Talente und Erinnerungen (12/18)

Februar 8, 2010

„Was ist passiert?“, flüsterte Rinnir Teese ins Ohr, nachdem er eines seiner Handtücher um Timars Beine gelegt hatte. Das andere behielt er abwartend in der Hand.
Teese zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung“, wisperte sie zurück.
Magister Mintal kam zu dem Dekan und Timar hinüber und Teese erhob sich eilig, um der Heilerin Platz zu machen. Faraas stand bereits wieder und hatte ein Handtuch um die Schultern gelegt. Als Teese ihn ansah, erwiderte er ihren Blick mit solcher Feindseligkeit, als wäre er am liebsten direkt auf sie losgegangen.
Das aufkeimende Mitgefühl, das Teese für ihn und Timar verspürt hatte, verlöschte unter diesem Blick wie eine Kerzenflamme, die man ausgeblasen hatte. Sie wollte wirklich wissen, was sie dem Jungen getan haben sollte, um mit solchem Hass versehen zu werden.
„Soll das Mädchen ins Hospital?“
Rehan war neben die Heilerin getreten und hatte ihr diese Frage gestellt. Aber bevor Magister Mintal antworten konnte, fügte er hinzu. „Dann komme ich nämlich mit nach oben.“
Teese fragte sich, wofür Rehan wohl im Hospital benötigt wurde. Als Seth dorthin gebracht worden war, war der Pförtner dort zwar auch gewesen, allerdings hatte er Teese vom Schwimmbecken hinauf getragen und sie hatte es eher als Zufall angesehen, dass er in diesem Fall dort gewesen war.
„Ja“, entschied Magister Mintal. „Das Mädchen nehmen wir mit nach oben. Faraas und Timar sollen sich hier unten ausruhen. Fenn soll nach ihnen sehen, bis Lavoc hier ist. Nabi, Du bleibst am besten auch bei ihnen. Ich nehme Deinen Schüler mit und wenn etwas sein sollte, sag ihm einfach Bescheid und ich komme noch einmal herunter.“
Teese versuchte, der Unterhaltung zu folgen. Anscheinend waren Timar und Faraas nicht besorgniserregend verletzt und Fenns Fähigkeiten reichten für sie erst einmal aus. Magister Nabi sollte bei ihnen bleiben, damit sie Seth kontaktieren konnte, wenn etwas sein würde. Deswegen würde Seth mit ins Hospital gehen. Jedenfalls ging Teese davon aus, dass die Heilerin mit ‚Deinen Schüler‘ Seth meinte.
„Alles klar.“ Rehan nahm seinen weißen Umhang vom Haken an der Wand der Schwitzhütte gegenüber. Er streifte sein Handtuch ab und zog die Robe über. Teese konnte kurz das Aufblitzen von etwas Silbernem sehen, als der Pförtner den Schwitzhausumhang schwungvoll überzog.
Das Silberne war ein Schlüsselbund, den er wohl an der Robe befestigt hatte und der sich durch die Bewegung gelöst hatte. Er fiel praktisch direkt vor Rinnirs Füße. Doch anstatt sich danach zu bücken, ließ Rinnir das verbleibende nasse Handtuch zu Boden fallen und verdeckte den Schlüsselbund.
Bevor Teese klar wurde, was er da überhaupt machte, bückte sich Rinnir und hob das Handtuch mitsamt dem darunter verborgenen Schlüsselbund auf. Rehan hatte es nicht einmal bemerkt. Der Pförtner verknotete den Umhang und schloss mit eiligen Schritten zu Magister Pim auf, welcher die kleine Yophus auf den Arm genommen hatte, vermutlich, um sie ins Hospital zu tragen.
Teese öffnete ihren Mund unschlüssig, was sie sagen sollte. Sie wollte Rinnir nicht ankreiden, aber er hatte eben die Schlüssel zum Pförtnerhaus gestohlen. Nun, nicht wirklich gestohlen, aber er hatte sie einfach genommen. Das war fast genauso schlimm.
Bevor sich Teese aber dazu durchringen konnte, etwas zu sagen, war Rinnir bereits gegangen. Wie konnte er so unbeteiligt tun, während er hinüber zum Haus ging? Teese stand wie versteinert da.
„Weißt Du inzwischen, was passiert ist?“
Liina kam zu Teese herüber. Die beiden Mädchen standen inzwischen ziemlich alleine an der Schwitzhütte. Die Erwachsenen waren dabei, die Worte von Magister Mintal in die Tat umzusetzen und die Gruppe der Schaulustigen begann sich aufzulösen.
„Nein, nicht wirklich, aber“ – Teese interessierten Timar, Faraas und Yophus im Augenblick nicht wirklich mehr – „Rinnir hat eben…Er hat den Schlüssel zum Pförtnerhaus gestohlen.“
„Was?“, entfuhr es Liina überlaut und sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Er hat was?“, wollte sie dann mit gesenkter Stimme wissen.
„Rehan hat ihn ausversehen fallen lassen und bevor er es gemerkt hat, hat Rinnir ihn genommen und ist…“ Teese beendete den Satz nicht, sondern machte eine vielsagende Richtung zum Haus, durch dessen Tür Rinnir gerade verschwand.
„Aber – wieso?“ Liina sah Teese ungläubig an.
„Sicher will er noch einmal in seine Truhe sehen“, sagte Teese. Es war das erste, was ihr in den Sinn kam.
Liina kniff die Augen zusammen. „Aber er hat doch seine Sachen bereits herausgenommen, außer…“ Sie schnappte nach Luft. „Du meinst doch nicht, dass er in den Teil mit den nicht zugelassenen Dingen sehen will?“
„Ich – weiß nicht“, sagte Teese zögernd. Rinnir hatte das bereits getan, wenn er auch wohl den Inhalt nicht in Ruhe hatte ansehen können. Wollte er das nachholen?
„Wir müssen ihn aufhalten“, entschied Liina. „Was, wenn er dabei erwischt wird?“
Teese nickte energisch. Egal ob Unterdrückungszauber oder nicht, egal ob hier irgendetwas ‚falsch‘ war. Was Rinnir tat war genauso wenig richtig und er würde gewaltig Ärger bekommen, wenn es herauskam. Die beiden Mädchen brauchten darüber nicht weiter zu diskutieren. Schnell folgten sie ihm über die Terrasse in das Gebäude.

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Talente und Erinnerungen (11/18)

Februar 5, 2010

Seth zuckte zusammen. „Wir sollen nasse Handtücher bringen“, sagte er dann unvermittelt und zusammenhangslos. Seine Stimme klang jedoch eindringlich und er stürmte zu einem der drei Zuber mit kaltem Wasser.
„Was?“, entfuhr es Amin, während Seth, das Handtuch um seine Hüften löste und es in einen der Zuber tauchte.
„Woher…“, begann Liina.
„Sagt Magister Nabi“, rief Seth zurück. „Schnell.“
Teese folgte Seth zu den Zubern. Über dem Rand eines der Bottiche hingen zwei Handtücher, die sie herunterzog. Sie hatte nicht gewusst, dass Magister Nabi und Seth ganz ohne Worte miteinander kommunizieren konnten. Aber vermutlich war das nicht viel anders als wenn einer von ihnen mit einer Möwe oder einem fliegenden Pferd sprachen. Seth hatte zwar gesagt, dass Menschen verschlossen wären, aber vielleicht galt das nicht für Tiermagier untereinander.
Andererseits…wenn er mit Magister Nabi in Gedanken sprechen konnte, warum hatte sie ihm am ersten Tag eine Möwe geschickt, um ihn von irgendwelchen Dummheiten nach der Prüfung abzuhalten. Und warum hatte er sie nicht zu Hilfe gerufen, als er beinahe im Schwimmbecken ertrunken war?
„He, das war mein Handtuch, Kandidatin Teese“, entrüstete sich Magister Pim, der aus dem Zuber neben Magister Elgin auftauchte und ungläubig zusah, wie Teese sein Handtuch ins Wasser tauchte.
„Tut mir leid, Magister“, entschuldigte sich Teese und wrang das erste Handtuch aus, während Amin ihr das zweite abnahm, um es ebenfalls nass zu machen.
„Beschweren Sie sich bei Magister Nabi“, fügte der ältere Junge hinzu.
„Es ist ein Notfall“, setzte Teese hinzu und nahm das klatschnasse Handtuch in den Arm, so dass sie besser laufen konnte.
Sie wartete auch nicht auf Amin, sondern rannte unverzüglich Seth hinterher, dessen Tempo für einen wirklichen Notfall sprach, auch wenn Teese nicht wusste, was nasse Handtücher damit zu tun haben sollten.
Am Schwitzhaus standen inzwischen mit mehr oder weniger Abstand weitere Schüler und Magister. Teese schob sich zwischen Icus und Magister Felyth hindurch und sah als erstes Magister Nabi über Fenn gebeugt, der auf dem Boden kniete. Vor ihm lag Yophus den Kopf auf zwei Handtücher gebettet.
Fenns rechte Hand lag mit gespreizten Fingern auf ihrem Oberkörper, so dass die Finger fast den Hals berührten. Yophus rührte sich nicht und hatte die Augen geschlossen. Seth kniete Fenn gegenüber und war damit beschäftigt, dem Mädchen sein nasses Handtuch umzulegen.
Ein paar Schritte daneben stand Ro und vor ihm kauerte auf allen Vieren Faras. Sein Körper war rot angelaufen und sein Rücken sah verbrannt aus. Er zitterte leicht und Teese sah, dass er sich auf die Holzbohlen übergeben hatte.
Ro wandte den Blick als könne er Teeses Blick in seinem Rücken spüren. Seine Augen blickten einen Moment in ihre, dann glitt sein Blick an ihr hinunter und verharrte dort. Teese sah irritiert an sich herunter.
Sie hatte das nasse Handtuch im Arm vor sich gehalten und ihr Schwitzhausumhang hatte sich beim Laufen geöffnet. Die Schlaufen des Stoffgürtels hingen seitlich hinunter und Ros Blick hing an ihrem nackten Körper, als hätte er noch nie ein unbekleidetes Mädchen gesehen. Das Blut schoss Teese in den Kopf. Was glotzte er sie so an?
Ro wandte den Blick abrupt ab. „Steh hier nicht herum“, sagte er und seine Stimme klang kühl. „Bring das Handtuch zu Timar.“
Teese erwachte wie aus einer Starre und machte eilig ein paar Schritte nach vorne. Bei Ros Worten hatte sich Dekan Ezzo zu ihr umgewandt. Er war auf den Holzbohlen in die Knie gegangen und hielt Timar in den Armen. Die Haut des Jungen war knallrot wie die von Faraas und seine Lippen leicht violett angelaufen. Anders als Yophus war er allerdings bei Bewusstsein.
Sein Blick glitt kurz über Teese hinweg als würde er überhaupt nicht wissen, wer sie war und als würde es ihn auch nicht interessieren. Teese fand er sah aus, als wäre er nach einem anstrengenden Waldlauf erschöpft kollabiert.
Das Mädchen kniete sich dem Dekan gegenüber neben dem Jungen auf den Boden und entfaltete das tropfnasse Handtuch. Sie legte es Timar über die Brust, so wie sie es Seth bei Yophus hatte machen sehen. Unvermittelt kam ihr Timar genauso klein und schmächtig vor wie Seth und genauso zerbrechlich.
Teese rutschte von den Knien in eine sitzende Position und knotete sich gedankenverloren ihren Umhang wieder zu. Sie hatte immer noch keine Ahnung, was genau passiert war. Waren die drei zu lange im Schwitzhaus gewesen? Aber warum? Hatten sie es Amin und ihr irgendwie zeigen wollen, etwas beweisen wollen?
Rinnir kam mit weiteren nassen Handtüchern zu ihnen herüber und erinnerte Teese daran, dass auch er im Schwitzhaus gewesen war. Irgendwie hatte sie ihn danach aber aus den Augen verloren. Bei Liina, Fenn und Seth war er anscheinend nicht gewesen. Wenn sie so darüber nachdachte, war er in den letzten Tagen viel alleine unterwegs gewesen. Nachdem, was er vorhin über Seth gesagt hatte, machte das Teese ein wenig Sorgen. Vertraute er ihr genauso wenig wie Seth?
„Wickel ihm eines davon um die Beine“, kam aus dem Hintergrund der Befehl von Magister Mintal. „Aber nur noch eins. Er soll keinen Kälteschock bekommen.“
Die Heilerin war erschienen und hinter ihr folgten Amin und Liina mit weiteren nassen Handtüchern. Während Rinnir ihren Worten nachkam, kümmerte sich die Heilerin als erstes um Yophus, der es anscheinend am schlechtesten von allen dreien ging.

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Talente und Erinnerungen (10/18)

Februar 1, 2010

Teese schluckte, während Amin an den Zubern vorbei ging und in das niedrige Wasserbecken mit dem Geländer darin kletterte. Das Wasser reichte ihm gerade bis zu den Knien und Teese folgte seinem Beispiel, während ihre Gedanken kreisten.
In den letzten Tagen hatte sie von Timar nichts gehört oder gesehen. Und Seth und die anderen hatten nichts von irgendwelchen weiteren Zwischenfällen erzählt. Teese dachte daran, wie Timar ihr aus dem Arbeitszimmer seines Vaters entgegen gekommen war, am Tag nachdem Seth im Schwimmbecken beinahe ertrunken war. Timars Ohr mit dem Perlenring darin hatte noch geblutet und der Abdruck von Dekan Ezzos Hand auf seiner Wange. Die Worte des Dekans gingen ihr durch den Kopf, dass er dafür gesorgt hätte, dass sich Timar von ihr und ihren Freunden in Zukunft fernhalten würde…
„Deswegen hat er mich vorhin nicht mal angesehen“, murmelte sie schließlich.
Amin wandte sich zu ihr um, während er durch das kniehohe, eiskalte Wasser stakste. Ein vielsagendes Grinsen lag auf seinem Gesicht. „Es wäre fast zur Abwechslung mal eine Wohltat, würde Faraas nicht für ihn einspringen, was?“
Teese überlegte. „Aber wenn man mit dieser Perle auch Dinge hören kann…“, begann sie.
Amin kicherte verhalten. „Ich finde es gar nicht verkehrt, wenn der Dekan mal hören kann, was für Freunde sein Sohn so um sich hat.“
„Aber kann sich Faraas das mit dem Ohrring nicht denken?“, wollte Teese wissen. Das kalte Wasser an den Beinen war angenehm und sie musste zugeben, dass dieser Teil des Schwitzhausbesuchs wirklich nett war – wenn auch nicht unbedingt ‚Spaß‘.
Amin zuckte mit den Schultern und wendete am Ende des Beckens. „Er wird sich denken, dass Ezzo sicher keinen großen Aufwand betreiben wollte.“ Sein Grinsen weitete sich spitzbübisch. „Nicht jeder weiß, welches Talent der Dekan hat.“
Teese sah ihn fragend an. Amin seufzte. „Na, er ist Objektmagier.“
Teese musste lachen. „Wie praktisch.“
Sie watete bis zum Ende des Beckens und sah sich Fenn gegenüber, der sich auf das Geländer stützte. „Hast Du gesehen?“, wollte er wissen. „Liina und Seth sind in einen der Zuber gestiegen. Die müssen ganz schön abgehärtet sein. Das Wasser ist schweinekalt.“ Er grinste. „Ich habe es nicht mal bis zu den Knien geschafft.“
Teese sah hinüber zu den drei Zubern. In einem davon saß Magister Nabi und schien das Wasser in keiner Weise kalt zu finden. Liina stand schon wieder draußen und war in ihren weißen Umhang geschlüpft. Seth schlang sich gerade bibbernd ein Handtuch um die Hüften.
Im Hintergrund kam Dekan Ezzo aus dem Badehaus ins Freie. Teeses Blick blieb an ihm hängen, denn der Dekan trug entgegen den offensichtlichen Gepflogenheiten hier weder Handtuch noch Schwitzhausrobe, sondern seine alltägliche schwarze Robe mit den zahllosen Bändern umwoben. Er hatte es zudem sehr eilig und kam mehr aus der Tür gestürzt, als dass er lief.
Ihm auf dem Fuße folgte Ro, ebenfalls mit seiner normalen Robe bekleidet und der weißen Schärpe quer über den Oberkörper gestreift. Er rannte dem Dekan hinterher vom Badehaus über die hölzernen Bohlen in Richtung der Schwitzhütte.
„Was ist denn jetzt los?“ Amin war hinter Teese aus dem Wassertretbecken gekommen und sah über ihren Kopf hinweg zu den beiden Männern.
Teese konnte die Frage nicht beantworten, aber sie konnte die Anspannung auf den Gesichtern der Männer erkennen und tiefe Besorgnis auf dem sonst so emotionslosen Gesicht des Dekans.
„He, Du, Heiler-Kandidat“, rief Ro zu ihnen hinüber und meinte mit seinen Worten offensichtlich Fenn. „Komm mit. Rasch.“
Fenn rannte barfuß über die Bohlen den beiden Männern hinterher. Liina und Seth kamen zu Teese und Amin herüber. „Was ist los?“, wollte die kleine Chinesin irritiert wissen.
„Wenn sie einen Heiler brauchen“, spekulierte Teese, „gab es vielleicht einen Unfall.“
Bei dem Wort musste sie unvermittelt an das denken, was Seth zugestoßen war. Allerdings wusste sie, dass Timar dieses Mal kaum etwas damit zu tun haben konnte. Immerhin trug er den Perlenohrring.
Das Mädchen sah hinüber zu der Schwitzhütte. Ein paar aufgeregt gestikulierende Schüler standen dort vor der Tür. Als der Dekan herüber gerannt kam, wichen sie allerdings alle zurück, um ihm Platz zu machen. Ro und Fenn waren dicht hinter ihm und verstellten Teese die Sicht auf das, was dort gerade vorgefallen sein mochte.
Magister Nabi rannte mit wehendem Schwitzhaus-Umhang zu der Gruppe. Jemand öffnete die Tür zur Schwitzhütte. Teese glaubte, dass es Ro gewesen war, der auch zuerst hinein ging – komplett bekleidet.

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Talente und Erinnerungen (9/18)

Januar 29, 2010

Teese bewunderte den älteren Jungen für seine Ruhe. Faraas‘ Worte schienen an ihm einfach nur abzuperlen. Sie ärgerte sich alleine über die ‚dicke Frühlingsrolle‘, als welche Faraas Liina tituliert hatte. Und als er Amin damit aufzuziehen versucht hatte, ob Teese seine neue Freundin sei, war ihr das Blut in die Wangen gestiegen. Sie nickte nur stumm und stand auf.
„Ich finde, Ihr passt ganz hervorragend zueinander“, fuhr Faraas davon unbeeindruckt fort. „Sie hat auch noch kein Talent gezeigt und hat sicher genauso wenig eines wie Du, Amin.“
„Vielleicht habe ich kein Talent“, sagte Amin und öffnete die Tür. „Dafür habe ich einen anständigen Charakter, Faraas.“
Teese bemühte sich, möglichst ohne Eile und so gleichgültig wie ihr möglich aus dem Schwitzhaus zu gehen. In ihrem Rücken lachte ihnen Faraas gekünstelt hinterher.
Amin schloss die Tür und zog den weißen Umhang über, der an einem der Haken an der der Hütte gegenüberliegenden Holzwand auf ihn gewartet hatte. Teese griff ebenfalls nach ihrem Schwitzhaus-Umhang.
Sie entschied, dass sie Faraas genauso wenig mochte wie Timar und anscheinend war sie damit nicht alleine. Auch die zwei älteren Schüler, die noch im Schwitzhaus gewesen waren, kamen nun heraus.
„Tür zu“, rief Faraas ihnen hinterher. „Uns wird kalt.“
Einer der beiden verdrehte die Augen und zog die Tür schwungvoll zu. Dabei knallte die Tür regelrecht ins Schloss, worauf man innen Lachen als Reaktion hören konnte.
Zornig zog Teese ihren weißen Stoffumhang über und knotete ihn energisch zu. Am liebsten hätte sie die Tür einfach abgeschlossen, damit Faraas einmal so richtig warm werden würde. Allerdings hatte die Tür kein Schloss und keinen Schlüssel – vermutlich aus genau diesem Grund.
„Liina hat das schon ganz richtig gesehen“, sagte Amin als er sich wieder zu Teese gesellte. „Sie sind wirklich Idioten. Timar ist es von Natur aus und Faraas macht ihm einfach alles nach. Nur zu schade, dass er nicht auch eine Perle verpasst bekommen hat.“
Teese rieb sich ihre Hände. Jetzt an der kühlen Luft kribbelten sie unvermittelt als würde eine Horde Ameisen über sie hinweg laufen. „Was für eine Perle?“, wollte sie wissen und setzte dann hinzu. „Meinst Du den Ohrring?“
Amin ging in Richtung der Zuber mit dem kalten Wasser. „Das Gesprächsthema der halben Schule“, nickte er. „Wenn Du mich fragst, gesteht der Dekan damit indirekt ein, dass er doch nicht so ganz von Timars Unschuld bei diesem ‚Unfall‘ Deines Freundes überzeugt ist.“
Teese legte die Stirn in Falten. „Wieso das?“ Sie verstand nicht, worauf Amin hinaus wollte.
Der ältere Junge lachte. „Tut mir leid. Ich dachte, Ihr hattet Objektmagie schon.“
„Hatten wir auch“, stimmte Teese zu, „aber…“
„Sollte Dir einmal ein Magier etwas mit Perlen schenken, dann lehn es dankend ab“, sagte Amin. „Perlen kann man mit einem Objektzauber versehen, der demjenigen, der sie einer Person gibt, zeigt, was der Träger gerade tut. Wenn der Zauberer gut ist, und Ezzo ist nicht zufälliger Weise Dekan, dann kann er sogar hören, was in der Nähe des Trägers gesprochen wird.“
Schlagartig wurde Teese klar, was das bedeutete. „Er überwacht Timar?“
„Hmhm“, nickte Amin. „Und wenn Du mich fragst, will er damit sicherstellen, dass sein Sohnemann sich von Euch fern hält, bevor noch mehr ‚Unfälle‘ passieren.“

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Talente und Erinnerungen (8/18)

Januar 25, 2010

Faraas grinste spöttisch und stieß Timar an, um ihm etwas zuzuraunen. Doch der blonde Junge würdigte Teese mit keinem Blick. Einen Moment kam Teese in den Sinn, dass er sie jetzt nackt sehen konnte, was ihr peinlich war. Doch dann ging ihr durch den Kopf, dass sie ihn auch nackt sehen konnte und es somit eine ausgeglichene Peinlichkeit war.
Sie gab sich den Anschein das Kohlebecken zu betrachten, während sie den Jungen heimlich musterte. Er sah keinen Augenblick zu ihnen herüber. Seine fahlblonden Haare waren zu einem Zopf gebunden, wie ihn sein Vater zu tragen pflegte. So waren die Ohren frei und Teese konnte den Ohrring gut erkennen, den sie bei ihrem letzten Besuch im Dekanat an ihm zum ersten Mal gesehen hatte. Die Perle schimmerte leicht im Dämmerlicht der Schwitzhütte.
Teese wandte den Blick, als sich die Tür öffnete und ein weiterer Schwitzhaus-Besucher herein kam. Es war Yophus, die kleine Araberin, die bei Magister Tyra im Haus wohnte und die Teese nicht sonderlich sympathisch fand – vor allem wegen den Dingen, die sie über Seth gesagt hatte.
Das Mädchen grüßte, kletterte hinauf zu Magister Tyra und raunte ihr etwas zu. Die Magister nickte und flüsterte dann mit Magister Nabi. Die beiden Frauen standen auf und verließen das Schwitzhaus, Seth schloss sich ihnen nach kurzem Zögern und einem entschuldigenden Blick zu Fenn und Rinnir an.
Yophus kam wieder herunter und goss eine Kelle aus dem Wassereimer auf das Kohlebecken. Dann setzte sie sich zu Timars Füßen auf die unterste Bank.
Ein paar Minuten verstrichen und Teese begann es wirklich heiß zu werden. Sie fragte sich, wie lange man wohl in dieser Schwitzhütte bleiben sollte. Eje und Amin schienen die Wärme anscheinend zu genießen und beide schwitzten kaum. Teese wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er tropfte von ihren Fingern, als sie sich leicht nach vorne lehnte. Sie konnte das Blut durch ihren Körper pulsieren fühlen, fast sogar hören.
Als Magister Felyth wenig später ging, kam allerdings kurz durch die offene Tür ein Schwall kalter Luft, was Teese dankbar zur Kenntnis nahm. Der Platz an der Tür war wohl nicht der schlechteste, zumal gleich darauf auch Fenn und Rinnir das Schwitzhaus verließen und eine erneute kühle Brise Teese erfrischte. Und als wenig später Rehan hinausging, hatte Teese das Gefühl, doch noch ein wenig aushalten zu können – anders allerdings als Liina neben ihr.
Eje beugte sich zu der kleinen Chinesin und flüsterte kurz mit ihr. Dann wandte sie sich an Amin, „Liina und ich gehen schon mal. Ihr könnt nachkommen, wenn Ihr soweit seid.“
Liina stand von der Bank auf und hüllte sich dankbar in ihr Handtuch. Wie auch Teese schwitzte sie bereits ordentlich, während Eje noch recht frisch zu sein schien. Teese überlegte, ob so etwas eine Übungssache war. Sie fand es hier sehr heiß und die ganze Sache recht anstrengend, trotz den kurzen Abkühlungen, die sie an der Tür bekommen hatte.
„Oh“, kommentierte Faraas‘ Stimme quer durch die Schwitzhütte. „Ist der kleinen, dicken Frühlingsrolle etwa zu warm?“
Teese sah ungläubig zu dem Jungen hinauf. Wie konnte er so etwas nur in einem vollen Schwitzhaus sagen? Praktisch vor allen anderen? Die Magister würden doch sicherlich…
Teese sah über die Schulter. Von den Magistern war keiner mehr im Raum. Außer Amin und ihr saßen nur noch zwei ältere Schüler auf einer der Bänke, sowie Yophus, Timar und Faraas. Das erklärte natürlich einiges.
„Klappe, Faraas“, sagte Amin knapp.
Faraas lachte, was in Teeses Ohren allerdings recht aufgesetzt klang. Eje schob Liina an der Schulter zur Tür. „Ignorier ihn einfach“, sagte sie zu der kleinen Chinesin.
Amins Lippen zierte ein spöttischer Zug. „Timars Schoßhund bellt nur. Der beißt nicht.“
Liina kicherte und die beiden Mädchen waren zur Tür raus, bevor Faraas etwas erwidern konnte. Doch lange ließ er damit nicht auf sich warten.
„Du bist so witzig, Amin“, wandte sich Faraas nun an den älteren Jungen. „Habt Ihr die Kleinen jetzt adoptiert? Oder ist sie“ – er machte eine leichte Kopfbewegung hinunter zu Teese – „etwa Deine neue Freundin, nachdem es mit Eje nicht geklappt hat?“
Jetzt kicherte Yophus. Zu Teeses Verwunderung blieb Timar allerdings still. Sein Gesicht war unbewegt und sein Blick war anscheinend gleichgültig auf das Kohlebecken gerichtet. Sie hätte erwartet, dass er der erste sein würde, der mit dem Gestichel anfangen würde.
„Wenn Du nichts dagegen hast, Teese“, wandte sich Amin mit unbewegter Miene an das Mädchen, „könnten wir jetzt auch gehen. Ich bin nicht gerne in schlechter Gesellschaft.“

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Talente und Erinnerungen (7/18)

Januar 22, 2010

Eje schmunzelte und wandte sich an Teese und Liina, das Thema wechselnd, „Was das Schwitzhaus angeht, könnt Ihr Euch einfach an uns hängen. Wir sind hier regelmäßig und eigentlich ist es auch gar nicht kompliziert.“
„Danke.“ Teese war eigentlich ganz froh über das Angebot. Magister Nabi war mit den Jungen bereits verschwunden und Teese hatte keine Ahnung, was man genau hier machte. Und Liina verhielt sich auch nicht so, dass man erwarten konnte, dass sie schon einmal in einem Schwitzhaus gewesen wäre.
Teese ließ das warme Wasser noch eine Weile über sich plätschern, bis Amin und Eje fertig waren und sie zu viert den Duschraum verließen.
In der Umkleide zogen sie sich jeder eine der weißen Stoffumhänge über, die gerade bis zu den Oberschenkeln reichten und eine Kapuze besaßen. Sie erinnerten Teese an zu kurz geratene Bademäntel aus einem dünnen, festen Stoff.
So bekleidet und mit einem Handtuch bewaffnet, folgten Teese und Liina den älteren beiden in den Garten, der hinter dem Haus lag. Ein Großteil des Geländes war mit einem geriffelten Holzboden versehen worden, so dass es mehr eine Terrasse als ein Garten war. Rechts, kurz vor der Mauer, hinter welcher die Insel zum Meer hinunter steil abfiel, gab es ein kleines Schwimmbecken.
Drei Zuber mit eiskaltem Wasser standen daneben, in welchen man sich nach dem Besuch der Schwitzhütte abkühlen konnte, wie Eje erklärte. Außerdem gab es ein Becken das mit einem Geländer versehen war und nicht mehr als knietief war. Magister Elgin watete durch das Wasser und unterhielt sich dabei lachend mit einer Frau, die Teese nicht kannte.
Während sie über die Holzbohlen liefen, entdeckte sie dafür noch Magister Pim, der nur mit einem Handtuch bekleidet am Rand des Schwimmbeckens stand und mit Icus sprach, der am Beckenrand saß und ihnen den Rücken zuwandte.
Teese stellte fest, dass Icus und der Magister sich vom Körperbau her durchaus ähnelten. Beide hatten breite Schultern und einen kräftigen Oberkörper. Magister Pim hatte seine Arme vor der Brust verschränkt und Teese entschied, dass man solch muskulöse Oberarme nur haben konnte, wenn man den ganzen Tag in der Trainingshalle zubrachte – was bei Magister Pim auch der Fall war.
„Das ist die Schwitzhütte“, sagte Amin, als sie ein kleines Gebäude erreicht hatten, das Teese eine Mischung aus Schuppen und Hütte zu sein schien. Die Schwitzhütte war in etwa so hoch wie ein Stockwerk eines normalen Hauses, langgezogen und ganz aus Holz gebaut. Die runden Balken, welche die Wände bildeten, sahen noch aus wie die Baumstämme, aus welchen sie gefertig waren. Ein flaches Dach, auf dem einzelne Steine lagen, bildete den Abschluss und erinnerte Teese an eine Hütte irgendwo im Gebirge.
„Hier vorne hängen wir unsere Umhänge hin, während wir drin sind“, wies Eje zu einer Reihe von Haken, die an einer Bretterwand links vor der Hütte befestigt waren. Dort hingen schon einige der weißen Roben.
„Wenn Du willst, kannst Du Dir stattdessen das Handtuch umbinden, Liina“, sagte Amin freundlich zu der kleinen Chinesin. Anscheinend war ihm nicht entgangen, dass ihr die ganze Sache irgendwie unangenehm war.
„Du kannst es auch drinnen anlassen“, fügte Eje hinzu. „Allerdings fällst Du weniger auf, wenn Du es nicht machst.“
„Stimmt“, grinste Amin. „Der Normalzustand dort drinnen ist nun mal nackt. Alles andere zieht unweigerlich die Blicke auf sich.“
Teese zog ihren Umhang aus und schlang das Handtuch um den Körper. Während sie auf die anderen wartete, betrachtete sie die Vorderseite der Schwitzhütte. Die Tür bestand zu einem Großteil aus Glas, so dass man von hier aus hineinsehen konnte.
Es war anscheinend im Inneren recht dunkel, was bei den fehlenden Fenstern zu erwarten gewesen war. Von den Personen, die sich in der Schwitzhütte aufhielten, war kaum mehr zu erkennen als die Umrisse.
Eje ging voran und öffnete die Tür. Ein Schwall heißer Luft kam Teese entgegen. „Schnell rein“, erklärte Eje den jüngeren Mädchen und Amin schloss die Tür hinter ihnen, kaum dass sie im Inneren waren.
„Guten Tag“, grüßte Eje in die Runde, worauf sie eine gemurmelte Antwort der Anwesenden erhielt.
„Hier, setzt Euch nach unten“, wies Amin zu einer hölzernen Bank neben der Tür. Teeses Augen brauchten einen Moment, um sich an die neuen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Dann konnte sie sehen, dass es vier Reihen an Bänken gab, die hintereinander standen, eine höher als die andere.
Sie machte es Eje nach, die ihr Handtuch ausbreitete und sich darauf setzte. Amin trat zur Seite, wo ein großes Kohlebecken stand, in welchem graue Steine lagen. Aus einem Eimer nahm der Junge eine Kelle mit Wasser und goss es mit einer schnellen Bewegung auf die Steine. Das Wasser zischte und knisterte, als würde es auf glühende Kohlen gegossen werden.
Eine unsichtbare Wolke heißer Luft rollte über Teese hinweg. Es fühlte sich an, als wäre sie gegen eine Mauer aus Hitze gelaufen. Sie verstand unvermittelt, warum sich dieses Gebäude Schwitzhütte nannte. Warum es allerdings Spaß machen sollte, war ihr immer noch nicht klar.
Teese zog die Beine an den Körper und sah sich im Raum um. Direkt hinter ihr saßen Seth, Rinnir und ein wie üblich grinsender Fenn.
Magister Nabi saß in der vierten Reihe ganz oben neben Magister Tyra. Die beiden Frauen plauderten ungezwungen, während Magister Felyn neben ihnen schweigend dasaß und die Augen geschlossen hatte als würde er meditieren. Eine Reihe weiter unten saßen zwei Schüler, die Teese nicht kannte. In der zweiten Reihe hatte der Pförtner Rehan sein Handtuch ausgebreitet und neben ihm saß zu Teeses Leidwesen Faraas und direkt neben ihm Timar.

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Talente und Erinnerungen (6/18)

Januar 18, 2010

Fenn war der erste, der ihren Worten schließlich nachkam. Seth ließ die Schultern hängen und streifte dann seine Schuhe ab. Als er die Robe auszog, konnte Teese zum ersten Mal sehen, wie dürr der Junge wirklich war. Die Rippen standen deutlich hervor und der Bauch war eingefallen.
Rinnir setzte sich neben ihm auf die Bank und knotete die Bänder seiner Robe auf. Liina warf Teese einen fragenden und fast ungläubigen Blick zu.
Zwei ältere Schülerinnen mit nassen Haaren kamen aus dem Raum, in welchem Magister Nabi verschwunden war. Sie griffen sich zwei Handtücher, grinsten die beiden jüngeren Mädchen kurz an und verließen den Raum dann wieder.
Teese zuckte schließlich mit den Schultern und begann sich ebenfalls auszuziehen. Anscheinend machte man das hier so, auch wenn Liina sich offensichtlich genierte. Teese erinnerte sich, dass sie bereits bei der Schwimmprüfung nicht allzu glücklich gewesen war, als sie nur in der Unterhose ins Wasser hatten gehen müssen.
„So was gehört sich doch nicht“, murmelte Liina, während sie langsam ihre Schuhe auszog und an den Bändern der Robe mehr nestelte als sie wirklich zu öffnen. Dadurch, dass Liina so herumtrödelte, waren die anderen bereits fertig mit duschen, als die zwei Mädchen den Duschraum betraten, den sie nun ganz für sich alleine hatten, was Liina sichtlich entspannte.
Teese ging zu einem der silbernen Duschknöpfe an der Wand und drehte ihn auf. Während sie duschte, bewunderte sie die kunstvollen Fliesen an den Wänden, von welchen einige in Form von Fischen gefertigt waren, während andere Seelilien nachbildeten. Der Raum war in einem dunklen Blau gehalten und Teese fand, dass es das schickste Badezimmer war, das sie je gesehen hatte.
„Hey, Teese.“
Das Mädchen schrak zusammen, als sich Amin zu ihr gesellte und die Dusche neben ihrer aufdrehte.
„Dich habe ich hier noch nie gesehen“, fuhr Icus‘ Freund gut gelaunt fort.
„Ich bin auch das erste Mal hier“, sagte Teese und beeilte sich, woanders hinzusehen. Amin trug natürlich genauso wenig noch eine Robe wie sie. „Magister Nabi hat uns mitgenommen.“
Amin giggelte amüsiert. „Mitgeschleift trifft es wohl eher“, stellte er fest. „Aber keine Sorge, wir zeigen Euch schon, wie hier alles abläuft. Eje ist eine wahre Schwitzhaus-Expertin.“
Teese sah auf und bemerkte erst jetzt das ältere Mädchen, das sich neben Amin unter eine der Duschen gestellt hatte. Sie war nur ein Stück kleiner als der hochgewachsene Amin und hatte zartbraune Haut und schwarze Locken. Ihre Augen waren allerdings blau, was auf Teese ungewohnt wirkte.
„Hi“, grinste sie. „Ich glaube, wir kennen uns noch nicht, oder? Ich bin Eje. Ich wohne mit Amin bei Magister Pim.“
„Teese“, sagte Teese und kam sich irgendwie seltsam vor, eine solche Unterhaltung unter der Dusche zu führen. „Und das ist Liina. Wir wohnen bei Magister Nabi.“
„Ah, Icus hat mir von Dir erzählt“, nickte Eje.
„Eje ist Icus‘ Freundin“, grinste Amin.
„Ich kann nichts dafür, dass er mich vor Dir gefragt hat, Amin-Schatz“, grinste das Mädchen und ihr Tonfall verriet, dass sie den Jungen aufziehen wollte.
„Pft.“ Amin lehnte sich unter den Wasserstrahl der Dusche zurück und prustete, während er die Haare wusch.

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Talente und Erinnerungen (5/18)

Januar 15, 2010

Teese fasste Rinnir beim Arm und ließ sich mit ihm ein wenig zurückfallen, während es den Inselberg hinauf ging. Mit gesenkter Stimme, dass es die Magister auch sicherlich nicht hören konnte, erzählte sie ihm von Seths Liste und Liinas Theorie.
Rinnir sah gedankenverloren die Straße hinauf. Das schwarze Kopfsteinpflaster glänzte im Regen als wäre es mit Silber überzogen. Kleine Rinnsale flossen rechts und links der Straße hinunter und plätscherten gurgelnd. Das Geräusch mischte sich in das beständige Rauschen des Regens.
„Traust Du Seth?“, wollte Rinnir dann unvermittelt wissen.
„Was?“ Teese keuchte überrascht. „W-warum sollte ich ihm nicht trauen?“ Sie war vollkommen fassungslos, wie Rinnir so etwas fragen konnte.
Der Junge strich sich langsam seine dunkelblonden Haare hinter die Ohren zurück, als wolle er dadurch Zeit gewinnen. „Wenn ich Rehan richtig verstanden habe, dann wurde sein Unterdrückungszauber nicht erneuert. Er erinnert sich also an seine Familie und an die richtige Welt.“
Teese schauderte leise bei der Formulierung. Wenn Rinnir sprach, konnte man den Eindruck gewinnen, Weltenei wäre ein schlechter Ort, etwas unheimliches wie aus einem Albtraum.
„Seth müsste wissen, was hier los ist“, fuhr Rinnir fort, „und er weiß, dass wir herausfinden wollen, was hier nicht stimmt. Ich frage mich, warum er es uns nicht einfach erzählt.“
Teese schwieg betroffen. Auf so einen Gedanken wäre sie selbst nie gekommen. „Du könntest ihn fragen“, schlug sie vor.
Rinnir sah Teese mit einem zweifelnden Seitenblick an. „Ich glaube nicht, dass er uns dann mehr erzählen würde als Icus und sein Freund Amin.“
„Dann frage ich ihn“, entschied Teese. Sie mochte den Gedanken nicht, dass Rinnir Seth nicht traute. Sie waren doch alle Freunde, oder? Sie sollten keine Geheimnisse voreinander haben oder solche Sachen von einander denken.
„Dann frage ihn“, sagte Rinnir. „Aber ich glaube nicht, dass es uns weiterhelfen wird.“
Er beschleunigte seine Schritte und Teese folgte ihm. Die anderen waren vor einem der Häuser stehen geblieben und Magister Nabi hielt eine Tür auf. Teese sah über ihre Schulter zurück. Sie waren noch nicht einmal zur Hälfte den Inselberg hinauf gegangen. Bis zur Landeplattform der fliegenden Pferde war es noch ein gutes Stück. Sie hatte nicht erwartet, dass es in diesem Bereich etwas anderes als Wohnhäuser gäbe.
Und von außen sah das Haus auch kaum anders aus als die übrigen Gebäude. Es war aus grauen Steinen erbaut und hatte lindgrüne Fensterläden. Das Gebäude war vielleicht nicht ganz so schmal wie die übrigen Häuser und die Fenster waren recht hoch, aber ansonsten unterschied es sich nicht von den umstehenden Gebäuden.
Teese trat als letzte durch die von der Magister offengehaltene Eingangstür und fand sich in einem kahlen Raum wieder, dessen Wände dieselben grauen Steine zeigten wie von außen. Sie waren nicht verputzt, es gab keine Bilder an den Wänden, keine Regale und überhaupt keine Einrichtungsgegenstände. Auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite stand die Tür in den Garten offen. Teese konnte dort einige Personen sehen, die im Regen umher gingen. Einige hatten weiße Handtücher umgebunden oder trugen eine Art weiße kurze Roben, andere hingegen…
„Die sind nackt“, flüsterte Liina ihr ins Ohr und die Besorgnis in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
Magister Nabi, welcher Liinas Reaktion entgangen war, schloss energisch die Tür hinter sich. Sie ging durch einen Torbogen in der linken Wand, der in einen weiteren großen Raum führte. Die Kinder folgten ihr in etwas, das Teese für eine große Umkleide hielt. Hier gab es Regale und Bänke, Roben hingen an Haken und Schuhe standen unter den Bänken. Ein Stapel weißer Handtücher lag in der Mitte des Raumes auf einem steinernen Tisch. Die weißen Umhänge, wie sie einige der Leute im Freien getragen hatten, hingen in verschiedenen Größen an einer Art Garderobe.
Bevor sich Teese fragen konnte, was sie machen sollten, schlüpfte Magister Nabi aus ihren Schuhen und löste die Bänder ihrer Robe, die sie über den Kopf streifte. „Nun, dann zieht Euch mal aus“, sagte sie zu den Kindern, die alle fünf die nun nackte Magister anstarrten. „Ihr könnt kaum in Euren Roben duschen.“ Damit verschwand sie durch einen weiteren Durchgang in den nächsten Raum.

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Leser fragen, h3nri3tt4 antwortet (Folge 2)

Januar 14, 2010

Nachdem seit der ersten Folge von “Leser fragen, h3nri3tt4 antwortet” schon einige Zeit vergangen ist und es bereits wieder eine Menge interessanter Fragen gab, habe ich mir wieder einmal ein paar herausgesucht, die ich im Folgenden ein wenig ausführlicher beantworten will als es bei den Kommentaren sonst der Fall wäre.

1. Frage: Welche Arten von Magie und Magiern gibt es und werden sie unterschiedlich bewertet?

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Magiern, jene mit Talent und jene ohne. Magier mit Talent können nur eines davon besitzen, das sie in der Regel innerhalb eines bestimmen Zeitraums von selbst finden. Von diesen Talenten gibt es verschiedene, die sich zum Teil mit dem decken, was wir unter Magie verstehen. Es gibt allerdings keine magischen Sprüche und keine Zauberstäbe, um diese Magie zu wirken. Und jeder Zauberer übt seine eigene Magie anders aus. Bisher haben wir Magieformen gesehen wie Tiermagie, Schriftmagie, Heilmagie und gehört von Dingen wie Pflanzenmagie, Prophetie, Elementmagie oder Objektmagie. Magier, welche ein Talent besitzen, können ihre Art der Magie ohne Kraftanstrengung beliebig verwenden und sind nur limitiert durch ihr eigenes Können. Zudem kann jeder Magier auch jede andere Form von Magie nutzen, deren Umgang er gelern hat. Dies kostet ihn allerdings ‘Magie’ und ‘Kraft’. Auf diese Weise zaubern auch die talentlosen Magier. Mehr zur Theorie der Magie auf Weltenei wird uns im Verlauf des ersten Buches noch begegnen.

2. Frage: Welche Schärpen gibt es und wie erlangt man sie?

Die erste Schärpe, die weiße (Kandidaten-Schärpe) erhält jeder Magier am ersten Tag auf Weltenei. Für jede Weitere ist eine Prüfung nötig, die man absolvieren kann, sobald man selbst und/oder der eigene Tutor der Meinung ist, man wäre soweit. Dadurch und da jeder Schüler dieselbe Zeit in Weltenei verbringt, gibt es gewisse Altersgruppen, in welcher man die meisten Träger einer Schärpe antrifft. Allerdings gibt es Ausnahmen: Ro trägt noch immer die weiße Schärpe und Timar ist für sein Alter schon sehr viel weiter als der Durchschnitt. Um die violette Dekanschärpe zu erhalten muss man sich zudem der Prüfung durch den derzeitigen Träger der violetten Schärpe stellen. Auch dazu folgt später mehr. Hier nun noch die Schärpen im Überblick.

- Weiß (Kandidaten: ca. 8-10 Jahre)
- Rot (10-14 Jahre)
- Orange (14-17 Jahre)
- Gelb (17-20 Jahre)
- Grün (ab 20 Jahre)
- Blau (Magisterschärpe)
- Violett (Dekanschärpe)

3. Frage: Wusstest Du, dass es ein Buch gibt, das “Schule der Magier” heißt, genauso wie Dein erstes Kapitel?

Ja, allerdings erst, nachdem ich festgestellt habe, dass es Leute gibt, welche über diesen Suchbegriff das Blog gefunden haben und ich die komplette Bezeichnung gegoogelt habe. Da der Gleichlaut keine Absicht war, nur das eine Kapitel betrifft und die Formulierung “Schule der Magier” nun nicht so sonderlich ausgefallen ist, dass sie sonst nirgendwo sonst auftauchen könnte, habe ich von einer Umbenennung des Kapitels allerdings abgesehen. Ich denke, es wird jedem klar, der hier reinliest, dass Weltenei nichts mit “Die Schule der Magier” von Henry H. Neff zu tun hat und auch inhaltlich keinerlei Übereinstimmungen vorhanden sind. (Zumal ich das Buch auch noch nicht gelesen habe.)

4. Frage: Wie alt sind die Magier auf Weltenei und wieso sind sie so alt?

Diese Frage hat sich ergeben, nachdem offensichtlich wurde, dass wenigstens einer der Magier, Magister Mintal, ein unglaublich hohes Alter haben muss. Nun ist es aber nicht so, dass die Zeit in Weltenei langsamer vergehen würde. Vielmehr können Magier in der Welt von Weltenei keines natürlichen Todes sterben. Gleichwohl altern sie auf normale Weise, was bei einer Lebenserwartung von möglicher Weise hunderten von Jahren keine angenehme Angelegenheit ist. Daher nutzen sie einen besonderen Zauber, welcher es ihnen ermöglicht, ihre Gestalt willentlich zu verändern. Dies ist ein einmaliger Vorgang. Das gewählte Erscheinungsbild behält der Magier sein restliches Leben.

Dies bereits getan haben Magister Mintal (deren genaues Alter unbekannt ist, die aber mindestens das späte Mittelalter noch miterlebt hat), Dekan Ezzo (geb. gegen Ende des 19. Jhd.), Magister Pim (geb. 1929), Magister Nabi (geb. im 17. Jhd.) sowie eine Vielzahl von anderen Magiern. Dies noch nicht getan (und dies sind die eigentlich interessanten Fälle) haben Magister Elgin (geb. in den 60er Jahren), der Pförtner Rehan (geb. in den 50er Jahren) sowie natürlich alle Schüler auf Weltenei. Zum Vergleich für die Altersangaben: die aktuelle Handlung auf Weltenei spielt in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts.

5. Frage: Mir kommt die Beschreibung der Münzen auf Weltenei bekannt vor. Kann das sein?

Ja, kann es. Die Goldmünze existiert in ähnlicher Form auch in ‘unserer’ Welt und ist eine recht alte Währung. Hier wie auch auf Weltenei wird sie als ‘Goldflorin’ bezeichnet. Die Vorderseite entspricht den historisch belegten Exemplaren aus dem 11. Jahrhundert. Die Rückseite mit dem Erzengel Michael ist spezifisch für die Welt von Weltenei.

Soviel damit für dieses Mal. Für die heutigen Fragen danke ich Dominic, Müsli, Nuna und Lamia. Wenn auch Ihr Fragen habt, könnt Ihr mir gerne an h3nri3tt4@googlemail.com mailen (aufgrund des Mailfilters schreibt aber bitte nur ‘Fragen’ in die Betreffzeile, damit die Mail nicht verlorengeht) oder hinterlasst die Frage im Kommentarbereich.

Liebe Grüße,

h3nri3tt4


Neues Jahr – Neues im Blog

Januar 13, 2010

Auch wenn ich vermutlich damit die Letzte sein werde, wollte ich Euch an dieser Stelle noch ein frohes neues Jahr wünschen und Euch auf ein paar Neuerungen aufmerksam machen. Der eine oder andere hat es vielleicht schon bemerkt, aber ein dezenter Hinweis schadet bekanntlich nicht:

  • Zum einen sind inzwischen zwei neue Kapitel zum Herunterladen online gestellt, das dritte (Familienbande), das schon eine Weile zu haben ist, aber vergessen wurde zu verlinken, und das vierte (Unerwartete Begegnungen), das seit gestern heruntergeladen werden kann. Ich wünsche Euch damit viel Spaß.
  • Außerdem wurde die Seite “Inhaltszverzeichnis” aufgestockt und beinhaltet nun neben den Links zum jeweiligen Blogeintrag auch eine kurze Zusammenfassung des jeweiligen Kapitels. Ich hoffe, das erleichtert neuen Lesern den Einstieg und hilft allen, die schon länger dabei sind, den roten Faden besser im Auge zu behalten.
  • Neu sind auch ein paar Votinglisten, auf welchen wir nun ebenfalls vertreten sind. Wenn der eine oder andere von Euch nach dem Lesen des aktuellen Blogeintrags noch Zeit für einen Klick hat, möge er doch bitte dorthin klicken. Das kommt alles unserer Reichweite zu gute. Danke schon einmal dafür.

Zurzeit befinden wir uns im fünften Kapitel, wie Ihr sicherlich unschwer bemerkt habt, und es wird Zeit, ein paar der Merkwürdigkeiten in und um Weltenei zu klären. Zu den Drachen und sonstigen Tieren auf Weltenei haben Teese und ihre Freunde nun schon etwas mehr in Erfahrung bringen können. Es folgt die Auflösung, was es mit dem ‘Vergessenszauber’ auf sich hat und ein weiterer Einblick in die magischen Talente.

Wie ich den letzten Kommentaren entnehmen kann, sind die meisten von Euch zurzeit leider ziemlich im Stress, was ich (ebenfalls leider) gut nachvollziehen kann. Anhand der Seitenaufrufe kann ich aber feststellen, dass wir täglich einen regen Leseverkehr auf den Seiten haben, so dass wir zurzeit an der 4.000er-Marke kratzen. Weiter so. Ich freue mich auch in Zukunft über jeden Leser und über jeden Kommentar.

Liebe Grüße,

h3nri3tt4