„Was ist passiert?“, flüsterte Rinnir Teese ins Ohr, nachdem er eines seiner Handtücher um Timars Beine gelegt hatte. Das andere behielt er abwartend in der Hand.
Teese zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung“, wisperte sie zurück.
Magister Mintal kam zu dem Dekan und Timar hinüber und Teese erhob sich eilig, um der Heilerin Platz zu machen. Faraas stand bereits wieder und hatte ein Handtuch um die Schultern gelegt. Als Teese ihn ansah, erwiderte er ihren Blick mit solcher Feindseligkeit, als wäre er am liebsten direkt auf sie losgegangen.
Das aufkeimende Mitgefühl, das Teese für ihn und Timar verspürt hatte, verlöschte unter diesem Blick wie eine Kerzenflamme, die man ausgeblasen hatte. Sie wollte wirklich wissen, was sie dem Jungen getan haben sollte, um mit solchem Hass versehen zu werden.
„Soll das Mädchen ins Hospital?“
Rehan war neben die Heilerin getreten und hatte ihr diese Frage gestellt. Aber bevor Magister Mintal antworten konnte, fügte er hinzu. „Dann komme ich nämlich mit nach oben.“
Teese fragte sich, wofür Rehan wohl im Hospital benötigt wurde. Als Seth dorthin gebracht worden war, war der Pförtner dort zwar auch gewesen, allerdings hatte er Teese vom Schwimmbecken hinauf getragen und sie hatte es eher als Zufall angesehen, dass er in diesem Fall dort gewesen war.
„Ja“, entschied Magister Mintal. „Das Mädchen nehmen wir mit nach oben. Faraas und Timar sollen sich hier unten ausruhen. Fenn soll nach ihnen sehen, bis Lavoc hier ist. Nabi, Du bleibst am besten auch bei ihnen. Ich nehme Deinen Schüler mit und wenn etwas sein sollte, sag ihm einfach Bescheid und ich komme noch einmal herunter.“
Teese versuchte, der Unterhaltung zu folgen. Anscheinend waren Timar und Faraas nicht besorgniserregend verletzt und Fenns Fähigkeiten reichten für sie erst einmal aus. Magister Nabi sollte bei ihnen bleiben, damit sie Seth kontaktieren konnte, wenn etwas sein würde. Deswegen würde Seth mit ins Hospital gehen. Jedenfalls ging Teese davon aus, dass die Heilerin mit ‚Deinen Schüler‘ Seth meinte.
„Alles klar.“ Rehan nahm seinen weißen Umhang vom Haken an der Wand der Schwitzhütte gegenüber. Er streifte sein Handtuch ab und zog die Robe über. Teese konnte kurz das Aufblitzen von etwas Silbernem sehen, als der Pförtner den Schwitzhausumhang schwungvoll überzog.
Das Silberne war ein Schlüsselbund, den er wohl an der Robe befestigt hatte und der sich durch die Bewegung gelöst hatte. Er fiel praktisch direkt vor Rinnirs Füße. Doch anstatt sich danach zu bücken, ließ Rinnir das verbleibende nasse Handtuch zu Boden fallen und verdeckte den Schlüsselbund.
Bevor Teese klar wurde, was er da überhaupt machte, bückte sich Rinnir und hob das Handtuch mitsamt dem darunter verborgenen Schlüsselbund auf. Rehan hatte es nicht einmal bemerkt. Der Pförtner verknotete den Umhang und schloss mit eiligen Schritten zu Magister Pim auf, welcher die kleine Yophus auf den Arm genommen hatte, vermutlich, um sie ins Hospital zu tragen.
Teese öffnete ihren Mund unschlüssig, was sie sagen sollte. Sie wollte Rinnir nicht ankreiden, aber er hatte eben die Schlüssel zum Pförtnerhaus gestohlen. Nun, nicht wirklich gestohlen, aber er hatte sie einfach genommen. Das war fast genauso schlimm.
Bevor sich Teese aber dazu durchringen konnte, etwas zu sagen, war Rinnir bereits gegangen. Wie konnte er so unbeteiligt tun, während er hinüber zum Haus ging? Teese stand wie versteinert da.
„Weißt Du inzwischen, was passiert ist?“
Liina kam zu Teese herüber. Die beiden Mädchen standen inzwischen ziemlich alleine an der Schwitzhütte. Die Erwachsenen waren dabei, die Worte von Magister Mintal in die Tat umzusetzen und die Gruppe der Schaulustigen begann sich aufzulösen.
„Nein, nicht wirklich, aber“ – Teese interessierten Timar, Faraas und Yophus im Augenblick nicht wirklich mehr – „Rinnir hat eben…Er hat den Schlüssel zum Pförtnerhaus gestohlen.“
„Was?“, entfuhr es Liina überlaut und sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Er hat was?“, wollte sie dann mit gesenkter Stimme wissen.
„Rehan hat ihn ausversehen fallen lassen und bevor er es gemerkt hat, hat Rinnir ihn genommen und ist…“ Teese beendete den Satz nicht, sondern machte eine vielsagende Richtung zum Haus, durch dessen Tür Rinnir gerade verschwand.
„Aber – wieso?“ Liina sah Teese ungläubig an.
„Sicher will er noch einmal in seine Truhe sehen“, sagte Teese. Es war das erste, was ihr in den Sinn kam.
Liina kniff die Augen zusammen. „Aber er hat doch seine Sachen bereits herausgenommen, außer…“ Sie schnappte nach Luft. „Du meinst doch nicht, dass er in den Teil mit den nicht zugelassenen Dingen sehen will?“
„Ich – weiß nicht“, sagte Teese zögernd. Rinnir hatte das bereits getan, wenn er auch wohl den Inhalt nicht in Ruhe hatte ansehen können. Wollte er das nachholen?
„Wir müssen ihn aufhalten“, entschied Liina. „Was, wenn er dabei erwischt wird?“
Teese nickte energisch. Egal ob Unterdrückungszauber oder nicht, egal ob hier irgendetwas ‚falsch‘ war. Was Rinnir tat war genauso wenig richtig und er würde gewaltig Ärger bekommen, wenn es herauskam. Die beiden Mädchen brauchten darüber nicht weiter zu diskutieren. Schnell folgten sie ihm über die Terrasse in das Gebäude.
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Verfasst von h3nri3tt4 



