Magister Elgin hatte den Kandidaten gesagt, dass die erste Prüfung in einer der Schreibstuben stattfinden würde. Den Raum zu verfehlen war praktisch unmöglich, denn seine Tür stand einladend offen und ein hochgewachsener und sehr schlanker Mann von asiatischem Aussehen erwartete sie bereits. Seine Haare waren goldgelb, was Teese mit Staunen zur Kenntnis nahm, als sie ihn passierte und in die Schreibstube ging.
Im Raum standen zwei Reihen aus Stehpulten seitlich zum Fenster, so dass das morgendliche Licht auf die Pultplatten fiel. An jedem Platz lag ein Stapel mit grellweißem Papier und darüber lagen verschiedene Stifte und Schreibutensilien.
Teese legte den Kopf in den Nacken um mehrere milchig-weiße Kugeln zu betrachten, die unter der Decke hingen.
„Vielleicht Lampen“, wisperte Liina.
Das Mädchen trat an ein Pult und Teese ging an das dahinter. Die Abstände zwischen den Pulten erlaubte Teese einen Blick auf Liinas Arbeitspult vor ihr zu werfen. Doch das Pult neben ihr stand recht weit entfernt und ein wenig versetzt. Vielleicht waren sie so gestellt, damit niemand während der Prüfung abschreiben konnte. Andererseits standen sie auch so, dass jedes vom Sonnenlicht gut beleuchtet wurde.
Ein energisches Klopfen ließ Teeses Blick nach vorne gleiten, wo der goldhaarige Magister mit einem langen Holzstock auf das vorderste Stehpult klopfte, wohl um die Aufmerksamkeit der Kandidaten zu bekommen.
„Wir beginnen mit der Prüfung Eurer Schreibfähigkeiten“, begann er und fasste den Stock mit beiden Händen. „Ich bin Magister Felyth und wir beginnen mit dem Kopieren eines einfachen Textes mit Schreibstift auf Papier.“
Er nahm einen der Bleistifte vom vorderen Pult und hielt ihn hoch. „Dies ist ein Schreibstift. Papier liegt vor Euch.“ Er legte den Schreibstift zurück auf das Pult. „Dies ist der Text.“ Er deutete zur Wand hinter sich, auf welcher vom einen Moment zum anderen mehrere geschriebene Zeilen zu lesen standen. „Beginnt jetzt.“
Teese nahm den Bleistift und begann die Worte von der Wand abzuschreiben. Der Text war recht einfach und handelte von einer Pflanze. Erst war es eine kurze Beschreibung ihres Aussehens, dann verschiedenen Dingen, für welche man die Pflanze verwenden konnte.
„Genug“, kam die Stimme des Magisters nach einer Weile von vorne. „Jetzt schreibt Ihr mit der Schreibfeder weiter.“ Er nahm erneut das entsprechende Schreibgerät von dem vordersten Pult und hielt es hoch. „Das ist eine Schreibfeder. Fangt an.“
Teese legte den Schreibstift zur Seite und nahm die Feder zur Hand. Einen Augenblick zögerte sie, bevor sie die Feder auf das Papier setzte. Sie hätte erwartet, dass sie die Feder in Tinte hätte tauchen müssen, doch war keine vorhanden und die Feder schrieb auch tatsächlich ohne irgendeine Tusche. Die Schrift war schwarz und als Teese neugierig mit ihrem Finger über den letzten geschriebenen Buchstaben wischte, stellte sie fest, dass die Schrift trocken war, obwohl sie den Buchstaben eben erst geschrieben hatte.
Sie wollte gerade weiter schreiben, als sie hinter sich ein leises Schluchzen hörte und den Kopf wandte. Hinter ihr stand Seth an seinem Pult und hatte die Ellenbogen auf die Pultplatte gestützt, den Kopf in den Händen vergraben.
„Seth“, flüsterte Teese und legte die Schreibfeder auf dem Pult ab.
Sie huschte von ihrem Pult zu seinem. „Seth“, raunte sie. „Was ist los?“
Ihr Blick streifte das Papier auf der Pultplatte. Eine Reihe Buchstaben in einer ungelenken Handschrift quälten sich von links nach rechts. Dahinter war ein kleiner Fleck von einer Träne, die auf das Papier getropft sein musste. Ansonsten ware es leer.
„Geh weg.“ Seine Stimme war eine Mischung aus Fauchen und Wimmern und erinnerte Teese an ein in die Enge getriebenes Tier.
Mit schnellen Schritten kam Magister Felyth zu ihnen und machte eine wegwischende Handbewegung in Teeses Richtung. „Zurück zu Deinem Pult, Kandidatin Teese“, sagte er.
Während Teese seinen Worten gehorchte, konnte sie sehen, wie der Magister sich zu Seth herunter beugte und leise mit ihm sprach. Teese kniff ihre Lippen zusammen. Auch wenn sie Timar nicht ausstehen konnte, wusste sie nun, dass er in einem, was er im Pförtnerhaus gesagt hatte, Recht gehabt hatte: Seth konnte nicht lesen und nicht schreiben.
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Juni 29, 2009 um 11:21 |
Guten Tag, h3nri3tt4, oder guten Morgen, denn ich fühle mich, als wäre es gerade einmal fünf Uhr. Trotzdem will ich versuchen, dir einen Kommentar zu hinterlassen, auch wenn ich gedanklich kaum anwesend bin.
Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass die erste Prüfung darin besteht, einen Text abzuschreiben, ganz ehrlich nicht. Klar, die wenigsten haben wohl vorher bereits mit einer Feder geschrieben, aber was ist der Sinn dieses Tests? Man findet diejenigen heraus, die – wie Seth, kein Wunder, dass er solche Angst hatte – nicht schreiben und/oder lesen können, aber da ich bezweifle, dass Seth Weltenei jetzt schon wieder verlässt… Nun gut, er sollte jetzt wohl Unterricht erhalten.
Ähm ja… ich weiß nicht mehr, was ich schreiben sollte. Ich denke, ich probiere es später oder morgen noch einmal, wenn ich hoffentlich etwas munterer bin.
Bis dann
Müsli
Juni 29, 2009 um 11:34 |
Hallo Henrietta,
ich bin wirklich mal gespannt was denn nun mit Seth wird und natürlich was seine Vorgeschichte angeht. Außerdem frage ich mich woraus die übrigen Prüfungen bestehen werden und was die Magister später mit den Ergebnissen anfangen werden.
Ansonsten fiel mir auf, dass Magister Felyth sowohl den Bleistift als auch die Feder hochgehalten und benannt hat, was mir etwas seltsam vorkam. Selbst Seth als Analphabet wird doch sicher wissen was das ist. Hat das eine Bewandnis?
Hat Weltenei eigentlich eine eigene Sprache/Schrift? Sicher,oder? Schließlich kommen die Kinder ja aus unterschiedlichen Gegenden.
Mehr fällt mir im Moment nicht ein,
LG Nuna
Juni 29, 2009 um 2:08 |
Hallo Henrietta,
auch ich fand diese Prüfung merkwürdig. Aber ich denke dieser Test hatte bereits zwei Ziele:
1. herauszufinden, welches Kind nicht schreiben kann, wobei das komisch ist, denn die Kinder werden doch in der Grundschule besucht
2. der Test zielt auf die magischen Fähigkeiten ab. Dann nämlich, wenn man mit der Feder nur schreiben kann, wenn man genug Magie hat und so ist das vielleicht auch mit dem Text. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Seth seine Sprache weder lesen noch schreiben kann.
Liebe Grüße
Eulalia
Juni 29, 2009 um 6:22 |
Hallo Allerseits,
ich wage einmal zu behaupten, dass ich mehr Spaß habe, Eure Kommentare zu lesen als Ihr meine Romanteile. So viele hübsche Schlussfolgerungen und bei ein paar bin ich sogar am überlegen, ob ich nicht im Kapitel noch ein paar Erklärungen hinzufügen soll – das betrifft vor allem Magister Felyths Erklärung zu den Schreibgeräten und Seths Probleme mit der Schrift.
Soviel möchte ich schon einmal spoilern (wer keine Spoiler lesen möchte, möge an dieser Stelle aufhören): Seth ist Analphabet (warum, wird später geklärt werden) und die unterschiedlichen Sprachen aus der ‘alten Welt’ spielen in Weltenei keine Rolle. Das hat Nuna ganz richtig erkannt. Man sollte ansonsten erwarten, dass vor allem Liina als Chinesin Probleme hätte, einen Text zu lesen, den Teese als ihre Muttersprache auffasst. Zu den Sprachen folgt aber am Ende des Buches noch ein Hinweis.
@Eulalia: Für Deine zwei Anmerkungen möchte ich kurz noch als Hinweis geben, dass Weltenei schon sehr alt ist und nicht immer sicher gestellt sein konnte, dass alle Schüler lesen und schreiben konnten. Und Grundschulen sind eine recht moderne Erfindung und nicht überall auf der Welt Standard. Aber dazu wird vermutlich Magister Nabi noch einmal etwas beisteuern…
Liebe Grüße,
h3nri3tt4
Juni 30, 2009 um 10:40 |
Also wirklich… *g* Ich bin bislang ja ganz gut durchgekommen, bis ich an der Stelle angelangt war, wo es um die verschiedenen Namen ging und ich vor meinem geistigen Auge die Wahr-Namen aus dem Kratylos vor mir sah. Jetzt stelle ich fest, dass die da Schreibprüfungen machen und die Schrift offenbar wichtig für die Magie ist. Was schließen wir daraus? Du willst mir hier mit deinem Blog eine sprachphilosophische Abhandlung unterschieben, obwohl ich Sprachphilosophie furchtbar verabscheue. Und jetzt streite es nicht ab, gestehe einfach.
P.S.: Bislang fand ich die Geschichte famos. Ich bin insbesondere gespannt, wie es mit Rinnir weitergeht. Den mag ich. *g*
Juli 1, 2009 um 10:01 |
Hallo Dominic,
es ist immer wieder schön, einmal eine ganz andere Sicht der Dinge zu sehen. Allerdings muss ich dennoch leugnen. Ich bin zwar Germanistin aber keine Philosophin und Platon nicht meine Vorlage (wiewohl ich ihn immer noch lieber lese als die ‘modernen’ Philosophen). Die Frage ist natürlich, wer die Namen der Kandidaten auswählt – wobei ich aber sagen muss, dass es nicht ihre ‘natürlichen’ Namen sind. Personen wie Dinge werden immer von jemandem ‘benannt’.
Und was die Magie angeht, kann ich schon so viel sagen, dass es Zauberer gibt, für welche Sprache und Schrift die Grundlagen ihrer Magie sind, während sie für andere überhaupt keine Rolle spielt. Magie ist hier ein übergreifendes Konzept, das viele Erscheinungsformen hat und sich in ‘Talenten’ äußert (dazu wird es übermorgen gleich etwas zu lesen geben).
Aber wenn Du Dich für Rinnir interessierst (wobei ich Dir auf längere Sicht auch Pim ans Herz legen würde), bist Du bei einer der wichtigsten Figuren im Werk angekommen. Ich werde mich dann auf Dich stützen, um zu sehen, wieweit bestimmte Dinge im Laufe der Handlung vorhersehbar sind, wenn man sich beim Lesen auf ihn konzentriert und auf seine Motive.
Schön auf alle Fälle, dass Du Dich auch einmal hier zu Wort meldest.
Liebe Grüße,
h3nri3tt4
Juli 1, 2009 um 11:07 |
Moin Henrietta,
ja, ich find es auch immer wieder schön, dass ich mich äußere, weil ich dann auch endlich mal was gelesen habe.
Was die Namen angeht, können es sicherlich auch ganz einfach irgendwelche Decknamen sein, wie man sie auch bekommt, wenn man ins Kloster eintritt. Aber da ich ja wie gesagt kratylosgeschädigt bin und auch Henry Neff in seiner Schule der Magier mit Wahrnamen von Gegenständen hantiert, fühlte ich mich spontan daran erinnert. Da kann man mal sehen, wie gut ich mittlerweile auf das Thema konditioniert bin.
Was die mannigfaltigen Erscheinungsformen der Magie angeht, bin ich auch schon gespannt, wie sich die Magie in Weltenei aufteilt, solche Sachen finde ich nämlich immer furchtbar spannend, sie machen die Welt kompletter.
Was schließlich das Stützen betrifft: Mach ruhig, ich bin belastbar, auch wenn ich nicht sonderlich gut im Vorhersagen von Dingen aus der Handlung bin. Vllt. mag ich deshalb keine Krimis. ^^
Liebe Grüße,
Dominic.
Juli 1, 2009 um 11:21 |
Hallo Dominic,
die Betonung lag weniger auf „auch einmal“ als auf „hier“. Und Du bist der erste, den ich kenne, der „Die Schule der Magier“ (also das Buch) gelesen hat. Bis ich meine Kapitelüberschrift gegoogelt habe, muss ich gestehen, wusste ich nicht einmal von der Existenz dieses Buches. Aber man lernt bekanntlich nie aus.
Liebe Grüße,
h3nri3tt4
Juli 1, 2009 um 5:41 |
Abend Henrietta,
den Hinweis, dass sich Magie in der vielfältigsten Art und Weise äußert, finde ich sehr hilfreich. Das würde dann auch die Prüfungen erklären: damit soll wohl nur herausgefunden werden wo denn die Talente der einzelnen Schüler liegen, richtig?
LG, Nuna
Juli 1, 2009 um 6:22 |
Hallo Nuna,
ich sehe schon, es fällt Euch schwer vorzustellen, dass wirklich nur überprüft werden soll, wer welche Schreibfertigkeiten besitzt, aber in diesem Teil ist genau das der Fall. Es werden noch weitere Prüfungen gleich im Anschluss folgen, aber sie alle zielen nur auf gewisse Grundfertigkeiten hin. Magie wird noch nicht getestet, wiewohl wir gleich zum ersten Mal ausgeübte Magie zu sehen bekommen werden. Aber da müsst Ihr Euch noch bis Freitag gedulden.
Liebe Grüße,
h3nri3tt4
Juli 2, 2009 um 2:50 |
Hallo Henrietta,
naja, wenn es sich um eine Schule für magisch Begabte handelt, dann liegt es eigentlich nahe bei den Prüfungen auch sowas in der Art zu vermuten.
Wenn ich dran denk schreib ich am Ende des Kapitels mal was dazu, wie das Imo in mein Gesamtbild passt, was die hmm… ‘unmagischen’ Test angeht.
LG, Nuna