November 9, 2009
„Gefallen Dir die Bilder?“, wollte Dekan Ezzo von seinem Schreibtisch aus wissen. Er hatte seine Ellenbogen auf den Tisch gestützt und die Handflächen gegeneinander gepresst. Sein Kinn ruhte auf den Spitzen der Finger, während er Teese mit einem amüsierten Blick betrachtete.
„Sie sind sehr schön“, erwiderte das Mädchen.
Der Dekan nickte. „Sie sind sehr alt.“
„Wer ist dieser Mann?“, wollte Teese wissen. Es war seltsam, dass er als einziger auf dem ganzen Wandgemälde nicht fertiggemalt worden war. Immerhin war er ein Dekan.
„Einer meiner Vorgänger.“ Ezzos Blick glitt ebenfalls zu dem Bild. „Sein Name ist aus unserer Geschichte verbannt worden. Vermutlich wirst Du im nächsten Halbjahr etwas über ihn in Magister Elgins Klasse erfahren.“
„Man weiß nicht mehr wie er hieß?“
„J-ein, über ihn wurde eine Damnatio Memoriae verhängt“, sagte der Dekan. „Das ist Latein und bedeutet so viel wie die ‚Verdammung seines Andenkens‘. Sein Name ist aus allen Schriften getilgt worden, sein Bildnis ist ausgelöscht worden und diejenigen, die seinen Namen noch kennen, dürfen ihn nicht aussprechen.“
Teese wandte sich von den Bildern ab und sah zu dem Dekan hinter seinem Schreibtisch. „Warum?“, fragte sie und kam sich im gleichen Moment dabei lächerlich vor. Wie ein kleines Kind, welches von nichts eine Ahnung hatte und Erwachsene mit dummen Fragen belästigte.
Doch der Dekan lächelte nur. „Er hat das Schlimmste getan, was ein Dekan tun kann“, sagte er. „Er hat seine Stellung dazu genutzt, mehr Macht zu erhalten als ihm zukam und er hat versucht, seine Nachfolgerin zu töten.“
Teese schluckte. Je länger sie in Weltenei war, desto mehr überkam sie das Gefühl, dass dies nicht unbedingt der sicherste Ort auf der Welt war. Das, was Seth zugestoßen war, untermauerte Teeses Befürchtung auf beängstigende Art.
„Aber Du bist kaum gekommen, um von mir alte Geschichten zu hören“, fuhr der Dekan fort und sah von dem Bild an der Wand zu Teese. „Was führt Dich heute zu mir?“
Teese wandte sich von den Wandgemälden ab und trat vor den Schreibtisch des Dekans. Offenkundig gab es auf dieser Seite des Tisches keinen Stuhl, so dass alle Besucher vor ihm stehen mussten. Sie schluckte und sammelte sich.
„Es geht um das, was Timar mit Seth gemacht hat.“
Teese bereute die Worte, kaum dass sie sie ausgesprochen hatte. Sie sah wie sich Dekan Ezzos Gesicht verfinsterte. Sie hatte die ganze Sache sehr direkt formuliert.
Der Dekan nahm sich einen Augenblick Zeit, bevor er auf Teeses Anklage einging. „Was hat er Deiner Meinung nach mit Kandidat Seth gemacht?“
Teese atmete tief durch. Jetzt gab es auch kein Zurück mehr. „Er hat Wellen in das Becken gezaubert, welche Seth daran gehindert haben, an Land zu schwimmen und Seth ist nicht sehr gut im Schwimmen.“ Ehrlich gesagt ging Teese davon aus, dass er es bei ihrer Ankunft auf Weltenei überhaupt nicht gekonnt hatte.
„Du hast – diese Wellen gesehen?“, hakte Dekan Ezzo nach.
„Ja und ich habe Timar oben an der Mauer stehen sehen“, fuhr Teese bestimmt fort. „Und als er verschwunden ist, sind die Wellen in sich zusammengefallen. Außerdem hat Seth gesagt, es wäre Timar gewesen und jeder weiß, dass er Seth nicht leiden kann. Schon am ersten Tag im Pförtnerhaus ist er über ihn hergezogen und er hat den anderen Kandidaten unschöne Dinge über Seth erzählt. Er hat ihnen gesagt, dass man ihn nur nach Weltenei geholt hätte, weil er den Magistern leid getan hätte.“
Die Worte flossen nur so aus Teeses Mund und sie endete erst, als ihr nichts mehr einfiel, was sie gegen Timar vorbringen konnte. Der Dekan erhob sich und trat ans Fenster, so dass er Teese den Rücken zuwandte. Seine langen weißblonden Haare fielen ihm fast bis zur Hüfte wie ein glänzender Seidenstoff. Teese überlegte, dass sie noch nie einen Mann mit solch langen Haaren gesehen hatte.
Das Mädchen kniff die Lippen aufeinander. Der Dekan schien nachzudenken und Teese wagte nicht, von sich aus die Stille zu brechen. Sie wartete, was er ihr sagen würde.
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November 6, 2009
Teese folgte Marisan in das Dekanat. Das ältere Mädchen öffnete die erste Tür zu ihrer Linken und Teese trat hinter ihr ein oder vielmehr aus dem Gebäude. Der Raum hinter der Tür besaß nur ein schmales Dach, welches sich an den Wänden entlang zog. Die Mitte der Decke war offen und gab den Blick in den blauen Sommerhimmel frei.
Darunter befand sich ein viereckiges, flaches Becken, in welchem kaum mehr als eine Hand Wasser stand und das kunstvoll gearbeitete Mosaik unter der Wasseroberfläche mit kleinen Wellen brach. Dennoch war das Motiv unverkennbar. Die kleinen Steinchen zeigten einen Engel in Oker- und Brauntönen auf grünen Hintergrund. Er hatte seine Flügel weit gespreizt und die Arme von sich gestreckt. In jeder Hand hielt er ein schmales Schwert, das linke leicht gesenkt, das rechte wie zum Schlag erhoben.
Seine Füße standen auf einer Kugel, welche die Erde darstellen musste. Teese tat sich allerdings schwer damit, die Umrisse der Kontinente, die sie aus dem Schulunterricht kannte, darauf zu erkennen, denn ein großer Drache schlängelte sich um die Erdkugel und verdeckte einen Teil davon.
Teese hätte sich das Mosaik gerne genauer angesehen, denn es zeigte wohl den Engel, dessen goldenes Standbild auf dem Magieturm in den Himmel ragte und der Teese faszinierte, seit sie Weltenei zum ersten Mal bei der Überfahrt zu der Inselburg gesehen hatte. Doch Marisan umrundete das Becken im Schutz des schmalen Daches, welches an den Wänden entlang verlief und von kleinen Säulen getragen wurde.
Die Tochter des Dekans klopfte an eine weiße Tür mit ornamentalen Schnitzereien. „Vater? Teese ist hier und möchte Dich sprechen.“
Teese schloss zu Marisan auf und straffte ihre Haltung. Auf einmal war sie furchtbar nervös. Die von ihr zurechtgelegten Worte und Argumente wirbelten in ihrem Kopf durcheinander. Was sollte sie sagen? Wie sollte sie beginnen?
Auf Marisans Klopfen wurde die Tür geöffnet und heraus trat Timar. Sein wütender Blick traf Teese unvorbereitet. Sein Gesicht war leicht gerötet und er hielt seine rechte Hand gegen sein Ohr. Ein wenig Blut sickerte zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch. Und als der Sohn des Dekans den Arm sinken ließ, konnte Teese sehen, dass in seinem rechten Ohrläppchen ein Ohrring in Form einer kleinen dünnen Goldscheibe steckte, in welche eine Perle kunstvoll eingearbeitet war.
Teese hatte das Schmuckstück noch nie an ihm gesehen, hatte ihn überhaupt noch nie einen Ohrring tragen sehen. Er musste erst frisch gestochen worden sein, was die Blutstropfen erklärte, welche Timar mit der Hand weggewischt hatte. Teese glaubte zudem, auf seiner linken Wange den Abdruck einer Hand erkennen zu können. Die einzelnen Finger zeichneten sich auf Timars Wange ab und ließen nur den Schluss zu, dass der Junge eine Ohrfeige bekommen haben musste.
Teese konnte keinen genauen Blick auf Timars Gesicht werfen, bevor sich der Junge von ihr abwandte und an ihr und seiner Schwester vorbei stürmte. Aber sie war sich sicher, dass es eine große Hand gewesen war, die eines Erwachsenen.
„Sie soll hereinkommen, Marisan“, erklang Dekan Ezzos feste Stimme aus dem Raum und Teese folgte eilig seinen Worten. In ihrem Rücken schloss Marisan die Tür und ließ Teese alleine mit ihrem Vater im Büro des Dekans.
Zögernd blieb Teese nach den ersten Schritten stehen und Staunen verdrängte ihre Unsicherheit und ihr Unbehagen vor dem nun folgenden Gespräch. Beeindruckt glitt Teeses Blick neugierig durch den Raum, während sie auf den schweren Schreibtisch zutrat, der vor der gegenüberliegenden Fensterfassade stand. Dahinter saß Dekan Ezzo in seiner schwarzen Robe, die sich nur durch einige zusätzliche Bänder um Brust und Taille von Teeses eigener Schulrobe unterschied.
Der Dekan schmunzelte unerwartet, während Teese nicht wusste, wohin in diesem Raum sie zuerst sehen sollte. Die Wände waren allesamt mit Bildern geschmückt, die in leuchtenden Farben ausgemalt waren. Personen, Flügelpferde und Drachen tummelten sich vor gemalten Bäumen, Felsen und dem Meer.
Auf der linken Wand konnte Teese im Hintergrund der Szenerie Weltenei sehen. Im Vordergrund stand ein Mann in einer schwarzen Robe mit der violetten Schärpe um die Brust, welche ihn als Dekan von Weltenei auswies.
Er war wie alles andere an der Wand kunstfertig gemalt worden. Nur sein Kopf war lediglich ein weißer Umriss gegen den graublauen Hintergrund des Meeres, als wäre das Bild an dieser Stelle nicht beendet worden. Unter seinen Füßen war ein Spruchband gemalt, das jedoch ebenfalls leer und weiß war.
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November 2, 2009
***
Der Vormittagsunterricht war schleichend vorüber gegangen und Teese hatte nur die Hälfte von dem mitbekommen, was Magister Elgin ihnen über Objektmagie erzählt hatte. Ihre Gedanken waren bei dem Gespräch gewesen, das sie heute Nachmittag mit Dekan Ezzo führen wollte.
Noch immer wusste sie nicht so Recht, wie sie es am besten in Worte fassen sollte, dass sie sicher war, dass sein eigener Sohn versucht hatte, einen ihrer Freunde umzubringen. Je öfter sie über die Geschehnisse gestern am Schwimmbecken nachdachte, desto unsicherer wurde sie zudem, ob sie wirklich überzeugende Argumente vorbringen konnte. Gut, sie hatte Timar gesehen, wie er über die Mauer hinunter gesehen hatte und die magischen Wellen im Becken waren sofort in sich zusammengefallen, als er sich zurückgezogen hatte.
Dennoch war dies kein wirklicher Beweis, dass Timar versucht hatte, mit diesen Wellen Seth in der Mitte des Beckens zu halten, bis er ertrinken musste. Aber zusammen mit Seths eigener Aussage, dass es Timar gewesen war, müsste es doch ausreichen. Außerdem hatte der fahlblonde Sohn des Dekans Seth bei ihrer ersten Begegnung bereits gehänselt und Seth hatte sich dadurch revanchiert, dass er eines der Flügelpferde im Tiefflug über Timar hatte landen lassen, so dass der Junge sich vor aller Augen zu Boden hatte werfen müssen.
Teese konnte natürlich nicht beweisen, mit welchem Hass Timar sie und ihre Freunde ansah, aber sie wusste, dass der Junge sie zu seinen Feinden erkoren hatte – warum auch immer. Sie hoffte inständig, dass sie ihm nicht über den Weg laufen würde, wenn sie jetzt gleich am Dekanat klopfen würde. Unglücklicher Weise war das Dekanat nämlich auch gleichzeitig das Wohnhaus des Dekans und seiner Familie und Timar lebte als sein Sohn natürlich auch in diesem Haus.
Teese überquerte mit klopfendem Herzen den großen Platz, welcher sich zwischen der Halle des Lichts, dem Vorraum zur Taberna Akademika, und dem Dekanat auf der anderen Seite erstreckte. Es war früher Nachmittag und flirrende Hitze lag in der Luft. Es war so heiß, dass kaum eine Möwe über Weltenei flog und auch keiner der Magier war mit einem der fliegenden Pferde unterwegs. Nur ein paar Drachen zogen unbeeindruckt von der prallen Sonne am blauen Himmel ihre Bahnen.
Teese ging die Treppen zum Dekanat hinauf, wappnete sich, gleich Timar gegenüber zu stehen und klopfte an.
Es dauerte nur einen Augenblick, dann wurde die Tür geöffnet und Marisan stand im Flur des Hauses. „Oh.“ Die Tochter des Dekans wirkte überrascht, doch gleich darauf strahlte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Teese, wie schön, dass Du kommst. Hat mein Vater schon mit Dir gesprochen?“
Das Lächeln, dass sich von alleine als Antwort von Marisans auf Teeses Gesicht übertragen hatte, erlosch bei der jungen Kandidatin in Ratlosigkeit. Der Dekan hatte sie sprechen wollen? „Nein, eigentlich nicht.“
„Aber Du bist doch hier, weil wir gleich hinüber ins Dorf fahren werden“, sagte sie und der Blick aus ihren braunen Augen war fragend. „Oder?“
„Ich“, begann Teese zögerlich. Sie hatte keine Ahnung, wovon das ältere Mädchen sprach.
„Oh.“ Marisan deutete Teeses Zögern richtig und lächelte erneut. „Den ersten Mittwoch im letzten Sommermonat ist immer Jahrmarkt in Thorhafen und mein Vater hat mir erlaubt, heute für ein paar Stunden dorthin zu gehen und jemanden mitzunehmen. Ich dachte, Du möchtest vielleicht mitkommen?“
„Ich?“ Teese war ehrlich erstaunt. Sie kannte Marisan eher flüchtig und hätte erwartet, dass diese sicher Freundinnen hatte, mit welchen sie auf einen Jahrmarkt gehen würde.
„Nicht?“ Marisan wirkte enttäuscht.
„Doch, doch“, beeilte sich Teese zu erwidern. „Ich würde unheimlich gerne mitkommen. Ich dachte nur nicht, dass Du mich fragen würdest aber“ – fiel es ihr im letzten Augenblick ein – „ich habe leider Nachmittagsunterricht. Waffenführung.“
„Mein Vater meinte, er würde Dich beurlauben und Dir einen Pass ausstellen.“ Marisan lächelte schon wieder freudig.
Teese war sich nicht sicher, ob sie das ältere Mädchen richtig verstand. „Einen Pass?“
„Ja, einen Passierschein, um während des Semesters Weltenei verlassen zu dürfen.“ Marisan machte einen Schritt zurück. „Komm am besten erst einmal rein und dann bringe ich Dich ins Büro, damit Du mit meinem Vater reden kannst.“
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Oktober 30, 2009
Natürlich hatte es zu regnen begonnen. Elgin grinste und schüttelte sich den Regen von seiner Jacke, als er das moderne Glasgebäude betrat, in welchem die Zweigstelle von Weltenei in der alten Welt ihren Sitz hatte. Im Grunde hatte Elgin nichts gegen Regen, aber er verdarb einem ein wenig den Spaß bei einem Ausflug durch die Stadt.
Mit schnellen Schritten nahm Elgin die Treppe in der Mitte des gläsernen Gebäudes hinauf in den vierten Stock und überquerte eine schmale Metallbrücke, welche die einzelnen Büros der verschiedenen Unternehmen und Institutionen verband, welche im Halbkreis um den überdachten Innenraum gebaut waren. Der Stil gefiel dem Magister. Moderne Architektur war auf ihre Art sehr beeindruckend und völlig anders als die historische Bauweise von Weltenei.
Elgin betrat durch die hohe Glastür den Empfangsbereich mit der Portiersloge. Der Pförtner sah ihn kurz zögern an und nickte dann, als er ihn erkannte. Elgin lächelte und wollte die Treppe hinauf gehen, als er das Mädchen bemerkte, das auf einem der weißen Ledersessel saß, die um einen Glastisch mit Broschüren gruppiert waren.
Der Magister strich sich die nassen halblangen Haare aus dem Gesicht und kam langsam zur Sitzgruppe herüber. „Hallo – Sophie, nicht wahr?“
Das Mädchen war gerade einmal elf Jahre alt, schlank und hochgewachsen. Elgin entschied, dass sie einmal hübsch sein würde, würde sie in das entsprechende Alter kommen. Ihre schwarzen Haare waren zu einem kecken Pferdeschwanz gebunden und Sommersprossen tanzten fröhlich auf ihren Wangen und um ihre Nase. Das Mädchen sah zu Elgin auf.
„Ja“, sagte sie dann.
„Ich bin Doktor Benedicto Tirado Garcia.“ Seltsam wie ungewohnt der eigene Name in seinen Ohren klang. Elgin grinste insgeheim darüber. Er war wohl inzwischen auch mehr in Weltenei zu Hause als in der alten Welt – so wie eigentlich fast alle von ihnen.
Sophie nickte und Elgin wurde bewusst, dass sie ihn natürlich noch von der Prüfung an ihrer Schule kannte.
„Was machst Du hier?“, wollte er wissen und lehnte sich im Stehen auf die Rückenlehne eines der teuren Sessel. „Wo sind Deine Eltern?“
„Sie reden mit Herrn Hoffmann und dem anderen Lehrer“, sagte Sophie.
„Immer noch?“, wollte Elgin wissen. „Deine Eltern wollen Dich nicht zu uns schicken, was?“ Er grinste. Es war das erste Mal, dass er als Quäsitor von Weltenei in der alten Welt war. Aber Pim hatte ihn vorgewarnt, dass sich viele Eltern nicht sehr begeistert davon zeigten, dass ihre Kinder auf eine Eliteschule geschickt werden sollten, die zum Teil weit von ihrem zu Hause entfernt war und keine Besuche am Wochenende erlaubte.
„Nein“, sagte das Mädchen. „Sie finden die Schule wunderbar.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber ich will nicht dorthin gehen.“
„Oh-ha.“ Elgin kratzte sich am Kopf. „Wieso das denn?“ Damit hatte er nicht gerechnet.
„Ich möchte im nächsten Schuljahr auf das Gymnasium bei uns gehen“, erklärte Sophie. „Mit meinen Freundinnen.“
Elgin dachte daran zurück, wie er das Angebot von Weltenei bekommen hatte. Damals war es auch Pim gewesen, der seiner Mutter erzählt hatte, dass ihr Sohn die Möglichkeit hatte, auf ein Eliteinternat zu gehen. Magister Tyra hatte ihn begleitet.
Elgin hatte sofort gehen wollen. Seine Mutter war alles andere als begeistert gewesen. Elgins Vater war ein hochrangiger Militär gewesen. Seine Orden hingen im Wohnzimmer über seinem Arbeitstisch, auf dem seine Mutter seit seinem Tod nicht einmal einen Bleistift verschoben hatte. Elgin hätte auf eine Militärakademie gehen sollen. Aber er hatte nicht die geringste Begeisterung dafür gezeigt. Vielleicht war das der Grund, warum seine Mutter ihn schließlich nach Weltenei gelassen hatte. Vielleicht hatte sie erkannt, dass er nie so sein könnte, wie sein Vater.
Elgin blinzelte, als ihm bewusst wurde, dass Sophie ihn fragend ansah. Er lachte leicht beschämt, dass er sie auf seine Reaktion auf ihre Worte warten ließ, während er seinen eigenen Gedanken nachhing.
„Du würdest etwas verpassen, wenn Du nicht kommst“, sagte Elgin schließlich. Er überlegte, wie er sie überzeugen konnte. Er machte das zum ersten Mal. Aber es war wohl seine Aufgabe. Pim kam für so etwas kaum in Frage. Pim konnte mit Kindern in etwa so gut umgehen wie Magister Felyth mit Pflanzen. Er schmunzelte bei dem Gedanken an die vertrockneten Kräuter auf der Fensterbank der Schreibwerkstatt.
„Wie wäre es mit einem Kakao, während wir auf Deine Eltern und die beiden Hoffmänner warten?“, wollte Elgin leichthin wissen.
Sophie nickte, vermutlich mehr aus Höflichkeit, als dass sie wirklich einen Kakao haben wollte. Elgin warf seine nasse Jacke über die Lehne des Sessels und passierte die Portierloge in die Küche hinüber. Er winkte ab, als der Pförtner anbot, den Kakao für ihn zu machen. Manchmal schadete es nichts, sich der Technik der alten Welt zu bedienen. Man vergaß so schnell, wie die Dinge hier funktionierten.
Elgin erhitzte etwas Milch und verrührte Zucker und Kakao in zwei Tassen. Dann goss er die heiße Milch in die Tassen und ging mit ihnen zurück in den Empfangsbereich. Sophie rutschte auf dem Sessel nach vorne, als Elgin ihr den Kakao reichte.
Für einen Augenblick vergaß Elgin, was Pim ihm eingebläut hatte, als sie den ersten Kandidaten gefunden hatten. Für einen Augenblick war er einfach nicht aufmerksam gewesen. Als er Sophie die Tasse reichte, berührten sich ihre Fingerspitzen.
Der Schlag, der Elgin traf, war vergleichbar mit dem Einschlag eines Blitzes. Die Magie des Mädchens, die Elgin als Aura um sie herum bereits hatte fühlen können, entlud sich in einem gewaltigen Magieschlag, der den Magister nach hinten schleuderte. Ein leuchtendes Schwarz und grelles Violett nahmen Elgin die Sicht und er ging bewusstlos zu Boden.
Was danach folgte, bekam er folglich nicht mehr mit. Das nächste, was Elgin bewusst wieder wahrnahm, war, dass er benommen in Pims Armen erwachte, der ihn auf dem Boden leicht aufgerichtet hatte. Einen Augenblick glaubte Elgin tatsächlich Besorgnis in den Augen des blonden Magisters zu lesen. Dann zog Pim die Augenbrauen finster zusammen und schüttelte unwillig den Kopf. „Dummkopf“, sagte er zu Elgin.
***
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Oktober 26, 2009
Während der Heiler mit Fenn verschwand, schlüpfte Teese in ihre Schuhe, die neben dem Tisch standen. Sie hatte sie ausgezogen, als sie in das Becken gewatete war, um Seth heraus zu ziehen. Vermutlich hatte Fenn sie mitgenommen.
Etwas wackelig auf ihren Beinen verließ das Mädchen das Hospital und ging durch den Kräutergarten zu dem steinernen Gebäude, das die Übungshalle für das Waffentraining beheimatete und einen Durchgang zum Kreuzgang besaß. Von dort konnte man wiederum direkt in die Taberna Akademika, die riesige Halle, welche Aufenthaltsraum und Speisesaal war.
Als Teese zur Seitentür herein kam, waren die meisten Tische schon gut belegt. Teller und Schalen klapperten fröhlich in die Unterhaltung der Schüler und es roch verheißungsvoll nach der Gemüsesuppe, welche an den Abenden stets als eine der Vorspeisen gereicht wurde.
Teese musste nicht lange suchen, um Liina und Rinnir in der Menge der Schüler zu entdecken. Liina hatte augenscheinlich nach ihr Ausschau gehalten und winkte wild, kaum dass Teese den Raum betreten hatte. Teese widerstand dem Drang, eilig zu ihr zu laufen, sondern ging mit langsamen und bedächtigen Schritten zum Tisch, an dem ihre Freunde saßen. Der Schmerz nach ihrem Sturz war zwar verschwunden, aber die Verbände an den Knien und dem Fuß erinnerten sie daran, dass sie es nicht übertreiben sollte. Magie schien bei der Heilung auch ihre Grenzen zu haben.
„Wie geht es Seth?“, waren Liinas erste Worte, als Teese den Tisch erreicht hatte.
„Wo ist Fenn?“, waren Rinnirs.
Teese setzte sich und streckte ihre bandagierten Knie unter dem Tisch lang aus. „Fenn kommt sicher gleich nach. Die Heiler wollten, dass er ihnen etwas zeigt.“ Sie grinste fröhlich in die Runde. „Er kann Heilmagie wirken“, verkündete sie den anderen beiden. „Als wir Seth aus dem Becken gezogen haben, hat er ihn…Nun, ich weiß nicht genau, was er gemacht hat, aber ich glaube, er hat ihn wiederbelebt oder etwas in der Art.“ Sie war nicht einmal dazu gekommen, Fenn zu fragen, welche Magie er eingesetzt hatte und wie.
„Und Seth?“, hakte Rinnir nach.
„Er muss eine Woche im Hospital bleiben“, sagte Teese und füllte von der Gemüsesuppe in den tiefen Teller, der an ihrem Platz stand. Während sie aßen, berichtete das Mädchen den anderen beiden alles, was passiert war, und was sie vom Gespräch der Erwachsenen aufgeschnappt hatte.
„Dann gibt es diesen Vergessenszauber wirklich?“ Liina wirkte fast ein wenig ungläubig. „Und ich dachte, dass Ihr beide einfach ein wenig paranoid seid.“
Rinnirs Gesicht war eine starre Maske. „Unterdrückungszauber“, wiederholte er das Wort, das Teese verwendet hatte. „Und Rehan kann diese Art von Zauber wirken.“
„Es wird sein Talent sein“, spekulierte Teese.
„Ob er Seths Erinnerungen an den Unfall“ – er betonte das letzte Wort vielsagend – „im Schwimmbecken ebenfalls unterdrücken kann? Das dürfte dem Dekan nur Recht sein.“
„Sie haben nur davon gesprochen, dass sie die dazugehörige“ – Teese dachte nach, wie Rehan es formuliert hatte – „Gefühlsebene entfernen wollen.“
„Und sie meinen es dabei doch nur gut“, warf Liina ein. „Ich würde mich an so etwas auch nicht gerne erinnern wollen.“ Sie schauderte in Gedanken.
„Magister Mintal hat gesagt, dass sie Seth zu dem Unfall befragen wollen“, sagte Teese langsam. „Und Seth hat bereits gesagt, dass Timar es gewesen ist.“ Sie zögerte. „Aber Rehan hat auch gesagt, dass in seinem Kopf viele Dinge durcheinander geraten sind.“
„Sie werden ihm nicht glauben“, nickte Rinnir.
Teese fühlte sich niedergeschlagen. Rehan schien jedenfalls überzeugt, dass Seths Worte mehr auf Einbildung beruhten, denn auf Tatsachen. Sie sah entschlossen auf. „Aber vielleicht glauben sie mir“, fuhr sie fort. „Fenn und ich haben die Wellen im Becken gesehen. Die waren dort sicher nicht durch Zufall. Und ich habe Timar auf der Mauer gesehen.“
Liina sah sie fragend an. „Und?“
Teese wirkte energisch. „Ich werde zu Dekan Ezzo gehen.“
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Oktober 23, 2009
„Das hat der Dekan zu entscheiden“, sagte Magister Mintal. „Ezzo sollte außerdem davon unterrichtet werden, dass der Junge mehrmals Timars Namen genannt hat, während er bei Bewusstsein war. Für mich klang das verdächtig nach einem ‚Timar war es‘, was er da vorhin gesagt hat.“
Man hörte ein Räuspern und schließlich sprach Rehan erneut. „Sein Geist ist recht verwirrt durch die verschiedenen Einflüsse, welchen er die letzten Tagen ausgesetzt war und dem Beinahetod vorhin. Ich bezweifele, dass er eine genaue Aussage machen kann. Das meiste, was ich in ihm vorgefunden habe, war panische Todesangst.“
Einen Augenblick war es still. Dann fuhr der Pförtner fort, „Ich werde mit Ezzo auch darüber reden müssen, ob wir aus den Erinnerungen der letzten Stunde nicht die Gefühlsebene entfernen sollten, wenn wir wollen, dass der Junge seine Schwimmausbildung abschließt.“
Keiner der Erwachsenen auf der anderen Seite des Sichtschirms schien sich zu den Worten äußern zu wollen. Schließlich übernahm Magister Mintal wieder das Kommando in ihren Räumen.
„Dann solltest Du mit Ezzo darüber sprechen“, sagte sie. „Da der Junge jetzt schläft, kannst Du ohnehin nichts anderes tun und stehst uns hier nur im Weg herum. Genauso wie Du, Pim. Der Arm ist gerichtet und wenn Du Dich von Ro morgen nicht wieder zerlegen lässt, kannst Du Dich gerne einmal ein paar Tage von hier fernhalten.“
Pim schnaubte verächtlich. „Kaum anzunehmen, dass ich freiwillig zu Dir kommen würde.“
Teese konnte ihn sehen, als er aus dem vom Wandschirm verstellten Bereich des Raumes zur Tür ging. Rehan folgte ihm. Dem kahlköpfigen Pförtner sah Teese mit gemischten Gefühlen nach. Er machte eigentlich einen netten Eindruck, aber wenn das Mädchen es richtig verstanden hatte, war er derjenige, welcher den Unterdrückungszauber auf sie alle gewirkt hatte. Und der Gedanke machte ihr ein wenig Angst. Konnte er wirklich in den Kopf eines jeden von ihnen schauen und Erinnerungen einfach so löschen?
„So, da bin ich wieder.“
Teese erschrak sich unglaublich, als der junge Heiler an den Tisch trat. Er musste durch eine andere Tür hereingekommen sein, als die, durch welche Magister Pim und Rehan gerade verschwunden waren. Er legte ein geknotetes Stoffbündel neben Teese auf den Tisch und faltete es auf. Mehrere Kräuter kamen zum Vorschein, ein heller Verband und zwei kleine, tönerne Töpfe. Einen davon öffnete der Mann und eine gelartige Paste kam zum Vorschein.
„Den Verband lässt Du über Nacht auf den Wunden“, sagte der junge Mann, „und nimmst ihn erst morgen ab. Die Knie sind dann verschorft und werden in den nächsten Tagen ganz normal verheilen. Den Knöchel lässt Du den Rest der Woche verbunden und kommst dann wieder her.“ Er legte einige der Kräuter auf Teeses linkes Knie und begann, den ersten Verband zu wickeln. „Du hast keinen Schwimmkurs, oder?“
Teese schüttelte den Kopf.
„Dann ist das also kein Problem“, sagte der junge Mann und wickelte einen Verband um Teeses rechtes Bein. Danach verband er noch ihren umgeknickten Knöchel und wischte sich die Hände an einem Tuch ab. „So, das war es erst einmal. Dann kannst Du Deine Schuhe anziehen und zum Abendessen gehen. Und Du“ – er wandte sich an Fenn – „darfst erst noch mit mir mitkommen, und uns zeigen, wie Du Deinem Freund mit Heilmagie geholfen hast.“
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Oktober 19, 2009
Der kahle Pförtner seufzte und trug Teese zu dem freien Tisch. Wo er sie absetzte. „Magister Mintal ist eine sehr fähige Heilerin“, raunte er ihr zu. „Aber sie ist nicht gerade sehr einfühlsam. Lasst Euch davon aber nur nicht abschrecken.“
Er versah Fenn mit einem nachdrücklichen Kopfnicken und verschwand dann hinter dem Sichtschirm um an den Tisch mit Seth zu treten.
Fenn rutschte neben Teese auf den Tisch. „Vielleicht sollte ich mir das mit dem Heiler noch mal überlegen“, grinste er.
Teese kicherte trotz der Schmerzen in ihren Beinen. „Sicher will sie nur dafür sorgen, dass die Leute schneller gesund werden und freiwillig wieder gehen.“ Fenn lachte leise.
„So, wer von Euch beiden ist denn krank?“, erkundigte sich eine erstaunlich fröhliche Stimme unerwartet und der junge Mann mit der grünen Schärpe trat am Sichtschirm vorbei. Er trug seine dunklen Haare zu einem mindestens genauso langen Zopf geflochten wie Magister Mintal und seine Haut war bronzefarben mit einem rötlichen Einschlag.
Teese entschied, dass er wirklich ein Indianer war, der erste echte, den sie in ihrem Leben zu Gesicht bekam – vermutlich, denn im Grunde konnte sie sich nur an wenig aus ihrem Leben erinnern, bevor sie nach Weltenei gekommen war.
„Ich bin umgeknickt und habe mir die Knie aufgeschlagen“, erklärte das Mädchen und zog ihre Robe bis zu den Oberschenkeln hoch, um die aufgeschürften Knie zu zeigen.
„Ah, das sollten wir schnell wieder hinbekommen“, meinte der junge Mann zuversichtlich. Er untersuchte Teese kurz und legte ihr dann die Hand auf die Brust. Fenn sah interessiert zu. Langsam wich der Schmerz aus Teese und nur die aufgeschürften Knie verrieten, dass die Verletzung noch vorhanden war.
„Ich mache Dir einen Heilverband“, sagte der junge Mann. „Ich muss dazu allerdings frische Kräuter von unten holen. Das dauert einen Augenblick.“ Er zwinkerte. „Also nicht weglaufen, Ihr beide.“
„Schon klar“, kam es fast gleichzeitig aus Teeses und Fenns Mund.
Der Heiler verließ das Dachgeschoss durch die große Tür an der hinteren Wand des Raumes und ging eine Außentreppe hinunter. Teese und Fenn saßen auf dem Tisch und waren einen Augenblick beide still. Hinter der Stellwand hörte man Magister Mintals Stimme, während sie Seth untersuchte.
Teese und Fenn wechselten einen kurzen Blick. Teese legte einen Zeigefinger an die Lippen und hielt ihren Atem an, um den Worten zu lauschen. Fenns Miene verriet ebenfalls höchste Konzentration.
„…und natürlich ist keinem der Quaesitoren aufgefallen, dass der Junge von solchen Substanzen abhängig ist“, ereiferte sich Magister Mintals Stimme.
„Ich bin nicht dafür zuständig, vorher den Gesundheitszustand der neuen Kandidaten zu überprüfen.“ Das war Magister Pims Stimme hinter dem Wandschirm. Er klang gereizt. „Elgin und ich haben den Jungen lediglich auf magisches Potential untersucht.“
„Unfug.“ Magister Mintal fuhr dem Lehrer für Waffenführung in die Parade. „So wie das Kind von seinem Gesamtzustand aussieht, hat er kaum in geregelten Umständen gelebt. Wenigstens das muss einem von Euch aufgefallen sein. So ausgemergelte Gestalten habe ich das letzte Mal während der Bauernkriege gesehen.“
„Ich habe in der Akte vermerkt, dass der Knirps auf der Straße gelebt hat.“ Magister Pim klang ungehalten. „Ich bin kein Sozialarbeiter. Dass er irgendwelche Drogen konsumiert hat, hätte in seinem neuen Haus auffallen müssen. Dafür hatte ich zu wenig Kontakt mit dem Jungen. Wenn nicht einmal sein Magister etwas bemerkt hat und das, obwohl sie wie er ein Tiermagier ist und direkt in seine Gedanken…“
„Ich überwache meine Kinder nicht, Pim.“ Magister Nabi klang ungewohnt kühl. Die Stimmung auf der anderen Seite der Stellwand war offenkundig recht aufgeheizt – ein Grund wohl, warum Teese und Fenn nun problemlos hören konnten, was gesprochen wurde.
„Mama?“
Die Erwachsenen verstummten schlagartig, als Seth sich zu Wort meldete. Seine Stimme klang schlaftrunken und jämmerlich, wie die eines noch sehr kleinen Kindes.
„Scht, schon gut, mein Kleiner.“ Magister Nabis Stimme war so beruhigend und leise, dass Teese die Worte mehr erahnen konnte, als dass sie sie wirklich hörte.
Einen Moment war es still. Teese wagte kaum zu atmen. Sie war sicher, dass auf der anderen Seite des Wandschirms irgendetwas gemacht wurde, das keine Worte benötigte. Dann erklang wieder Magister Mintas Stimme, dieses Mal wesentlich ruhiger.
„Er wird jetzt ein paar Stunden schlafen“, sagte die Heilerin. „Aber er wird mindestens eine Woche hier bleiben müssen, damit wir die Schäden an den inneren Organen wieder beheben können und den Körper gesunden lassen, dass er keine Entzugserscheinungen hat, wenn er wieder in den Unterricht geht.“
„Was ist mit dem Unterdrückungszauber?“ Es war Rehan, der Pförtner, welcher sich danach erkundigte. Teese wunderte sich ein wenig, warum er überhaupt hinzugezogen worden war. „Er scheint beschädigt worden zu sein. Vielleicht wäre es besser, ihn vollkommen zu entfernen. Ich denke, er hat bei ihm so oder so seine Aufgabe erfüllt.“
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Verfasst von h3nri3tt4
Oktober 16, 2009
An der Mauer und vor dem Hospital hatten sich mehrere Schüler und Erwachsene versammelt, die in kleinen Gruppen zusammen standen und sich aufgeregt unterhielten. Eilig wichen sie zurück, um Rehan Platz zu machen, als dieser mit Teese auf dem Arm das Hospital betrat.
Teese war hier bereits an ihrem ersten Tag auf Weltenei gewesen, als Magister Elgin ihnen die wichtigsten Gebäude auf dem Inselberg gezeigt hatte. Das Hospital war ein langgezogener Steinbau, in welchem mehrere Betten untergebracht waren. Im oberen Stockwerk gab es einen Behandlungsraum, welcher ein Dach aus Glas besaß, der Teese an ein riesiges Gewächshaus erinnerte.
Als Rehan sie nun dort hinauf brachte, schien die Sonne des späten Nachmittags durch die Scheiben und leuchtete den ganzen Raum in einem hellen Gold aus. Dennoch waren bereits Lampen angezündet worden, um Magister Mintal und ihren Studenten genügend Licht für ihre Arbeit zu geben.
In der Mitte des Raumes standen zwei tischähnliche Gebilde, welche durch eine dünne Stellwand aus Papier abgetrennt waren. An der Wand fanden sich Regale mit Flaschen, kleinen Holzdöschen und anderen Gefäßen. Auf einem schmalen Arbeitstisch lagen silbern glänzende Instrumente, welche Teese erschauern ließen. Das meiste waren kleine, dünne Messer und spitze Metallstifte mit verschiedenen Aufsätzen. Eine Reihe Scheren lag sauber geordnet auf einem weißen Tuch.
„Was ist mit ihr?“, erkundigte sich eine hochgewachsene und hagere Frau mit skeptisch zusammengekniffenen Augen bei Rehan. Sie trug die blaue Schärpe eines Magisters und hatte ihre langen schwarzen Haare zu einem Zopf zusammengebunden.
„Sie hat sich die Knie aufgeschlagen“, erklärte Rehan.
„Und er da?“ Die Frau machte eine vage Kopfbewegung zu Fenn. „Wenn er nichts besseres zu tun hat, als dumm aus der Wäsche zu schauen, kann er draußen warten.“
„Er hat dem anderen Jungen mit Heilmagie geholfen“, sagte Rehan geduldig und offensichtlich unbeeindruckt von der spröden Art der Frau.
Mit dem ‚anderen Jungen‘ meinte der Pförtner ganz offenkundig Seth, der auf dem einen der beiden Tische lag und gegen die Decke sah. Magister Nabi stand neben ihm und hielt seine Hand. Ein junger Mann, den Teese für einen Indianer in einer schwarze Roben und grünen Schärpe hielt, untersuchte Seth.
Die Magister zog ihre Nase kraus und musterte Fenn von oben nach unten. „Gut, dann kann er bei dem Mädchen warten“, entschied sie. „Setz‘ sie auf den freien Tisch und mach Dich dann bei dem kleinen Russen nützlich. In seinem Kopf sind ein paar Dinge durcheinander gekommen. Ein interessanter Studienfall für den Einfluss von Unterdrückungszaubern in Kombination mit Nahtodeserfahrungen.“
„Er wird aber wieder gesund werden, oder?“, wollte Teese besorgt wissen. Was war ein Unterdrückungszauber? Sollte sie damit diesen Vergessenszauber meinen, von welchem Rinnir und sie annahmen, dass er der Grund war, warum sich niemand an seine Familie und das bisherige Leben vor Weltenei erinnern konnte? Hatte Seth deswegen nach seiner Mutter gefragt, kaum nachdem er wieder bei Bewusstsein gewesen war?
„Alle meine Patienten, die gesund werden wollen, werden das auch wieder, dummes Kind“, sagte die Magister und schüttelte den Kopf über so viel Unverständnis. „Und jetzt haltet uns nicht weiter von der Arbeit ab. Rehan, bitte.“
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Verfasst von h3nri3tt4
Oktober 12, 2009
Oben an der Brüstung der hohen Festungsmauer, weit über Teeses Kopf, drängten sich Menschen und zeigten aufgeregt gestikulierend nach unten. Timar konnte das Mädchen unter ihnen nicht mehr ausmachen, dafür Rinnir und Liina.
Über die steile Treppe rannten mehrere Erwachsene herunter. Zuvorderst lief mit wehender Robe und offenen roten Haaren Magister Nabi.
Vom Pförtnerhaus her, hatte nun auch Rehan, die drei Schüler erreicht und ging neben Fenn in die Knie. Der dunkelhäutige Junge hatte noch immer seine Hand auf Seths Brust gedrückt.
„Lass ihn los, Junge“, sagte Rehan und griff nach Fenns Hand. „Das ist mehr als genug.“ Er zog Fenns Hand von Seths Brust und drehte den schmächtigen Jungen zur Seite. Seths linker Arm rutschte zur Seite und Teese stellte überrascht fest, dass er kurz zuckte und sich auf dem Boden abstützte. Dann hustete Seth, während Rehan ihn festhielt.
„Das hast Du gut gemacht“, erklärte Rehan über Seths Kopf hinweg zu Fenn, der verdutzt auf seine eigenen Hände starrte. „Du wirst sicher einmal ein großartiger Heiler.“
Fenn sah überrascht zu Teese und Teese grinste voller Erleichterung. Seth setzte sich zitternd auf und fuhr sich mit der Hand über den Mund. Er sah blass aus und seine Augen hatten einen verträumt wirkenden Blick. Aber er war offensichtlich am Leben.
„Was ist passiert?“ Magister Nabi rauschte neben Rehan herunter auf die Knie. Die roten Haare rutschten ihr durch ihr plötzliches Abbremsen ins Gesicht, so dass sie sie ärgerlich mit der Hand nach hinten wischte. „Wie geht es ihm? Ist er in Ordnung?“
Seth sah verwirrt zu der Magister auf. „Mama?“ Seine Stimme klang seltsam weinerlich.
Teeses Augen weiteten sich überrascht. Unmöglich, dass Seth seine Worte ernst meinen konnte. Magister Nabi war dunkelhäutig, vermutlich eine Afrikanerin, und Seth war noch weitaus blasser als Teese. Wusste er nicht, wo er war? Er sah nicht so aus als würde er verstehen, was gerade um ihn herum vor sich ging.
„Keine Angst, Kleiner.“ Magister Nabi lächelte sanft. „Jetzt ist alles gut.“ Sie schob ihre linke Hand unter Seths Rücken und die rechte unter seine Knie. Dann hob sie den Jungen hoch als würde er nicht mehr wiegen als ihre schwarzweiße Katze. Mit Seth auf ihren Armen eilte die Magister zurück zu der Treppe.
Teese wrang sich das Wasser aus den Haaren und wollte ihr folgen. Doch kaum hatte sie den ersten Schritt gemacht, durchzuckte sie ein heftiger Schmerz. Ihr Fuß tat höllisch weh und die Knie brannten wie Feuer.
Teese beugte sich vor und lupfte ihre Robe. Die Knie waren blutig aufgeschürft. Sie hatte ihrem Sturz auf dem felsigen Boden bis jetzt nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt, aber das schon leicht verkrustete Blut an ihren Knien war nicht zu übersehen. Vermutlich hatte sie sich beim Sturz auch die Robe zerrissen. Allerdings war davon nichts mehr zu sehen. Schade eigentlich, dass sich nur Kleidungsstücke wieder selbst reparieren konnten und die menschliche Haut nicht.
„Na, Dich bringen wir dann besser auch mal ins Hospital“, stellte Rehan fest und trat zu Teese, um sie hochzuheben, wie Magister Nabi es eben mit Seth gemacht hatte.
„Und Du, junger Heiler, kommst am besten auch gleich mit“, sagte der Pförtner zu Fenn. „Magister Mintal wird sicher gerne hören, dass wir in diesem Jahr wieder einen Schüler mit heilmagischen Talenten unter uns haben.“
Zum ersten Mal, seit sich Fenn und Teese auf die Suche nach Seth gemacht hatten, grinste der Junge wieder so breit und fröhlich, wie es seine Art war. Teese schloss die Augen und versuchte die Schmerzen in ihrem Fuß und in den Knien zu ignorieren, während Rehan sie die steile Treppe hinauf trug.
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Verfasst von h3nri3tt4
Oktober 9, 2009
Das Becken war ebenerdig aus dem Fels gehauen, so dass man von ihm aus der Entfernung normaler Weise nicht viel sehen konnte. Doch jetzt schwappten hohe Wellen im Becken als würde es über einen eigenen Wellengang verfügen. Allerdings liefen diese Wellen nicht zu einer Seite hin aus, sondern schienen alle zur Mitte hin zu laufen. Dort lösten sie sich einfach auf und neue folgten. Die Wellen spülten dabei alles vom Beckenrand in die Mitte.
Der Schrei einer Möwe ließ Teese ihren Blick heben. Der Vogel, der ihr das Haarband entrissen hatte, kreiste über dem Becken. Teeses Augen weiteten sich überrascht, als ihr Blick von einem fahlblonden Haarschopf abgelenkt wurde, der sich rechts von der Möwe über die hohe Mauer beugte, die Weltenei umgab.
Dort oben auf der massiven, hohen Mauer, direkt hinter dem Hospital, lehnte sich Timar über die Brüstung und sah hinunter zu dem Schwimmbecken.
„Seeeeth.“
Fenns Ruf ließ nicht nur Teese zusammenzucken, auch Timar schrak zusammen und wich zurück. Der weißblonde Haarschopf verschwand hinter der hohen Mauer und als Teese zum Schwimmbecken sah, waren die Wellen in sich zusammengefallen. Die Wasseroberfläche lag glatt da und in der Mitte des Beckens trieb ein lebloser Körper mit dem Gesicht nach unten im Wasser.
„Seth“, keuchte Teese und stürzte zum Becken.
Sie streifte eilig ihre Schuhe ab und watete ins Wasser. Fenn war bereits voraus geeilt. Allerdings konnte er nicht allzu gut schwimmen, so dass Teese ihn im Wasser schnell eingeholt hatte.
Sie griff nach dem treibenden Körper, der ihrem Freund gehörte, und drehte ihn um. Seth hatte die Augen geschlossen und sein Gesicht war rot mit blassen Flecken um die Augen. Ein ungesunder tiefvioletter Farbton zog sich über die Wangen, wie Teese es noch nie gesehen hatte.
Rückwärts schwimmend zog sie den kleinen Jungen mit sich. Fenn schwamm ebenfalls zurück zum flach auslaufenden Rand des Beckens, als er sah, dass Teese alleine sicherlich schneller sein würde, als mit seiner Hilfe. Dort, wo das Wasser nur bis zur Brust reichte, griff Fenn nach Seths Arm und die beiden Kinder zogen den schmächtigen Jungen aus dem Wasser.
Seths Körper war leblos und wirkte seltsam unecht. ‚Wie eine Puppe‘, kam es Teese in den Sinn. Ein Knoten bildete sich in ihrem Hals.
Fenn ging neben Seth in die Hocke und beugte sich über seinen Freund. „Seth?“ Seine Hand fuhr unsicher über Seths Wange und den Hals hinunter. Dann verharrte sie auf seiner Brust. „Seth.“ Die Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Teese verharrte wie erstarrt neben den beiden Jungen. Sie wusste nicht, ob Fenn wusste, was er gerade tat, aber wenn nicht, wollte sie ihn auf keinen Fall auch nur durch den geringsten Mucks aus ihrem Mund oder die leiseste Bewegung von sich stören. Auch wenn sie es nicht fühlen konnte, war sie sicher, dass Fenn Magie verwendete.
Seine Hand lag mit weit gespreizten Fingern auf Seths Brust und Teese konnte sehen, wie sich der Brustkorb hob und senkte. Die weißen Flecken verschwanden von Seths Gesicht und die violetten Wangen färbten sich in einem schwachen rosa. Hinter den geschlossenen Lidern bewegten sich die Augen.
Und dann bäumte sich Seth so abrupt auf, dass Teese einen mädchenhaft spitzen Schrei hervorbrachte, welcher dem Ruf der Möwe über ihr ähnelte. Etwas fiel vor ihr zu Boden. Es war ihr Haarband. Teese blickte in den Himmel und sah die Möwe davonfliegen.
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