Unerwartete Begegnungen (14/18)

Dezember 14, 2009

„Teese…mi ist alles in Ordnung?“, wollte Marisan besorgt wissen.
„Ja“, log Teese. „Mir ist nur ein wenig schwindelig. Ich glaube“ – Sie atmete tief durch – „ich glaube, ich sollte besser an die frische Luft.“
„Gute Idee“, unterstützte Nysrael sie. „Der Drache ist wirklich nicht der Bringer. Gehen wir lieber uns den Jahrmarkt weiter ansehen.“
Teese atmete tief durch, als sie die Bretterbude verließen und sich unter dem freien Himmel wiederfanden. Eine recht kühler Wind war aufgezogen und am Horizont konnte man dunkle Wolken heraufziehen sehen.
Noch etwas benommen folgte Teese den beiden Älteren durch das Gedränge auf dem Jahrmarkt. Marisan und Nysrael liefen nebeneinander und schienen sich gut miteinander zu unterhalten, was Teese nur ganz Recht war, denn so konnte sie einen Augenblick gedanklich verschnaufen und über den Drachen nachdenken.
Allerdings waren sie alle drei so sehr abgelenkt, dass sie nicht bemerkten, wie sich vor ihnen die Menge zu teilen begann. Teese sah es erst, als Marisan und Nysrael stehen blieben und sie aufblickte. Von vorne kamen mehrere Männer in roten Gewändern, ähnlich jenen, welche auch die beiden getragen hatten, die Nysrael verfolgt hatten.
Der Junge drehte sich eilig um als wolle er in die andere Richtung davonstürmen, verharrte dann aber wie erstarrt. „Verschwindet“, zischte er dann unterdrückt zu Marisan und Teese. „Schnell.“
Marisan griff Teese am Ärmel ihres Hemdes, während das Mädchen noch über ihre Schulter sah. Weitere Männer in roten Roben waren hinter ihnen erschienen. Sie trugen umgegürtete Schwerter und Lanzen, die sie leicht schräg hielten, um sich wenn nötig Platz zu verschaffen. In ihrer Mitte lief ein hochgewachsener Mann in einem blauen Umhang und mit sehr ungehaltenem Gesichtsausdruck.
Marisan zog Teese mit sich, so dass das Mädchen wieder nach vorne blicken musste. Sie schafften es unauffällig mit der zurückweichenden Menge zu verschmelzen und als die Rotgekleideten Nysrael erreichten, schenkte ihnen keiner von ihnen weitere Aufmerksamkeit.
In einiger Entfernung blieb die Menge der Jahrmarktsbesucher stehen wie eine Gruppe Schaulustiger und bildete einen langgezogenen Kreis um Nysrael und die Männer, als würden diese in einem abgesteckten Ring stehen, welchen keiner der anderen betreten durfte.
Der Mann in dem blauen Gewand trat nach vorne und blieb eine Armlänge vor Nysrael stehen. Er war großgewachsen und kräftig mit deutlichem Bauchansatz, der ihn aber alles andere als behäbig wirken ließ. Wortlos streckte er seine Hand nach Nysrael aus und fasste das Hemd, das Marisan ihm gegen hatte, an. Er rieb den Stoff prüfend zwischen den Fingern und sah dann von dem Jungen suchend in die Menge der Umstehenden.
Teese hielt unbewusst den Atem an, als der Blick des Mannes über sie hinweg glitt. Seine Augen waren grau-blau und hatten einen stechenden Blick, der Missbilligung und Strenge widerspiegelten.
„Graf Darion“, flüsterte Marisan kaum hörbar an Teese gerichtet.
Das Mädchen sah ungläubig zu dem Mann, der Nysraels Vater sein sollte, und seinem Sohn doch nicht wirklich ähnelte. Beide waren zwar großgewachsen, doch war Nysrael eher schlaksig. Selbst sein Gesicht wirkte schlank und langgezogen, während das des Grafen zwar oval war, aber kräftig wirkte.
Der Graf besaß eine ausgeprägten Stirnpartie, eine breite Nase und Ohren, die von den kurzgeschnittenen Haaren leicht abstanden. Seine Haare waren braun wie die seines Sohnes, doch war der Graf zu einem Großteil kahl. Unvermittelt erinnerte er Teese an den Wirt im Lieblingsrestaurant ihrer Eltern, der meist gutgelaunt und lautstark mit seinen Gästen plauschte. Teese erinnerte sich an sein schallendes Lachen, an einen Raum mit grünen Lampen und schweren Eichenholztischen, an Schnitzel mit Pommes und einen kleinen schwarzen Hund, der…
„Oh, Nein“, hauchte Marisan, als der Graf zögerte und seinen Blick zurück zu ihr und Teese wandte.

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Unerwartete Begegnungen (13/18)

Dezember 11, 2009

Teese erinnerte sich, dass der Junge vorhin bereits von den Fomori gesprochen hatte und sie im selben Atemzug wie die Riesen von Awrosch genannt hatte. Dass sie als gemeinsame Kriegspartei aufgetreten waren, schien Teese nicht weiter verwunderlich, als sie die Wesen im Licht der abgeteilten Bühne betrachtete: Die Fomori waren groß wie Riesen.
Zwei von ihnen waren wohl Erwachsene und drei Kinder der Größe nach zu urteilen. Sie waren zum Großteil wie Menschen geschaffen mit Armen und Beinen sowie einem kräftig gebauten Leib. Alle trugen schlichte dunkle Kleidung, die enganliegend war und die Konturen nachzeichnete, vielleicht um zu zeigen, dass es sich wirklich um ein Wesen handelte und nicht um zwei Menschen, die in einem Formori-Kostüm steckten.
Die beiden Erwachsene waren jedenfalls gut doppelt so groß wie ein erwachsener Mensch und die drei Kinder überragten Teese sicher alle um zwei oder drei Köpfe. Doch ihre Größe alleine war nicht das, was ihre Andersartigkeit alleine auszeichnete. Vielmehr wuchsen aus den Hälsen der Formori Köpfe von Tieren.
Einer der Erwachsene hatte den Kopf eines Steinbocks, der andere den eines Hirsches mit einem prächtigen Geweih, das Teese schwer beeindruckte.
„Könnte ein wenig Probleme haben durch eine Tür zu kommen“, meinte Nysrael, um sein eigenes Erstaunen zu überspielen.
Marisan giggelte bei seinem Kommentar und als wären sich die fünf Fomori dadurch erst ihrer Anwesenheit bewusst geworden, wandten sie die Köpfe in ihre Richtung und Nysrael verstummte.
Eines der Formori-Kinder, das den Kopf eines großen Wildschweines auf seinen Schultern trug, griff nach dem Arm des Mannes mit dem Hirschkopf und sah zu ihm hinauf. Der Mann sah zu dem Kind herunter und schüttelte dann den Kopf, wobei das Geweih bedrohlich schwankte. Der junge Formori ließ die Hand des älteren los und setzte sich auf den Boden, den Kopf in die Hände gestützt als wäre er beleidigt.
„Lasst uns weitergehen“, hauchte Marisan, welche ihren Atem angehalten hatte. „Ich finde sie unheimlich.“
„An ihnen ist überhaupt nichts unheimlich“, wiedersprach Nysrael energisch. „Ihre Größe und ihr unheimliches Aussehen haben ihnen im Kampf gegen uns damals auch nichts geholfen. Es gibt also keinen Grund, vor ihnen Angst zu haben.“ Er ließ einen kurzen Moment verstreichen und fügte dann hinzu. „Aber wenn Du Dich gruselst, gehen wir selbstverständlich weiter.“
Teese verzog das Gesicht und war ganz froh, dass die anderen das im Dämmerlicht nicht sehen konnten. Sie würde wetten, dass Nysrael auch nicht ganz wohl in seiner Haut war und er nur so tat als wäre er vollkommen unbeeindruckt von den Formori.
Teese folgte Marisan und Nysrael in den Gang, welcher zur nächsten Kuriosität führen würde. Und als sie den Raum betraten, erkannte Teese, dass es der letzte war, denn hier befand sich der Drache. Für ihn war eine eigene Umzäunung geschaffen worden, die mit Stroh gefüllt war, aus welcher der Drache mit großen Augen hervor sah.
„Nanu“, war Teeses erste Reaktion. Der Drache war nicht größer als ein Fußball und fast genauso rund. Unter dem Körper lugten vier stämmige Beine hervor. Ein kurzer Schwanz kringelte sich leicht und zeigte einen Farbverlauf von dem Graugrün seines Körpers zu einem strahlenden Blau. Der Kopf war der einer Echse mit einer Art Kragen im Nacken, der Teese an etwas erinnerte, was sie schon einmal auf Bildern gesehen hatte, in einem Buch – in einem Buch, das sie mehrmals gelesen hatte, als sie noch jünger gewesen war und das…
„Ist der süß“, entfuhr es Marisan und ließ Teeses aufsteigende Erinnerung zerplatzen wie eine Seifenblase.
„Das soll ein Drache sein?“, wollte Nysrael ungläubig wissen. „Er ist doch winzig. Hätte er keine Schuppen, würde ich sagen, das ich ein Hund mit Halskrause.“
„Er muss noch ein Baby sein“, stellte Marisan verteidigend fest. „Sicher wird er noch wachsen.“
Teese betrachtete den kleinen Drachen skeptisch. Sie wusste nicht viel über Drachen und kannte die gewaltigen Tiere auf Weltenei nur vom Sehen. Sie hatte nichts über sie gelesen und wusste nicht, wie ein kleiner Drachen aussehen würde, aber dieser Kleine hier wirkte ziemlich eingefallen und nicht sonderlich gesund.
Der kleine Drache hob seinen Kopf und sah Teese aus großen Augen an, die tiefschwarz waren. Ein Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit schwappte über das Mädchen hinweg und ließ sie ganz traurig und ihr seltsam zu Mute werden. Sie erinnerte sich an eine kleine Insel aus Fels vor einer schroffen Küstenlinie, die von einer grauschwarzen See umtobt wurde. Sie erinnerte sich an massive graue Wolken und vereinzelte warme Sonnenstrahlen. Ein Gefühl der Sehnsucht übermannte sie und ließ sie leicht schwanken.
Teese spürte es erst, als sie mit der Schulter gegen Marisan stieß und sich kurz an ihr abstützen musste, um nicht in sich zusammen zu sacken. Im nächsten Augenblick war die Insel im Meer verblasst und das Gefühl der Einsamkeit vergangen. Aber beides war noch da, wie eine Erinnerung, eine eigene Erinnerung. Doch Teese war sich sicher, dass es nicht ihre Erinnerung war, sondern die eines anderen, die Erinnerung eines Drachen.

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Unerwartete Begegnungen (12/18)

Dezember 7, 2009

„Dann hinein“, sagte Nysrael, als sie das Kuriositäten-Kabinett erreichten.
Die hölzerne Bude erinnerte Teese an ein Lagerhaus und hatte wenig mit den einfachen Ständen des restlichen Marktes gemeinsam. Hinter der bunt bemalten Tür mit dem riesigen Kopf in einem Glas und dem lustigen Zwerg mit seinem Schellenkranz empfing sie schummriges Dämmerlicht.
Auf einem Tisch zu ihrer Linken standen mehrere Kerzen als einzige Lichtquelle. Eine junge Frau in einem einfachen hellbraunen Gewand begrüßte die drei Kinder. Marisan bezahlte für sie alle einen Goldflorin und schnitt Nysraels Einwand erstaunlich energisch ab. „Hast Du denn Geld dabei?“
„Nein“, gestand er verlegen.
Teese unterdrückte ein Kichern. Die Frau in dem hellbraunen Gewand schmunzelte. „Es geht hier links entlang“, sagte sie. „Bleibt nicht zu lange vor den einzelnen Bereichen stehen. Es ist nicht erlaubt, mit den wundersamen Kreaturen zu sprechen, zu versuchen sie zu füttern oder etwas nach ihnen zu werfen.“ Sie musterte die drei Kinder und fügte dann lapidar hinzu. „Der Ausgang ist am Ende bei dem Drachen.“
„Danke“, sagte Nysrael höflich und wandte sich zu den Mädchen. „Also hier entlang, bitte.“
Teese folgte im Dämmerlicht den beiden älteren Kindern nach links. Das Kuriositäten-Kabinett bestand aus einzelnen Gängen mit Wänden aus Brettern, die in absoluter Dunkelheit lagen.
In Abständen gab es kleinere Räume von welchen ein Teil beleuchtet war wie eine Bühne, während die Betrachter im Dunkeln standen. Eine Reihe von gespannten Tauen grenzte die beleuchtete Bühne vom Dunkel des Zuschauerbereichs ab.
Während sie den ersten Raum betraten, wurde Teese klar, dass die lebenden Kuriositäten auf diese Weise die Zuschauer nicht wirklich sehen konnten, während die Zuschauer die Wesen auf den beleuchteten Bühnen genau und ungeniert studieren konnten.
Das erste war allerding keine lebende Kuriosität, sondern das Glas, das auch auf die Bretterwand des Eingangs gemalt worden war und das auf einem Tisch stand. Es war übergroß und in ihm steckte der riesige Kopf eines Mannes mit geschlossenen Augen. Das Gesicht war merkwürdig aufgedunsen und die Haut hatte eine fahle Farbe. Ein paar lose Haarsträhnen standen ab als würde sich Wasser in dem Glas befinden.
Marisan beugte sich zu Teese vor. „Das ist der Kopf des letzten Riesen von Awrosch“, flüsterte sie.
Nysrael sah ein wenig stolz zu den beiden Mädchen. „Angeblich hat mein Urgroßvater ihm den Kopf eigenhändig abgeschlagen.“
Teese schauderte. „Aber warum?“
Nysrael lachte verhalten. „Hast Du noch nie etwas von den Kämpfen gegen die Riesen und die Fomori gehört?“, wollte er wohl eher rhetorisch wissen.
Teese entschied, dass es besser wäre, auf diese Frage nicht zu antworten. Den Kopf eines Toten auszustellen, fand sie abstoßend und der Kopf wirkte überaus gruselig auf der ausgeleuchteten Bühne. Dabei war er so groß, dass er Teese wohl bis zur Hüfte reichte. Sie schauderte. „Gehen wir weiter“, meinte sie und verließ den Bereich durch einen weiteren Gang und in die Dunkelheit des Kuriositäten-Kabinetts.
Im nächsten Raum gab es drei menschliche Zwerge zu sehen, welche akrobatische Kunststücke auf der Bühne zeigten. Wie auf dem Eingang des Kuriositäten-Kabinetts gemalt, trugen sie Narrenkleidung und waren nicht einmal halb so groß wie Teese. Ihre Bewegungen wirkten reichlich seltsam und der wackelnde Gang ein wenig komisch.
„Putzig“, meinte Marisan.
Teese war nicht sicher, ob dies auch ihr eigenes Empfinden beim Betrachten der drei Kleinwüchsigen umschrieb. Allerdings war ihr diese Vorführung noch lieber als die zwei Nixen auf der nächsten Bühne, welche in einem großen Holzbottich schwammen und nicht allzu glücklich aussahen.
Teese fragte sich, woher das Kabinett seine Kuriositäten wohl hatte. Bekamen sie Geld dafür oder waren sie gefangen worden und gehörten dem Besitzer der Schaubude?
„Da sind die Formori“, entfuhr es Nysrael gepresst, als sie die Nixen hinter sich ließen und den nächsten Schaubereich betraten.

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Unerwartete Begegnungen (11/18)

Dezember 4, 2009

Marisan zögerte. „Ich könnte Dir eines leihen“, sagte sie dann, „und ein Band für die Haare. Aber ich will beides wieder zurückhaben.“ Sie öffnete ihre Umhängetasche und holte ein dunkelbraunes, schlichtes Hemd mit hohem Kragen heraus. „Ich hoffe, es ist nicht zu klein.“ Sie sah zu Teese. „Ich hatte zwei eingepackt, weil ich nicht genau wusste, welche Größe Du benötigst.“
Nysrael nahm das Hemd entgegen und streifte es eilig über den Kopf. Es war ein wenig zu kurz, aber nicht zu eng. Das dunkle Braun verschluckte das leuchtende Blau mit den kunstvollen Stickereien am Ärmel und den silbern glänzenden Knöpfen auf der Brust. Teese musste erstaunt gestehen, dass er durch diese einfache Veränderung wirklich schon viel mehr aussah wie die Menschen um sie herum.
„Und das hier kannst Du als Haarband nehmen“, sagte Marisan und reichte dem Jungen ein schmales Stück Stoff in einem sanften cremefarbenen Ton.
Nysrael nahm das Band etwas unschlüssig. „Und wie mache ich das?“, wollte er wissen.
Marisan lachte. „Hast Du noch nie…“, begann sie und schüttelte den Kopf. „Dreh Dich um“, befahl sie dann. „Ich mache das für Dich.“
Gehorsam drehte sich Nysrael um und Marisan band ihm die langen, schwarzen Haare zusammen. Sie wellten sich leicht am Ende, was Teese sehr hübsch fand. Ihr Blick glitt von seinen Haaren zu Marisans geschickten Händen und weiter zu dem älteren Mädchen.
Überrascht stellte sie fest, dass Marisan rote Wangen hatte und als sie zu Nysrael sah, bemerkte sie, dass sich seine bronzefarbene Haut ebenfalls leicht gerötet hatte. Anscheinend war den beiden das Haarezusammenbinden peinlich, auch wenn Teese daran wirklich nichts finden konnte.
„Aber ich will das Hemd und das Band zurück haben, wenn Du es nicht mehr brauchst“, wiederholte Marisan, als Nysrael sich umdrehte und prüfend seinen Zopf betastete.
„Natürlich“, beeilte er sich zu sagen und hielt dann inne. „Dann wäre es wohl am besten, ich bleibe in Eurer Nähe, oder?“
„Ehm“, brachte Marisan hervor. „Vermutlich…wohl.“
„Also ich will mich natürlich nicht aufdrängen“, brachte der Junge sichtlich verlegen hervor.
„Nein, nein, das ist schon…“ Marisan sah zu Teese. „Ist es doch?“
„Klar“, sagte Teese. Die beiden verhielten sich wirklich komisch. „So ist er doch noch unauffälliger. Niemand erwartet, dass sich ein Fürst mit zwei ganz normalen Mädchen herumtreibt.“ Sie kicherte. Vermutlich galten weder sie noch Marisan für die Bewohner als Thorhafen als ‚normale Mädchen‘.
„Das ist ein guter Punkt“, warf Nysrael ein und „Danke“, setzte er dann hinzu. Er zog sich auf die Kiste zu den Mädchen hinauf. „Was genau macht Ihr eigentlich hier?“
„Wir sehen uns den Jahrmarkt an“, sagte Marisan.
„Wir wollten zum Kuriositäten-Kabinett“, setzte Teese hinzu.
„Ausgezeichnete Idee.“ Nysrael klang begeistert. „Sie haben zahme Formori, habe ich gehört.“
„Sie haben einen echten Drachen“, grinste Teese.
„Dann hoffe ich, dass sie ihn gut gefüttert haben“, grinste Nysrael zurück. „Ich möchte nicht als Drachenfutter enden. Es genügt mir schon, dass mich unsere Chimäre letzten Monat fast zu einem Häufchen Asche verbrannt hat. Irgendwie hatte sie die Sache nicht mehr wirklich unter Kontrolle. Wir mussten sie zu den Magiern bringen lassen.“ Er machte eine angedeutete Handbewegung in Richtung Meer und Weltenei, das sich vor der Küste aus dem Wasser erhob.
„Oh“, entfuhr es Teese. „Ich glaube…“ Sie verstummte. Um ein Haar hätte sie gesagt, dass sie glaubte, dass sie diese Chimäre kennen würde. Natürlich musste es das Tier aus dem Stall hinter ihrem Haus sein.
„Du glaubst?“, wollte Nysrael wissen.
„Ich“, setzte Teese erneut an, „glaube…das hätte ich in diesem Fall auch gemacht.“
Sie rutschte von der Kiste und Marisan und Nysrael folgten ihr. Die drei Kinder überquerten den Platz mit dem Karussell und einer Reihe akrobatischer Gaukler, ohne dass ihnen irgendjemand größere Aufmerksamkeit schenkte.
„Wie heißt Ihr eigentlich?“, wollte Nysrael wissen, während sie auf das Kuriositäten-Kabinett zuliefen.
„Ich bin Marisan.“
„Teesemi.“
Nysrael nickte und Teese glaubte, in der Geste eine leichte Verbeugung zu erkennen. Vermutlich war es die höfliche Art und Weise, in welcher man auf eine Vorstellung zu reagieren hatte. Teese kam in den Sinn, dass Nysrael vollkommen anders leben musste als Marisan und sie. Ein Fürst, der Sohn eines Grafen, lebte sicherlich in einem Schloss mit vielen Dienern und bekam Privatunterricht.
Das Mädchen fragte sich, wie wichtig ein Graf eigentlich war. Sie hatte keine Ahnung, wie das Land außerhalb von Weltenei regiert wurde. War ein Graf mächtiger als ein Dekan? Gab es einen König oder einen Kaiser? Dienten ihm auch die Magier oder musste ein König sich vor einem Magier verbeugen? Seltsam, dass sie sich auch daran nicht erinnern konnte, oder?

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Unerwartete Begegnungen (10/18)

November 30, 2009

Die beiden Mädchen wollten gerade aufbrechen, als auf dem Platz vor ihnen ein Tumult ausbrach. Teese stand auf der Kiste auf, um die Menge vor ihr besser überblicken zu können. Mehrere Männer in roter Kleidung bahnten sich einen Weg durch die Menschen.
„Mein Fürst, so bleibt doch stehen“, schallte es über das Gedränge auf dem Jahrmarkt. „Nysrael, seid doch vernünftig.“
Ein Stück vor Teese und Marisan wich die Menge auseinander und ein Junge stürzte hervor. Er trug ein leuchtend blaues Gewand. Lange schwarze Haare fielen ihm ins Gesicht, als er sich hektisch umsah. Sein Blick blieb an Marisan und Teese hängen.
„He, Ihr zwei“, brachte er keuchend hervor. „Ich brauche ein Versteck. Schnell.“
Marisan öffnete den Mund, schloss ihn wieder und öffnete ihn erneut, als wäre sie ein Fisch. Ihr fehlten die Worte. Teese hingegen sah sich eilig um.
„Hier, hinter den Kisten“, wies sie den Jungen dann an. Er war deutlich älter als sie, vielleicht sogar älter als Marisan, hochgewachsen aber von schlanker Statur. Er schwang sich auf die Kiste, auf welcher Teese stand und glitt dahinter auf den Boden hinab.
„Fürst Nysrael. Haltet ein.“
Zwei der rotgekleideten Männer stürmten vor Teese und Marisan aus der Menge und sahen sich suchend um.
„Ihr, da. Ihr Mädchen“, rief der eine zu ihnen herüber. „Ein Junge in einer blauen Robe. Habt Ihr den gesehen?“
Marisan starrte die Männer mit offenem Mund an, so dass man sie für leicht schwachsinnig halten musste. Teese schaffte es, mit dem Kopf zu schütteln. Eigentlich wollte sie die Männer nicht anlügen. Aber sie hatte den Jungen nun versteckt und was für einen Sinn würde es dann machen, ihn im nächsten Atemzug zu verraten?
„Er kann nicht weit sein, Meleran“, entschied der Begleiter des Fragenden.
Der andere nickte langsam. „Du nach hier und ich nach da.“
Sie teilten sich auf und verschwanden in der Menge der Besucher des Jahrmarktes. Marisan klappte ihren Mund zu und rutschte auf der Kiste nach hinten, um zu dem Jungen zu sehen. „Fürst Nysrael?“ Sie maß ihn ein wenig ungläubig. „Du bist Graf Darions Sohn?“
Der Junge wischte seine losen schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht und hinter die Ohren. Sein Gesicht hatte einen bronzefarbenen Schimmer und seine braunen Augen unterstrichen das Grinsen auf seinem Gesicht mit einem belustigten Glänzen.
„Ich kann das schlecht leugnen, was?“, sagte er dann und sah zu den Mädchen auf den Kisten auf. „Meleran hat meinen Namen über den ganzen Markt geschrien. Soviel zu meinem spontanen Ausflug inkognito.“
„Du… Du bist“ – Marisan zögerte – „abgehauen?“
Der Junge richtete sich fast ein wenig stolz auf. „Stimmt. Und das ist gar nicht so einfach, wenn man ständig irgendwelche Wachen um sich herum hat und einen Vater, der einen praktisch an der Leine neben sich herführt.“
„Aber…wieso?“ Marisans Gesicht bildete ein mimisches Fragezeichen.
„Gerichtstage sind furchtbar langweilig“, sagte Nysrael. „Alle anderen dürfen sich währenddessen auf dem Jahrmarkt amüsieren, aber ich muss neben meinem Vater stehen, während sie Gericht halten. Kannst Du Dir vorstellen, wie langweilig das ist?“ Er holte weit mit den Armen aus. „Und wie ungerecht. Warum soll ich nicht auch einmal ein wenig Spaß haben? Allerdings kann ich das wohl jetzt vergessen.“
Marisan musterte den Jungen kritisch. „Nun, so wie Du jetzt bist, fällst Du auf alle Fälle zu sehr auf.“
„Ach?“ Nysrael legte die Stirn in Falten. „Warum?“
„Also als erstes einmal sind da Deine Haare“, erklärte Marisan mit etwas mehr Selbstvertrauen in der Stimme. „Du trägst sie offen wie jemand von Adel oder ein Magier. So etwas macht nur jemand, der nicht körperlich arbeiten muss. Jeder normale Mann hat entweder einen Zopf oder kurze Haare.“
Nysrael griff sich nachdenklich gegen die Haare. „Gut, das stimmt wohl. Dann sollte ich sie zusammenbinden. Und sonst?“
„Deine Kleidung“, fuhr Marisan bestimmt fort. „Blau ist schon teuer genug, aber der Stoff ist zudem bestickt. Du müsstest wenigstens ein Hemd darüber ziehen, damit es nicht gleich auffällt. Der Gewandsaum ist immerhin schon etwas dreckig und hat einen Riss. Das könnte man vielleicht als geschenktes, gebrauchtes Untergewand eines Adligen an seinen Diener durchgehen lassen.“
„Oh weia.“ Nysrael blickte an sich herunter und sah zerknirscht aus. „Meine Mutter wird mich steinigen.“ Er seufzte. „Und woher bekomme ich auf die Schnelle ein Hemd?“

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Unerwartete Begegnungen (9/18)

November 27, 2009

Teeses Lachen verblasste. „Und was ist der Unterschied zwischen diesem echten Drachen und den Drachen auf Weltenei?“ Sie musste unvermittelt an etwas denken, das Seth vor einiger Zeit ihr gegenüber bemerkt hatte. Er konnte alle Tiere fühlen und im Geist mit ihnen in Verbindung treten. Aber einige Tiere auf dem Inselberg waren für ihn nicht spürbar und dazu gehörten die Drachen.
Marisan biss in ihren Krapfen und schien sich Zeit zu lassen bei ihrer Antwort. „Unsere Drachen gehören jeweils einem Magier“, sagte sie dann.
„Und deswegen sind es keine echten Drachen?“, hakte Teese nach.
Marisan hatte die Stirn in Falten gelegt und schien angestrengt nachzudenken. „In gewisser Weise“, sagte sie dann und zuckte hilflos mit den Schultern.
Teese verzog ihren Mund zu einem unwilligen Strich und blickte auf den angebissenen Krapfen in ihrer Hand. „Ist das eines der Dinge, über welche man mit Kandidaten nicht sprechen darf?“, wollte sie dann wissen. „So wie unsere Familien oder warum mich alle immer so merkwürdig ansehen?“
Marisan holte hörbar Luft und sah Teese dann besorgt von der Seite an. „Manchmal ist es besser, wenn man bestimmte Dinge erst später erfährt“, sagte sie dann. „Es ist wirklich nur zu Eurem Besten.“
Teese brach ein Stück von ihrem Krapfen ab und stopfte es in den Mund. Sie kannte diese Formulierung und hasste sie. Sie mochte das Gefühl nicht, klein und unwissend zu sein, während alle anderen Bescheid wussten. Es war ein wenig wie die Sache mit dem Weihnachtsmann oder dem Osterhasen.
Alle Erwachsenen fanden es richtig, Kinder in dem Glauben daran zu lassen und erst wenn man älter wurde, erkannte man die Wahrheit. Alle älteren Kinder amüsierten sich über die jüngeren, die noch nicht Bescheid wussten. Teese mochte das Gefühl nicht, dass sich die anderen über sie lustig machten, weil sie mehr wussten.
Teese entschied, dass sie dieses Mal herausfinden würde, was die Wahrheit war, bevor man sie für alt genug ansah, um es ihr zu sagen. Was an der ganzen Geheimniskrämerei zu ‚ihrem Besten‘ sein sollte, war ihr schleierhaft. Wieso sollte es besser sein, etwas nicht zu wissen? Und später sollte es in Ordnung sein, genau das zu wissen?
„Ich mache das nicht, um Dich zu ärgern, Teese“, sagte Marisan und Bedauern zeigte sich auf ihrem Gesicht. „Wirklich. Ich finde Dich sehr nett, egal was Timarel sagt. Ich weiß nicht, was er gegen Dich hat und es tut mir leid, dass ich ihm am Anfang alles geglaubt habe, was er über Dich erzählt hat.“
Teese vertilgte die Reste ihres Krapfens und rutschte auf der Kiste ein Stück nach hinten, um die Beine im Schneidersitz ineinander zu schlagen. „Was hat Timarel denn über mich erzählt?“ Wollte sie es wirklich wissen?
Marisan ließ die Schultern hängen. „Er hat gesagt, dass er Dinge gesehen und gehört hat und er war so…bestimmt.“ Sie seufzte. „Aber mein Vater wollte davon nichts wissen und hat gesagt, dass er nicht möchte, dass wir Dich irgendwie anders behandeln, nur wegen etwas, das die Quelle uns offenbart hat und Dingen die Timarel nicht versteht.“
Marisan sah Teese von der Seite zaghaft an als fürchte sie das Mädchen verärgert zu haben. „Es tut mir leid, dass ich mich von ihm habe beeinflussen lassen. Ich fand Dich von Anfang an nett. Ich hatte nie eine Freundin auf Weltenei und ich würde gerne…Ich würde gerne Deine Freundin sein, wenn ich darf. Aber trotzdem kann ich nicht… Dir bestimmte Dinge sagen.“ Sie holte Luft und fügte eilig hinzu. „Noch nicht.“
Teese ließ sich die Dinge kurz durch den Kopf gehen lassen und entschied dann, dass es nicht gerecht war, Marisan böse zu sein. Ihr war verboten worden, über bestimmte Dinge zu reden und sie hielt sich daran. Teese musste sich eingestehen, dass sie das ältere Mädchen eigentlich auch mochte und ihren gemeinsamen Ausflug bis jetzt eigentlich genossen hatte.
„Ich finde Dich auch nett“, sagte sie schließlich. „Und ich glaube, Du bist schon meine Freundin.“ Teese kicherte. Das klang seltsam förmlich. Sie konnte sich nicht erinnern vorher schon einmal mit einer Freundin geklärt zu haben, dass sie befreundet waren. Freundinnen war man einfach. „Schauen wir uns jetzt das Kuriositäten-Kabinett an?“, wollte sie wissen.
Ein Strahlen breitete sich über Marisans Gesicht, das ihre Erleichterung über Teeses Worte offen zur Schau trug. „Ja, sehr gerne.“ Sie aß den Rest ihres Krapfens und packte die Honigkringel in ihre Umhängetasche.

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Unerwartete Begegnungen (8/18)

November 23, 2009

„Ich finde ihn irgendwie unheimlich“, sagte Marisan schließlich. Das ältere Mädchen entspannte sich sichtlich, als der Mann aus ihrem Blickfeld verschwunden war. „Er ist immer noch Kandidat“, fuhr sie auf Teeses fragenden Blick hinzu. „Dabei lebt er schon sehr lange auf Weltenei. Er war schon lange hier als ich ihn das erste Mal zu meinem Vater habe kommen sehen. Da war ich kaum älter als zwei oder drei Jahre und fand ihn da schon unheimlich.“
Die Mädchen passierten einen Stand mit einer Auswahl an bunten Stoffen, die in Bahnen auf einem Verkaufstisch ausgelegt waren. Marisan seufzte.
„Ich weiß, ich sollte nicht solche Dinge über ihn sagen und ihm dankbar sein“, erklärte sie schließlich. „Immerhin wäre Timarel ohne ihn heute nicht mehr am Leben.“
„Wie das?“ Teese fand Ro nicht wirklich unheimlich, entschied aber, dass irgendetwas mit diesem Mann nicht stimmte, genauso wie etwas mit Weltenei nicht stimmte. Sie sah Marisan neugierig von der Seite an.
„Vor zwei Jahren war Timarel sehr krank“, tat Marisan ihr den Gefallen weiter zu erzählen. „Er hatte die Frühjahrsgrippe. Magister Mintal hat alles versucht, was normaler Weise gegen die Grippe hilft, aber Timarel ging es jeden Tag schlechter. Dann kam Ro von seiner Reise zurück und hat Timarel geheilt. Nach wenigen Stunden schon war er wieder vollkommen gesund.“ Sie ließ ihren Blick ohne wirkliches Interesse über die Stände zu ihrer Linken gleiten.
„Was für eine Reise?“, hakte Teese nach.
„Oh, Ro verlässt jedes Frühjahr Weltenei für ein paar Wochen und reist durch das Land, um den einfachen Leuten als Arzt zu helfen.“ Marisan richtete mechanisch den Riemen ihrer Umhängetasche. „Die Frühjahrsgrippe wütet bei uns immer sehr schlimm, auch wenn wir auf Weltenei davon in der Regel verschont werden.“
„Er ist ein Arzt?“, entfuhr es Teese überrascht. Das hatte sie nicht erwartet.
„Ich“, Marisan zögerte, „weiß nicht. Nein, ich glaube eigentlich nicht. Er ist nur ein Kandidat und auch nie im Hospital bei Magister Mintal. Er hat nicht einmal einen Tutor, soviel ich weiß. Eigentlich dürfte er Weltenei ohne die Erlaubnis meines Vaters nicht einmal verlassen.“ Sie legte die Stirn in Falten. „Er ist wirklich recht seltsam.“
Marisan wandte den Blick zu Teese, die aufmerksam ihren Worten gelauscht hatte. „Lass uns auf die andere Seite gehen“, sagte sie dann. „Dort gibt es Stände mit Essen und ich wollte Timarel ein paar Honigkringel kaufen.“
Teese nickte in Gedanken und kämpfte sich mit Marisan auf die gegenüberliegende Seite des Marktes. Hier kauften sie für Timar die Honigkringel und für sich selbst Krapfen. Außerdem kaufte Teese von ihren Münzen eine Tüte Pfefferbonbons für Liina, Fenn und Rinnir sowie eine Zuckerstange für Seth, die sie ihm bei ihrem nächsten Besuch im Hospital mitbringen würde.
Dann setzten sich die Mädchen etwas abseits des Trubels auf ein paar Kisten, welche zwischen einem Bretzelbäcker und dem Bereich, in welchem verschiedene Tiere verkauft wurden, standen. Teese biss in ihren ersten Krapfen und sah über den Jahrmarkt mit seinem bunten Treiben. In der Mitte des Platzes gab es Gaukler und einen Bärenbändiger, der einen Bären an einer Kette im Kreis führte. Außerdem stand dort ein kleines Karussell, das Teese irgendwie an das kleine Drehkarussell auf dem Pausenhof ihrer alten Schule erinnerte.
Dahinter war eine größere Bude aufgestellt, welche mit knallbunten Bildern bemalt worden war. Sie zeigten einen Mann mit vier Armen und einem Kuhkopf sowie ein Wesen, das Teese als Zentauren identifizieren konnte. Ein bedrohlich wirkender Kopf in einem Einmachglas war auf die Vorderseite der Bude gemalt und in derselben Größe ein Zwerg mit einem rot-schwarzen Kostüm, der einen Schellenkranz schwang.
„Das ist das Kuriositäten-Kabinett“, sagte Marisan, die Teeses Blick gefolgt war. „Sie zeigen wundersame Wesen und seltsame Dinge. Dieses Mal sollen sie einen echten Drachen dabei haben.“
Teese musste lachen. „Aber Drachen haben wir auf Weltenei doch mehr als genug“, entfuhr es ihr belustigt. „Du kannst Dir dort so viele ansehen, wie Du willst.“
„Aber sie haben einen echten Drachen“, sagte Marisan die letzten zwei Worte betonend.

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Unerwartete Begegnungen (7/18)

November 20, 2009

„Wenn Du das Hemd überziehst“, erklärte Marisan auf Teeses ratlosen Blick, „sieht man von der Magierrobe praktisch nur noch den unteren Teil und der könnte ein einfacher schwarzer Rock sein.“
Teese nahm das weiße Hemd, während ihr dämmerte, was Marisan bewirken wollte. „Ich soll mich verkleiden?“
„Ich mache das immer, wenn ich alleine aufs Festland komme.“ Marisan nahm ein weiteres Hemd, dieses Mal in einem unscheinbaren Grauton, aus ihrer Umhängetasche und streifte es sich über.
„Aber wieso?“, wollte Teese wissen und zog ihr Hemd über den Kopf. „Sind die Menschen hier“ – Sie suchte nach den passenden Worten. – „unhöflich gegenüber Magiern? Mögen sie uns nicht?“
Erschrocken wedelte Marisan mit den Armen. „Nein. Nein. Ganz im Gegenteil. Sie sind sehr zuvorkommend und behandeln selbst Nur-Verwandte von Magiern zum Teil besser als Fürsten.“
„Dann verstehe ich nicht…“ Teese richtete den Kragen ihres weißen Hemdes. Durch die zwei Lagen Stoff würde ihr vermutlich schnell recht heiß werden an einem Sommertag wie diesem.
„Es ist so furchtbar anstrengend“, versuchte Marisan zu erklären. „Um einen herum weichen einem alle Leute aus, jeder grüßt und selbst die kleinen Kinder starren Dir nach.“
Teese begann zu verstehen. Sie hatte in den ersten Tagen auf Weltenei erlebt, wie es war, wenn jeder einen neugierig ansah als hätte man vier Arme oder eine Möwe auf dem Kopf.
„Wir werden mehr Spaß haben, wenn wir normale Menschen sind, Teese“, fügte Marisan ihren Worten hinzu.
Ein Grinsen stahl sich über Teeses Gesicht. „Teese?“, wollte sie dann wissen.
Marisan lachte erleichtert, dass das andere Mädchen ihren Punkt anscheinend verstand. „Vielleicht ist es tatsächlich besser, wenn ich Dich dann nicht bei einem Magiernamen nenne“, gab sie zu.
„Wie wäre es mit Teesemi oder Teeseba“, schlug Teese vor.
„Teesemi klingt nett“, kicherte Marisan.
Die beiden Mädchen traten aus dem Schatten der Holzkisten hervor und machten sich auf den Weg die Straße entlang, die von der Anlegestelle zum Marktplatz führte. Über eine Treppe ließen sie das Ufer hinter sich und fanden sich im Gedränge des Jahrmarktes wieder.
Weltenei war bereits kein allzu ruhiger und menschenleerer Ort, aber Thorhafen schien vor Menschen förmlich überzufließen. Alles drängte sich um die aufgebauten Stände auf dem Platz in Mitten der Häuser. Teese musste aufpassen, dass sie Marisan in der Menge nicht verlor, während sie staunend die Auslagen der Stände betrachtete.
Hier gab es jede Menge Dinge zu kaufen, vor allem Töpferwaren und Werkzeuge. Ein Stand verkaufte bunte Amulette aus Holz. Der Verkäufer pries lauthals die Wirkung seiner Schmuckstücke an. Es gab Amulette, die Glück brachten, einem Liebe bescheren konnten oder für mehr Erfolg bei Geldgeschäften sorgten. Teese überlegte, ob diese Anhänger magisch waren oder ob es sich bei dem Verkäufer nicht vielleicht eher um einen Scharlatan handelte.
Die Gesichter der Menschen, die sich um den Stand scharrten, zeigten allerdings vor allem Interesse, vielleicht auch Hoffnung. Jedenfalls schien keiner von ihnen zu bezweifeln, dass diese Amulette wirklich die erwünschte Wirkung haben würden – keiner, außer einem.
Teese schnappte überrascht nach Luft. Der Mann mit dem verächtlichen Gesichtsausdruck war ihr bekannt. Es war derselbe Magier, der gegen Magister Pim mit dem Schwert gekämpft hatte und dem Waffenlehrer so offensichtlich überlegen gewesen war, bis dieser Magie genutzt hatte. Ro, erinnerte sich Teese.
Er wäre dem Mädchen wohl kaum aufgefallen, hätte sie nicht genau nach den einzelnen Menschen am Stand gesehen. Ro war nicht besonders groß und er trug einfache braune Kleidung, eine dunkelbraune Hose und darüber ein fast knielanges hellbraunes Hemd, das um die Taille mit einem Gürtel zusammengehalten war.
„Marisan.“
Teese ergriff das ältere Mädchen am Arm und machte eine verstohlene Kopfbewegung in die Richtung des Mannes. Marisan sah einen Moment verständnislos auf den Mann in seiner braunen Kleidung. Dann blickte sie in sein Gesicht. Ro hatte streng wirkende Gesichtszüge und graue Augen, die missbilligend auf die Amulette des Standes sahen. Seine dunklen Haare waren zu einem einfachen, dünnen Zopf zurückgebunden.
„Das ist Ro“, stellte Marisan dann fest. „Was macht er denn hier? Und warum trägt er…“ Sie beendete den Satz nicht und wurde ein wenig rot.
„Meinst Du, er hat auch mehr Spaß auf dem Jahrmarkt, wenn er keine von unseren Roben trägt?“, wollte Teese wissen.
Marisan kniff ihre Lippen aufeinander, als wolle sie verhindern, dass sie gleich etwas falsches sagte. Ro rümpfte die Nase, als der Verkäufer hinter dem Stand ihm eines der Amulette entgegen hielt und seine Wirkung anpries. Er wandte sich ab und verschwand in der Menge, ohne Marisan und Teese gesehen zu haben.

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Unerwartete Begegnungen (6/18)

November 16, 2009

Teese steckte die Münzen in die Tasche ihrer schwarzen Robe und verließ das Büro des Dekans. Im Vorraum mit dem Wasserbecken saß Marisan auf einer der Bänke, welche an den Wänden standen. Sie hatte ihre braunen Haare zu einem einfachen Zopf zusammengebunden und eine Tasche aus hellbraunem Leder quer über den Körper gehängt.
Der Riemen, welcher von Marisans rechter Schulter zur linken Hüfte über den Oberkörper verlief, erinnerte Teese an eine der Schärpen, welche die Magier auf Weltenei trugen und die Marisan nicht besaß, da sie über kein magisches Talent verfügte.
Der Blick des älteren Mädchens blieb an den beiden Papieren hängen, die Teese im Dekanat bekommen hatte. Als sie den Pass entdeckte leuchtete ihr Gesicht freudig auf. „Wie schön. Dann gehen wir zusammen zum Markt.“
Teese nickte und kam zu ihr hinüber. „Ja, ich habe einen Passierschein und eine Beurlaubung. Gehen wir gleich los?“
„Ja, bevor es am Abend zu voll wird“, sagte Marisan. „Außerdem hat das Kuriositäten-Kabinett nur am Nachmittag geöffnet.“
„Das Kuriositäten-Kabinett“, wiederholte Teese. Sie wurde sich bewusst, dass sie nur eine vage Vorstellung davon hatte, was es auf einem Jahrmarkt zu sehen gab. Sie wusste nur, dass es Spaß machte, dort zu sein und dass es dort viele Leckereien gab. Wenn sie auf den Jahrmarkt gegangen war, hatte ihr Vater ihr immer cremiges Eis gekauft und Erdbeeren am Stiel mit Schokolade darüber.
Die Erinnerung daran war unvermittelt so lebendig, dass Teese den Lärm der Menschen um sie herum zu hören glaubte und sich an den Geruch von gebratener Wurst und Zuckerwatte erinnerte, der in der Luft hing.
Teese bemühte sich, den Gedanken dieses Mal nicht krampfhaft festhalten zu wollen, in der Hoffnung, dass er ihr vielleicht auf diese Weise nicht gleich wieder entgleiten würde. Aber als sie Marisan aus dem Haus und die Straße den Inselberg hinunter folgte, war die Erinnerung bereits verblasst.
Die beiden Mädchen verließen Weltenei durch das gemauerte Portal, hinter welchem sich nur noch das Haus des Pförtners befand. Der Weg führte noch ein Stück hinunter zum Ufer und teilte sich dort in einen Fußweg, welcher rechts um Weltenei herum führte und einen gepflasterten Weg, der links in einer breiten Kaimauer endete. Ein kleines Ruderboot schaukelte davor auf den Wellen und eine Frau in einer weißen Robe stand auf der Mauer mit verschränkten Armen.
„Mein Vater hat uns ein Boot kommen lassen“, sagte Marisan, während sie mit Teese die Mole entlang lief. „Ich fliege nicht gerne mit den Flügelpferden.“
Teese grinste verständnisvoll. „Ich auch nicht“, gab sie zu. Sie mochte die Pferde, die wunderschön aussahen mit ihren breiten Flügeln und ihren eleganten Körpern. Aber sie hatten nur zu oft ihren eigenen Kopf und wenn man mehrere Meter hoch in der Luft auf einem von ihnen flog, konnte man in einem solchen Fall nichts machen als sie gewähren lassen.
Teese kletterte hinter Marisan in das Boot. Die Frau, welche sie ans Festland rudern würde, löste die Vertäuung und legte sich in die Riemen. Teese schirmte mit den Händen die Sonne ab, während sie nach Weltenei zurück sah. Der Inselberg sah genauso faszinierend und wunderschön aus, wie bei ihrer ersten Überfahrt nach Weltenei.
Das goldene Dach des Magieturms mit dem Engel auf der Spitze glänzte im Sonnenschein. Ein paar Drachen drehten ihre Runde und eine Gruppe fliegender Pferde hielt auf die Plattform auf dem oberen Teil der Insel zu. Vermutlich war das einer der Kurse von Magister Tyra, schätzungsweise ‚Reiten II‘, den Liina und Rinnir besuchten.
Teese wandte den Blick und sah hinüber zum Festland. Das dunkle Grün der Bäume überzog die Hänge, welche zum Meer hin sanft ausliefen. Okergelber Sand bildete einen breiten Strand, der jetzt mit der Flut nur sehr schmal war, während er bei Ebbe weit auf Weltenei zureichte.
Ein Steg führte vom Land ins Wasser. Mehrere der kleinen Ruderboote waren dort festgemacht. Außerdem lagen ein paar Fischkutter und zwei größere Schiffe vertäut. Vermutlich hatten sie Waren in das kleine Dorf gebracht, dessen Häuser mit deutlichem Abstand zum Wasser gebaut waren und einen großen Platz in ihrer Mitte säumten.
Das Ruderboot legte an und Teese und Marisan mussten über ein paar Leiterstufen auf den Anleger hinauf klettern. Am Ende des Stegs, ergriff das ältere Mädchen Teese am Arm.
„Warte.“ Sie zog Teese mit sich hinter ein paar Holzkisten, welche aus einem der Schiffe ausgeladen worden sein mussten. „Ich möchte nicht… Also…“ Sie seufzte und öffnete die Umhängetasche. „Weißt Du, wenn man in Thorhafen ist, ist es netter, wenn nicht jeder gleich sieht, dass man aus Weltenei kommt.“
Teese runzelte verständnislos die Stirn, während Marisan ihr ein weißes Hemd entgegen hielt, das schlicht geschnitten war und lange Ärmel besaß, die mit roten Stickmustern verziert waren.

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Unerwartete Begegnungen (5/18)

November 13, 2009

„Wessen Du Timar beschuldigt hast, ist kein leichtes Vergehen“, sagte Dekan Ezzo schließlich, ohne sich vom Fenster abzuwenden. Von seinem Büro aus konnte man den halben Inselberg überblicken mit der Straße, welche an den Häusern vorbei hinunter zur Anlegestelle führte. Ein sonnengelber Drache mit langem Schwanz flog mit dem Schlag von vier Flügeln ähnlich einer riesigen Libelle vor dem Fenster vorbei.
„Wäre dies genauso geschehen, wie Du darlegst, handelt es sich um versuchten Mord und die Strafe dafür, einen anderen Magier zu töten oder das auch nur zu versuchen, ist grausam.“ Der Dekan wandte sich zu Teese um. Gegen das Licht des blauen Himmels hinter dem Fenster wirkte er auf Teese wie ein gewaltiges, steinernes Standbild. Dekan Ezzo war ein großer Mann, breitschultrig und muskulös. Er erweckte den Eindruck, ein guter Kämpfer zu sein und ein Mann, der mit allem fertig werden würde, der Drachen töten könnte oder sich ganzen Armeen in den Weg stellen.
Seine braunen Auge maßen das kleine Mädchen vor seinem Schreibtisch, ohne dass Teese in ihnen einen besonderen Ausdruck hätte erkennen können. Das kantige Gesicht des Dekans war in diesem Augenblick leer jeglicher Emotionen.
„Eine solche Anschuldigung wiegt daher schwer, zumal es im Grunde unmöglich ist, dass Timar der Verursacher dieser Wellen ist.“ Der Dekan schien Teese seine Worte mit Bedacht zu formulieren, als würde er versuchen, etwas zu umschreiben, was er nicht benennen durfte oder wollte. „Mein Sohn ist Seher. Die Prophetie ist sein Talent. Er kann Dinge vorhersehen, in die Zukunft sehen und bis zu einem gewissen Grad erkennen, was geschehen wird. Er kann nicht die Elemente befehligen mit seinem Talent. Und hätte er einen Elementzauber genutzt, hätte das an seiner magischen Kraft gezehrt und wäre uns nicht verborgen geblieben.“
Vermutlich sah man Teese an, dass sie den Worten des Dekans in diesem Augenblick nicht wirklich folgen konnte, denn Ezzo seufzte und entschied weiter auszuholen. „Die meisten Magier besitzen ein besonderes Talent, wie Du weißt“, erklärte er. „Was Du vermutlich noch nicht weißt, ist, dass dieses Talent bedeutet, dass ein Magier Magie dieser Art einsetzen kann ohne Anstrengung und ohne Grenzen. Wenn er hingegen eine andere Art von Magie wirkt, die nicht in den Bereich seines Talents fällt, dann kostet ihn das Kraft. Ein Becken mit Wasser über längere Zeit zu bewegen hätte Timar mehr Kraft gekostet, als er besitzt. Er ist noch ein Kind und seine Kräfte sind schnell erschöpft. Selbst mir hätte man die Erschöpfung angesehen, hätte ich etwas derartiges versucht. Es ist somit nicht möglich, dass er es gewesen ist.“
Teese schwieg betroffen. Das hatte sie nicht gewusst und es ließ alle ihre Anschuldigungen von einem Moment zum anderen in sich zusammen fallen. Sie schwieg und sah zu Ezzo, der ihr den Rücken zukehrte und hinaus über Weltenei sah.
„Allerdings“, setzte Dekan Ezzo schließlich hinzu, „glaube ich wie Du nicht, dass es Zufall war, dass Timar am Becken war und dass Kandidat Seth ihn gesehen hat. Ich kann ihn nicht davon freisprechen, dass er zugesehen hat – wer immer auch die Magie gewirkt hat.“
Ezzo drehte sich zu Teese um und das Mädchen erhaschte kurz einen leeren Blick aus graublauen Augen. „Ich weiß, dass Timar Probleme mit Dir und Deinen Freunden hat“, fuhr der Dekan fort und er verschränkte die Arme vor der Brust als wolle er einen Schutzwall vor sich errichten. „Und“ – Sein Blick wich Teeses aus und verharrte ein Stück über ihrem Kopf, als würde er die Wand hinter ihr betrachten. – „ich habe deshalb dafür Sorge getragen, dass er sich in Zukunft von Euch fernhalten wird.“ Teese musste an den Abdruck einer Hand auf Timars Wange denken.
„Dies ist alles, was ich in dieser Angelegenheit tun kann“, sagte der Dekan und schien seine Worte mit Bedacht zu wählen. „Dies und versuchen, herauszufinden, wer den Zauber gewirkt hat, der Seth beinahe sein junges Leben gekostet hat. Glaube mir, dass wir die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen. Uns allen liegt noch mehr vielleicht als Dir daran, den Schuldigen zu finden und ihn seiner verdienten Strafe zuzuführen. Wir werden nicht tolerieren, dass einer von uns einen von uns verletzt. Jeder, der nach seinem ersten Halbjahr hier nach Weltenei zurückgekehrt ist, hat geschworen, sich nicht gegen einen anderen Magier zu erheben. Zu stark sind unsere Kräfte, als dass wir so etwas zulassen könnten.“
Teese wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte das Gefühl gar nichts mehr zu wissen. Sie war sich so sicher gewesen.
Ezzo betrachtete ihr Schweigen jedoch anscheinend als Zustimmung und Verständnis, denn er wechselte nach einem Moment der beidseitigen Stille abrupt das Thema.
„Hat Marisan schon mit Dir über den Jahrmarkt gesprochen?“, wollte er wissen.
Teese begriff, dass das Thema ‚Timar‘ damit beendet war, ob es ihr gefiel oder nicht. „Ja, sie hat mich gefragt, ob ich mit ihr dorthin gehen möchte.“ Der Wechsel von etwas so ernstem wie einem versuchten Mord zu einem Ausflug zum Jahrmarkt kam ihr seltsam irreal vor.
„Und? Möchtest Du?“
Teese verlagerte unschlüssig ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Im Augenblick war sie verwirrt über das, was der Dekan ihr offenbart hatte, unzufrieden, dass sie nichts hatte erreichen können und besorgt darüber, dass niemand wusste, wer für den Angriff auf Seth wirklich verantwortlich gewesen war.
Allerdings wäre es nicht gerecht, deswegen nicht mit Marisan zum Jahrmarkt zu gehen. Es würde an der Sache nichts ändern ob sie mitging oder ablehnte. Und wenn sie darüber nachdachte, war sie neugierig aufs Festland zu fahren und diesen Jahrmarkt zu sehen.
„Ja, ich würde gerne hingehen“, antwortete sie schließlich. „Aber ich habe Waffenführung.“
„Vor Dir auf dem Tisch liegt eine schriftliche Beurlaubung“, sagte Dekan Ezzo und machte eine vage Handbewegung zu dem Tisch. „Gib sie in der nächsten Stunde Magister Pim. Außerdem brauchst Du einen Passierschein, um die Insel während des Schuljahrs verlassen zu dürfen. Er liegt darunter.“
Teese trat an den Tisch und zog ein gefaltetes Papier und einen länglichen Streifen mit zwei Stempeln darauf vom Tisch. Der Passierschein zeigte neben den zwei gestempelten Wappen nur ein mit Tinte geschriebenes Datum und die Unterschrift des Dekans. Unter den beiden Blättern lagen auf dem Tisch drei Münzen.
„Normaler Weise bekommen neue Kandidaten ihr Taschengeld erst im zweiten Halbjahr ausgehändigt“, sagte Dekan Ezzo, der Teeses Blick zu den Münzen auf dem Tisch bemerkt hatte. „Aber normaler Weise hat auch keiner der Kandidaten im ersten Halbjahr eine Gelegenheit, Geld auszugeben. Drei Goldflorin sollten genügen, damit Du etwas zu essen und vielleicht eine Kleinigkeit auf dem Markt kaufen kannst.“
Teese zögerte trotz der Worte einen Augenblick, bevor sie die Münzen, die wohl ihr gehörten, vom Tisch nahm. Die Münzen waren nicht allzu groß, aber sehr schwer. Sie waren aus Gold gefertigt und auf der oberen Seite war eine Blume abgebildet, mit drei Blütenblättern, die Teese an eine Tulpe erinnerte. Auf der rechten Hälfte der Münze konnte sie ‚Flor‘ entziffern, auf der linken ‚entia‘.
Teese hielt die Luft an, als sie die Münze umdrehte und einen Engel mit weit geöffneten Flügeln sah, der zwei Schwerter über dem Kopf gekreuzt hielt. Zu seiner Rechten stand ‚Sanctus‘ geschrieben, zu seiner Linken ‚Michael‘.
„Ich wünsche Euch viel Spaß in Thorhafen“, verabschiedete der Dekan Teese.

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