„Teese…mi ist alles in Ordnung?“, wollte Marisan besorgt wissen.
„Ja“, log Teese. „Mir ist nur ein wenig schwindelig. Ich glaube“ – Sie atmete tief durch – „ich glaube, ich sollte besser an die frische Luft.“
„Gute Idee“, unterstützte Nysrael sie. „Der Drache ist wirklich nicht der Bringer. Gehen wir lieber uns den Jahrmarkt weiter ansehen.“
Teese atmete tief durch, als sie die Bretterbude verließen und sich unter dem freien Himmel wiederfanden. Eine recht kühler Wind war aufgezogen und am Horizont konnte man dunkle Wolken heraufziehen sehen.
Noch etwas benommen folgte Teese den beiden Älteren durch das Gedränge auf dem Jahrmarkt. Marisan und Nysrael liefen nebeneinander und schienen sich gut miteinander zu unterhalten, was Teese nur ganz Recht war, denn so konnte sie einen Augenblick gedanklich verschnaufen und über den Drachen nachdenken.
Allerdings waren sie alle drei so sehr abgelenkt, dass sie nicht bemerkten, wie sich vor ihnen die Menge zu teilen begann. Teese sah es erst, als Marisan und Nysrael stehen blieben und sie aufblickte. Von vorne kamen mehrere Männer in roten Gewändern, ähnlich jenen, welche auch die beiden getragen hatten, die Nysrael verfolgt hatten.
Der Junge drehte sich eilig um als wolle er in die andere Richtung davonstürmen, verharrte dann aber wie erstarrt. „Verschwindet“, zischte er dann unterdrückt zu Marisan und Teese. „Schnell.“
Marisan griff Teese am Ärmel ihres Hemdes, während das Mädchen noch über ihre Schulter sah. Weitere Männer in roten Roben waren hinter ihnen erschienen. Sie trugen umgegürtete Schwerter und Lanzen, die sie leicht schräg hielten, um sich wenn nötig Platz zu verschaffen. In ihrer Mitte lief ein hochgewachsener Mann in einem blauen Umhang und mit sehr ungehaltenem Gesichtsausdruck.
Marisan zog Teese mit sich, so dass das Mädchen wieder nach vorne blicken musste. Sie schafften es unauffällig mit der zurückweichenden Menge zu verschmelzen und als die Rotgekleideten Nysrael erreichten, schenkte ihnen keiner von ihnen weitere Aufmerksamkeit.
In einiger Entfernung blieb die Menge der Jahrmarktsbesucher stehen wie eine Gruppe Schaulustiger und bildete einen langgezogenen Kreis um Nysrael und die Männer, als würden diese in einem abgesteckten Ring stehen, welchen keiner der anderen betreten durfte.
Der Mann in dem blauen Gewand trat nach vorne und blieb eine Armlänge vor Nysrael stehen. Er war großgewachsen und kräftig mit deutlichem Bauchansatz, der ihn aber alles andere als behäbig wirken ließ. Wortlos streckte er seine Hand nach Nysrael aus und fasste das Hemd, das Marisan ihm gegen hatte, an. Er rieb den Stoff prüfend zwischen den Fingern und sah dann von dem Jungen suchend in die Menge der Umstehenden.
Teese hielt unbewusst den Atem an, als der Blick des Mannes über sie hinweg glitt. Seine Augen waren grau-blau und hatten einen stechenden Blick, der Missbilligung und Strenge widerspiegelten.
„Graf Darion“, flüsterte Marisan kaum hörbar an Teese gerichtet.
Das Mädchen sah ungläubig zu dem Mann, der Nysraels Vater sein sollte, und seinem Sohn doch nicht wirklich ähnelte. Beide waren zwar großgewachsen, doch war Nysrael eher schlaksig. Selbst sein Gesicht wirkte schlank und langgezogen, während das des Grafen zwar oval war, aber kräftig wirkte.
Der Graf besaß eine ausgeprägten Stirnpartie, eine breite Nase und Ohren, die von den kurzgeschnittenen Haaren leicht abstanden. Seine Haare waren braun wie die seines Sohnes, doch war der Graf zu einem Großteil kahl. Unvermittelt erinnerte er Teese an den Wirt im Lieblingsrestaurant ihrer Eltern, der meist gutgelaunt und lautstark mit seinen Gästen plauschte. Teese erinnerte sich an sein schallendes Lachen, an einen Raum mit grünen Lampen und schweren Eichenholztischen, an Schnitzel mit Pommes und einen kleinen schwarzen Hund, der…
„Oh, Nein“, hauchte Marisan, als der Graf zögerte und seinen Blick zurück zu ihr und Teese wandte.
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