Die Prüfung der Kandidaten (7/17)

Rinnir ging den Mädchen voran aus der Schreibstube und die Turmtreppe hinunter. Wenig später waren alle drei auf dem Weg nach unten, der Straße um den Inselberg herum folgend. Teeses Gedanken kreisten um Seth. Sie war überrascht, dass er nicht lesen und schreiben konnte. Sie hatte erwartet, dass das jeder können würde. Sie war auf eine Grundschule gegangen und so war es doch normal. Jeder ging auf eine Grundschule, oder?
Und diese Prüfung eben, war dies ein magischer Test gewesen? Sie hatte nichts anderes gemacht, als Dinge aufgeschrieben und Aufgaben gerechnet. Wenn man damit Schriftmagie bei Schülern entdecken konnte, dann war die Ausbeute nicht sehr groß gewesen. Außer Liina schien niemand ein Talent dafür zu haben.
Ihr gingen Magister Felyths Worte durch den Kopf, dass manche Schüler nie ein Talent finden würden. Das klang so als würde man es selbst entdecken müssen, als würde es dafür keine Prüfung geben. Wozu aber dann diese hier?
Teese hätte gerne darüber mit Rinnir geredet, doch war es unmöglich, Liinas Wortschwall zu unterbrechen. Die kleine Chinesin sprudelte die ganze Zeit förmlich über vor Glück und redete auf Teese und Rinnir ohne Punkt, Komma oder Pause ein, wie sie ihren ersten erfolgreichen Versuch, Magie zu wirken, erlebt hatte und wie einfach es doch war zu zaubern. Erst als sie das Haus erreichten und in die Kühle des Wohnzimmers traten, verstummte Liina schließlich.
Der Tisch war mit sechs Tellern gedeckt und aufgeschnittenes Brot stand neben einem großen Topf. Darin befand sich eine gelbliche Masse, die für Teeses Nase sehr exotisch aber ungeheuer lecker roch. Ein Blick in den Topf verriet ihr, dass es irgendein Linsengericht sein musste.
„Wo sind Seth und Fenn?“, wollte Magister Nabi anstelle einer Begrüßung wissen. Die dunkelhäutige Frau kam aus dem Garten, gefolgt von der schwarzweißen Katze, die zum Haushalt genauso zu gehören schien wie die merkwürdigen Hühner mit ihren menschlichen Köpfen oder das Einhorn und die Chimäre im Stall.
„Sie sind noch nicht hier?“ Liina wechselte einen irritierten Blick mit Teese und Rinnir. „Sie sind doch vor uns aus der Schreibstube gegangen.“
„Ich glaube nicht, dass sie heute zum Essen kommen“, bemerkte Rinnir trocken.
Magister Nabi sah ihn fragend an. „Wieso das?“
Rinnir zuckte mit den Schultern. „Seth ist vermutlich nicht nach Essen und Fenn ist sein Freund und wird sicher bei ihm bleiben.“
Eine rötliche Augenbraue wanderte in Magister Nabis Gesicht verwundert nach oben. „So?“
Rinnir setzte sich zu Teese an den Tisch. „Seth hat die Prüfung wohl…verhauen.“ Er sah fragend zu Teese. „Hat er doch, oder?“
Teese seufzte. „Ja, hat er.“ Sie spürte den fragenden Blick der Magister auf sich. „Ich glaube, er kann nicht lesen und schreiben“, setzte sie zu einer Erklärung an.
„Und?“ Magister Nabis Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
„Er war deswegen ziemlich beunruhigt“, formulierte Teese vorsichtig.
„Hat er deswegen geheult?“, wollte Liina weniger taktvoll wissen. „Meinst Du, er ist…durchgefallen?“ Sie machte große Augen.
„Ich denke schon“, sagte Teese langsam. Sie sah zu Magister Nabi, die vor dem Tisch stehen gelieben war und die offensichtlich noch immer nicht nachvollziehen konnte, was an dem Gesagten ein Problem darstellen konnte.
„Wird Seth jetzt nach Hause geschickt?“, wollte Teese besorgt wissen.
Magister Nabi lachte und schüttelte ihren Kopf, wobei die roten Haare zur Seite flogen wie die Fransen eines ausgeschüttelten Teppichs. „Wie kommst Du denn auf solch eine Idee?“, wollte sie wissen. „Wenn Seth nicht schreiben und lesen kann, wird er es ab sofort lernen. Meine Güte, es gibt immer Kinder, welche vorher noch nie eine Schule besucht haben. Und die Schreibfähigkeiten der anderen sind in Magister Felyths Augen bei weitem auch nicht alle ausreichend. Es würde mich nicht wundern, wenn auch einer von Euch noch eine seiner Klassen besuchen muss. Vielleicht nicht die der Schreibanfänger, aber vielleicht eine der höheren, um eine saubere Handschrift zu erlernen oder im Lesen flüssiger zu werden.“
„D-as heißt“, platzte es aus Liina heraus, „es ist nur eine Prüfung, um uns in irgendwelche Kurse einzuteilen?“
„Ja.“ Magister Nabi sah die Kinder ratlos an. „Natürlich. Alle Kandidaten sollen dieselbe Ausgangssituation haben, wenn Ihr im nächsten Halbjahr mit Euren Studien beginnt. Jeder sollte lesen und schreiben und rechnen können, damit keiner ins Hintertreffen gerät. Deswegen werden die Vorprüfungen gemacht, um zu sehen, wer was wie gut schon kann und wer in welchen Bereichen Unterricht bekommen muss – damit am Ende des Halbjahres alle auf demselben Stand sind.“
Teese konnte nicht verhindern, dass ihr der Mund aufklappte. Liinas Augen hatten sich überrascht geweitet und Rinnir entfuhr ein, „Das ist alles?“
Magister Nabi war verwirrt. „Was habt Ihr denn gedacht? Ich habe Euch doch gesagt, die Prüfungen sind nicht wirklich wichtig, sondern wichtig ist, was Ihr in Zukunft lernen werdet.“
„Keiner von uns hat das so verstanden“, stellte Rinnir fast ein wenig trotzig fest. „Wenn Seth jetzt vor Angst von einer Klippe springt…“
Jetzt war es an der Magister fassungslos zu schauen. „Ihr meint doch nicht…?“
Sie wandte sich ab und öffnete die Tür in den Garten. Die drei Kinder wechselten einen kurzen Blick. Dann eilten alle drei zu der Tür, um zu sehen, was die Magister tat. Rinnir hielt die Tür vorsichtig ein Stück auf, so dass die Mädchen und er in den Garten sehen konnten.
Magister Nabi war an die kleine Mauer getreten, welche den Garten am Ende befestigte und hinter dem das Meer mehrere Meter in der Tiefe gegen Weltenei brandete. Über ihren Köpfen kreisten ein paar Möwen, von welchen eine auf der Mauer landete und vor der Magister sitzen blieb.
„Was macht sie da?“, wisperte Liina fragend.
Magister Nabi hatte sich der Möwe zugewandt und schien mit ihr zu reden. Teese konnte zwar nichts hören, aber sie konnte deutlich die Gesten sehen, welche eine normale Unterhaltung sicherlich untermalt hätten. Die Magister senkte die Arme und die Möwe flog davon, hinauf in den Himmel und dann zielstrebig links an der Insel entlang.
Magister Nabi kam zurück zur Tür und die drei Kinder huschten zurück an den Tisch. „So“, verkündete sie, als habe sich gerade alles in Wohlgefallen aufgelöst. „Dann können wir jetzt essen und ich gebe Euch nachher einfach ein paar Brote für die Jungen mit.“
„Was haben Sie mit der Möwe gemacht?“, erkundigte sich Rinnir, während die Magister begann, die Teller der Kinder mit gelbem Linsenbrei zu füllen.
„Ich habe Ihr gesagt, sie soll Seth das sagen, was ich Euch gesagt habe und dass er keinen Unfug machen soll, wenn er keinen Ärger mit mir bekommen möchte.“
Teese unterdrückte ein Grinsen. Sie war sich sicher, dass dies das letzte war, was Seth wollte.
„Und Seth wird die Möwe verstehen?“, hakte Rinnir nach.
„Natürlich wird er das. Er ist immerhin ein Tiermagier, genau wie ich.“ Sie füllte ihren Teller als letztes und begann zu Essen.
Teese griff nach dem Löffel und konnte kurz Rinnirs vielsagenden Blick auffangen. Seth war also ein Tiermagier. Liina war eine Schriftmagierin. Und was war sie selbst? Sie dachte erneut an die Worte von Magister Felyth, dass viele Schüler kein besonderes magisches Talent besaßen. Sie hatte den abwerteden Tonfall in seinen Worten gehört und ihr wurde ein wenig bange bei der Vorstellung, zu diesen Kandidaten zu gehören.
Irgendwie hoffte sie inständig, dass während einer der nächsten Prüfungen einer der Magister doch auch ihre besondere Begabung entdecken würde. Allerdings stand nicht zu erwarten, dass dies bei der nächsten Prüfung der Fall sein würde. Immerhin hatte sie bereits bewiesen, dass sie keine Tiermagierin war und mit Tieren beschäftigte sich die nächste Prüfung an diesem Tag.

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5 Antworten zu „Die Prüfung der Kandidaten (7/17)“

  1. Eulalia sagt:

    Hallo Henrietta.

    Als erstes kurz was grammatikalisches: „Wozu aber dann diese hier?“ Ich denke da fehlt ein Verb… in diesem Falle wohl „waren“.

    Als nächstes finde ich gut, dass die Spannung um die Prüfungen gelöst worde sind, gleichzeitig aber baust du eine neue auf: die Sache mit den Magiearten ist schon spannend. Und außerdem freue ich mich darauf zu erfahren, wie die nächste Prüfung ablaufend wird.

    Liebe Grüße
    Eulalia

  2. Nuna sagt:

    Hallo Henrietta,

    ich hab zuerst auch eine formale Anmerkung: ganz am Ende fehlt bei dem Wort „abwertenden“ ein ‘n’.

    Jetzt zum Inhalt: ich denke mit der Überraschung der Kinder über die Unwichtigkeit der Prüfung wird sich der Leser auf jeden Fall identifiziern können (und das ist normaler Weise ganz gut), ich selbst war durch die Kommentare jetzt natürlich etwas weniger überrascht.
    Ansonsten war es schön eine etwas genauere Vorstellung von den Tiermagiern zu bekommen, denn bisher wussten wir ja nur, dass sowohl Seth als auch Magister Nabi eben gut mit Tieren umgehen können. Ob da noch mehr dahinter steckt?

    Zu guter Letzt stelle ich mal eine Vermutung an: Teese findet ihre spezielle Fähigkeit entweder erst sehr spät oder gar nicht. Auf jeden Fall verfügt eine der Hauptpersonen nicht über eine spezielle Fähigkeit.

    Ich freu mich auf deinen Kommentar,
    LG Nuna

  3. h3nri3tt4 sagt:

    Hallo Ihr zwei,

    @Eulalia: Der von Dir angemerkte Satz gehört eigentlich so. Für mein Sprachgefühl wäre das eine zulässige Elipse. Aber wenn er Dir sehr seltsam vorkommt, schaue ich besser noch mal… Bekannterweise ist das Sprachgefühl eine sehr individuelle Sache.

    @Nuna: Aber das „n“ kann man tatsächlich nicht einmal als Stilmittel auslassen. Das trage ich gleich nach.

    Es freut mich zu lesen, dass Ihr Euch mit den verschiedenen Magiearten beschäftigt. Nuna hat natürlich Recht, dass es eine Person geben wird, die kein Talent zeigen wird – allerdings hat dies besondere Gründe und wird weitreichende Folgen haben (dazu müsst Ihr aber bis Kapitel 6 oder 7 warten). Am Ende dieses Kapitels werdet Ihr aber schon einmal jemanden kennenlernen, der ohne Talent auskommen muss (was das genau bedeutet, erfahren wir aber auch erst sehr viel später…denn die Handlung nimmt im nächsten Kapitel erst einmal einen Verlauf, der solche Fragen in den Hintergrund rücken lässt).

    Ich freue mich übrigens schon auf das nächste Stück, das am Freitag gepostet wird (sowie das dazugehörige am Montag). Die Nachmittagsprüfungen sind alle praktischer Natur und wir werden mal wieder Timar begegnen (den ich immer unheimlich gerne tippe).

    Liebe Grüße,

    h3nri3tt4

  4. Dominic sagt:

    Moin Henrietta,

    jetzt habe ich auch endlich den aktuellen Abschnitt gelesen, aber ich habe nicht viel dazu zu sagen, weil es imo gar nicht so viel zu sagen gibt über den Abschnitt. Dass Magister Nabi und Seth das gleiche Talent teilten, war ja rel. offensichtlich und dass die Prüfungen nur zur Einteilung da sind, konnten wir uns dank der Kommentare ja denken. Den Leser wird es überraschen, da muss ich Nuna auch recht geben, dass das identifizierend für den Leser wirken wird. Ob man das gut findet, sei dahingestellt, aber da wir es hier ja mit einem Roman zu tun haben und keinem epischen Theaterstück, können wir darüber hinwegsehen, gell? ;) Es wird jedenfalls funktionieren, denk ich.
    Was Teeses Fähigkeit betrifft, glaub ich nicht, dass sie die Fähigkeit sonderlich spät entdeckt. Ich behaupte einfach mal um der Behauptung willen, dass sie das entweder einfach nicht wahrnimmt (bzw. nicht für besonders hält und deshalb depressiv wird *g*) oder die besondere Fähigkeit nicht mag.
    Mit dieser These im Raum lasse ich euch dann mal allein.

    Liebe Grüße,
    Dominic.

  5. h3nri3tt4 sagt:

    Tja, vermutlich habe ich zum Thema Prüfung schon ein wenig zu viel für Euch verraten, was? Deswegen halte ich mich mit Teeses Talent nun ein wenig zurück und lasse die Vermutungen unkommentiert. Alles, was ich dazu sagen will, ist, dass ‘Fähigkeit’ technisch nicht das richtige Wort ist, sondern es sich vielmehr tatsächlich um ein ‘Talent’ handelt.

    Liebe Grüße,

    h3nri3tt4

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