten.
Den größten Teil der freien Zeit am Nachmittag verbrachten Teese und Rinnir meist zusammen in der Bibliothek. Wenn der Schwimmunterricht vorbei war, gesellten sich auch Liina, Fenn und Seth zu ihnen. Zusammen erarbeiteten sie die verschiedenen theoretischen Abhandlungen über die Kunst der Prophetie, über Beschwörung, Pflanzenmagie und Elementzauber.
Und auch wenn die anderen vier es nicht eingestanden, so lauerten sie inzwischen genauso wie anscheinend fast alle anderen auf Weltenei darauf, wann sich Teeses Talent zeigen würde – bislang allerdings vergebens.
Währenddessen machte Liina mit den Schriftzaubern große Fortschritte und führte Teese jeden Abend vor dem zu Bett gehen mit großer Begeisterung vor, was sie heute von Magister Felyth wieder gelernt hatte. Ihre Aurakugel war inzwischen zur Hälfte gefüllt und darin lieferte sie sich ein Wettrennen mit Seth.
Der zu Beginn so zurückhaltende Junge war mit einem Feuereifer dabei, wenn er vor dem Unterricht am Morgen Magister Tyra mit den fliegenden Pferden half oder Magister Nabi bei der Pflege des jungen Einhornfohlens zur Hand ging.
Seths Talent war ausgesprochen stark ausgeprägt allerdings ebenso wie seine Launen. An manchen Tagen war er derart kratzbürstig und aggressiv bei allem, was er sagte und tat, dass Teese ihm lieber aus dem Weg ging. Und auch wenn er sich wenig später stets kleinlaut bei ihr entschuldigte, machten ihr seine Phasen ein wenig Angst.
Im Augenblick allerdings war Seths Laune prächtig. Die Kandidaten saßen im Garten hinter ihrem Haus und genossen das sommerliche Wetter. Liina saß nahe der Mauer auf dem Boden und übte ein paar Schriftzauber. Mit einem kleinen Zweig ritzte sie Buchstaben in den trockenen Boden vor ihr und beschwor den Zauber, indem sie die Zeichen mit einer schnellen Bewegung verwischte.
Rinnir saß ein Stück von ihr entfernt auf der Mauer des Gartens und hatte ein aufgeschlagenes Buch auf den Knien, aus welchem er Fenn abhörte, der neben ihm rücklings auf der Mauer lag und sich die Sonne auf den Bauch scheinen ließ.
Seth hockte im Schatten nahe des Schuppens. Seine Beine wurden von dem kleinen Einhorn als Kopfstütze benutzt, während es vor sich hin döste. Ein Stück von ihnen entfernt kniete Teese und versuchte, die Hühner mit den menschlichen Köpfen aus ihrem Versteck unter einem der Büsche herauszulocken. Die Tiere hießen Harpyen, wie sie inzwischen wusste, und waren recht scheu.
Teese wollte eben ihre Anlockversuche aufgeben und sich zu Liina setzen, um ihr beim Üben zuzusehen, als sich die Hintertür des Hauses öffnete und Magister Nabi in den Garten kam. Im Schlepptau hatte sie einen kleinen Jungen von vielleicht fünf oder sechs Jahren, der eine schwarze Robe trug, allerdings ohne eine Schärpe. Sein kindliches Gesicht zeigte Sorge, Beunruhigung sprach aus dem Blick seiner braunen Augen.
„Wer von Euch hat im Augenblick nichts besseres zu tun?“, wollte Magister Nabi von den Kindern wissen. Ihr Blick streifte Rinnir und Fenn sowie Liina, die in ihrer Übung innegehalten hatte. ‚Kna‘ konnte Teese vor ihr auf dem Boden lesen.
Magister Nabis Blick glitt weiter zu Seth, der das Einhorn behutsam von seinem Schoß schob und sich erhob. Allerdings schüttelte die Magister ihren Kopf. „Nein, Du hilfst mir dabei, das Basin vorzubereiten. Teese“, erspähte sie das Mädchen. „Du gehst mit Schirniel, um den Basilisken zu holen. Nimm einen Topf mit.“
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August 24, 2009
Pim blieb vor dem großen Gebäudekomplex einen Moment stehen und sah die Glasfassade hinauf. Als er das letzte Mal in der alten Welt gewesen war, hatte Weltenei noch seine Büros in einem alten, klassizistischen Gebäude in der Innenstadt besessen, doch inzwischen waren sie in ein neues Gebäude auf dem Kirchberg gezogen. Hier hatten viele internationale Unternehmen, Institute und Einrichtungen ihre Niederlassungen und die Vertretung eines Elite-Internats passte hierher.
Pim konnte das nicht leugnen. Dennoch wirkte der Glasbau auf ihn erschreckend fremd, noch weitaus fremder als die Welt, in welcher er stand. Jedes Jahr, wenn er auf der Suche nach neuen Kandidaten mit magischem Talent in diese Welt kam, bemerkte er, wie sie ihm jedes Mal ein Stück fremder wurde.
Der kräftige Mann mit den kurzen blonden Haaren schauderte in einer heftigen Windböe und betrat den Gebäudekomplex. Mehrere Schilder in der Eingangshalle verrieten, dass Weltenei das Gebäude nicht alleine angemietet hatte und Pim musste eine Weile suchen, bis er wusste, wohin er musste.
Mit einem Aufzug fuhr er in den vierten Stock und überquerte über eine schmale Metallbrücke die Eingangshalle des Gebäudes. Dann stand er vor der polierten Glastür, die einen Blick in den Empfangsraum erlaubte. Neben einer kleinen Portiersloge waren mehrere weiße Ledersessel um Glastische gruppiert. Alles wirkte kühl und futuristisch.
Pim schnaubte beinahe verächtlich und trat ein. Der Pförtner nickte ihm nur zu und deutete zu einer breiten Treppe, die kunstvoll ausgeleuchtet war. „Der Direktor erwartet Sie bereits, Doktor Hoffmann. Oberer Stock, zweite Tür links. Ich rufe durch und sage, dass Sie unterwegs sind.“
„Danke.“ Pim nahm die Treppe und betrachtete im Hinaufgehen die Bilder an den Wänden. Sie zeigten die Internatsschule, die nur zum Teil Ähnlichkeiten mit Weltenei aufwies. Alleine die Wohnhäuser im bretonischen Flair entsprachen dem, was die Schüler wirklich vorfinden würden. Allerdings würde im ersten halben Jahr keiner Erinnerungen an die Bilder haben, die man ihnen vor der Abreise an ihre neue Schule gezeigt hatte. Es war ein praktischer Nebeneffekt.
„Georg.“ Lachend kam ein älterer Mann mit schütterem grauen Haar aus einem der Räume, deren Türen sich im Obergeschoss eine an die andere reihten. ‚Direktorat – Walther Hoffmann‘ war auf dem Türschild zu lesen. „Schön, Dich wieder einmal zu sehen, großer Bruder.“
Der ältere Mann eilte auf den Magister zu und ergriff ihn am rechten Oberarm, um ihm lachend auf die linke Schulter zu klopfen. „Komm‘ rein. Komm‘ rein. Wir haben noch ein paar Minuten, bevor Ihr mit den Eltern sprechen könnt und dem Mädchen.“
Er schob Pim mehr durch die Tür zu seinem Büro als dass der Magister wirklich selbst ging.
„Wo ist Dein neuer Begleiter?“, wollte Direktor Hoffmann von Pim wissen.
„Elgin?“ Der blonde Mann machte eine gleichgültige Geste. „Er wollte sich die Kasematten ansehen. Er interessiert sich sehr für die alte Welt.“
„Anders als Du, natürlich.“ Der Direktor wies zu einem Sessel an der Seite seines Schreibtisches. „Setz Dich. Kann ich Dich wenigstens mit einem Weinbrand dafür entschädigen, dass Ihr hier seid?“
Pim seufzte. „Ja, um Himmels Willen, damit ich meine Schuldgefühle möglichst schnell ertränken kann.“
Direktor Hoffmann schmunzelte. „Willst Du nicht vielleicht auch wissen, was die Familie so macht, wenn Du schon bei Schuldgefühlen bist?“ Er füllte ein Glas mit einer goldgelben Flüssigkeit aus einer teuer aussehenden Flasche.
„Was macht die Familie, Walter?“, gab Pim klein bei.
Er hatte Jahre gebraucht, um akzeptieren zu können, dass sein jüngerer Bruder, der nach Weltenei berufen worden war wie er selbst, sich für die alte Welt entschieden hatte, für eine Frau aus dieser Welt, für Kinder und gegen die Magie und die Sicherheit von Weltenei. Jedes Mal, wenn Pim hier war und er sah, wie sehr sein Bruder gealtert war, wurde er daran erinnert, wie endgültig seine Entscheidung schließlich gewesen war und dass ihm vermutlich nicht mehr viele Lebensjahre verblieben. Auch wenn er die Entscheidung seines Bruders akzeptieren musste, hieß das nicht, dass er sie auch verstehen musste.
„Unsere Älteste hat ihr zweites Kind bekommen.“ Der Direktor reichte seinem Bruder das Glas. „Drei Monate alt, der Kleine und herzallerliebst.“ Er füllte sich ebenfalls ein Glas. „Was ist mit Dir? Bist Du immer noch alleinstehend? Du solltest Dir wirklich eine Frau suchen, Georg. Auch in Deiner Welt ist das möglich, weißt Du?“
Pim lachte heiser. „Ja, davon habe ich gehört.“
Der Direktor seufzte und nippte an seinem Glas. „Nun gut, dann also zum Geschäftlichen“, gab er klein bei.
Er machte eine Handbewegung zur rechten Wand. „Das Mädchen ist mit ihren Eltern vor einer halben Stunde gekommen. Eleonore zeigt ihnen noch einmal die Prospekte und spricht über den Unterricht, die Fördermaßnahmen und… nun, die üblichen Dinge für die Eltern. Aber ich glaube, sie sind diejenigen, die am Wenigsten überzeugt werden müssen.“
Pim sah seinen Bruder fragend an.
Walter Hoffmann ließ den Brandwein in seinem Glas sachte kreisen und sah in die goldene Flüssigkeit, als könne er in ihr die Zukunft lesen. „Das Mädchen will nicht.“
„Was?“ Pim sprang auf. „Das geht nicht.“
„Du weißt, dass sie nicht die erste wäre, die nicht nach Weltenei geht.“
„Du verstehst nicht“, versuchte Pim einzuwänden.
„Ich weiß, die meisten von uns verlassen Weltenei wenigstens mit dem Wissen um das, was sie zurücklassen. Aber wir können niemanden zwingen.“
„Es geht nicht“, unterbrach Pim ihn dieses Mal energischer. „Sie ist…“ Er suchte nach den passenden Worten. „Sie ist sehr stark. Sie hat bereits eine Verbindung zu Weltenei. Ihr Name ist in der Quelle erschienen. Sie muss kommen.“
Der ältere Mann Pim gegenüber zögerte. „Du meinst…“ Er pfiff durch die Zähne und unvermittelt zeigte sich ein amüsiertes Grinsen auf seinem Gesicht. „Dann musst Du Dir wahrlich etwas einfallen lassen.“
***
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August 20, 2009
Teese nahm das Blatt entgegen und sah, dass es sich um den Stundenplan handelte. Der Vormittag bestand aus ‚Schreiben III‘, ‚Mathematik II‘ und ‚Allgemeine Einführung in die Magie (Kurs C)‘. Der Nachmittag war gefüllt mit ‚Training: Wurfsterne‘ und ‚Training: Schwertkampf‘ sowie ‚Reiten I‘. Nur ‚Schwimmen‘ schien Teese problemlos bestanden zu haben.
„Und hier sind Eure Aurakugeln.“ Magister Nabi drehte die kleine Holzkiste um, so dass sechs kreisrunde Vertiefungen sichtbar wurden. In fünf von ihnen lagen durchsichtige Kugeln, welche die Hand vollkommen ausfüllten.
Teese nahm sich eine der Aurakugeln aus der Kiste und betrachtete sie ein wenig ratlos. Es war nicht mehr als eine durchsichtige Kugel, welche sie vielleicht für eine Glaskugel gehalten hätte, wäre sie nicht so unglaublich leicht gewesen.
Icus räusperte sich, als die Magister keine Anstalten machte, mehr zu den Kugeln zu sagen. „Ihr müsst sie in beiden Händen halten“, erklärte er. „Dann erinnert Euch, wie sich die Magie angefühlt hat, die Ihr heute gewirkt habt. Atmet gleichmäßig ein und aus und wenn Ihr ausatmet, stellt Euch vor, die Magie läuft von Eurem Herzen durch die Arme und die Hände in die Kugel hinein.“
„Es ist einfacher, wenn man die Augen schließt“, ergänzte Amin.
Der Blick der beiden älteren Jungen war ebenso neugierig auf Teese gerichtet, wie der von Magister Nabi auf Seths Kugel. Teese schloss die Augen atmete ein und ruhig aus. Sie hatte keine Ahnung, wie sich Magie anfühlen sollte und so wunderte es sie wenig, dass sich bei ihr nichts tat.
Sie öffnete die Augen wieder und sah, dass Liinas Kugel im unteren Teil mit einer schwarzglänzenden Flüssigkeit gefüllt war. Die kleine Chinesin hatte die Augen geschlossen und ein ruhiger Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. Als sie ausatmete, perlte schimmernd schwarze Flüssigkeit von den Wänden der Aurakugel und sammelte sich im unteren Teil der Kugel.
Teese sah zu Seth, dessen Kugel bereits einen Fingerbreit mit der dunklen Flüssigkeit gefüllt war. Ein glänzender Schimmer in den Farben des Regenbogens zeigte sich auf der Oberfläche, als Seth die Kugel leicht in den Händen bewegte.
„Wie eine schwarze Seifenblase“, sagte Liina, die ihre Augen wieder geöffnet hatte und ihre eigene Kugel bewundernd ansah.
Icus lachte. „So sieht sie tatsächlich aus, wenn sie erst einmal gefüllt ist.“
Magister Nabi sah lächelnd zu Seth. Teese fragte sich, ob sie seine Tutorin werden würde oder ob es Magister Tyra mit ihren fliegenden Pferden sein würde. Es würde sie nicht wundern, wenn beide Frauen den Jungen als Schüler gewinnen wollten. Sein Talent schien erstaunlich stark ausgeprägt zu sein – anders als ihres, offensichtlich.
„Das solltet Ihr von nun an jeden Abend machen“, sagte Magister Nabi, als auch Seth die Augen wieder geöffnet hatte. „Auch diejenigen, die nicht glauben, Magie gewirkt zu haben. Viele Talente haben sich erst offenbart, als ganz unerwartet Aurakugeln gefüllt wurden, obwohl der betreffende Kandidat gar nicht wusste, dass er Magie gewirkt hatte.“
Teese musste an die Selbstverständlichkeit denken, mit welcher Seth sein Talent betrachtet hatte. Sie beneidete ihn in dieser Beziehung ein wenig, ebenso wie Liina. War es möglich, dass sie nicht nur kein Talent besaß, sondern überhaupt keine Magie wirken konnte?
„Außerdem gibt es einen Preis von Dekan Ezzo für denjenigen der Kandidaten, der seine Kugel zuerst gefüllt hat“, sagte Icus. „Eine besondere Belohnung.“
Magister Nabi schnaubte verächtlich. „Als wäre das ein Wettkampf.“ Sie wirkte deutlich verärgert. „Dieser Mann und sein Konkurrenzdenken sind einfach furchtbar.“ Sie schloss die Holzkiste mit einem lauten Klappen und rauschte, die Kiste unter dem Arm, davon.
Teese sah ein wenig frustriert auf die leere Aurakugel in ihren Händen. Sie wusste jedenfalls schon einmal, wer diesen Wettkampf nicht gewinnen würde und die Belohnung des Dekans. Sie fragte sich, warum es Seth und Liina so leicht gefallen war, ihr magisches Talent zu finden, während sie noch nicht einmal eine Ahnung hatte, wie es funktionieren sollte.
Icus lehnte sich ein wenig vor und senkte seine Stimme. „Wenn es Euch so wichtig ist, herauszufinden, was es mit Teese auf sich hat, würde ich an Eurer Stelle versuchen, diese Belohnung zu bekommen.“ Er warf einen versichernden Blick über die Schulter. „Und ich würde meine Aurakugel sicher aufbewahren und außerhalb von Timars Reichtweite. Ich traue unserem kleinen Prinzen alles zu. Wenn eine volle Kugel ihre Magie verlieren würde…“ Er wirkte eindringlich. „Man kann sie wieder befüllen, aber wenn es kurz vor der Abschlussprüfung passieren sollte…“
Teese spürte, wie sich Beklemmung in ihr breit machte. Seth umschloss seine Aurakugel fester und drückte sie an sich wie ein geliebtes Stofftier.
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Kapitel 2: Die Prüfung der Kandidaten | Mit Tag(s) versehen: weltenei, fantasyroman, fantasy, roman, henrietta panneke, h3nri3tt4, kapitel, 2. kapitel, zweites, die prüfung der kandidaten |
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August 17, 2009
Überrascht sah Teese auf. „Ich…weiß nicht. Also ich bin sicherlich kein Tiermagier und vermutlich auch kein Schriftmagier.“ Sie wirkte unschlüssig. „Welche magischen Talente gibt es eigentlich noch?“
Icus zögerte. „Nun, ich denke, das wird Euch Magister Elgin in den nächsten Wochen in aller Ausführlichkeit vermitteln.“
„Und die anderen werden ihn sicher bei der Suche nach Euren Talenten unterstützen“, fügte Amin hinzu. „Sie halten immerhin alle Ausschau nach Schülern, die dieselben Talente haben wie sie und deren Tutor sie werden können.“ Amin grinste Teese an. „Und Sie alle hoffen, dass Du diejenige bist, die ihr Talent teilt. Jeder will der Tutor der neuen…Au.“
Amin wich ruckartig mit seinem Stuhl nach hinten zurück und beugte sich vor, um sich sein Schienbein zu reiben. Icus ihm gegenüber schüttelte energisch den Kopf und Teese glaubte, dass seine Lippen ein stummes „Spinnst Du?“ formulierten.
„Der neuen?“, hakte Liina neugierig nach. „Was ist so besonderes an Teese? Alle hier scheinen darauf zu brennen zu sehen wie sie ist, was sie macht, was sie kann und…“ Sie machte eine vielsagende Handbewegung.
„Wir sind nicht blöd“, unterstützte Fenn sie. „Also raus mit der Sprache.“
Icus warf Amin einen bösen Blick zu. Der andere Junge rieb sich das Schienbein, gegen welches Icus ihn unter dem Tisch getreten hatte.
„Ach, nichts“, wiegelte Icus ungeschickt ab.
Liina schüttelte den Kopf und klopfte bei den folgenden Worten mit dem Zeigefinger auf den Tisch, um den einzelnen Worten mehr Ausdruck zu verleihen. „Magister Nabi hat gesagt, dass wir kein Zoo seien und Ihr Teese nicht begaffen sollt. Alle älteren Schüler schauen uns ständig hinterher und manche deuten sogar auf sie. Und dann sagt Ihr, dass sie eine neue was auch immer ist und erwartet, dass wir nicht wissen wollen, was hier vor sich geht?“
Rinnir versah Liina mit einem angenehm überraschten Seitenblick, nickte dann aber energisch. „Also raus mit der Sprache.“
„Sonst sagen wir Timar, wir hätten keiner ein besonderes Talent entdeckt“, warf Fenn ein. „Dann könnt Ihr ihm für eine verlorene Wette fünf Goldtaler zahlen anstatt sie von ihm zu bekommen.“
Teese sah Icus fragend an. Icus kniff die Lippen aufeinander. Ihm war sichtlich unwohl in seiner Haut.
„Hört zu“, sagte er schließlich. „Es ist nicht so, dass wir vor Euch was geheimhalten wollen.“ Er gestikulierte hilflos mit den Händen. „Es gibt da bestimmte Regeln, was man neuen Kandidaten erzählen darf und was nicht. Und wenn wir uns nicht daran halten, dann bekommen wir mehr als nur mächtig Ärger.“
Amin schob seinen Stuhl wieder an den Tisch und grinste gequält. „Ihr wollt doch alle Eure magischen Talente entdecken und sie weiter entwickeln“, setzte er hinzu. „Und das wird nur funktionieren, wenn Ihr bestimmte Dinge vorerst nicht wisst. Am Ende des Halbjahres werdet Ihr verstehen, wovon wir reden.“
„Aber sagt um Himmels Willen niemandem, dass wir Euch das gesagt haben“, fügte Icus hinzu.
„Was gesagt haben, Iktus?“
Von den Schülern unbemerkt war Magister Nabi an den Tisch getreten und sah die beiden älteren Junge mit hochgezogener Augenbraue misstrauisch an.
„D-dass nicht jeder von uns ein besonderes magisches Talent hat, Magister Nabi.“
Teese war überrascht, wie schnell Amin diese Lüge über die Lippen gekommen war. Nachdem er sich beinahe verplappert hatte, hätte sie erwartet, dass er sich nicht so schnell eine Notlüge ausdenken konnte.
Magister Nabi sah Amin einen Moment beinahe unschlüssig an und sah dann von einem ihrer Kandidaten zum nächsten. Schließlich zuckte sie mit den Schultern. „Immerhin zwei haben schon ein Talent gefunden.“ Ihr Blick ruhte kurz auf Seth. „Und sie können gleich die Aurakugeln befüllen. Ich habe sie eben von Ezzo bekomme ebenso wie die Stundenpläne.“
Sie stellte eine schmale Holzkiste auf dem Tisch zwischen Icus und Rinnir und öffnete sie. Die Magister nahm mehrere dicke Papierbögen heraus und sah auf den obersten. „Fenn.“ Sie reichte dem dunkelhäutigen Jungen seinen Bogen. „Der hier ist für Dich, Seth. Liina. Rinnir. Und das hier ist Deiner, Teese.“
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Kapitel 2: Die Prüfung der Kandidaten | Mit Tag(s) versehen: weltenei, fantasyroman, fantasy, roman, henrietta panneke, h3nri3tt4, kapitel, 2. kapitel, zweites, die prüfung der kandidaten |
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August 14, 2009
Die fünf Schüler betraten die Große Halle mit ihren leuchtenden Säulen und den gewaltigen Flügeltoren. Durch die goldene Tür mit dem Engel gelangten sie in den Speisesaal von Weltenei.
Die Taberna war ein noch weitaus größerer Raum als die Große Halle. Hohe Fenster mit farbigem Glas ließen das letzte Licht des Tages von der gegenüberliegenden Seite in den Raum fallen. Die Fenster zeigten verschiedene Motive, Personen, Tiere und Szenen, von welchen Teese die dazugehörige Geschichte nicht kannte und die für sie ohne Bedeutung blieben.
Im Raum standen mehrere Tische mit Stühlen. Einige junge Männer und Frauen in schlichten weißen Roben, die bis auf die Farbe jenen glichen, die Teese und die anderen trugen, deckten die Tische mit Tellern und Ess-Schalen, Gläsern und Besteck.
Teese hatte bereits am letzten Abend feststellen können, dass neben flachen silbernen Löffeln und Silbergabeln auch Ess-Stäbchen an den Plätzen lagen, ebenso wie Messer mit kunstvoll verzierten Griffen. In der Mitte von jeweils vier Tellern stand eine kleine Porzellanschale mit Wasser.
Eine Vielzahl der Magiern auf Weltenei aß mit den Fingern und nutzte die Schale, um die Finger darin zu waschen. Liina aß mit Stäbchen und Teese hatte aus Spaß versucht, ebenfalls auf diese Weise zu essen, war aber kläglich gescheitert und hatte für allgemeinen Belustigung vor allem für Liina und Fenn gesorgt.
Fenn aß mit den Fingern und benutzte nur das Messer. „Ich finde, das ist am einfachsten“, wiederholte er seine Worte vom Abend zuvor, als sie an einem der Tische Platz genommen hatten und Liina ihm die Ess-Stäbchen hinschob.
„Ich finde es aber unappetitlich, Dir dabei zuzusehen“, hielt die kleine Chinesin ihm entgegen.
„Und ich finde es unappetitlich, Dir beim Essen zuzuhören“, erwiderte Fenn ohne mit der Wimper zu zucken. „Wie Du Deine Suppe schlürfst ist widerlich.“
„Sie war sehr lecker.“
„Aber schlürfen gehört sich nicht“, unterstützte Teese Fenn.
„Also bei uns zu Hause schon.“ Liina verdrehte die Augen. „Aber was versteht Ihr Fingeresser schon davon, oder Ihr Gabelesser.“ Sie grinste allerdings bei den Worten.
Mit den Gabelessern meinte sie Rinnir, Seth und Teese, die ganz selbstverständlich zu Messer und Gabel griffen, sobald das Essen von den weißgekleideten Bediensteten gebracht wurden.
Teese vermutete, dass die Weißgekleideten keine Magier waren, da man sie sonst auf Weltenei nicht zu Gesicht bekam. Nur im Stall der fliegenden Pferde hatte sie noch einen Mann in den weißen Roben gesehen, der ein Pferd gestriegelt hatte. Sie erinnerte sich, dass Wiedeland, der Ruderer, der Liina und sie nach Weltenei übergesetzt hatte, ebenfalls solche Kleidung getragen hatte.
„Hey, Ihr“, ertönte unvermittelt eine fröhliche Stimme und als sich Teese umdrehte, sah sie, dass Icus mit einem anderen Jungen zu ihnen herüber gekommen war. „Können wir uns zu Euch setzen? Wie war Euer erster Tag?“
Der rotblonde Junge setzte sich neben Rinnir, Teese schräg gegenüber. „Das ist Amin“, erklärte Icus und machte eine kurze Handbewegung über den Tisch, wo sein Freund einen Stuhl heranzog.
„Tach“, grüßte der Junge. Er war noch ein Stück größer als Icus und sehr schlank. Seine Augen waren glänzend dunkelbraun und die Sommersprossen um seine Nase erinnerten Teese an ihre eigenen.
„Also? Wie ist es gelaufen?“, wollte Icus wissen, während er nach dem Weißbrot auf dem Tisch griff. „Die Prüfungen gut überstanden?“
„Geht so“, antwortete Fenn als erster.
„Uh, ‚geht so‘ klingt, als würdest Du nachher einen vollen Stundenplan bekommen“, grinste Icus fröhlich.
Seth seufzte. Teese war sich sicher, dass er erwartete, einen sehr vollen Stundenplan zu haben. Sie selbst war sich nicht ganz sicher, aber sie würde sicherlich Waffenführung und Reiten im nächsten halben Jahr lernen müssen, vielleicht auch noch Mathematik und Schwimmen. Je nachdem, wie hoch die Anforderungen waren.
„Und? Hat schon einer von Euch Magie gewirkt?“, hakte Icus nach. „Enttäuscht mich nicht. Ich habe mit Timar um fünf Florentiner Goldtaler gewettet, dass mindestens einer von Euch am ersten Tag sein Talent entdeckt.“
Teese grinste und stellte fest, dass sie damit nicht die einzige war. Auch Seth und Fenn schienen sich darüber zu freuen, dass Icus diese Wette gewonnen hatte.
„Magister Felyn hat mich Schriftmagie wirken lassen“, sagte Liina
„Seth ist ein Tiermagier“, sagte Fenn.
Icus und Amin grinsten einander an. Teese überlegte, ob fünf Florentiner Goldtaler viel Geld waren. Sie musste sich eingestehen, dass sie keine Ahnung hatte.
„Was sind Eure Talente?“, wollte Rinnir wissen, der den älteren Jungen mit einem abwägenden Blick zugehört hatte.
„Ich bin Pflanzenmagier“, erwiderte Icus. „Ich kann Pflanzen wachsen lassen, ihr Wachstum beschleunigen oder sie sich in einer bestimmten Form entwickeln lassen.“
„Er ist einer der Handlanger für die Heiler“, setzte Amin trocken hinzu.
„Amin hat kein besonderes Talent“, erwiderte Icus und streckte seinem Freund kurz spielerisch die Zunge heraus.
„Nein, ich bin ein Alleskönner-Magier.“ Amin schien sich aus den Sticheleien des rotblonden Jungen nichts zu machen. „Was ist mit Dir, Teese?“
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August 10, 2009
Timar. Teese versteifte sich bei dem Namen. „Wann hat Timar das gesagt?“
„Gestern beim Abendessen in der Taberna“, erwiderte Yophus. „Er hat bei uns am Tisch gesessen. Er ist der Sohn des Dekans, hast Du das gewusst?“ Sie schien mächtig beeindruckt von dieser Tatsache.
„Ja, ich weiß“, sagte Teese möglichst gleichgültig.
„Oh, anscheinend kann Seths Freund aber ein wenig…paddeln.“ Yophus grinste, was bei Teese allerdings wenig Erheiterung auslöste.
Fenn kam allerdings tatsächlich mehr wie ein Hund zu ihnen gepaddelt als dass er schwamm. „Seth bleibt lieber an Land“, sagte er zu Teese, nachdem er den Rand des Beckens erreicht hatte und sich daran festhielt.
„Ich schwimme mal, Sum holen“, meinte Yophus zu Teese. Sie tauchte unter, stieß sich ab und glitt unter Wasser davon.
„Wie ein Fisch“, meinte Fenn beeindruckt.
„Ja.“ Teese hatte wenig Lust über Yophus zu sprechen.
„Eine neue Freundin?“ Rinnir schwamm mit sicheren Zügen auf sie zu.
„Eher weniger“, wiegelte Teese ab. „Sie hat ein paar unschöne Dinge über Seth gesagt.“
Fenns Miene verfinsterte sich schlagartig.
„Anscheinend hat Timar vor ihr schlecht über Seth gesprochen und über seine Familie“, beeilte sich Teese fortzufahren.
Jetzt verfinsterte sich auch Rinnirs Miene. „Ich glaube, Liina hat Recht und er ist wirklich ein Idiot.“
Fenn lachte. „Für die Einsicht hast Du aber lange gebraucht. Aber apropos Liina.“ Er grinste, als die kleine Chinesin schließlich auch zu ihnen geschwommen kam. Ihre Züge waren ein wenig zu schnell und hektisch und sie hielt sich am Beckenrand. Aber immer schien sie schwimmen zu können.
Magister Jerv scheuchte ein paar weitere Schüler, nicht nur herum zu plantschen, sondern zu schwimmen. Einige Kinder standen außerhalb des Beckens und zogen sich wieder an. Seth saß bereits in seiner Robe auf einem Stein und hatte den Kopf in die Hände gestützt. Er winkte zaghaft, als er sah, wie Teese zu ihm hinüber blickte. Teese grinste und winkte zurück.
„So und auch Ihr da hinten am Beckenrand“, rief Magister Jerv und stemmte die Arme in die Hüften. „Schwimmen ist hier angesagt, nicht fröhliches Plauschen.“
Damit begann die eigentliche Schwimmprüfung. Die Kandidaten mussten eine Weile einfach nur schwimmen. Dabei schickte die dunkelhäutige Frau mit der breiten Nase und den lockigen Haaren immer wieder einzelne Schüler aus dem Wasser, um sich anzuziehen. Darunter waren recht früh auch Liina und Fenn, die Seth Gesellschaft leisteten. Fenn erzählte seinem Freund lachend etwas, während die anderen nun tauchen mussten.
Als Magister Jerv schließlich erklärte, sie seien nun fertig, neigte sich der Tag dem Ende und die Sonne färbte das Meer vom Horizont her rötlich. Teese trocknete sich ab und zog ihre Robe wieder über. Mit nassen Haaren und erschöpft von den praktischen Übungen des Nachmittags trotteten die Kandidaten den Pfad zurück zum Pförtnerhaus und gingen die Straße von Weltenei hinauf.
Magister Nabi war nicht zu Hause und so duschten sich die Kinder nur das Salzwasser von der Haut und vertrieben sich die Zeit, bis alle fertig waren. Seth sah noch nach dem Fohlen und erzählte ihnen, der Chimäre ginge es besser. Während sie zum Abendessen hinauf in die Taberna Akademika gingen, zeigte der Junge zum Beweis seiner Worte den anderen eine angekohlte Haarsträhne. „Sie hat mich angehustet.“
Liina kicherte. „Heiße Sache.“
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Kapitel 2: Die Prüfung der Kandidaten | Mit Tag(s) versehen: weltenei, fantasyroman, fantasy, roman, henrietta panneke, h3nri3tt4, kapitel, 2. kapitel, zweites, die prüfung der kandidaten |
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Verfasst von h3nri3tt4
August 6, 2009
Und die folgende Prüfung bewies auch genau dies. Teese und die anderen vier waren den restlichen Schülern die Straße von Weltenei hinunter bis zum Meer gefolgt. Von dort führte ein schmaler Pfad unterhalb der massiven Mauer der Inselburg über den Fels. Zu ihrer Linken liefen sanft kräuselnd die Wellen auf und nicht weit von ihnen entfernt konnte man das Festland sehen.
Der Pfad wandt sich gut ein Drittel um die Insel, bis sich der Fels weitete und kleinere und größere Löcher aufwies, in welchen Wasser stand, das im Sonnenlicht glänzte und schimmerte. Seepocken und Muscheln konnte Teese in und an den Wasserlöchern ausmachen sowie dunklen Seetang. Eine breite Sorgenfalte zeigte sich auf Liinas Stirn, während die Schüler an den Felstümpeln vorbei liefen.
Im Schutz der hohen Mauern von Weltenei war eines der Löcher zu einem breiten Becken erweitert worden, das zuerst flach war und dann tiefer wurde. Am Rand des Beckens stand eine dunkelhäutige Frau von kleinem, kräftigen Wuchs – offenkundig die Magister, welche diese Prüfung überwachte, der blauen Schärpe nach zu urteilen.
Die Frau hatte volle, schwarze Locken, sowie ein rundes Gesicht mit kräftigen Augenbrauen und einer breiten Nase. Teese war sich sicher, dass sie noch niemals einen Menschen von solchem Aussehen getroffen hatte und sah die Frau eine Weile neugierig an, bis diese ihren Blick erwidert hatte, was Teese doch ein wenig peinlich war.
„Schönen guten Nachmittag“, begrüßte sie die Kinder. „Ich bin Magister Jerv und das hier ist das Übungsbecken für die Schwimmklasse. Zieht Euch bitte bis auf die Unterwäsche aus und geht dann ins Wasser, sofern Ihr schwimmen könnt.“
Teese knotete ihre Robe auf und schlüpfte aus den Schuhen. Das Wasser im Becken war recht warm und Teese konnte dem Drang nicht wiederstehen, Liina nass zu spritzen, kaum dass sie selbst im Wasser war. Die kleine Chinesin folgte ihrer Freundin nur zögernd bis zu den Knien in das Becken, die Arme vor dem nackten Bauch verschränkt.
Magister Jerv verfolgte vom Rand des Wasserbeckens, wie die Schüler schneller oder langsamer ins Wasser wateten. Besondere Anweisungen gab es nicht und so ließ sich Teese vergnügt auf dem Rücken treiben, während Devin neben ihr prustend tauchte. Er war der erste im Wasser gewesen, gefolgt von einem arabisch aussehendem Mädchen, das bereits einmal durch das Becken geschwommen war.
Teese folgte ihr schließlich, da Liina über ihre Spritzerei nicht glücklich wirkte und sie nicht den ganzen Tag auf ihre Freundin warten wollte. Die junge Araberin zeigte Teese ein breites Lächeln, als sie zu ihr bis zur hinteren Wand schwamm.
„Ein paar ganz schön Wasserscheue dabei, was?“, wollte sie wissen.
Teese kicherte. „Und dabei ist das Wasser schön warm.“
Das andere Mädchen tauchte kurz unter und legte ihren Kopf in den Nacken, so dass ihre langen schwarzen Haare sich zu einem schimmernden Strang ordneten. „Du bist Teese, nicht wahr?“, wollte sie dann wissen.
„Ja, und Du?“
„Yophus“, erwiderte die Araberin. „Ich wohne bei Magister Tyra im Haus mit Devin, Glom, Maties, Kerpha und Sum.“ Sie zeigte zu einem Mädchen mit blasser Haut und sehr kurzgeschnittenen goldblonden Haaren, die mit ängstlicher Miene neben Liina stand. „Wir teilen uns ein Zimmer.“
„Ich teile mein Zimmer mit Liina“, erwiderte Teese. „Das ist das Mädchen neben Sum. Wir wohnen bei Magister Nabi zusammen mit Seth, Fenn und Rinnir.“
„Stimmt, Ihr seid die Gruppe, bei welcher einer fehlt.“ Yophus trat Wasser. „Magister Tyra hat sich darüber sehr gewundert.“ Sie winkte ihrer Zimmerkameradin zu. „Komm schon, Sum. Es ist schön warm.“
Dann wandte sie sich wieder zu Teese. „Haben die Magister bei Dir schon ein Talent entdeckt?“ wollte sie dann wissen. „Kerpha meint, sie wäre vielleicht eine Schriftmagierin.“
„Liina ist Schriftmagierin“, sagte Teese. „Magister Felyth hat ihr gezeigt, wie man mit Worten Magie wirkt.“
Yophus wirkte beeindruckt.
Und Seth ist Tiermagier“, setzte Teese hinzu.
„Na wenigstens etwas, das er kann.“ Yophus unterdrückte ein Lachen und ließ sich auf den Rücken gleiten. „Schreiben und Rechnen kann er offensichtlich nicht und Schwimmen wohl auch nicht.“
Teese glaubte, einen abwertenden Unterton in Yophus‘ Worten zu hören. „Magister Nabi sagt, es ist unwichtig, was man kann. Es zählt nur, was man lernt.“
Yophus ließ den Kopf ins Wasser sinken und sah in den Himmel. „Ja, sicher, aber er kann so wirklich gar nichts. Timar hat gesagt, seine Eltern hätten ihn aus dem Haus gejagt und er hätte auf der Straße gelebt. Die Magister hätten ihn nur nach Weltenei geholt, weil er ihnen leid getan hätte.“
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Verfasst von h3nri3tt4
August 3, 2009
Als letzter kam der Magister, welcher das Bogenschießen überwacht hatte, die Treppe in die Halle hinauf. Er zählte kurz die anwesenden Kinder durch und nickte dann zu sich selbst.
„Willkommen in der Trainingshalle von Weltenei“, wandte er sich an die Kandidaten, die zu ihm aufblickten. „Ich bin Magister Pim und werde Euch im nächsten halben Jahr in der Führung von Waffen unterweisen. Die heutige, erste Stunde soll mir zeigen, welche Waffen Euch am meisten liegen und was der eine oder andere von Euch vielleicht bereits beherrscht.“
Er überblickte die vor ihm sitzenden Kandidaten. Einige waren deutlich aufgeregt, andere wirkten ängstlich, skeptisch oder unsicher.
„Ich stelle Euch die einzelnen Waffen kurz vor“, sprach Magister Pim weiter, „und dann werdet Ihr der Reihe nach je eine Waffe in die Hand nehmen und mir anschließend zwei Waffen nennen, welche Euch am meisten zusagen. Mit diesen werden wir dann anfangen zu üben.“
Teese ließ ihren Blick über die Waffen an den Wänden gleiten. Sie konnte sich im Moment nicht vorstellen auch nur eine davon zu führen. Sie würde sich sicherlich genauso ungeschickt damit anstellen wie mit den fliegenden Pferden.
Liina, welche zwischen Fenn und Devin saß, wirkte ebenfalls alles andere als glücklich bei dem Gedanken an das, was jetzt kommen würde. Das änderte sich auch nicht, als Magister Pim der Reihe nach die einzelnen Waffen vorstellte. Als erstes kamen die Schwerter in ihren verschiedenen Ausführungen, dann Kampfäxte, Wurfbeile, Wurfsterne, Peitschen, Speere, Bögen, Armbrüste und kurze Dreizacke, welche Sai-Gabeln hießen.
Außerdem gab es Nahkampfwaffen wie Dolche und Handgelenk- und Finger-Messer, die wie Armreifen mit scharfen Kanten aussahen und Ringe mit Dornen. Weiterhin gab es dornenbesetzten Keulen und Morgensterne, kleine Metallkugeln mit spitzen Zacken, die mit einer kurzen Kette an Stöcken befestigt waren, die nicht länger waren als Teeses Unterarm.
Teese nahm jede der Waffen in die Hand, als sie an der Reihe war und versuchte sich vorzustellen, sie zu führen, aber irgendwie fühlte sich keine vertraut an. Sie entschied sich schließlich für die Wurfsterne und die langen und schmalen Schwerter, von welchen man zwei gleichzeitig führen musste.
Als es allerdings an die ersten Übungen mit den beiden Waffen ging, bezweifelte Teese, dass sie eine kluge Wahl getroffen hatte. Die Wurfsterne waren anscheinend nur mit viel Übung zu meistern und die zwei Schwerter waren schwer und Teese hatte nicht wirklich genug Kraft, um die Anweisungen, die Magister Pim ihr gab, in gezielte Bewegungen umzusetzen.
Der einzige von ihnen, der sich wirklich geschickt mit seinen Waffen anstellte, war Fenn, der sich für einen Dolch und die Fingermesser entschieden hatte und mit den einfachen Nahkampf-Übungen wenig Probleme hatte. Aber auch Seth stellte sich nicht allzu ungeschickt an mit dem langen Kampfstock und dem Dolch, welchen er ebenfalls als zweite Waffe gewählt habe.
„Ach, eigentlich ist es doch gar nicht so blöd“, stellte Liina mit einem zufriedenen Grinsen auf ihrem rundlichen Gesicht fest, als sie sich mit einem Seufzer neben Teese auf dem Boden niederließ. Ihre Übung mit dem Bogen hatte ihr offensichtlich mehr Spaß gemacht als erwartet. „Aber es ist anstrengend.“ Sie wischte sich mit dem Ärmel der schwarzen Magierrobe über das Gesicht.
„Keine Sorge, Du kannst Dich gleich abkühlen“, sagte Rinnir. „Ich habe mit Devin geredet und als nächstes kommt Schwimmen an die Reihe.“
„Schwimmen?“ Liina wirkte entsetzt.
„Ja, warum nicht?“, wollte Teese wissen. Sie schwamm gerne und die Vorstellung nach dem Waffentraining an einem späten Sommernachmittag ein wenig im Wasser abzukühlen, sagte ihr durchaus zu.
„Nackt?“ Liinas Augen waren erstaunlich groß für ihre ovale Mandelform.
Teese zögerte. „Ich denke nicht.“ Sie verband mit Schwimmen ihren knallroten Badeanzug und einen aufblasbaren blauen Schwimmring. Mit ihm war sie im Meer baden gewesen in einem heißen Sommer, als sie mit ihrer Schwester…
„Ich habe eine Schwester“, sagte sie zu Rinnir gewandt. „Wir waren oft zusammen schwimmen als ich noch kleiner war.“
Der Junge nickte, während Liina verwirrt blinzelte. Teese versuchte, die Erinnerung an den Sandstrand aus ihrem kurzen Erinnerungsfetzen festzuhalten und sich das Gesicht ihrer Schwester in Erinnerung zu rufen. Doch erneut verschwamm das Bild, bevor sie es greifen konnte.
„Was als nächstes?“, wollte Fenn wissen, als er und Seth zu den anderen drei kamen.
Magister Pim hatte die Prüfung für beendet erklärt und die Kandidaten verließen nach und nach die Trainingshalle.
„Schwimmen“, sagte Liina.
Fenns Gesichstausdruck ähnelte in diesem Moment sehr dem von Seth, und Teese begann zu dämmern, dass sie es vielleicht als nicht ganz so selbstverständlich erachten sollte, dass jeder so gut schwimmen konnte wie sie – oder überhaupt schwimmen konnte.
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