Die Prüfung der Kandidaten (6/17)

Als Teese an ihren Platz zurück kam, sah Liina über die Schulter zu ihr und machte mit fragendem Blick eine kurze Kopfbewegung in Richtung Seth.
„Später“, formten Teeses Lippen stumm und Liina nickte langsam.
Teese zwang ihre Gedanken zurück zu der Prüfung und zu den Worten, die sie auf das Papier schreiben musste. Ein paar Minuten später brach der Magister diesen Teil der Prüfung ab und begann, den Kandidaten einen Text zu diktieren.
Danach bekamen sie Blätter mit Lückentexten zum Ausfüllen und im Anschluss sollten sie einen Aufsatz schreiben, was sie gestern alles auf Weltenei gemacht hatten. Und als hätte das noch nicht genügt, ging Magister Felyth währenddessen durch die Reihen und ließ jeden Schüler ihm etwas aus einem Buch vorlesen, allen außer Seth, wie Teese feststellen konnte, als der Magister bei ihr fertig war und Seths Pult passierte.
Als nächstes bekamen sie Blätter ausgeteilt mit Rechenaufgaben und Teese musste das erste Mal selbst passen. Die ersten vier oder fünf Aufgaben waren noch einfach und sie bekam sie recht leicht hin. Danach wurde es schwerer und bei den Aufgaben im letzten Drittel verstand sie nicht einmal, was sie eigentlich genau machen sollte.
Dennoch war sie alles in allem ganz zuversichtlich, dass sie ein ganz gutes Ergebnis erzielt hatte, als die Prüfung am Mittag beendet war und Magister Felyth die Kandidaten nach Hause zum Mittagessen schickte. Seth war der erste, der aus dem Raum stürmte und Fenn rannte ihm besorgt hinterher.
Teese zögerte ihnen zu folgen. Sie war heute schon zweimal von Seth angefahren worden und sie bezweifelte, dass sie Fenn eine Hilfe dabei sein konnte, den Jungen zu beruhigen oder zu trösten. Sie entschied, auf Liina zu warten, bei welcher der goldhaarige Magister stehen geblieben war, um sich von ihr irgendetwas zeigen zu lassen.
„Siehst Du die Lampen über uns?“, wollte Magister Felyth von Liina wissen.
Teese blieb mit etwas Abstand zu den beiden stehen, damit sie hören konnte, was gesprochen wurde. Rinnir verharrte ein Stück neben ihr und sah interessiert zu Liina und dem Magister.
„Die Kugeln?“, erkundigte sich die kleine Chinesin.
Der Mann nickte. „Nimm ein neues Blatt Papier und schreibe das Wort ‚Licht‘ darauf.“
Der Magister sah dem Mädchen über die Schulter, während sie schrieb. „Falte das Papier einmal“, befahl er, als sie soweit war. „Nimm das Papier in die Finger und sieh auf eine der Kugeln. Denke an Dein geschriebenes Wort und zerreiße das Papier.“
Teese konnte sehen, wie Liina den Kopf in den Nacken legte und dabei ihre blauen Haarschleifen nach hinten rutschten. Sie konnte hören, wie ihre Freundin das Papier zerriss und im selben Augenblick flammte die Kugel über ihrem Kopf in einem strahlenden Weiß auf.
Ein langgezogenes „Oh“ von Liina und ungläubig staundende Blicke von Teese und Rinnir folgten dieser ersten Demonstration von Magie, das jedes der Kinder zu sehen bekommen hatte.
Magister Felyth gab ein zufriedenes Geräusch von sich und nickte. „Sehr erfreulich“, sagte er dann. „Wir hatten lange keinen Kandidaten mit einem Talent für Schriftmagie mehr.“
„Schriftmagie.“ Liina sah beeindruckt von der entzündeten Lampe zu den beiden Papierfetzen in ihren Händen.
„Du kannst Dich glücklich schätzen, dass ich Deine besondere Fähigkeit sofort bemerkt habe“, fuhr der goldhaarige Magister fort und er wirkte sehr zufrieden mit sich. „Du wirst in den nächsten Wochen feststellen dürfen, dass einige Deiner Mitkandidaten sehr lange suchen müssen, um ihr Talent zu finden. Einige werden vermutlich niemals eine besondere Fähigkeit finden können und nicht mehr sein als mittelmäßige Magier, die von allem ein wenig können, aber kein wirkliches Potential besitzen.“
Teese warf Rinnir einen kurzen Blick zu. „Vielleicht sollten wir Seth das einmal sagen“, flüsterte sie ihm zu. „Ich bin mir sicher, dass ich sein besonderes Talent kenne.“
Rinnir sah Teese vielsagend an. „Nicht nur Du. Magister Nabi hat es auch bereits bemerkt, da bin ich mir sicher.“
Durch das Flüstern der beiden Kinder bemerkte Magister Felyth, dass noch nicht alle Schüler den Raum verlassen hatte und er nahm Liinas Prüfungsbögen von ihrem Tisch, um auch die restlichen einzusammeln. „Die nächste Prüfung beginnt um zwei Uhr an den Stallungen der fliegenden Pferde. Trödelt nicht allzu lange beim Mittagessen herum. Magister Tyra kann sehr streng sein, wenn es um Pünktlichkeit geht.“
„Wir werden nicht zu spät kommen“, versicherte Liina, die so sehr strahlte, dass ihr ganzes Gesicht nur aus einem glücklichen Lächeln zu bestehen schien.

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5 Antworten zu „Die Prüfung der Kandidaten (6/17)“

  1. Nuna sagt:

    Hallo Henrietta,

    insgesamt fand ich diesen Teil doch sehr aufschlussreich. Auch wenn die Schriftmagie wohl einen sehr kleinen Teil der Magiearten abdeckt, ist es schön endlich mal überhaupt was davon zu sehen. Zudem wäre mir Schriftmagie oder etwas ähnliches noch in keinem anderen Buch begegnet (wobei man bei der unendlichen Vielfalt ja gar nicht alles kennen kann), sodass ich es schön finde, dass diese eher ungewöhnliche Form zuerst eingeführt wurde.

    Auf jeden Fall bin ich mal gespannt was für Magieformen wir noch kennenlernen (insbesondere über welche Fähigkeiten Teese, Rinnir und Fenn verfügen, wobei mich das bei Timar und den Magister eigentlich auch interessieren würde) und wie sich Seth trösten lässt und wie er mit seiner Schwäche umgehen wird. Ich gehe zwar davon aus, dass er Lesen & Schreiben noch lernen wird, aber ich bin gespannt ob er mit Feuereifer sein Defizit aufholen möchte oder ob er sich das erstmal gar nicht zutraut.

    Mehr fällt mir im Moment nicht dazu ein,
    LG Nuna

  2. Dominic sagt:

    Moin Henrietta,

    auch mir gefällt die Schriftmagie ganz gut. Dass sie so selten zu sein scheint, finde ich wiederum ein wenig schade, denn man stelle sich bitte einmal eine Schlacht unter Magiern vor, die in Reih und Glied stehen, Pergamentbögen mit Wörtern beschreiben, sie falten, den Gegnern entgegen halten, sie dann zerreißen und dann fliegen je 2W4 magische Geschosse auf die feindlichen Linien zu, wo dann ebenfalls Wörter auf Pergament geschrieben werden, das Pergament zusammen gefaltet und zerrissen wird, sodass ein Schildzauber zustande kommt, etc. pp. Ich könnte mich kugeln vor Lachen. ^^ Aber gut, das hier ist ja auch keine Komödie.
    Was Seth betrifft, bin ich ein wenig neugierig: Wer war zuerst da, Eustach oder Seth? Welche Figur hat dich zu welcher anderen Figur inspiriert?
    Zuletzt möchte ich noch eine Frage zu Felyth: Ist das Absicht, dass er so arrogant wirkt?

    Zitat: >>>Du kannst Dich glücklich schätzen, dass ich Deine besondere Fähigkeit sofort bemerkt habe<<>>nicht mehr sein als mittelmäßige Magier, die von allem ein wenig können, aber kein wirkliches Potential besitzen.<<<

    Also auf mich wirkt er ein wenig selbstgefällig und arrogant, der seinen Schülern nicht wirklich was zutraut und sich mit dem Mittelmaß evtl. sogar gar nicht abgeben will. Schwankt da ein wenig Standesdünkel mit? Gibt es eine magische Zwei-Klassengesellschaft?

    Liebe Grüße,
    Dominic.

  3. h3nri3tt4 sagt:

    Hallo Ihr zwei,

    schön, dass ich schon so schnell Kommentare zu beantworten habe und dann kommen auch noch ganz andere Fragen als ich erwartet hatte. So kann es gehen.

    Wenn die Schriftmagie auf Gegenliebe gestoßen ist, kann ich Euch schon einmal verraten, dass es davon noch verschiedene Formen zu sehen geben wird. Zettel zerreißen ist nur eine Art der Schriftmagie und jeder Magier entwickelt in seinem Talent eine eigene Art damit zu zaubern. Doch dazu später mehr, wenn wir mehr Talente gesehen haben.

    Magister Felyth ist tatsächlich als überheblicher Charakter angelegt, was in seinem Fall viel mit seiner Kindheit und Erziehung zu tun hat. Da er aber nur eine Randfigur ist, wird dazu erst viel später etwas kommen (aber es wird, denn die Herkunft erklärt bei meinen Charakteren viel von ihrem Verhalten).

    Eine Zweiklassengesellschaft in dem Sinne gibt es offiziell nicht, aber ein paar Magier halten sich ohne Frage für etwas besseres, weil sie ihr Talent für höherwertig einschätzen oder weil sie sich für klüger halten als die übrigen. Einige sehen zudem auf die Magier ohne besonderes Talent herab.

    Jetzt noch ein Wort zu den Figurvorlagen. Es ist tatsächlich so, dass ich Charaktere oft vorher im Rollenspiel teste – wie sie sich verhalten und welches Potential sie haben. Andere Autoren machen dazu Schreibproben, aber ich muss gestehen ich finde es interessanter, meine Figuren in Rollenspielen durch den ‘Testparcours’ laufen zu lassen.

    Im Falle von Seth ist die derzeit aktuelle Probelauffigur Eustach Salamander (wenngleich es natürlich nicht dieselbe Figur ist), welche wiederrum eine modifizierte Version von einem Fünftklässler Fenrir Greyback aus einem „Harry Potter“-Rollenspiel ist. Allerdings sollte niemand von diesen beiden Figuren auf Seth schließen, vor allem nicht auf seine Entwicklung. Sie teilen aber grundlegende Charaktereigenschaften und bestimmte Schwächen sowie grundlegende Stärken.

    Liebe Grüße,

    h3nri3tt4

  4. Eulalia sagt:

    Hallo Henrietta,

    ich kann mich den anderen nur anschließen und noch sagen: ich freu mich schon auf MOntag^^

    LG
    Eulalia

  5. Müsli sagt:

    Guten Abend h3nri3tt4,

    Ich melde mich hier auch noch, allerdings nur sehr kurz. Im Grunde wollte ich nur mitteilen, dass ich immer noch lese (und auch deine Antworten auf die Kommentare anderer Leser), aber mehr fällt mir im Augenblick leider nicht ein. Ich bin gerade sehr mit dem Studium beschäftigt und kann kaum Konzentration aufbringen für anderes, so leid es mir auch tut. Sobald ich wieder weniger Stress habe, werde ich bestimmt auch wieder mehr zu sagen haben. So, bis dahin. Sollte mir noch etwas wichtiges einfallen, kann ich ja hier oder im Beginning of the End noch einmal schreiben.

    Liebe Grüße
    Müsli

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